In der ersten Halbzeit will Ilkay Gündogan das Spiel nach links verlagern, doch sein Pass verirrt sich zum Gegner. Noch während der Ball unterwegs ist, beginnt er mit der Jagd. Er stürmt zum Gegenspieler, erobert den Ball zurück und leitet einen Konter ein.

An diesem Beispiel ist nur eines ungewöhnlich: Es ist ein Fehler Gündogans vorausgegangen. Sonst belegt es gleichermaßen die geistesgegenwärtige und vitale Spielart des deutschen Mittelfeldspielers. Gündogan nimmt fast immer am Geschehen teil. Am Ende zählen die Statistiker 111 Ballkontakte Gündogans, Höchstwert. Gündogan ist neben Mesut Özil der wichtigste Spieler beim 2:1-Sieg in Paris.

Von den Journalisten und vom Trainer erhält Gündogan nach dem Spiel viel Lob. Joachim Löw hebt dessen Ballsicherheit und seine "aggressive Präsenz" hervor. Er verteidige nach vorne, sagt Löw. Nicht zuletzt wird Löw dabei den Moment vor dem Ausgleich vor Augen haben: Gündogan läuft den Ball-führenden Étienne Capoue weit in der gegnerischen Hälfte so schnell an, dass der vom Windzug umzufallen scheint. Dann Pass Gündogan, Tor Müller, 1:1.

Nach den Enttäuschungen im Vorjahr tut der Nationalelf der Sieg gegen die wiedererstarkten Franzosen, den ersten seit 1987, gut. Im höhepunktarmen Jahr 2013 ist er eine der wenigen Gelegenheiten, Lust und Selbstgewissheit zurückzugewinnen. Die Freude an seinem Job war Löw in den vergangenen Monaten abhanden gekommen, nach dem Abpfiff ist sie ihm wieder anzumerken.

Doch dürfte dem konfliktscheuen Löw eine unangenehme Aufgabe, vielleicht gar eine mutige Entscheidung ins Haus stehen. Er hat ja den Konkurrenzkampf ausgerufen. Wenn nicht alles täuscht, hat er ihn nun an einer sensiblen Stelle, im zentralen Mittelfeld, auf der 6. Dabei richten sich derzeit viele Blicke auf eine von Löws Führungskräften, vor allem Bastian Schweinsteiger dürfte durch Gündogan starke Konkurrenz bekommen.

Seit der WM 2010, als er zu den besten Mittelfeldspielern des Turniers zählte, galt Schweinsteiger als der heimliche Kapitän. Doch der Schritt zur Weltklasse, zum deutschen Xavi, blieb bislang aus. Sicher auch wegen Verletzungen und Sinnkrisen ob der Titellosigkeit. Bei Duellen auf ganz hohem Niveau fiel Schweinsteiger jedenfalls zuletzt ab, zum Beispiel in den Spielen gegen Dortmund oder im EM-Halbfinale gegen Italien. Gegen Frankreich fehlte er wegen einer Sprunggelenksverletzung. Er hatte ein Testspiel zum wiederholten Mal abgesagt, vielleicht ja auch, weil es unwichtig schien.

Gündogan spielte immer zentral, Schweinsteiger nicht

Gündogan, 22, hat in der Nationalelf noch keine Spuren hinterlassen, während der EM saß er immer auf der Bank. Das Spiel in Frankreich ist erst sein fünftes, doch es ist so bemerkenswert, dass man sich bei den nächsten Aufgaben und auch im nächsten Jahr, wenn die WM in Brasilien stattfindet, daran erinnern dürfte.

Gündogan ist immer anspielbar. Erhält er den Ball, führt er ihn eng, mal ruhig, mal schnell, stets in aufrechter Schwerelosigkeit. In Bedrängnis begnügt er sich schon mal mit einem kurzen Rückpass. Oft findet Gündogan aber auch auf engem Raum die offensive Lösung, dann gelingt ihm Überraschendes – auch wenn nicht jeder Pass ankommt. In einer Szene in der ersten Halbzeit wird Gündogan an der Mittellinie angespielt, in seinem Rücken befindet sich das halbe französische Mittelfeld. Doch durch eine geschickte Täuschung und eine Drehung lässt er seine Häscher ins Leere laufen, die deutsche Elf kann in Überzahl kontern.

Starke Momente hat Gündogan auch beim Verteidigen. In Zweikämpfen geht Gündogan manchmal beiläufig wie ein Taschendieb vor, dem minimaler körperlicher Einsatz genügt. Der Gegner merkt oft erst einen Moment später, dass er bestohlen worden ist. Besonders auffällig ist, wie schnell er nach Ballverlusten seiner Mannschaft auf Defensive umschaltet und mit welchem Tempo er die Gegner anläuft. In der zweiten Halbzeit sprintet er einmal über zwanzig Meter nach vorne, um den Abwehrspieler unter Druck zu setzen.

Seine wichtigste Qualität dürfte aber eine taktische sein: Gündogan hält das Zentrum, dort wo der Verkehr am größten ist. Er spielt mit 360-Grad-Option, als hätte er ein Radar. Keine schlechte Einrichtung für einen 6er, denn in seinem Wirkungskreis kommen Gegner von allen Seiten, bieten sich Mitspieler in allen Richtungen an. Sein Konkurrent Schweinsteiger weicht manchmal, um angespielt zu werden, ins Niemandsland an der Seitenlinie aus. Von dort geht aber selten Gefahr aus. Dieser Nachteil könnte daraus resultieren, dass Schweinsteiger relativ spät in seiner Karriere ins Spielfeldzentrum wechselte. Gündogan spielte immer zentral, wenn auch früher auf einer offensiveren Position.

Es ist ja nur ein Testspiel, die Deutschen haben ohnehin ein bisschen glücklich gewonnen. Und aus dem Dauergrinsen Gündogans nach dem Spiel sollte man nichts herauslesen als Freude über eine gute Leistung. Eine Kampfansage ist nicht zu erwarten, dafür dürfte er zu höflich sein. Und wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Vielleicht kann es eine Lösung mit Schweinsteiger und Gündogan geben. So viel lässt sich jedenfalls sagen: Die Wahrscheinlichkeit, dass Bastian Schweinsteiger beim nächsten Testspiel dabei sein wird, ist nicht gesunken.