In Sinsheim, einer badischen Kleinstadt mit 35.000 Einwohnern, hält kein ICE, nicht mal ein IC. Doch der dortige Bahnhof hat seit neuestem eine große Buchhandlung, gut sortiert, mit internationaler Presse. An einem Sonntagnachmittag steht man darin schon mal alleine, selbst zwei Stunden vor einem Bundesligaspiel.

Auch das Fußballstadion von Sinsheim könnte bald etwas überdimensioniert sein. Spätestens seit der Niederlage gegen den VfB Stuttgart am Sonntag muss sich die TSG Hoffenheim, die in Sinsheim ihre Heimspiele austrägt, mit dem Abstieg in die Zweite Liga befassen. Zehn Punkte Rückstand auf den rettenden Rang 15, zudem ein mutloser Auftritt am Sonntag – für die TSG dürfte es in dieser Spielzeit nur noch darum gehen, den Relegationsplatz gegen die erstarkenden Augsburger zu verteidigen. Am kommenden Samstag kommt es zum direkten Duell.

Vor vier Jahren stürmte die Elf noch zur Herbstmeisterschaft. Ihr schneller, offensiver Fußballstil beeindruckte diejenigen, die das moderate Bundesliga-Tempo gewohnt waren. Das Duell mit Bayern München im Dezember 2008 war ein Höhepunkt des vorigen deutschen Fußballjahrzehnts. Hoffenheim war auf bestem Weg, Historisches zu vollbringen. Die Leistungen vier Jahre später, nicht nur die beim 0:2 in Hamburg im Dezember 2012, sind auch historisch. Historisch schlecht.

Die Geschichte der TSG Hoffenheim ist auch eine Geschichte falschen Managements. Ein jüngeres Beispiel: Vor der Saison verpflichtete der Verein Tim Wiese. Wiese ist ein erfahrener, aber auch altmodischer Tormann. Die TSG verkaufte seinetwegen Tom Starke, Publikumsliebling und Leistungsträger. Inzwischen ist Wiese nach etlichen Fehlern und Gegentreffern degradiert, die Personalie geriet zur Posse. Noch ein Beispiel: In der Winterpause, in der die TSG auf dem Transfermarkt erneut zugeschlagen hat, kam der Ghanaer Afriyie Acquah für über zwei Millionen. Gegen Stuttgart war er nicht mal im Kader.

Fehler wurden aber schon bei den Vorgängern der aktuellen Führung gemacht: Vor etwa fünf Jahren wollte der damalige Trainer Ralf Rangnick einen gewissen Thomas Müller von Bayern München II verpflichten, doch der damalige Manager keine drei Millionen Euro für einen Regionalligaspieler ausgeben. Auch Neven Subotic, der Dortmunder Meisterverteidiger, war schon beinahe in Hoffenheim. Seine Vertragsunterzeichnung scheiterte im letzten Moment.

Der Kardinalsfehler unterlief dem Chef selbst. Als der Mittelfeldspieler Luiz Gustavo an die Bayern verkauft wurde, soll der Mäzen Dietmar Hopp der Federführende gewesen sein. Er bestreitet das, weil es gegen die Ligastatuten, die 50+1-Regel, verstoßen würde, wenn er Entscheidungen alleine träfe. Doch alle Indizien und Aussagen von Beteiligten und Beobachtern deuten darauf hin. Ralf Rangnick fühlte sich hintergangen und warf hin. Das war der Beginn des stetigen Hoffenheimer Abstiegs.

Mit Rangnick ging der TSG das Konzept verloren. Seine Nachfolger konnten ihn nie ersetzen, ob Marco Pezzaiuoli, Holger Stanislawski oder Markus Babbel. Keiner konnte an Rangnicks strategischen Angriffsfußball anknüpfen, unter Babbel verlernten die Hoffenheimer zudem das Verteidigen. Der Nachwuchsmann Frank Kramer, dem der Verein zwei Spiele im Dezember 2012 zugestand, bekam keine echte Chance. Der aktuelle Trainer Marco Kurz, seit Dezember auf der Bank, hat zwar die Abwehr stabilisiert, aber angesichts von zehn Punkten Rückstand braucht es Tore. Gegen Stuttgart, nach Hoffenheim die Mannschaft mit den meisten Gegentoren der Liga, erspielten sich die Hoffenheimer keine drei Chancen.

Der hohe Verschleiß von Trainern in Hoffenheim macht es schwer, das Ziel zu erfüllen, das Dietmar Hopp mehrfach aufgerufen hat: junge deutsche Talente nach oben bringen. Der SAP-Gründer Hopp, einer der reichsten Menschen Deutschlands, tut Gutes mit seinem Geld, nicht nur im Fußball. Es gibt wohl nicht viele, die das bestreiten würden. Die Nachwuchsarbeit der TSG gilt inhaltlich als vorbildlich, oben angekommen ist aber noch kein Eigengewächs.