Griechischer Fußball : Ein Hitlergruß und seine bewundernswerten Folgen

Der Hitlergruß des Fußballers überrascht wenig, die Reaktion des griechischen Fußballverbandes aber schon: Die war schnell und vorbildhaft, kommentiert Steffen Dobbert.
Giorgos Katidis nach seinem Tor für Athen im Spiel gegen Veria © STR/AFP/Getty Images

Kein schönes, aber ein wichtiges Tor für AEK Athen. Am Samstagnachmittag hatte Giorgos Katidis kurz vor Schluss den Siegtreffer erzielt. Die Fans flippten aus. Der Mittelfeldspieler zog sich das Trikot vom Leib und feierte mit Hitlergruß. Es war sein letztes Spiel für seinen Verein.

Katidis behauptet nun, er sei in keiner Weise rassistisch. Aber man mag dem Fußballer nicht glauben. Er gilt als sehr stolzer Grieche. Sein ausgestreckter rechter Arm überrascht gar weniger als die Reaktion des griechischen Fußballverbandes darauf.

Für die griechische Nationalmannschaft wird Katidis nie wieder auflaufen. Der Fußballverband sperrte ihn, eines der größten Talente des Landes, auf Lebenszeit. Bevor AEK Athen Katidis bestrafen konnte, kündigte er den Vertrag. Weil der 20-Jährige für einige Sekunden die Beherrschung verlor, ist seine junge Karriere gescheitert.

"Die Zuschauer nach Art der Nazis zu grüßen, verletzt aufs Gröbste das allgemeine Empfinden, sie beleidigt aufs Schwerste alle Opfer der Nazi-Barbarei und verletzt zutiefst den friedlichen und menschlichen Charakter des Fußballs", stellte der griechische Fußballverband noch am Wochenende klar und handelte damit bewundernswert vorbildhaft.

In Griechenland berichten schon Grundschullehrer, dass Kinder den Hitlergruß zeigen und Hakenkreuze auf die Schulbänke malen, rechtsradikale Flugblätter und CDs werden auf Schulhöfen verteilt, Anhänger und Mitglieder der rechtsradikalen Partei Goldene Morgenröte versuchen über Elternverbände oder Fußballvereine Einfluss auf die Aktivitäten der Schulen zu gewinnen.

Die Neonazipartei, die es bei den vergangenen Wahlen erstmals seit fast 40 Jahren ins griechische Parlament schaffte, fordert unter anderem Bomben gegen Migranten. Vor einer Pressekonferenz sperrte die Partei alle griechischen Journalisten aus, die den Hitlergruß nicht zeigen wollten.

Steffen Dobbert

Steffen Dobbert ist Redakteur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Die radikalen Sparmaßnahmen nach der Finanzkrise des Landes haben soziale Missstände verursacht. Die Folge sind Aggressionen und Fremdenfeindlichkeit. Brutale Übergriffe auf Ausländer gibt es in Athen täglich. In einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch aus dem vergangenen Sommer heißt es: "Die Angreifer agieren in Gruppen, operieren mitunter mit Messern und Schlagstöcken und tragen zur Vermummung Kopftücher und Motorradhelme." Auf die Polizei können die Opfer selten hoffen.

Genau gegen diese Missstände hat der griechische Fußballverband mit der Bestrafung Katidis ein Zeichen gesetzt. So banal und unpolitisch ein Fußballspiel wirken mag. Das Potenzial für rechte Menschenfänger ist im Stadion gewaltig.

Vor acht Jahren hat das der italienische Fußballverband erlebt. Der Stürmer Paolo Di Canio hatte seinen Fans ebenfalls einen Hitlergruß gezeigt. Der Verband reagierte lediglich mit einer Geldstrafe von 10.000 Euro. Di Canio sagte, seine Siegesfreude hatte "nichts mit Politik zu tun". Danach zeigte er noch bei zwei weiteren Liga-Spielen den Hitlergruß und wurde zu einem Helden italienischer Neonazis.

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Kommentare

97 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

Selbstkasteiung??

Das was Sie "Selbstkasteiung" nennen, nenne ich geschichtliche Aufarbeitung und ich bin - in einem positiven Sinne - verdammt nochmal Stolz darauf, dass Deutschland die Eier hatte sich seiner Geschichte zu stellen. Und wenn das als Schwäche ausgelegt wird... ist mir das herzlich egal. Ich persönlich habe die Nazi-Zeit nicht erlebt und fühle daher auch 0,0 % persönliche Schuld - aber dennoch eine historische Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft: Nicht als Deutscher, sondern als Erdenbürger.

Und by the way: Wo bitteschön kommt das Wort "Deutschland" im Artikel vor?
Es geht um einen gezeigten Hitlergruß im griechischen Fußball. Und da Hitler ja fatalerweise nicht nur in Deutschland "wirkte", sondern sich global versuchte, geht diese Gestik nunmal auch Nicht-Deutschen an die Nieren. Und zwar zu recht.

Sie schreiben von einer deutschen Arroganz, welche andere Länder beratschlägt? Nun, es mag sein, dass so ein Duktus leider manchmal vorkommen mag. Aber ehrlich gesagt habe ich es auch nicht gerne, wenn mir gegenüber z.B. von Nicht-Deutschen Rechtsauslegern (auf Reisen oder im Inland) beratschlagend Mitleid entgegengebracht wird, weil wir armen Deutschen uns ja angeblich in unserem Nationalgefühl so buckeln müssen. Ich leide aber nicht an meinem Land und schon gar nicht an mangelndem Nationalgefühl.
Es gab schon Momente dieser Art, wo ich dachte: wie selbstgerecht. Der will uns Deutschen das nur erlauben, damit er auch wieder darf.

Verhältnismäßigkeit

Eine lebenslange Sperre (auch noch bei einem öffentlichen "Amt" mit enormer Vorbildfunktion) sei unverhältnismäßig?
Nur um das Ganze einzuordnen: Unter Hilter wurden über 7 Millionen Menschen gezielt getötet, ganz abgesehen von allem zusätzlichen Leid durch den Krieg. Und der Mann macht super-prominent Werbung für die dahinter stehende Lebenseinstellung.
Verhältnismäßigkeit ist hier ein interessantes Wort.

Wir sprechen hier zudem nicht von einem 12-jährigen. Dieser Mann hatte in seinem Leben schon mehr als genug Chancen, zu begreifen was er tut. Und auch schon genug Verwarnungen.