Kevin-Prince BoatengIst er wirklich das Ghetto-Kid?

Lange galt Kevin-Prince Boateng als schwer sozialisierbar. Dann wehrte er sich gegen rassistische Angriffe auf seine Art und begeistert nun die Vereinten Nationen. von Sven Goldmann

Kevin Prince Boateng während seiner Rede vor der UN

Kevin Prince Boateng während seiner Rede vor der UN  |  © Martial Trezzini, DPA

Er ist ein bisschen spät dran. Mit der Rede. Die ersten Gedanken hat er sich nach dem Frühstück gemacht, und dann ist auch der Genfer Verkehr dichter als erwartet, so dass sich das Publikum ein wenig gedulden muss in Saal XIX des Palais des Nations.

Die Vereinten Nationen warten auf Kevin-Prince Boateng.

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Es kommt nicht so oft vor, dass ein Fußballprofi auf der Rednerliste des Hohen Hauses steht. Jeder will sein Foto, jeder bekommt sein Foto. Boateng setzt sich in die Mitte des Podiums, gleich neben die Hohe Kommissarin für Menschenrechte, Navanethem Pillay, eine südafrikanische Juristin, die im Menschenbild der Apartheid ihren Platz in der Schublade "Mischlinge" hatte. Während Frau Pillay ihre Begrüßungsworte abliest, taxiert Kevin-Prince Boateng die Menge, er richtet den Krawattenknoten, schaut auf die Uhr. Noch zwei Minuten.

Seit 1966, immer am 21. März, begehen die Vereinten Nationen einen internationalen Tag für die Beseitigung von Rassendiskriminierung. Das ist ein sperriger Begriff und ansonsten noch niemandem so richtig aufgefallen. Im letzten Jahr hieß der Stargast Jesse Jackson, er wollte mal der erste schwarze Präsident der USA werden, aber das findet sich auch nur noch in älteren Geschichtsbüchern. Der internationale Tag für die Beseitigung von Rassendiskriminierung war ein protokollarischer Pflichttermin. Bis nun ein Berliner dem Kampf ein Gesicht gegeben hat. Es ist ein dunkel pigmentiertes Gesicht mit einer tätowierten Krone, die sich vom Hals Richtung Hipster-Bärtchen schlängelt. Es ist das Gesicht von Kevin-Prince Boateng.

Noch eine Minute.

Boateng ist am Tag zuvor aus Mailand eingeflogen, am Vormittag hat er den ghanaischen Botschafter besucht, das ist wichtig, denn er hat ja mal für Ghana Fußball gespielt, als die Deutschen ihn, den Jugendnationalspieler, nicht mehr wollten. Er trägt einen dunkelgrauen Anzug, weißes Hemd und Krawatte, das Haar ist an den Schläfen ausrasiert und in der Mitte ordentlich zurückgekämmt. Noch ein Griff zur Wasserflasche und zum Manuskript.

Ladies and Gentlemen, Mr. Kevin-Prince Boateng! Das Mikrofon streikt. Kurzes Rütteln. "Good Afternoon", sagt Boateng. Die nächsten fünf Minuten gehören ihm. Er spricht über Malaria und Moskitos und Barack Obama und Muhammad Ali. Alles fügt sich wunderbar ineinander, und am Ende dieser fünf Minuten, so viel sei vorweggenommen, am Ende also wird sich jeder im Publikum fragen: Ist das wirklich Kevin-Prince Boateng? Das Ghetto-Kid aus dem Berliner Problembezirk Wedding, Deutschlands Staatsfeind Nummer eins für ein paar Wochen nach einem Tritt gegen den deutschen Fußballhelden Michael Ballack?

Am Sonntag hat er in Mailand noch Fußball gespielt. 2:0 gegen Palermo, beide Tore schoss Milans Afro-Italiener Mario Balotelli, der von sich sagt: "Wenn mich jemand auf der Straße mit einer Banane bewirft, würde ich ins Gefängnis gehen, weil ich denjenigen umbringen würde." Kevin-Prince Boateng hat ein ähnliches Problem ganz anders gelöst. Deswegen ist er am Donnerstag nach Genf gereist.

Die Geschichte des globalen Politpopstars Kevin-Prince Boateng begann am 3. Januar dieses Jahres in Busto Arsizio, einem Städtchen an der Mailänder Peripherie. Ein belangloses Testspiel gegen einen belanglosen Gegner mit einem nicht ganz so belanglosen Namen. Die Mannschaft Pro Patria hatte ein paar Fans mitgebracht mit sehr eigenwilligen Vorstellungen von der Liebe zum Vaterland. Junge Männer mit dunklen Jacken, Mützen und Schals. Immer wieder grunzten sie und johlten und stießen dumpfe Laute aus, wenn Boateng den Ball am Fuß hatte, und Boateng hatte den Ball sehr oft am Fuß.

