Doping-StudieWarum betrügen Sportler?

Existenzängste, Erfolgsdruck, Depressionen – eine Studie zeigt, warum Leistungssportler zu Dopingmitteln greifen. Sie zeichnet ein alarmierendes Bild. von Friedhard Teuffel

Betrogen wird auch in der Leichtathletik

Betrogen wird auch in der Leichtathletik  |  © Roodini / photocase.com

Das Leben eines Sportlers scheint nicht ganz so schön zu sein, wie es sich die Zuschauer im Stadion oder am Fernseher vorstellen. Es gibt tatsächlich größere Existenzängste, und auch der Erfolgsdruck macht den Athleten mehr zu schaffen, als es von außen den Anschein erweckt. Die Deutsche Sporthochschule in Köln hatte in einer Studie im Auftrag der Stiftung Deutsche Sporthilfe nach Gründen dafür gesucht (Download hier), warum Sportler dopen, den Ausgang ihres Wettbewerbs manipulieren und gesundheitliche Risiken in Kauf nehmen.

Die Sporthilfe will mit den Ergebnissen ihr Förderkonzept verbessern. Und sie sieht sich durch diese Studie in ihrem Ansatz bestätigt: Sie will sich mehr um die Athleten kümmern, mehr bei Ausbildung und Berufsfindung unterstützen und weniger Prämien für einzelne Leistungen zahlen.

Anzeige

"Es geht nicht darum, den Athleten 500 Euro in die Hand zu drücken und zu sagen: Jetzt siegt mal schön", sagt Michael Ilgner, der Vorstandsvorsitzende der Sporthilfe.

Dass ein erfolgreicher Sportler immer in Saus und Braus lebt, hatte schon eine vorangegangene Studie der Sporthochschule im Auftrag der Sporthilfe widerlegt. Bei einer Wochenarbeitszeit von 59 Stunden kommt der von der Sporthilfe geförderte Durchschnittssportler in Bundeskadern auf einen monatlichen Nettoverdienst von 626 Euro, hatte Christoph Breuer herausgefunden, Professor für Sportökonomie und Sportmanagement an der Sporthochschule. Diesmal fragte er nach gesundheitlichen Gefahren und Fehlverhalten der Sportler.

Von allen befragten Athleten der Sporthilfe sehen 58 Prozent Existenzangst und 89 Prozent Erfolgsdruck als Gründe dafür, warum Sportler Regeln brechen oder gesundheitliche Schäden in Kauf nehmen. Die Bevölkerung dagegen nahm die Ursachen in einer repräsentativen Befragung weniger dramatisch, nur 13 Prozent glauben an Existenzangst der Sportler, 64 Prozent an Erfolgsdruck als Ursache für Dysfunktionen des Spitzensports. In der Befragung gaben neun Prozent der Sportler an, unter depressiven Erkrankungen zu leiden, 10 Prozent unter Essstörungen. Es gibt hierbei jeweils einen grauen Bereich von etwa 40 Prozent, über den sich aufgrund der Erhebungstechnik nicht mit Sicherheit sagen lässt, ob die Sportler nicht auch unter solchen Krankheiten leiden.

Sechs Prozent gaben zu, regelmäßig zu dopen. Bei über 41 Prozent der Befragten lässt sich auch hierbei keine Aussage treffen, es gibt also eine gewisse Dunkelziffer. An Doping, das hat die Befragung der Bevölkerung gezeigt, hat man sich inzwischen gewöhnt, die Befragten schätzten, dass 29 Prozent der Athleten regelmäßig zu Dopingmitteln greifen.

In das Förderkonzept hat die Sporthilfe weitere Elemente gebaut, um den Druck auf die Athleten vielleicht noch etwas abzufedern, ohne jedoch weniger Leistung von ihnen zu erwarten. "Wir wollen und müssen mehr für die duale Karriere tun", sagte Ilgner. Wer Sporthilfe-Athlet ist, hat zum Beispiel schon ein Vorstellungsgespräch bei einem großen Telekommunikationsunternehmen sicher, diese Vereinbarung hat die Sporthilfe getroffen. "Unsere Förderung", sagt Ilgner, "muss über das Materielle hinausgehen."

Erschienen im Tagesspiegel

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Doping und Sport, Spickzettel und Schule, Intrige im Büro, Leistung und Unleistung - die Anerkennung dafür sieht sie nicht. man gönnt sich die Illusion am Feierabend, der Tag bietet genug davon. Wer als Sportler nicht auf duale Karriere achtet ist so dumm wie jeder Mensch, der Erfolg nicht mit Absicherung privater Lebensqualität und finanzieller Natur zu verbinden weiß, das Eine fördert das Andere da es schützt. Die Sportler werden bereits so jung in Kader gesteckt und "fremdgesteuert" sowie enthirnt in Tages- Ernährungs- und Trainingsplänen, daher soll auch die Sportförderung die Verantwortung für die gescheiterten oder verletzten Sportler übernehmen, nicht allein um sie zu "optimieren"

    Eine Leserempfehlung
  2. 2. Doping

    Unsere Gesellschaft ist lediglich an Höchstleistungen interessiert. Schon der zweite Platz, gilt manchmal bereits als persönliches Versagen.

