Fußball : Das Ende der Blutgrätsche
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Der Fußball verliert seine Viefalt

Kürzlich hat ein Foul des ehemaligen Hamburgers Vincent Kompany in England zu einer Slide-Tackling-Debatte geführt. Der Verteidiger, mittlerweile in Diensten des Meisters Manchester City, flog mit beiden Beinen voraus in seinen Gegenspieler. Er spielte zwar den Ball, sah aber  Rot. Sein Verein legte Protest ein und bekam Recht. Einige Kommentatoren waren entsetzt über die nachträgliche Aufhebung der Sperre. Andere, vor allem ehemalige Spieler, erleichtert. Sie fürchten um die Grundmauern des Spiels: "Wir lechzen nach Messis Fähigkeit, wir beneiden van Persie für seine Art, den Ball zu treffen, aber die Bewunderung für ein Tackling stirbt", schreibt Joey Barton, der in seiner Karriere nicht nur einige Quadratmeter Rasen zerstörte, in seinem Blog. "Leider sind Spieler, die ihre Gegner einschüchtern, um sich einen Vorteil zu verschaffen, unmodern geworden. Ruhe in Frieden, Tackling."

Nun müssen strengere Regeln nicht schlecht für den Fußball sein. Nach einer Fifa-Untersuchung wird jede vierte Verletzung durch Grätschereien verursacht und man muss schon sehr fußballromantisch veranlagt sein, um mit Tränen der Rührung an die Metzger des Fußballs zu denken: An Roy Keane, Uli Borowka ("Die Axt") oder Andoni Goikoetxea, den Schlächter von Bilbao, der Maradona und Bernd Schuster kaputt trat.

Doch die Entwicklung verändert den Charakter des Spiels. Hält der Trend an, verliert der Fußball seine Vielfalt. Die Kunst des Verteidigens würde sich künftig fast ausschließlich aufs Kollektiv, aufs Taktische beschränken. Auf Verschieben, Anlaufen und Stellen. Gepfefferte Zweikämpfe würden weniger, der Underdog seiner Chancen beraubt, weil die Besten geschützt werden. Der Fußball könnte körperloser, könnte zum hakenschlagenden, passhagelnden Playstation-Spiel werden.

Christian Spiller

Christian Spiller ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Die Signalgrätsche wird überleben

Es ist damit zu rechnen, dass die Fifa die Regeln weiter verschärft. Sie schützt damit die Offensiven, die Künstler. Keinesfalls aber aus Gutmenschentum, sondern vor allem des schnöden Mammons wegen. Die Offensivspieler sind es, die für Tore und Schlagzeilen sorgen. Sie bringen dem Fußball die Milliarden. Ein grätschender Verteidiger lässt sich nicht gut verkaufen.

Einige Unterarten der Grätsche werden vielleicht überleben. Jene, die kompatibel mit dem modernen Spiel sind: Die Standgrätsche etwa, die vor allem der Dortmunder Sven Bender beherrscht. Bei dieser Art Abwehrspagat maximiert er seine Beinlänge und damit die Chance auf den Ball, bleibt aber gleichzeitig auf den Beinen, um notfalls schnell hinterher zu können. Ebenso die Signalgrätsche im Sturm, die das Aufbauspiel der gegnerischen Mannschaft stört, den Gegner zu einem Einwurf weit in der eigenen Hälfte zwingt und die als Zeichen an Mitspieler und Publikum verstanden werden kann. Nicht zu vergessen: die Torgrätsche, die auch die modernen Stürmer beherrschen.

Die Urgrätsche aber wird sich wahrscheinlich in die unteren Spielklassen zurückziehen. In der Kreisliga Leer (Ostfriesland) trabte unlängst der Libero des SV Ems Jemgum an den Spielfeldrand, um einen Anruf entgegenzunehmen. Sekunden später setzte er mit dem Handy in der Hand zu einer echt norddeutschen Grätsche an. Fast zwei Millionen Menschen haben sich das YouTube-Video angeschaut. Vielleicht die letzte Grätsche, die das Zeug zur Legende hat.


 

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