Irgendwann war es genug. Noch ein Dribbling am linken Flügel, Haken nach rechts, einmal mit der Sohle über den Ball und dann – blieb er plötzlich stehen. Nahm den Ball in die Hand, drehte sich um und drosch ihn Richtung Publikum, er brüllte noch ein paar Worte hinterher, zog sich das Trikot über den Kopf und ging. Der Schiedsrichter versuchte ihn noch aufzuhalten, aber auf dem Fußballplatz hat sich Boateng noch von keinem aufhalten lassen. Seine Kollegen marschierten geschlossen hinterher. Das Spiel war aus. "Incredibile! Veramente incredibile", japste der Fernsehreporter in sein Mikrofon. Einfach unglaublich!

In Genf läuft Boatengs Heldenstück noch mal als Video über die Leinwand. Der ganze Saal applaudiert, mal abgesehen von Kevin-Prince Boateng, denn der kann sich ja schlecht selbst feiern. "Das Größte war, dass alle meine Mitspieler mit mir zusammen den Platz verlassen haben", sagt Boateng. "Das war eine gemeinsame Front gegen den Rassismus!"

Der spontane Spielabbruch von Busto Arsizio war das spektakulärste Signal gegen den alltäglichen Rassismus seit bald einem halben Jahrhundert. Seit der schwarzen Faust von Tommie Smith, aber wer kann sich daran noch erinnern? Der US-Amerikaner Smith hatte 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko Gold im 200-Meter-Sprint gewonnen und die Siegerehrung mit seinem Landsmann John Carlos zu einer politischen Demonstration genutzt. Während die amerikanische Hymne lief, reckten Smith und Carlos die Fäuste in den Himmel, sie steckten in schwarzen Handschuhen, dem Symbol der Black-Power-Bewegung.

Doch die Welt von 1968 war eine andere. Die Zuschauer im Stadion pfiffen, Smith und Carlos mussten aus dem Olympischen Dorf ausziehen und Mexiko binnen 48 Stunden verlassen. Zu Hause erhielten sie Morddrohungen.

Leserkommentare
  1. ...aber, dass sich der Autor mit dieser Formulierung "kein einfaches Pflaster für Menschen mit stärker pigmentierter Haut" der Terminologie der Neo-Faschisten bedient, fällt ihm hoffentlich auch auf.

    Vielleicht bin ich da auch ein wenig überempfindlich, aber diese Bezeichnung ist mir eher von Menschen bekannt, die Schwarze nicht mehr als Neger bezeichnen können/wollen, aber trotzdem eine Bezeichnung suchen, mit der man eine andere Menschengruppe abfällig bezeichnen kann.

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    Mit faschistischen oder anti-faschistischen Strömungen hatte ich bisher in meinem Leben nichts zu tun. Meine eigenen rassistischen Tendenzen halten sich in engen Grenzen, ebenso in meinem Freundeskreis. Ich glaube nicht, dass die obige Formulierung schon mal jemand in meiner Anwesenheit benutzt hat und folglich hat sie für mich auch keine Konnotationen - weder negative noch positive. Vielleicht geht es dem Autor da ähnlich?

    ..seien Sie nicht so empfindlich! Gerade dieses Angst davor haben, etwas zu sagen das rassistisch sein könnte gibt doch denen die es als Rassismus meinen, Macht! Über solche Pietäten können Bekannte von mir aus Afrika nur lächeln... Wenn die "korrekte" Bezeichnung unser großes Problem beim Thema Rassismus wäre dann hätten wir kein Problem..

    Ich bin halb Deutscher halb Portugiese und habe einen türkischen Bekannten den ich seit den KiGa kenne. In der 7ten Klasse waren unsere gegenseitigen Spitznamen: Türke und Portlacke (mit jeweiligen negativattributen/Vorurteilen versehen die hier zur Löschung meines Posts führen würden) Verstehen uns heute noch gut und er ist einer der am besten integrierten Türken die ich kenne! (Im Bezug auf Weißwürst und Leberkäs ;-))
    Nicht die Herkunft oder Hautfarbe ist entscheidend sondern der einzelene Mensch!

    Der Rassist sind sie selber, da sie eine stärker pigmentierte Haut schon als Herabwürdigung ansehen.
    Wie würden Sie denn Menschen mit stärker pigmentierter Haut bezeichnen wollen?
    Und dann benennen Sie sich auch noch nach dem Volk, welches das erste totalitäre Gesellschaftsmodell des Abendlandes errichteten und ihre Jungen zu Soldaten erzogen und deren Jargon auch von den Nazis gebraucht wurde (Reisender kommst du nach...).Ich möchte Ihnen deswegen allerdings nicht unterstellen ein Nazi oder Faschist zu sein, damit gehen so Leute wie Sie schon viel zu leichtfertig um.
    Die Verleugnung offensichtlicher Unterschiede und der leichtfertige Umgang andere als Faschisten zu bezeichen ist allerdings Öl im Feuer des Neofaschismus.

    ...stark pigmentierte Person bezeichnen würde? Einfach als Mensch. Muss man die Differenzen immer unterstreichen?