    Wir sind so darauf konzentriert zu diesen Gladiatoren, die den Thron bestiegen haben, empor zu schauen, dass wir die tatsächlich großen Leistungen übersehen.

    Meine 92-jährige Großmutter war letzte Woche das erste mal in ihrem Leben im Kino. Was für eine Leistung!

    4 Leserempfehlungen
    • Infamia
    • 21. Februar 2013 10:12 Uhr

    "Von allen befragten Athleten der Sporthilfe sehen 58 Prozent Existenzangst und 89 Prozent Erfolgsdruck als Gründe dafür, warum Sportler Regeln brechen oder gesundheitliche Schäden in Kauf nehmen. "

    Je nach Sportart spielt Existenzangst sicher eine große Rolle. In vielen Sportarten sind es ja oft nur die, die ganz oben auf dem Treppchen stehen die, die Zugang zu luktrativen Sponsoringverträgen haben, die ihnen zumindest während der Karriere das Überleben sichern.

    Und was den Erfolgsdruck betrifft, ist auch das nachvollziehbar. Wer will sich schon freiwillig trotz eigentlich guter Leistung vom Boulevard durch den Kakao ziehen lassen? Wenn schon nach dem 2. Wettkampftag das Heulen und Klappern in den jeweiligen Medien losbricht, wo denn die Medaillen bleiben, nervt das sicher zusätzlich und erhöht den Druck, selbst wenn man seinen Wettbewerb erst ein paar Tage später hat, wie zuletzt bei Olympia 2012 geschehen.

    Wir leben in einem pervertierten Leistungssystem, wo der, der seine Leistung nicht bringt, und sei es nur vorrübergehend, schnell Gefahr läuft, aussortiert zu werden. Das fängt im Büro an und hört im Profisport auf. Leider!

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • lxththf
    • 21. Februar 2013 11:45 Uhr

    Sie haben Olympia angesprochen. "Debakel" "Der schleichende Untergang der Britta Steffen" "Blamables Halbfinalaus" "Katastrophal" usw.
    EM: Die Schlagzeilen nach dem Aus gegen Italien
    Tour de France: Die Häme für Ulrich, als er mehrfach 2. wurde
    Letzte Fußballsaison: Die Häme für die Bayern, weil sie in allen Wettbewerben 2. wurden
    F1: Die Berichterstattung über M. Schumacher
    Boxen: Berichte über Abraham (als er mehrfach verlor) und Felix Sturm
    Skispringen: Berichte über die Niederlagen der DSV-Springer

    Soviel zu den Medien und dann gibt es da noch die Fans, bei denen die Reaktionen nicht wirklich anders sind. Bei Siegen wird gejubelt, bei Niederlagen verbal auf die Athleten eingeprügelt und das ohne jede Relation. Am deutlichsten zeigen das wirklich die Kommentare zur Fu0ballnationalmannschaft (ok, die sind finanziell gesichert)
    Es gab viele Momente aus denen "der Journalismus" hätte lernen können, wie z.B. der Fall Deisler, Enke, aber nach ein paar Wochen ist alles wieder beim Alten.
    Gerade für jüngere Sportler ist es dann enorm schwer, mit all dem Druck umzugehen und wir als Gesellschaft sollten uns fragen, wie bedeutend Titel eigentlich sind? Ob nicht manchmal eher der Weg das Ziel ist ...

    • oranier
    • 21. Februar 2013 10:35 Uhr

    Von solchen Studien, auf deren Ergebnisse man nicht so ohne weiteres käme, brauchen wir noch mehr.
    Wer würde z.B. denken, dass Erfolgsdruck ein Motiv für die Einnahme von Dopingmittel ist? Wobei: die Dunkelziffer versteht man nicht. Wieso kreuzen Sportler, die dopen, das in solchen Studien nicht einfach an?

  3. na gut, das sind aber auch Grenzgänger die bewusst oder unbewusst einiges mitbringen. Wer nach dem Alles-oder-Nichts Prinzip leben möchte hat Existenzängste. ich denke dass heute medial nicht minder der Sieger fokussiert wird als er es in totalitäreren Zeiten geworden ist. Wer nichts außer Alleinsieger sein möchte ist prinzipiell auch Kandidat für Depressionen. Bizarr, denn unserer Leistungsgesellschaft geht das Interesse an der Leistung verloren: ein Sportler leistet gerne jeden Tag - er sieht, dass er dadurch immer ein Stückchen besser wird. Intrinsische Motivation wird negiert.

  4. mehr gibt's da eigentlich gar nicht zu sagen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Sportler dopen weil es sich lohnt
    mehr gibt's da eigentlich gar nicht zu sagen."

