Gündogan, 22, hat in der Nationalelf noch keine Spuren hinterlassen, während der EM saß er immer auf der Bank. Das Spiel in Frankreich ist erst sein fünftes, doch es ist so bemerkenswert, dass man sich bei den nächsten Aufgaben und auch im nächsten Jahr, wenn die WM in Brasilien stattfindet, daran erinnern dürfte.

Gündogan ist immer anspielbar. Erhält er den Ball, führt er ihn eng, mal ruhig, mal schnell, stets in aufrechter Schwerelosigkeit. In Bedrängnis begnügt er sich schon mal mit einem kurzen Rückpass. Oft findet Gündogan aber auch auf engem Raum die offensive Lösung, dann gelingt ihm Überraschendes – auch wenn nicht jeder Pass ankommt. In einer Szene in der ersten Halbzeit wird Gündogan an der Mittellinie angespielt, in seinem Rücken befindet sich das halbe französische Mittelfeld. Doch durch eine geschickte Täuschung und eine Drehung lässt er seine Häscher ins Leere laufen, die deutsche Elf kann in Überzahl kontern.

Starke Momente hat Gündogan auch beim Verteidigen. In Zweikämpfen geht Gündogan manchmal beiläufig wie ein Taschendieb vor, dem minimaler körperlicher Einsatz genügt. Der Gegner merkt oft erst einen Moment später, dass er bestohlen worden ist. Besonders auffällig ist, wie schnell er nach Ballverlusten seiner Mannschaft auf Defensive umschaltet und mit welchem Tempo er die Gegner anläuft. In der zweiten Halbzeit sprintet er einmal über zwanzig Meter nach vorne, um den Abwehrspieler unter Druck zu setzen.

Seine wichtigste Qualität dürfte aber eine taktische sein: Gündogan hält das Zentrum, dort wo der Verkehr am größten ist. Er spielt mit 360-Grad-Option, als hätte er ein Radar. Keine schlechte Einrichtung für einen 6er, denn in seinem Wirkungskreis kommen Gegner von allen Seiten, bieten sich Mitspieler in allen Richtungen an. Sein Konkurrent Schweinsteiger weicht manchmal, um angespielt zu werden, ins Niemandsland an der Seitenlinie aus. Von dort geht aber selten Gefahr aus. Dieser Nachteil könnte daraus resultieren, dass Schweinsteiger relativ spät in seiner Karriere ins Spielfeldzentrum wechselte. Gündogan spielte immer zentral, wenn auch früher auf einer offensiveren Position.

Es ist ja nur ein Testspiel, die Deutschen haben ohnehin ein bisschen glücklich gewonnen. Und aus dem Dauergrinsen Gündogans nach dem Spiel sollte man nichts herauslesen als Freude über eine gute Leistung. Eine Kampfansage ist nicht zu erwarten, dafür dürfte er zu höflich sein. Und wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Vielleicht kann es eine Lösung mit Schweinsteiger und Gündogan geben. So viel lässt sich jedenfalls sagen: Die Wahrscheinlichkeit, dass Bastian Schweinsteiger beim nächsten Testspiel dabei sein wird, ist nicht gesunken.