Fußball-Bundesliga : Die Geschichte Hoffenheims ist eine Geschichte falschen Managements

Ein sensibler Mäzen, ein einflussreicher Berater und kein sportliches Konzept – die Krise der ungeliebten TSG Hoffenheim ist hausgemacht.
Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp im November 2012 © Uwe Anspach/picture alliance/dpa

In Sinsheim, einer badischen Kleinstadt mit 35.000 Einwohnern, hält kein ICE, nicht mal ein IC. Doch der dortige Bahnhof hat seit neuestem eine große Buchhandlung, gut sortiert, mit internationaler Presse. An einem Sonntagnachmittag steht man darin schon mal alleine, selbst zwei Stunden vor einem Bundesligaspiel.

Auch das Fußballstadion von Sinsheim könnte bald etwas überdimensioniert sein. Spätestens seit der Niederlage gegen den VfB Stuttgart am Sonntag muss sich die TSG Hoffenheim, die in Sinsheim ihre Heimspiele austrägt, mit dem Abstieg in die Zweite Liga befassen. Zehn Punkte Rückstand auf den rettenden Rang 15, zudem ein mutloser Auftritt am Sonntag – für die TSG dürfte es in dieser Spielzeit nur noch darum gehen, den Relegationsplatz gegen die erstarkenden Augsburger zu verteidigen. Am kommenden Samstag kommt es zum direkten Duell.

Vor vier Jahren stürmte die Elf noch zur Herbstmeisterschaft. Ihr schneller, offensiver Fußballstil beeindruckte diejenigen, die das moderate Bundesliga-Tempo gewohnt waren. Das Duell mit Bayern München im Dezember 2008 war ein Höhepunkt des vorigen deutschen Fußballjahrzehnts. Hoffenheim war auf bestem Weg, Historisches zu vollbringen. Die Leistungen vier Jahre später, nicht nur die beim 0:2 in Hamburg im Dezember 2012, sind auch historisch. Historisch schlecht.

Die Geschichte der TSG Hoffenheim ist auch eine Geschichte falschen Managements. Ein jüngeres Beispiel: Vor der Saison verpflichtete der Verein Tim Wiese. Wiese ist ein erfahrener, aber auch altmodischer Tormann. Die TSG verkaufte seinetwegen Tom Starke, Publikumsliebling und Leistungsträger. Inzwischen ist Wiese nach etlichen Fehlern und Gegentreffern degradiert, die Personalie geriet zur Posse. Noch ein Beispiel: In der Winterpause, in der die TSG auf dem Transfermarkt erneut zugeschlagen hat, kam der Ghanaer Afriyie Acquah für über zwei Millionen. Gegen Stuttgart war er nicht mal im Kader.

Fehler wurden aber schon bei den Vorgängern der aktuellen Führung gemacht: Vor etwa fünf Jahren wollte der damalige Trainer Ralf Rangnick einen gewissen Thomas Müller von Bayern München II verpflichten, doch der damalige Manager keine drei Millionen Euro für einen Regionalligaspieler ausgeben. Auch Neven Subotic, der Dortmunder Meisterverteidiger, war schon beinahe in Hoffenheim. Seine Vertragsunterzeichnung scheiterte im letzten Moment.

Der Kardinalsfehler unterlief dem Chef selbst. Als der Mittelfeldspieler Luiz Gustavo an die Bayern verkauft wurde, soll der Mäzen Dietmar Hopp der Federführende gewesen sein. Er bestreitet das, weil es gegen die Ligastatuten, die 50+1-Regel, verstoßen würde, wenn er Entscheidungen alleine träfe. Doch alle Indizien und Aussagen von Beteiligten und Beobachtern deuten darauf hin. Ralf Rangnick fühlte sich hintergangen und warf hin. Das war der Beginn des stetigen Hoffenheimer Abstiegs.

