Amateurtrainer"Es würde manchen Profis guttun, zunächst an der Basis zu arbeiten"

Lutz Hangartner ist Vorsitzender des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer. Er sagt, man müsse ordentlich Fußball gespielt haben, um ein guter Trainer zu sein. von 

ZEIT ONLINE: Herr Hangartner, warum schaffen es so wenige Amateurtrainer bis in den Profifußball? Haben die es nicht drauf?


Lutz Hangartner: Profis haben meist gute Beziehungen, die helfen beim Einstieg. Es gibt auch an der Basis qualifizierte Trainer. Doch für Amateure ist die Situation schwierig, weil sie für den Lizenzerwerb ein Dreivierteljahr aus ihrem Beruf raus müssen und viel Zeit und Geld investieren müssten.

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ZEIT ONLINE: Ist das nur eine Frage der Lizenz? Es kommt einem so vor, dass eine bedeutende Karriere als Fußballer wichtiger ist.

Lutz Hangartner
Lutz Hangartner

Lutz Hangartner ist Vorsitzender des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL). Lutz Hangartner lehrte über 40 Jahre am Institut für Sport und Sportwissenschaft in Freiburg Fußball und trainierte die deutsche Studenten-Fußball-Nationalmannschaft. Als Vereinstrainer führte er 1985 den Freiburger FC zur Oberliga-Meisterschaft und spielte um den Aufstieg in die Zweite Liga.


Hangartner: Früher war der Name wichtiger als die Qualifikation. Man musste mal den Adler auf der Brust getragen oder 400 Bundesliga-Spiele auf dem Buckel haben, um Profitrainer zu werden. Dieses Bild hat sich gewandelt, auch dank Trainern wie Volker Finke, Ralf Rangnick und Christoph Daum.


ZEIT ONLINE: Ist Erfahrung mit Amateuren oder Kindern und Jugendlichen nicht wichtig für den Job?


Hangartner: Das ist sehr hilfreich, vor allem der Jugendfußball auf höchstem Niveau. Die besten aktuellen Beispiele sind Christian Streich, Thomas Tuchel, Sascha Lewandowski und Lucien Favre, der auf einer Tagung einmal betont hat, wie wichtig die Arbeit mit Jugendfußballern für seine heutige Aufgabe gewesen ist.


ZEIT ONLINE: Sollte man das nicht auch Stefan Effenberg raten, der im Vorjahr die Lizenz erworben hat?


Hangartner: Es würde manchen Profis guttun, zunächst an der Basis zu arbeiten. Es ist eine wichtige Trainerkompetenz, vor einer Lerngruppe souverän aufzutreten, ihnen etwas zu vermitteln. Andersrum muss man den Profis den Vorteil gegenüber Amateuren zugestehen, dass sie Erfahrung mit dem Geschäft haben, unter Umständen viele bedeutende Trainer erlebt haben. Dazu muss man als Fußballer mit offenen Augen durchs Leben gehen, das tun aber nicht alle.


ZEIT ONLINE: Muss man überhaupt Fußball gespielt haben, um Trainer zu werden?


Hangartner: Ja, man muss das Spiel und die Spieler verstehen. Um ein sehr guter Fußballtrainer zu werden, sollte man mindestens Verbandsliga gespielt haben. Mehr ist aber kein Muss.


ZEIT ONLINE: Jens Lehmann hat jüngst gesagt, dass er keine Ausbildung benötige, weil er lange unter Wenger trainiert habe.


Hangartner: Diese Auffassung teilt der Bund Deutscher Fußball-Lehrer nicht. Am Ende ist es doch so: Wenn sie als Trainer nichts drauf haben, geht das heute nicht mehr lange gut.


ZEIT ONLINE: Berti Vogts initiierte für die Welt- und Europameister von 1990 und 1996 einen Sonderlehrgang für ehemalige Nationalspieler. Die Lizenz im Schnelldurchgang. Eine gute Idee?


Hangartner: Es ist einerseits gut, bekannte Fußballer als Trainer zu binden. Andererseits war das der falsche Weg. Auch Matthias Sammer absolvierte diesen Lehrgang, später als Sportdirektor lehnte er diese Form ab. Er hatte gemerkt, dass wichtige Wissensvermittlungen zu kurz kommen.


ZEIT ONLINE: Es bleibt dabei: Für Unbekannte ist der Einstieg viel schwerer als für Ex-Profis.


Hangartner: Wenn eine Mannschaft aber spürt, dass der Trainer Kompetenz hat und motiviert ist, dazu über eine Persönlichkeit verfügt, gibt es keinen Grund, warum er nicht als Bundesliga-Trainer Erfolg haben sollte. Vielleicht muss man als unbeschriebenes Blatt zunächst als Co-Trainer anfangen.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Christoph Daum | Jens Lehmann | Matthias Sammer | Fußballtrainer | Lucien Favre | Ralf Rangnick
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