IOCRingen bringt zu wenig Dollars

Keine Sponsoren, kein Geld, keine Follower auf Twitter – Ringen hat dem IOC wenig Zählbares zu bieten. Vor allem hat es im Fernsehen niedrige Einschaltquoten. von Christian Hönicke

Die Ringer haben nicht genug Follower.

Die Ringer haben nicht genug Follower.  |  © Mark Nolan/Getty Images Sport

Früher beharrte das IOC darauf, nur Amateure zu den Wettkämpfen zuzulassen. Inzwischen ist das Internationale Olympische Komitee selbst eines der professionellsten Unternehmen der Welt geworden, seine Kerndisziplin ist das Geldverdienen. Mit Einnahmen von mehr als acht Milliarden Dollar rechnet das IOC für den Abrechnungszeitraum 2009 bis 2012. Nun hat das IOC einen Teil seiner Wurzeln herausgeschnitten: das Ringen.

Der schweißtreibende Zweikampf ist eine Brücke zu den Spielen der Antike, doch Tradition allein reicht nicht mehr. "Eine olympische Sportart muss Tradition und Fortschritt verbinden", sagte der IOC-Vizepräsident Thomas Bach.

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In Wahrheit geht es bei der bemängelten fehlenden Weiterentwicklung vor allem um das ausbleibende wirtschaftliche Wachstum. Als einer der Gründe für die Abkehr vom Ringen wurde seine zu große finanzielle Abhängigkeit vom IOC benannt. Ringen erwirtschaftet keine Gewinne, sondern kostet. "Wenn eine Sportart eine schwache Lobby hat und sich dann auch noch schlecht vermarkten kann, hat sie es schwer", sagt Frank Daumann, Professor für Sportökonomie an der Universität Jena. Für Sentimentalitäten ist kein Platz im Geschäftsmodell des IOC.

In der Schweiz als gemeinnütziger Verein eingetragen, ist es eines der größten privatwirtschaftlich finanzierten Unternehmen der Welt. So sehen es die Experten von "Brand Finance". Im Vorjahr bewerteten sie die Marke Olympia, die einst von Baron de Coubertin als Amateursportveranstaltung wiederbelebt wurde, als zweitwertvollstes Unternehmen der Welt, hinter Apple, aber noch vor Google.

Internationaler Widerstand

Das IOC-Komitee beschloss am Dienstag überraschend, Ringen ab 2020 aus dem olympischen Programm zu nehmen. Inzwischen regt sich internationaler Widerstand, es hat sich eine interessante Allianz gefunden. In den USA haben rund 15.000 Ringer-Fans eine Petition an Barack Obama eingereicht. Ein russischer Politiker twitterte, das IOC solle einer Doping-Probe unterzogen werden. "Die Herren des IOC töten den olympischen Geist", sagte der Präsident der griechischen Ringer. Der Iran, eine der führenden Nationen im Ringen, erwägt einen offiziellen Protest.

Die Entscheidung des IOC ist noch nicht endgültig. Damit Ringen tatsächlich verbannt wird, muss die Mitgliederversammlung im September zustimmen. Kurios: Ringen wird als eine von drei Sportarten in der olympischen Hymne erwähnt: "At running and wrestling and at throwing illuminate in the noble Agons' momentum."

Pressestimmen

Der immense Wert von 47,5 Milliarden US-Dollar, den die Marke Olympia haben soll, speist sich nur aus zwei Komponenten: aus dem Verkauf der Übertragungsrechte und dem Anwerben von Sponsoren. "Ohne die Sponsoren wären die Spiele nicht möglich", sagt IOC-Präsident Jacques Rogge.

Um die Geldgeber bei Laune zu halten, hat Rogge die Politik der ständigen Erneuerung eingeführt. Auf alle relevanten Punkte der Spiele können die Geldgeber Einfluss nehmen, ob Wettkampfzeiten, Austragungsort oder Auswahl der Sportarten.

Ein Meilenstein in dieser Entwicklung waren die Spiele von Atlanta 1996, die Coca-Cola, der älteste und wichtigste IOC-Sponsor, zum Dank an den Firmensitz geliefert bekam. Der Getränkehersteller ist die Nummer eins des Topsponsorenprogramms ("The Olympic Partner"). Es wurde 1985 von Juan Antonio Samaranch eingeführt. Das Kommando haben die USA, hier haben sechs der zehn Topsponsoren ihren Hauptsitz.

Leserkommentare
  1. Nicht olympische Tradition.
    Nicht sportlicher Wettkampf zwischen Amateuren.

    Und auch nicht die "Begeisterung in aufstrebenden Schwellenländern"...

    Wahrscheinlich waren einfach nur die Schmiergeldkoffer nicht fett genug...

    3 Leserempfehlungen
    • bengel2
    • 14. Februar 2013 13:38 Uhr

    Tja, wäre nicht die erste Marke, die ganz modern werden wollte - und mausetot endete.

    Wer solche Sachwalter wie Thomas Bach hat, Jurist und auch sonst sehr, sehr mäßig, der muss sich nicht wundern, wenn er auf dem Punkt landet, auf den man mit Coca-Cola-Spielen, devoter Vermarktung und übergreifender Korruption schon seit vielen Jahren im Sinkflug zusteuert.