Mit Rangnick ging der TSG das Konzept verloren. Seine Nachfolger konnten ihn nie ersetzen, ob Marco Pezzaiuoli, Holger Stanislawski oder Markus Babbel. Keiner konnte an Rangnicks strategischen Angriffsfußball anknüpfen, unter Babbel verlernten die Hoffenheimer zudem das Verteidigen. Der Nachwuchsmann Frank Kramer, dem der Verein zwei Spiele im Dezember 2012 zugestand, bekam keine echte Chance. Der aktuelle Trainer Marco Kurz, seit Dezember auf der Bank, hat zwar die Abwehr stabilisiert, aber angesichts von zehn Punkten Rückstand braucht es Tore. Gegen Stuttgart, nach Hoffenheim die Mannschaft mit den meisten Gegentoren der Liga, erspielten sich die Hoffenheimer keine drei Chancen.

Der hohe Verschleiß von Trainern in Hoffenheim macht es schwer, das Ziel zu erfüllen, das Dietmar Hopp mehrfach aufgerufen hat: junge deutsche Talente nach oben bringen. Der SAP-Gründer Hopp, einer der reichsten Menschen Deutschlands, tut Gutes mit seinem Geld, nicht nur im Fußball. Es gibt wohl nicht viele, die das bestreiten würden. Die Nachwuchsarbeit der TSG gilt inhaltlich als vorbildlich, oben angekommen ist aber noch kein Eigengewächs.

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Kommentare

45 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Es zeigt sich hier,...

daß man nicht mal so eben, mit viel Geld, die Bundesliga aufmischen kann. Dazu gehört schon ein bischen mehr. Sie beschreiben es sehr gut, nur wie man auch am Wochenende wieder sehen konnte, die Mannschaft hat keine Seele, keine Hirachie, das passt alles nicht zusammen.
"Ein guter Schachzug war es, zumindest Derdyok zu holen" Wieso? Er sitzt doch mehr auf der Bank, als das er spielt! Warum dies so ist, kann sehr warscheinlich nur der Trainer sagen, nur Herr Kurz hat da auch keinen Plan. Entweder langt Herr Hopp jetzt nochmal richtig zu und lernt aus seinen Fehlern, oder das Projekt Hoffenheim scheitert!!! Was sehr schade wäre für die Region!

Hausgemachte Posse

"Inzwischen ist Wiese nach etlichen Fehlern und Gegentreffern degradiert, die Personalie geriet zur Posse."
Ich frage mich, wie es die Fans geschafft haben, einen Nationaltorwart (wenn auch nur Nummer zwei oder drei), so zu demontieren.
Starke verdient in Bayern für wenig Arbeit (nur Training ) bestimmt mehr als in Hoffenheim. Die Schuld für seinen Abgang ließen die Fans aus Unwissenheit an Tim Wiese aus, der mittlerweile, wegen den Anfeindungen der Fans, im Tor, ohne Selbstbewusstsein war. Aber Starke ging bestimmt nicht ungern zu Bayern.
Es versteht sich von selbst, dass Hoffenheim durch den Verkauf seiner besten Spielern geschwächt wurde. Ist ja nicht so, dass man für gleichwertigen Ersatz sorgte, außer beim Nationaltorwart Tim Wiese, deR wesentlich stärker in Bremen agierte als Starke in Hoffenheim(spricht auch dafür, dass die Fans da einiges kaputtgemacht haben).
Der Teamgeist in der Mannschaft scheint auch nicht besonders ausgeprägt zu sein. Daran sollte der Sportpsychologe der TSG arbeiten.

Ich weiß zwar nicht,...

warum Sie Tim Wiese so auf's Schild heben und Tom Starke so nach unten ziehen? Klar sind "beide" sehr gute Torhüter, wobei Tim Wiese zu den Typen gehört, der Spiele ganz alleine gewinnen, aber auch verlieren. Da ist Tom Starke weit von entfernt. Er hat nicht die absoluten Knaller, aber auch nicht die absoluten Luschen. Nun ja, das wird dem TSG Hoffenheim jetzt auch nicht weiterhelfen. Mit wenn und aber ist hier nichts mehr zu machen. Hier gibt es für mich nur eins, entweder klotzen und gewinnen, oder kleckern und verlieren!!!