Leserartikel

AusdauersportDie Gesellschaft der Läufer

Vor drei Jahren packte unseren Leser Christian Johann das Lauffieber. Seitdem ist er Teil eines eigenen sozialen Kosmos und ein ausdauernder Konsument. von 

Neben mir reißt sich ein Mann die windabweisende Mülltüte vom Leib. Weiter vorn hüpfen zwei Frauen nervös auf und ab. Um mich herum piepen die Pulsuhren. Aus Schuhen, die über viele Kilometer eingelaufen worden sind, riecht es nach altem Schweiß. Solche Eindrücke hinterlassen große Langstreckenläufe, an denen ich mehrmals im Jahr teilnehme. Und immer wieder der große Moment: Sobald der Startschuss knallt, werden Tausende gemeinsam mit mir losrennen.

Stadtlauf, Halbmarathon, Schlösserlauf und Marathon: Etliche Events locken Hobbyläufer wie mich. Seit mich vor drei Jahren das Lauffieber gepackt hat, ordne ich meine Freizeit dem Laufen unter. Ich möchte meine Bestzeiten verbessern und lange Distanzen bewältigen. Wenn ich nicht durch den Wald renne, durchforste ich Bücher und Blogs, lechze nach den Tipps der Laufgurus und wachse mit meinen Schmerzen.

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Auch finanziell investiere ich in meine Leidenschaft: Die Meldegebühren großer Laufveranstaltungen sind teils dreistellig. Chip am Schuh und Smartphone-App dienen mir als persönliche Trainer. Eine Pulsuhr mit GPS habe ich mir auch gekauft, dazu neue Laufschuhe und Funktionskleidung. Dieser Konsum macht mich zum Teil einer Lauf-Kundschaft, die in Deutschland jährlich eine Milliarde für ihr Hobby ausgibt.

Ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft der Läufer bin ich, sobald die Startnummer befestigt ist. Die Hierarchie ist klar strukturiert: Leistungsgesellschaft in Reinform. Wer schneller rennt, startet weiter vorn. Auf einigen Veranstaltungen werden die Blöcke der Startenden unerbittlich durch Ordner getrennt.

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Der ZEIT-ONLINE-Wald

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Für mich und viele andere Teilnehmer stellen die Läufe den Ausbruch aus dem Alltagstrott dar. Freiwillig kann ich mich beim Rennen der Konkurrenz stellen und mich in Wettkämpfen beweisen. Der Einstieg war leicht: Überwindung, Training, Startgebühr. Der Fortschritt lässt sich schnell an den eigenen Zeiten ablesen.

Der Hobby-Ehrgeiz birgt aber auch Gefahren. Schnell wurde mir das Laufen wichtiger als es sein sollte. Als ich mitten in der Nacht dachte, eine Runde rennen zu müssen, wusste ich, dass auch Sport süchtig machen kann.

Deshalb halte ich mich jetzt zurück, lasse auch mal die Stoppuhr weg und genieße es einfach, dabei zu sein. Beim letzten Marathon sah ich kurz vor dem Start Geoffrey Mutai, den späteren Sieger und damit den König der Gesellschaft der Läufer. Als ich ins Ziel kam, war seine Siegerehrung schon lange vorbei. Zusammen gelaufen sind wir trotzdem.

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Leserkommentare
  1. Es setzt eine Gewöhung ein. Das ist auch eine ganz natürlich Funktion des Körpers. Der Mensch musste, bevor er zum Ackerbau fähig war, ersteinmal dreißig Kilometer laufen bevor er etwas zu essen bekam. Das verlangte eine ganz poistive Einstellung zur Ausdauerleistungsfähigkeit, die, so meinen Wissenschaftler, die Folge von Hormonveränderunge infolge von Ausdauertraining ist. Wird das Taining abgesetzt, wird auch das "Suichtgefühl" verschwinden. So mit handelt es sich also auch nicht um eine Sucht.

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    Man kommt trotzdem nur schwer davon weg. Wer anderes behauptet, spricht wohl kaum aus Erfahrung.

    "Der Mensch musste, bevor er zum Ackerbau fähig war, ersteinmal dreißig Kilometer laufen bevor er etwas zu essen bekam"
    Hat man bei Özi einen Chip in seinen Fellpantinen gefunden oder woher hat er diese Gewissheit ? Dreissig Kilometer über Stock und Stein (nix ausgebaute Strassen) und fernab von anderen Gruppenmitgliedern (wilde Tiere, usw.), das muss schon ein fetter Mammut-Burger gewesen sein, daß sich das kohlehydrattechnisch gerechnet hätte !
    1 bis 1,5 km Entfernung maximal und gelaufen ist er garantiert auch nicht (ein falscher Tritt und du bist tot!)

  2. Man kommt trotzdem nur schwer davon weg. Wer anderes behauptet, spricht wohl kaum aus Erfahrung.

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  3. 3. Laufen

    "...Ich war/bin seit 35 Jahren Läufer, aber in Maßen, 2-3 Mal in der Woche und ab und einmal im Jahr ein Rennen. .....Man muss irgendwann seinem Alter und dem unaufhaltsamen Verschleiß Rechnung tragen. ......Ein Zuviel ist niemals sinnvoll".

    Ist bei mir ähnlich, wobei ich früher durchaus schon viel (fast täglich) und ambinioniert trainiert habe.
    Man sollte es m.E. im Rückblick wie bei allem nicht übertreiben, was ich sicher auch schon getan habe.
    Auch heute laufe ich noch, allerdings nicht mehr so häufig und extrem. Es ist einfach schön und erholsam die Bewegungsfreude und die Natur zu genießen. Laufen dient mir nun auch zum Ausgleich und Stressabbau, wenn man so will natürlich auch eine Art "Flucht" vom Schreibtisch.

