Thomas Hitzlsperger im Einsatz für den FC Everton © Jan Kruger/Getty Images Sport

ZEIT ONLINE: Herr Hitzlsperger, haben Sie Lance Armstrong bei Oprah Winfrey gesehen?

Thomas Hitzlsperger: Teilweise. Dazu habe ich einiges über den Auftritt gelesen, hab mit einigen Kollegen darüber gesprochen. Das einhellige Urteil: Der Typ gehört bestraft. Gut wäre, wenn die Medien Armstrong gar keine Plattform geben würden. Aber ich verstehe natürlich auch, dass sie über das Thema aufklären müssen.

ZEIT ONLINE: Das ist ein klassisches Dilemma für Journalisten. Kann Doping für Sportler ein Dilemma sein: mitmachen oder aufhören?

Hitzlsperger: Ja, der Sport schafft starke Reize. Als Star wirst Du vergöttert, verdienst viel Geld. Als Tour-Sieger oder Olympiasieger hat sich Dein (Sportler-)Leben gelohnt, das darf schon mal ein paar Lebensjahre kosten. Das ist besser als mit der Masse mitzuschwimmen und kaum bis gar keine Aufmerksamkeit zu bekommen. Nicht, dass ich so denken würde, aber die Logik dahinter verstehe ich und einige Sportler riskieren dafür eine ganze Menge.

ZEIT ONLINE: Entwickeln Sie also auch Mitgefühl für Armstrong wie Jürgen Klopp?

Hitzlsperger: Überhaupt nicht. Er hat gelogen, betrogen, andere genötigt und bedroht. Auch nehme ich ihm keine Reue ab. Er hat aus Kalkül gestanden, hat zig Anwälte und PR-Berater an seiner Seite. Er ist Vollprofi, eine Marke.

ZEIT ONLINE: Hat er nur dem Radsport geschadet?

Hitzlsperger: Auch anderen Sportlern. Ich kann Leute verstehen, die das Interesse am Sport verlieren. Ich hab früher auch Tour de France geschaut, mittlerweile habe ich kein Interesse mehr daran. Jetzt fragt man sich bei vielen außergewöhnlichen Leistungen: War alles sauber? Der Zweifel läuft auch bei Usain Bolt und anderen Top-Athleten mit. Manchmal zu Recht, manchmal zu Unrecht.

ZEIT ONLINE: Wie ist der Schaden zu reparieren?

Hitzlsperger: Schwer. Der Sport braucht mehr Typen wie Travis Tygart, der maßgeblich an der Aufdeckung im Fall Armstrong beteiligt war. Sehr bedauerlich ist diese Entwicklung für die vielen sauberen Athleten. Allerdings habe ich den Eindruck, dass Fußball weniger vom Zweifel befallen ist.

ZEIT ONLINE: Im Fußball bringt Doping nichts, was?