    Ringen mag aktuell nicht allzuviele Menschen in die Sporthalle / vor den Fernseher locken. Aber seit wann sind Popularität und ökonomischer Erfolg einer einzelnen Markenleistung elementare Kriterien für die Gesamtmarke?

    Ringen ist als Bindeglied zwischen den Spielen der Antike und den Spielen der Neuzeit eine der zentralen Heritage-Sportarten; identitätsstiftend und markenbildend. Wer das nicht erkennt und/oder sich mit leuchtenden Dollarzeichen in den Augen hinter nichtssagenden Blasen wie „Eine olympische Sportart muss Tradition und Fortschritt verbinden“ versteckt, der wird in die Geschichtsbücher eingehen - als Totengräber.

    Aber vielleicht ist es ja genau das, was willfährige Funktionäre wie Thomas Bach, die ihr Leben lang leider nur das Wort 'Quantität', nie das Wort 'Qualität' kennen, antreibt. Endlich mal keine "verschlossene Auster" sein. Endlich mal ein Macher sein!

    8 Leserempfehlungen
  2. aber überraschend sicherlich nicht!

    Die (so ziemlich?) älteste olympische Sportart fliegt also raus. Fragt sich nur ob und welche Sportart stattdessen dazukommt... Wie wärs mit Extrembügeln oder Hulahup? Mh wahrscheinlich nicht genug actiongeladen...

    Dabei habe ich gerade solche Wettkämpfe, genau wie Gewichtheben oder Turnen, gern gesehen, weil man sie im sonstigen Sport-Alltagsgebrabbel zwischen Fußball und Ski Alpin sowieso nicht mehr findet.

    Es muss eben alles kommerzialisiert werden. Das Stichwort "Modernisierung" wirkt da verschleiernd und offenbarend zugleich. Was hat Olympia mit Moderne zu tun und was sportliche Leistung mit Werbung?! Hauptsache die Kasse stimmt hinterher. Widerlich!

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  3. wenn immer mehr der ökonomische Aspekt für Entscheidungen sorgt, sollte auch der ÖR Konsequenzen ziehen: privatwirtschaftlich organisierte Veranstaltungen zu finanzieren gehört meines Wissens nach nicht zu seinem Auftrag. Also schluss mit der Übertragung dieser Dauerfernsehsendung.

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  4. Deutlicher kann das IOC nicht zeigen, um was es ihm bei Olympia heute geht. Um Geld! Das hat sich Coubertin sicher nicht so vorgestellt, als er 1896 die Olympischen Spiele wieder auferstehen ließ ...

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  5. ...die Vintage Olympic Games als Konkurrenzveranstaltung ins Leben zu rufen.

    Die Richter im weißen Gewand, überall Fackeln, Sandalen und Sand und die Platzordner tragen Schwerter - ein bisschen mehr Pathos halt.

    3 Leserempfehlungen
  6. Olympia ist nicht mehr "das Sportfest der Jugend dieser Welt" oder die sportliche Begegnungsstätte von Nationen und Kulturen. Olympia ist eine zur Geldmaschine verkommene Veranstaltung.

    Als Repräsentant eines nationalen Verbandes war ich vor Jahren an einer Informationsveranstaltung des hiesigen Olympiakomitees. Alles honorige Herren, kein Zweifel. Ich habe nur gestaunt über den Wagenpark, der dann vom Kongressort Abschied nahm. Ich bin mir mit meiner doch ganz ansehnlichen "Reisschüssel" als bemitleidenswerter Plebejer vorgekommen...

    Anscheinend ist der Status, Mitglied eines OCs zu sein einigermaßen lohnend?

    4 Leserempfehlungen
  7. ...wie groß wohl die Lobby der Gewichtheber ist. Diese von Dopingskandalen geradezu überschwemmte "Sportart" hat bei Olympia nun wirklich nichts zu suchen. Ist aber nur meine unmaßgebliche Meinung.

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    Gewichtheben, Schießen, Military und einige andere mehr oder weniger schwer als Sport zu identifizierende Events hätte man sich vor dem Ringen rauswerfen sollen.

    Wobei man den Ringern ein bisschen Kritik auch nicht ersparen kann.
    Das ganze erinnert an Athen 1996, dessen Politiker damals dachten, dass ein historischer Anspruch alleine ausreicht, um die Spiele zu bekommen. Eine so überhebliche und wenig selbstkritische Haltung provoziert andere immer.

    So war es wohl auch bei den Ringern. Während sich andere Sportarten modernisieren, man denke nur an Biathlon oder den modernen Fünfkampf, kam bei den Ringern einfach nichts. So autistisch sollte man auch nicht sein.

    Etwas mehr Attraktivität täte der Sportart ja wirklich gut. Ob man jetzt bestimmte Angriffszeiten einführt, um Aktionen zu forcieren und das öde, minutenlange Geschiebe zu beenden oder sonstwas, können ja die Experten entscheiden.

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