ZEIT ONLINE: Herr Passarelli, was haben Sie gedacht, als Sie gehört haben, dass Ringen wohl aus dem olympischen Programm fliegen wird?

Pasquale Passarelli: Am Dienstagmorgen habe ich den ersten Anruf einer Reporterin bekommen und erst mal einen Schreck bekommen. Ich habe mir das überhaupt nicht vorstellen können und zunächst gar nichts sagen können. Ich musste das Gespräch abbrechen. Aber im Nachhinein ist mir bewusst geworden, warum es so gekommen ist.

ZEIT ONLINE: Warum ist es so gekommen?

Passarelli: Da können Sie jeden alten Ringer fragen: Es lag an den Regeländerungen des Ringer-Weltverbandes (Fila). Diese Änderungen haben den Sport kaputt gemacht. Die Zuschauer kennen sich nicht mehr aus. Alleine die Kampfzeiten: Kein Mensch weiß noch, wie lange eigentlich gerungen wird. Erst waren es dreimal drei Minuten, dann fünfmal zwei, jetzt muss man international für einen Sieg drei Runden à zwei Minuten. Oder etwas anderes: Können Sie sich vorstellen, dass es irgendeine Sportart gibt, in der jemand Europameister, Weltmeister oder gar Europameister ist, obwohl er passiv ist und keine Bewegung macht?

ZEIT ONLINE: Nein.

Passarelli: Sehen Sie! Im Ringen ist das mittlerweile möglich. Das kann doch nicht sein. Niemand weiß, warum bestimmte Wertungen fallen, wenn sie denn überhaupt mal fallen. Da muss man sich nicht wundern, dass es soweit kommt. Ich hoffe aber noch auf eine Lösung. Schließlich reden wir hier über eine der ältesten Sportarten, die es überhaupt gibt.

ZEIT ONLINE: Sind diese Regeländerungen wirklich der alleinige Grund? Oder ist Ringen nicht einfach ein wenig aus der Zeit gefallen?

Passarelli: Das sehe ich nicht so. Ringen ist eine der besten Sportarten, die es gibt. Es gibt keine andere Sportart, in der man gleichermaßen Ausdauer, Kraft, Kraftausdauer, Technik, Gewandtheit und Schnelligkeit trainiert. Ringer waren auch immer in anderen Sportarten gut. Ob das Turnen oder Fußball war. Ringer sind Multi-Talente.

ZEIT ONLINE: Der Ringerverband soll den Anti-Doping-Kampf nicht richtig ernst genommen haben. Das war eine Begründung des IOC.

Passarelli: Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass Doping beim Ringen zu unserer Zeit keine große Rolle spielte. Weil es eben nicht nur um Kraft ging, sondern um Können. Das bekommt man nicht allein durch Dopingmittel hin. In letzter Zeit geht es fast nur noch um Kraft. Vielleicht erklärt das die Vorwürfe.

ZEIT ONLINE: Ist die Entscheidung des IOC der Tod des Ringens?

Passarelli: Ja, diese Entscheidung könnte der Tod des Ringens sein. Der deutsche Verband muss nun endlich für sich selber denken und sich nicht die Regeln von der Fila vorschreiben lassen. Spätestens jetzt müsste man sich doch Gedanken machen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es vorbei ist.

ZEIT ONLINE: Wie eng sind Sie noch dem Ringen verbunden?

Passarelli: Ich bin ab und zu noch mit Vereinen zusammen. Mein neues Ziel ist es, den Kindern und Jugendlichen das Ringen näherzubringen. Also den echten Kampf. Ich möchte ihnen zeigen, was alles möglich ist. Es soll wieder eine Ringerkunst geben und nicht nur das Rumgeschiebe von heute. Deswegen möchte ich alle Vereine unterstützen, die die Kinder technisch richtig schulen möchten.

ZEIT ONLINE: Wie werten Sie heute Ihren Erfolg von 1984? Das war ja nicht nur ein sportlicher, sondern im gewissen Sinne auch ein gesellschaftspolitischer.

Passarelli: Klar, ich durfte ja als gebürtiger Italiener zunächst nicht in Deutschland starten, weil ich ein italienischer Staatsbürger war. Meine Eltern haben dann die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, damit ich bei der Deutschen Meisterschaft starten konnte. Nach der Goldmedaille bei den Spielen von 1984 wurde ich dann gefragt, als was ich mich fühle, ob als Italiener oder Deutscher. Ich habe gesagt: als Pfälzer.