    Nein, im Gegenteil, da gibt es sehr vielmehr dazu zu sagen. Dieses sich "Lohnen" lässt sich auch nicht so einfach auf die finanzielle Ebene herunterbrechen, da kommen nch sehr viele andere Aspekte hinzu.
    Stellen sie sich mal eine 14-jährige Leistungsschwimmerin vor, die von ihren Eltern täglich zwei Stunden zum Trainig gefahren wird. Das Leben der ganzen Familie richtet sich entsprechend dem Sport der Tochter aus. Vielleicht entwickelt sich auch noch eine besondere beziehung zum Trainer, welche auch eine erotische Komponente enthält. Welche Verantwortung lastet nun auf solch einem jungen Mädchen, mit welcher Erwartungshaltung wird sie konfrontiert. Dies geht alles sehr tief in die persönlichen Beziehungsstrukturen ein, und verändert auch die Psyche der jungen Sportlerin. Was ist, wenn dann die Lesitungen stagnieren, der Start bei internationalen Meisterschaften in Gefahr gerät.
    Wie sehr können sich nun die Koordinaten des eigenen Wertesystems verschieben. Welchen Selbsttäuschungen setzt sich der Mensch aus. Wie wirkt ein "Die dopen doch alle", auf die eigene Entscheidung zur Einnahme von unerlaubten Sustanzen?

    Sportler sind eben auch nicht in einem Zustand absoluter "Rationalität", sondern es sind Menschen in einem oft engeren Geflecht von Abhängigkeiten als es Nichtsportler sind.

    Von daher erscheint die Studie zwar erschreckend zu sein, aber durchaus realistisch.

  5. "Sportler dopen weil es sich lohnt
    mehr gibt's da eigentlich gar nicht zu sagen."

    Nein, im Gegenteil, da gibt es sehr vielmehr dazu zu sagen. Dieses sich "Lohnen" lässt sich auch nicht so einfach auf die finanzielle Ebene herunterbrechen, da kommen nch sehr viele andere Aspekte hinzu.
    Stellen sie sich mal eine 14-jährige Leistungsschwimmerin vor, die von ihren Eltern täglich zwei Stunden zum Trainig gefahren wird. Das Leben der ganzen Familie richtet sich entsprechend dem Sport der Tochter aus. Vielleicht entwickelt sich auch noch eine besondere beziehung zum Trainer, welche auch eine erotische Komponente enthält. Welche Verantwortung lastet nun auf solch einem jungen Mädchen, mit welcher Erwartungshaltung wird sie konfrontiert. Dies geht alles sehr tief in die persönlichen Beziehungsstrukturen ein, und verändert auch die Psyche der jungen Sportlerin. Was ist, wenn dann die Lesitungen stagnieren, der Start bei internationalen Meisterschaften in Gefahr gerät.
    Wie sehr können sich nun die Koordinaten des eigenen Wertesystems verschieben. Welchen Selbsttäuschungen setzt sich der Mensch aus. Wie wirkt ein "Die dopen doch alle", auf die eigene Entscheidung zur Einnahme von unerlaubten Sustanzen?

    Sportler sind eben auch nicht in einem Zustand absoluter "Rationalität", sondern es sind Menschen in einem oft engeren Geflecht von Abhängigkeiten als es Nichtsportler sind.

    Von daher erscheint die Studie zwar erschreckend zu sein, aber durchaus realistisch.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    es lässt sich im Grunde trotzdem so einfach ausdrücken, wie ich es getan habe. Natürlich kann man alles weiter aufdröseln und das habe ich auch in diesem Kommentarbereich zu anderen Dopingartikeln selbst getan, das will ich Ihnen gar nicht ausreden.

    Nur soviel: wenn ich sage "Menschen essen, weil es sich lohnt", werden Sie es wie ich annehme kaum bestreiten. Debei könnten Sie genausogut erklären, dass man beim Essen leicht über fetthaltige Lebensmittel stoplert, die mit ihren erhöhten Zuckerzusätzen Abhängigkeiten verursachen, mit der Folge ungesunder Ernährung und schließlich Essstörungen. Dann steht das kleine Mädchen unter Druck und braucht einen Psychologen, zu dem entwickelt sie natürlich auch eine Beziehung, vielleicht gibt es da ebenfalls eine erotische Komponente, wer weiß...

    Das Leben ist komplex, aber manche Dinge kann man sehr knapp formulieren: Sportler dopen, weil es sich lohnt.

  6. Wenn sie einem Hobbysportler erzählen, daß er mit diesen Schuhen und mit jenen Kompressionsstrümpfen schneller läuft, wird er sie sich besorgen. Schneller und besser zu sein, weiter vorn in der Schlange zu stehen, fängt schon bei den Spermien an. Und manche Sportler sehen das gelassen, Andere
    sehr verbissen, bis hin zur Manipulation der Bedingungen.
    Ich stand vor vielen Jahren am Ufer des Rothsee´s um ein Schwimmtraing zu absolvieren. Der amerikanische Spitzentriathlet Marc Allen ging eben ins Wasser, am Ufer eine Schar Hobbytriathleten. Dann sagte Einer: "wenn der morgen seine Badehose verkehrt herum anzieht und dann gewinnt, machen es sofort Alle nach".

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Bevölkerung | Doping | Download | Sportler | Stadion | Studie
Service