    Weil man mit den Jahren als Läufer schon Verschleiß und Zipperlein hat, verlege ich mich v.a im Sommer abwechselnd zum Laufen auf das Fahrrad und Schwimmnen.
    Die Kombination Draußen und Bewegung finde ich einfach toll und hoffe, dass ich es noch lange "durchhalte", auch wenn ich langsamer oder zum Walker werde.

    Aber es ist wie mit Vielem, man sollte sich unbedingt freier von Ratgebern und Tipps machen und einfach laufen...ganz für sich..

    Na ja, es gibt nun schon wirklich tolle Ausrüstung und Schuhe etc... aber auch dies darf nicht überbewertet werden. Manchmal sind es nur Spielereien oder Modeerscheinungen. Und man sollte sich m.E. nicht zu oft dem Dikat eines Pulsmessers oder einer Stoppuhr unterwerfen.

    So leute Heute gibts noch einen Schneelauf...

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  4. packte unseren Leser...?

    Ansonsten sehr interessanter Leserartikel. Nicht sehr kontrovers, aber interessant. Danke!

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  5. "Der Mensch musste, bevor er zum Ackerbau fähig war, ersteinmal dreißig Kilometer laufen bevor er etwas zu essen bekam"
    Hat man bei Özi einen Chip in seinen Fellpantinen gefunden oder woher hat er diese Gewissheit ? Dreissig Kilometer über Stock und Stein (nix ausgebaute Strassen) und fernab von anderen Gruppenmitgliedern (wilde Tiere, usw.), das muss schon ein fetter Mammut-Burger gewesen sein, daß sich das kohlehydrattechnisch gerechnet hätte !
    1 bis 1,5 km Entfernung maximal und gelaufen ist er garantiert auch nicht (ein falscher Tritt und du bist tot!)

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    Man weiß ja nicht so unbedingt viel über die ganz frühen Menschen. Eins ist aber ziemlich klar: Menschen sind *die* Ausdauerläufer im Tierreich (gerüchtehalber laufen sie Pferde platt auf den wirklichen Langstrecken). Und auch wenn die 30 km vielleicht ein wenig übertrieben sind, schauen Sie sich mal die Jagdgewohnheiten der San in Südafrika an. Mal 2 - 3 Stunden joggen in der Mittagshitze ist eher die Norm als die Ausnahme.

    Das Laufen über Stock und Stein ist auch nicht wirklich ein Problem (eher nicht in dem Tempo mit dem Strassenrennen gelaufen werden). Menschliche Füße sind da schon eine extrem coole Konstruktion. Erstaunlicherweise vergisst man im Westen ja gerne, dass ein Großteil der Welt barfuß läuft. Die Vorstellung, dass man mindestens 3 Kilo Lederstiefel benötigt um einen Spaziergang durch den Wald zu machen ist bizarrerweise kaum auszurotten...

    • 29C3
    • 16. Februar 2013 13:18 Uhr
    • Infamia
    • 17. Februar 2013 9:14 Uhr

    Wie sage ich immer? Die einen geben Unmengen Geld für ihre Modelleisenbahn im Keller aus, die anderen Unmengen an Geld für Ihr Hobby Laufen. Nur dass man mit letzterem wenigstens an der frischen Luft ist, statt im Keller hockt.

    Ich habe auch Jahre ambitioniert Sport betrieben und ich möchte diese Zeit nicht missen. Gelernt habe ich, dass man etwas erreichen kann, wenn man sich etwas vornimmt und auch die entsprechenden Maßnahmen ergreift, um diese Ziele zu erreichen. Heute treibe ich weniger ambitioniert Sport, aber ich treibe Sport. Und gelegentlich juckt es schon, mal wieder ein größeres Ziel in Angriff zu nehmen.

    Ich gönne jedem seinen Eifer, er wird irgendwann vergehen. Heute trainiere ich meist ohne Pulsuhr und GPS, weil man ja irgendwann ein Gefühl für seinen Körper und die zurückgelegte Strecke bekommt. Was mir geblieben ist, ist die Freude an der Bewegung und ich glaube, die wird bis ins hohe Alter bleiben.

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    • 29C3
    • 17. Februar 2013 14:33 Uhr

    Abgesehen davon, dass ein Modelleisenbahn-Hobby ohne die Modelleisenbahn selbst keinen Sinn macht, während Hobby Laufen auch ohne GPS, Pulsuhr, Hightech-Kleidung und super-giga-dämpfdende-Schuhe hervorragend geht... haben Sie die Sache m.E. wunderbar auf den Punkt gebracht, und zwar mit:
    "Heute trainiere ich meist ohne Pulsuhr und GPS, weil man ja irgendwann ein Gefühl für seinen Körper und die zurückgelegte Strecke bekommt."

    Womit eine Frage übrig bleibt: wäre DAS Gefühl auch ohne die statusschwangeren Gadgets erreichbar gewesen?

    MfG

  6. ist die Erklärung für den gefühlten Suchtfaktor. Also der Zustand, der die Stimmung hebt, dem Läufer ggf. Flügel verleiht und das Gefühl eine klasse Körper zu haben und alles reißen zu können... Medizinisch erklärbar durch eine verstärkte Hormonausschüttung u.a. Endorphine usw. also körpereigenes "Doping".

    Allerdings setzt das Ganze einen gewissen Trainingszustand und Fitness voraus. Guter Indikator ist, wenn das Lauf-Trainings-Pensum "abgespult" wird ohne groß mit dem Schweinehund kämpfen zu müssen, nach ein paar km wird man quasi "High"...

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  • Schlagworte Blog | Freizeit | GPS | Hobby | Konsum | Leistungsgesellschaft
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