Was ist passiert?

Die europäische Polizeibehörde Europol hat nach eigenen Angaben den weltweit größten Wettskandal der Fußball-Geschichte aufgedeckt. Es geht um knapp 700 manipulierte Spiele zwischen den Jahren 2008 und 2011, darunter auch zwei Champions-League-Partien und zwei Spiele zur WM-Qualifikation. Insgesamt sollen 425 Spieler, Schiedsrichter und Offizielle aus mehr als 15 Ländern involviert sein. Der Verdienst der Kriminellen: acht Millionen Euro. "Das ist ein trauriger Tag für den Fußball", sagte der Europol-Chef Rob Wainwright.

Was ist eigentlich Europol?

Europol ist die Zentrale für den Informationsaustausch der europäischen, nationalen Polizeibehörden. Sobald mindestens zwei EU-Länder betroffen sind, ist es bei schwerer Kriminalität wie Terrorismus, organisiertem Verbrechen und Internetkriminalität zuständig. Europol kommt sowohl bei der Prävention als auch bei der Bekämpfung der Kriminalität zum Einsatz, hat selbst aber keine exekutiven Befugnisse, um beispielsweise einen Verdächtigen festzunehmen. An den Ermittlungen zu manipulierten Fußballspielen arbeiteten Polizeiteams aus 13 Ländern. Dabei wurden bisher unter anderem 13.000 Telefongespräche und E-Mails untersucht.

Sind auch deutsche Spiele betroffen?

Namen von verdächtigen Klubs oder Spielern nannte Europol nicht, um Ermittlungen nicht zu gefährden. In Europa sind 380 Spiele verdächtig, davon sollen laut dem Bochumer Hauptkommissar Friedhelm Althans, der Wettmanipulationen in Deutschland untersuchte, hierzulande rund 70 Partien unter Manipulationsverdacht stehen. Zahlreiche Spiele sind den Ermittlern schon bekannt – und wurden im Prozess gegen den Berliner Wettpaten Ante Sapina im Jahr 2011 vor Gericht verhandelt. 151 der 425 verdächtigen Personen sollen ihren Wohnsitz in Deutschland haben.

Wie hoch ist das Ausmaß der manipulierten Spiele?

Zwar betonen die Ermittler, dass alle bisherigen Erkenntnisse nur die Spitze des Eisberges darstellen, trotzdem sind nur ein Bruchteil aller Fußballspiele manipuliert. In drei Jahren gibt es allein in der Ersten und Zweiten Bundesliga 1.836 Spiele. In Ländern mit größeren Ligen wie England und der Schweiz sind es noch mehr. Zudem finden innerhalb von drei Jahren knapp 1.000 Champions-League- und Europa-League-Partien sowie Hunderte von EM- und WM-Qualifikationsspielen statt. Grob überschlagen wären damit knapp zwei Spiele von hundert manipuliert.

Wie wird betrogen?

Das ist unterschiedlich. Mal werden Schiedsrichter bestochen, wie im Fall von Robert Hoyzer, der im November 2005 wegen Betruges zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und fünf Monaten verurteilt wurde. Meist aber wenden sich die Betrüger direkt an die Spieler. Besonders gefährdet: Spieler in unteren Ligen, die wenig verdienen. Dass ein Einkommensmillionär Spiele verschiebt, ist eher unwahrscheinlich, zumal es bei ihm auch um sportlichen Ruhm geht. Gefährdet sind vor allem Fußballer, die selbst spielsüchtig sind, Schulden angehäuft haben und deshalb leicht erpresst werden können. Wie der ehemalige Osnabrücker Marcel Schuon. Durch mehr oder weniger auffällige Fehler der Spieler werden die Partien dann in Richtung des gewünschten Wettausgangs, meist einer Niederlage, beeinflusst. Es wurde auch berichtet, wie unbestechliche Spieler ausgeschaltet werden sollten, etwa durch körperliche Gewalt. In einem Fall war sogar von Gift die Rede, damit die manipulierten Spieler zum Zuge kommen.

In Finnland eine komplette Mannschaft kontrolliert

Wo sitzen die Hintermänner?

Laut Europol wird das kriminelle Netzwerk von Singapur aus gesteuert. Das deckt sich mit bisherigen Erkenntnissen. Etwa zwei Milliarden Dollar pro Woche werden in Südostasien mit Sportwetten umgesetzt, schätzte kürzlich der ehemalige Chefermittler des Fußball-Weltverbandes Chris Eaton. Dabei gilt ein gewisser Tan Seet Eng, genannt Dan Tan, als Kopf des internationalen Wettsyndikats. Über Hunderte Mittelsmänner manipulierte er Spiele auf vier Kontinenten. In Finnland kontrollierten die Asiaten gar einen kompletten Fußballklub. Eine weitere Masche: Die Betrüger kontaktierten kleinere Fußballverbände und boten ihnen Freundschaftsspiele an. Der Gegner war dann eine unechte Nationalmannschaft mit höchstens durchschnittlichen Fußballern, manchmal wurde auch ein manipulierter Schiedsrichter eingesetzt.

Hat man aus den bisherigen Fällen nichts gelernt?

Ein wenig schon. Es gab ja schon einige Wettskandale. In Deutschland neben dem Fall Hoyzer den sogenannten "Bochumer Wettskandal", in dem Ante Sapina, der schon Hintermann des Hoyzer-Skandals war, zugab, 51 Spiele in Deutschland, der Schweiz, Belgien und Österreich manipuliert zu haben. Als Reaktion darauf wurden sogenannte Frühwarnsysteme installiert. Möglicher Wettbetrug sollte schon im Entstehen aufgedeckt werden. Wenn auffällig hohe Einsätze auf ein bestimmtes Spiel gesetzt werden oder weitere auffällige Wettmuster entstehen, wird das umgehend an Wettanbieter und Sportverbände gemeldet. So kann das Wetten auf einzelne Spiele ausgesetzt oder Partien ganz abgesagt werden. Das Problem: Die Systeme reagieren vor allem auf auffällig hohe Einsätze. Wer bei vielen unterschiedlichen Anbietern mehrere kleinere Beträge setzt, schlüpft unter dem Radar durch. Zudem setzen viele Betrüger auf Live-Wetten. Die werden während des Spiels platziert, es bleibt also keine Zeit mehr, zu reagieren. Und: Wetten auf illegalen Märkten wie eben in Asien werden nicht erfasst.

Welche Konsequenzen könnten die neuen Erkenntnisse haben?

Wettmanipulationen sind derzeit wohl die größte Gefahr für den Fußball. Doch gegen Wetten auf illegalen Märkten vorzugehen, ist fast unmöglich. Nun könnten aber auch die legalen Sportwetten wieder ins Gerede kommen. Der FC Bayern beispielsweise machte vor nicht einmal einem Jahr Werbung für den Anbieter bwin. Private Sportwetten sind eigentlich illegal, laut Glücksspielstaatsvertrag dürfen nur staatliche Anbieter Glücksspiele verbreiten. Vor allem aber bergen Sportwetten, besonders Online-Wetten, ein hohes Suchtpotenzial. Bisher hat sich darüber niemand beschwert. Vielleicht aber stehen wir nun vor einer generellen Verbotsdebatte.