    Ich empfehle dazu sich mal die Meinung von Morgan Freeman anzuhören.

  2. Wenn ich noch einmal Hipsterirgendwas auf zeit.de lese raste ich aus.
    Kommt ihr euch nicht selbst lächerlich vor, mit eurem andauernden Hipster, Hipster, Hipster, Hipster, Hipster.

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    Steinigt ihn!

    ...Gedanke!

  3. Mit faschistischen oder anti-faschistischen Strömungen hatte ich bisher in meinem Leben nichts zu tun. Meine eigenen rassistischen Tendenzen halten sich in engen Grenzen, ebenso in meinem Freundeskreis. Ich glaube nicht, dass die obige Formulierung schon mal jemand in meiner Anwesenheit benutzt hat und folglich hat sie für mich auch keine Konnotationen - weder negative noch positive. Vielleicht geht es dem Autor da ähnlich?

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    Antwort auf "Guer Artikel..."
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    "Mit faschistischen oder anti-faschistischen Strömungen hatte ich bisher in meinem Leben nichts zu tun."
    Den Satz nehme ich ihnen einfach nicht ab.
    Augen zu und durch...

  4. ein großartiger Moment, dessen Tragweite man damals nicht abschätzen konnte. Es zeigt, wie sehr Sportler inspirieren und Missstände aufdecken könnten und völlig zurecht erwähnt KPB Muhammed Ali. Dieser zeigte, was es bedeutet in den USA schwarz zu sein und mit dem Stehen zu seinen Überzeugungen, was ihn den Titel gekostet hat, hat er gezeigt, was Größe bedeutet.
    Bevor ich nun ins schwärmen gerate, fasse ich mich kurz.
    Der Weg, den Boateng in diesem Moment auf dem Platz nahm, der Weg des gewaltlosen Protests gegen eine üble Form der Diskriminierung und Beleidigung hat etwas bewirkt. Es hat etwas gezeigt, genauso, wie seine Rede ein richtiges Signal ist, wie man Rassismus bekämpfen muss. Friedlich, aber energisch und bestimmt.

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  5. "Mit faschistischen oder anti-faschistischen Strömungen hatte ich bisher in meinem Leben nichts zu tun."
    Den Satz nehme ich ihnen einfach nicht ab.
    Augen zu und durch...

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    Antwort auf "Terminologie"
  6. 6. [...]

    Entfernt. Bitte belegen Sie ihre Behauptungen mit seriösen Quellen. Danke, die Redaktion/jp

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  7. Was er getan hat sollte eigentlich selbstverständlich sein: Flagge zeigen, so nicht! Das Lobpreisen durch ein Medium wie die Zeit zeigt doch nur was im Alltag läuft: schlucken und schweigen! Ich erachte es schon seit ja wie lange eigentlich, als normal oder sogar Pflicht mich energisch gegen Rassismus in meinem Umfeld zu äussern und aktiv zu werden! Übrigens auch bei der Arbeit!

    KPB gibt ein gutes Rolemodel für Kids ab die einen entsprechenden Hintergrund haben, aber wenn jeder von uns jeden Tag das lebt was in der politisch korrekten Gesellschaft in der wir ja leben, so oft propagiert wird, dann könnte Herr Boateng einfach fußballspielen. In gewisser Weise dient er mit dieser Rede nämlich der Gewissensberuhigung unserer Öffentlichkeit.

  8. Man sollte sich das gut überlegen, mit dem Hochschreiben solcher "Vorbilder", die eine taskforce zum Übertünchen der eigenen Vergangenheit brauchen.

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    Gerade KPB ist eigentlich das Sinnbild dessen, was in unserer Gesellschaft bei dem Thema Integration schief läuft. Eine Sozialisation von Jugendlichen verläuft in der Regel über die Konstruktion von Rollen und die Rolle in der er gedrängt wurde, lebte er dann intensiv aus. Die Frage bleibt. Wer schreibt die Rolle fest. Der Jugendliche, oder die Gesellschaft?
    Gerade der Wandel jedoch vom gescheiterten, "schwer sozialisierbaren Getthokid" zum Profi beim AC Milan hat doch an sich schon Vorbildcharakter und zeigt, was einer der wichtigsten Bezugspunkte, bei einer Integration sind: Das Kids Halt brauchen.

    http://www.zeit.de/2010/20/DOS-Bolzplatz

    KPB ist ein Vorbild, aber nicht nur wegen der Reaktion auf Rassismus, sondern weil er gezeigt hat, wie wichtig eigentlich das Umfeld, das Milieu in dem man aufwächst für eine gelunge Integration ist und mit Integration meine ich die Integration von Jugendlichen im allgemeinen in die Gesellschaft. Zu glauben, dass dies mit einem Migrationshintergrund zu tun haben könnte ist mehr als trügerisch. Alle Jugendliche suchen ihren Platz in der Gesellschaft und allzuoft weißt ihnen diese einen Platz zu, der dann von ihr kritisiert wird.

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