Skiwachser"Ganz kalter Schnee liegt uns"

Mit Maske und Bügeleisen bei der Ski-WM: Enrico Heisig ist Cheftechniker des Deutschen Skiverbandes. Im Interview erzählt er vom perfekten Ski und seinem Lieblingsschnee. von 

Der DSV-Cheftechniker Enrico Heisig

Der DSV-Cheftechniker Enrico Heisig  |  © DSV

ZEIT  ONLINE: Herr Heisig, Sie sind der "Cheftechniker des deutschen Skiverbandes, nordische Disziplinen und Biathlon". Was macht ein Cheftechniker denn so?

Enrico Heisig: Vereinfacht gesagt bringen wir als Techniker den Ski zum Gleiten. Und zwar im Idealfall schneller als den der Konkurrenz. Als Cheftechniker kümmere ich mich das ganze Jahr darum, unser Material zu verbessern. Bei der Ski-WM hier in Val di Fiemme sind wir 18 Techniker. Wir suchen die besten Wachse und besten Schliffe. Das klingt einfach, ist aber eine sehr intensive Arbeit.

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ZEIT ONLINE: Bewirkt das etwas?

Heisig: Klar. Als Wachser hat man einen entscheidenden Anteil an Sieg und Niederlage. Das Material ist in unserem Sport ein sehr wichtiger Faktor. Jede Nation kämpft um das beste Material. Deshalb sind wir in diesen Tagen der Ski-WM von früh um sechs bis in die Nacht auf den Beinen.

Enrico Heisig

Enrico Heisig ist als Cheftechniker des Deutschen Skiverbandes bei der nordischen Ski-WM in Val di Fiemme für das Material der Skilangläufer und Kombinierer (Skispringen und Skilanglauf) zuständig. Heisig war bis 1997 selbst Kombinierer und präparierte schon damals sein Material meist selbst.

ZEIT  ONLINE: Sie stehen den ganzen Tag in Ihrem Container und wachsen?

Heisig: Nicht nur. Wir bereiten die Ski vor und versuchen, mit unseren Testskiern das beste Setup für den Tag zu finden. Dazu gehört, das Material selbst zu testen, also Ski zu laufen. Wir laufen im Schnitt vormittags und nachmittags jeweils zwei Stunden. Da kommen einige Kilometer zusammen.

ZEIT  ONLINE: Wonach entscheiden Sie, wie gewachst und geschliffen wird?

Heisig: Der wichtigste Faktor ist die Schneebeschaffenheit. Ob kalt, trocken und kristallin oder eher körnig. Wichtig sind auch die Schneetemperatur und die Schneefeuchte sowie die Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit.

ZEIT ONLINE: Klingt wie eine Wissenschaft.

Heisig: Schnee hat viele Facetten. Er ist von Ort zu Ort unterschiedlich. Mitteleuropäischer Schnee ist anders als japanischer Schnee, der Schnee in Sibirien ist wiederum eine Sache für sich.

ZEIT ONLINE: Haben Sie einen Lieblingsschnee?

Heisig: Mittelkörniger Schnee, bei minus fünf, sechs Grad, das liegt uns. So wie 2011 in Oslo, da haben wir bei der WM mit den Kombinierern sechs von acht möglichen Medaillen geholt, auch weil wir materialtechnisch in jedem Rennen verdammt gut aufgestellt waren. Ganz kalter Schnee liegt uns auch, nasser Schnee ebenso. Ein bisschen schwer tun wir uns im Neuschneebereich. So richtig nasser Neuschnee ist eine große Herausforderung.

ZEIT  ONLINE: Welcher Ski passt zu welchem Schnee?

Heisig: Es gibt eine einfache Formel: Bei kaltem, trockenen Schnee braucht es einen Ski mit ganz feinem Schliff, bei nassem einen groben. Ich vergleiche das gerne mit der Formel 1: Auf trockener Strecke fährt man einen Slick-Reifen ohne Profil, wird es nass, kommt der Regenreifen mit Rillen raus. So etwa kann man sich das bei uns auch vorstellen. Mit dem Unterschied, dass es dazwischen noch Tausende Abstufungen gibt.

ZEIT  ONLINE: Was ist der Unterschied zwischen Wachsen und Schleifen?

Heisig: Beim Schleifen bearbeiten wir mit einer Schleifmaschine den Belag des Skis. Dieser Schliff ist sozusagen das Basispaket, das erst einmal stimmen muss. Das Wachs macht dann nur noch etwa zehn Prozent der Gesamtleistung aus. Aber das sind genau die Prozent, die entscheidend sind. Ungefähr so wie die Reifen bei einem Formel-1-Wagen. Beim Wachsen verwenden wir unterschiedliche Komponenten, Paraffine zum Beispiel, aber im Moment gibt es nichts Besseres als Fluor-Karbonwachs. Das aufgebrachte Wachs hält jeweils nur für die Dauer eines Wettkampfs, der Schliff bleibt.

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