Welthockeyspieler Fürste"Mir wurde klar, was für ein ungeduldiger Mensch ich bin"

Welch Idee! Indiens Hockeyliga ersteigert für einen Monat die weltbesten Spieler. Olympiasieger Moritz Fürste hat dieses Abenteuer erlebt und auch viel über sich gelernt. von 

ZEIT ONLINE: Sie sind zweifacher Olympiasieger, Weltmeister, aktueller Welthockeyspieler. Im Januar ließen Sie sich für rund 65.000 Euro nach Indien versteigern. Fühlten Sie sich als Objekt?

Moritz Fürste: Nein, gar nicht. Das war sehr witzig. Die Auktion dauerte elf Stunden, ich habe sie komplett im Internet gesehen. Ein Auktionär pries uns Spieler wie Kunstgegenstände an: "50.000 sind geboten! Wer bietet 51.000?" Wahnsinn!

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ZEIT ONLINE: Die indische Hockey-Liga trug ihre Meisterschaft erstmals innerhalb eines Monats aus. Dazu holte sie sich die besten Spieler aus aller Welt, darunter zwei weitere Deutsche, Oskar Deecke und Nicolas Jacobi, ins Land. Auf die Vereine verteilt wurden die Spieler per Versteigerung. Wie empfanden Sie und alle anderen dieses Projekt?

Fürste: Es war für uns alle ein großes Abenteuer. Ich freue mich schon auf das nächste Mal, ich habe einen Dreijahresvertrag.

ZEIT ONLINE: Sie hatten kein Mitspracherecht über Ort und Verein. Das muss doch komisch gewesen sein. Hatten Sie von Ranchi zuvor gehört?

Fürste: Nein, die anderen Vereine kannte ich aber auch nicht. Im Nachhinein muss ich sagen: Es hätte mich nicht besser treffen können als mit den Ranchi Rhinos. Ranchi ist eine hockeyverrückte Kleinstadt. Bei den Spielen herrschte beste Stimmung, das Stadion hat eine Kapazität von 5.000, aber 8.000 Leute waren da. Das Finale, das wir 2:1 gegen die Delhi Waveriders gewannen, sahen zudem 40.000 im Fußballstadion nebenan über Leinwände. Als wir nach dem Sieg im Finale die Meisterschaft feierten, blockierten Fans vor Freude unseren Bus. Das kennt man in Deutschland nur vom Fußball.

ZEIT ONLINE: Woher diese Identifikation? Das Ganze wirkt doch künstlich.

Fürste: In Deutschland würde man vielleicht über Retortenmannschaften reden. In Indien ist das anders, dort wurden wir als Gäste empfangen. Außerdem gibt es eine Quote, mindestens sechs von elf Spielern auf dem Feld müssen Inder sein. Die Indische Cricket-Liga war das Vorbild, sie macht seit sechs Jahren exakt das gleiche – Attraktivität und sportliche Qualität sind seitdem deutlich gestiegen.

ZEIT ONLINE: Das Finale sahen 23 Millionen Inder im Fernsehen. Indiens Hockey hat reiche Sponsoren, daher auch viel Geld. Sonst gibt es in dem Land viel Armut. Was haben Sie davon mitbekommen?

Fürste: Was mir vor allem auffiel: die Abwesenheit von Neid auf der einen und Arroganz auf der anderen Seite. Inder machen keinen Unterschied im Umgang mit Menschen, sie sind zufrieden mit dem, was sie sind und haben. Das ist zumindest mein Eindruck aus vier Wochen. Ich habe einmal Mandeep Singh, einen indischen Star, dabei beobachtet, wie er mit einem Mitarbeiter des Packdienstes am Bahnhof sprach. Genauso wie mit allen anderen auch.

ZEIT ONLINE: Früher war Indien eine Hockey-Weltmacht. Seit der Umstellung von Natur- auf Kunstrasen ist das Land ins Hintertreffen geraten. Mit diesem Projekt will der indische Hockeyverband den Anschluss schaffen und seine Talente fördern. Ist das sinnvoll?

Fürste: Ja. Junge Inder können sich mit den Weltbesten messen, auf einem Niveau, das man nur aus Europas Ligen kennt. Der Weltverband unterstützt die Aktion. Er hat großes Interesse daran, dass das indische Hockey wieder stark wird. Mein Engagement bei den Rhinos zählt formal nicht als Vereinswechsel, ich kehre in diesen Tagen zu meinem Verein Campo Villa de Madrid zurück. Die indische Liga hat für ihre Meisterschaft genau die Winterpause der größten Ligen abgepasst.

Leserkommentare
  1. endlich mal eine andere Sportart als Fußball, und eine Geschichte, die man noch nicht kannte.
    Habe ich gerne gelesen, bitte mehr davon!

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  • Schlagworte Indien | Hockey | Olympiasieger | Cricket | Fußball | Schiedsrichter
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