Tor-Technik im FußballChip im Ball, Videobeweis oder Zauberkreide

Wembley darf es nie wieder geben, daher setzt die Fifa in Torfragen auf Technik. Befürworter hoffen auf mehr Gerechtigkeit, Nostalgiker warnen vor Big Brother im Fußball. von 

Im Fußball kommt bald moderne Technik zum Einsatz.

Im Fußball kommt bald moderne Technik zum Einsatz.  |  © photocase.de

Tofik Bakhramov dreht sich im Grabe um. Der sowjetische Linienrichter beging den berühmtesten Fehler, der je einem Spielleiter unterlaufen ist: das Wembley-Tor 1966, durch das England gegen Deutschland im WM-Finale entscheidend mit 3:2 in Führung ging. So was wird bei einer Weltmeisterschaft nicht mehr passieren, die Fifa führt ab 2014 die Torlinientechnik ein.

Offenbar will die Fußballweltregierung weitere Pannen verhindern, wie man sie aus der jüngeren Fußballhistorie kennt. Frank Lampards vermeintlicher Ausgleich gegen Deutschland im vorigen WM-Achtelfinale war Wembleys Gegenstück: war drin und zählte nicht. Bei der vorigen EM konnte John Terry den Schuss des Ukrainers Marko Devic erst hinter der Linie klären – dennoch kein Tor. Auffällig übrigens, dass immer Engländer im Spiel sind. Buchmacher aus London haben auf die jüngste Nachricht sofort reagiert und eine Wette angeboten: 66-1, dass England 2014 ein Tor durch die neue Technik zugesprochen bekommt.

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Zwei Modelle stehen der Fifa bislang zur Wahl: zum ersten GoalRef, das mit einem Chip im Ball und einem Magnetfeld um das Tor feststellen kann, ob das Spielgerät die Torlinie überquert hat. Ein Signal meldet den Torvollzug dem Schiedsrichter automatisch und sofort. GoalRef kam bei der Klub-WM im Dezember zum Einsatz, allerdings ohne dass es sich im Härtefall bewähren konnte. Es gab keine strittigen Szenen.

Oliver Fritsch
Oliver Fritsch

Oliver Fritsch ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Zum zweiten das Hawk-Eye: Sechs Kameras errechnen aus verschiedenen Perspektiven eine Bildersumme. Allerdings muss anschließend, nach allem, was man weiß, jemand die Bilder kontrollieren, was unpraktikabel und ungewohnt anmutet. Spielunterbrechungen sind selten im Fußball. Außerdem funktioniert das System nicht, wenn der Tormann die Hände auf dem Ball hat oder der Verteidiger auf dem Ball sitzt.

In vielen anderen Sportarten ist technische Hilfe längst üblich. Bei Grand-Slam-Turnieren können Tennisspieler ein Hawk-Eye bemühen. Eine Hockeymannschaft darf den Videobeweis solange einfordern, bis sie falsch liegt, dann erst wieder in der nächsten Halbzeit. Auch Cricket, Rugby oder Eishockey nutzen Videotechnik.

Für viele Fußballfans ist die Ablehnung von Technik eine Kulturfrage, obwohl es nur um "Tor oder nicht" geht und sich die Spielwirklichkeit nur minimal ändern dürfte. Fehler gehören zum Fußball, sagen sie. Hawk-Eye scheint zudem skalierbar, fürchten einige. Deren Big-Brother-hafte Verschwörungstheorie geht so: Erst geht es nur um die Torfrage, als nächstes um Abseits, Elfmeter und Einwurf.

Andere fürchten Manipulation. Bakhramov soll ja kurz vor seinem Tod im Jahr 1993 gestanden haben, dass er seine Entscheidung aus Rache für Stalingrad getroffen habe. Und in einem Internetforum merkte ein User besorgt an, die Magnetspulen von GoalRef könnten den Ball auf wundersame Weise vom Tor fernhalten. So könnte immerhin Tim Wiese wieder Nationaltorwart werden.

Die Befürworter erwarten eine Entlastung der Schiedsrichter, deren menschliches Auge oft überfordert ist. Fehlentscheidungen können bekanntlich zu unangenehmen Begleiterscheinungen führen, etwa Buhrufen oder Morddrohungen. Besonders Gutgläubige erhoffen sich durch die neue Technik mehr Transparenz in der Fifa.

Crowdlining

Eine kleine Umfrage unter ZEIT-ONLINE-Usern kann vielleicht helfen. Kai Butterweck schlägt einen Sensor vor, der auf ein Material reagiert, das sich nur auf der Oberfläche der Bälle befindet. Der Follower Jonas Holtkamp reicht einen Bewegungsmelder ein: "Wenn ein Tor fällt, gehen rote Warnleuchten an." Eine Regelinnovation bringt der Twitterer Adrian ins Spiel: "Wie beim Tennis: Das Team muss den Hawk-Eye-Einsatz aktiv einreichen. Liegt es falsch, bekommt der Gegner ein Tor." Dr. Erik Meyer glaubt an die allwissende Datenbrille von Google. David Gruber schreibt: "RFID Transponder im Ball und Empfänger in den Torstangen. Quasi 1a Diebstahlsicherung wie in Einkaufshäusern."

Die revolutionärste Idee entstammt Erich Sass: "Man könnte einen Mann mit gutem Auge auf den Platz schicken. Der könnte dann bei einem Tor pfeifen. (Frau geht auch.)" Am einfachsten wäre es natürlich, wenn sich die Herren Engländer angewöhnen würden, den Ball dorthin zu schießen, wohin er gehört: ins gute, alte Netz.

Die Fifa weiß um die Sensibilität ihrer Reform und stellt es allen Verbänden frei, ihr zu folgen. Die Bundesliga hält sich zurück. Michel Platini, der Präsident der Uefa, entdeckte angesichts der Kosten (bis zu 300.000 Euro pro Installation) sein Herz für die Basis. "So viele Millionen für ein oder zwei Tore. Das gebe ich lieber den Amateuren oder der Jugend."

Welches System gewinnt, ist offen. Hawk-Eye dürfte Favorit sein, denn der Fifa-Sponsor Sony ist dafür verantwortlich. Immerhin hat die Fifa zu weiteren Einsendungen aufgerufen, in der Hoffnung auf weitere Ideen. Ob sie auch für traditionellere Methoden wie die Klingelschnur beim Kegeln oder Zauberkreide offen ist, weiß man nicht.

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Leserkommentare
    • timonb
    • 20. Februar 2013 20:32 Uhr

    Muss beim Kamera-System wirklich erst das Material gesichtet werden, wie in diesem Artikel beschrieben? Denn gestern hieß es noch in einem Newsticker-Artikel auf zeit.de, dass durch einen Computer sofort ein Signal an die Armbanduhr des Schiedsrichters gesendet werden würde (http://www.zeit.de/news/2...).
    Es scheint also im Fussball ein wenig anders zu laufen wie im Tennis, was eigentlich fast ein bisschen schade ist, denn die Spannung in einem Topspiel, wenn sich alle fragen ob der Ball nun im Tor war oder nicht, dürfte riesig sein. Aber dann müsste die verschwendete Zeit wieder als Nachspielzeit hinzugefügt werden...

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  • Schlagworte Fifa | Sony | Michel Platini | Schiedsrichter | England | London
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