NBA-Spieler mit AngststörungenFür den Nachhauseweg braucht er 34 Stunden

Royce White hat das Talent zum Basketballstar. Doch er leidet unter Panikattacken, fürchtet sich vorm Fliegen und vor Menschenmassen. Kann er es so in der NBA schaffen? von Sebastian Schuldt

Royce White von den Houston Rockets

Royce White von den Houston Rockets  |  © Nick Laham/Getty Images

Royce White holt einen Rebound, dribbelt blitzschnell nach vorn und wirft den Ball zu einem Mitspieler, der von der Dreierlinie trifft. Wenig später gibt White den Ball nicht ab, er schlängelt sich selbst zum Korb und versenkt den Ball. Auch Whites krachenden Dunking kann die Verteidigung nicht verhindern. Nur Fouls helfen, den 2,03 Meter großen und 120 Kilogramm schweren Flügelspieler zu stoppen. Am Ende hat White 23 Punkte, neun Rebounds und vier Vorlagen gesammelt. Sein Basketballteam, die Rio Grande Valley Vipers, hat er zum Sieg in der NBA-Development-Liga geführt. Keine Aufgabe auf dem Feld scheint für ihn zu schwer. Die Probleme von Royce White beginnen nach dem Spiel.

Für den Weg nach Hause braucht White manchmal 34 Stunden. Anstatt mit seiner Mannschaft zu fliegen, fährt der 21-Jährige mit dem Bus. Er hat Angst vor dem Fliegen. Doch das ist nicht alles. Er fürchtet sich vor Dunkelheit, vor großen Menschenmassen und in vielen anderen alltäglichen Situationen.

Anzeige

Royce White leidet unter Panik- und Zwangsstörungen. Er ist damit nicht allein, nach US-amerikanischen Untersuchungen leiden 15 bis 25 Prozent der Bevölkerung einmal im Leben an einer Angststörung. In Deutschland sind laut einer Studie etwa 10 Prozent.

Whites erste Erfahrung mit Angstattacken liegt einige Jahre zurück. Während eines Trainings kollabiert sein bester Freund. Eine Herzkrankheit ist die Ursache. Der Freund überlebt, doch die Angst, selbst auf dem Feld tot umzufallen, begleitet White fortan und weitet sich in den Alltag aus. Seine Leistungen werden dadurch nicht schlechter. White ist eines der vielversprechendsten Talente im Bundesstaat Minnesota. Seine Ärzte bestärken ihn sogar, Profi zu werden. "Meine Ärztin sah mir in die Augen und sagte, dass Basketball nicht das Beste für mich sei. Sie sagte: Diese Industrie ist aufgebaut, um jemanden wie dich zu vernichten. Ich will, dass du den Leuten zeigst, dass du mit deiner Krankheit klarkommst."

Das nimmt sich Royce White vor und wechselt an die Universität von Minnesota. Dort hält die Ruhe allerdings nicht lange an. Zwei Mal wird er beim Klauen erwischt. Seine Leistungen stagnieren, er hat Probleme mit Mitschülern und Lehrern. Schließlich verlässt er die Uni. Sogar das Basketballspielen gibt er auf. Sein ehemaliger Highschool-Coach Ken Novak jr. führt Whites Probleme in dieser Zeit auf fehlende Routinen zurück. Auch White sagt: "Mein DVD-Regal ist alphabetisch, mein Kleiderschrank nach Farben, und meine Schuhe mit perfekten Zwischenräumen geordnet. Ich brauche das einfach."

Ohne Basketball hält es White jedoch nicht lange aus. Er entscheidet sich für einen Neuanfang an der Iowa State University und spielt sich in die Notizbücher zahlreicher NBA-Scouts. Es gibt nicht viele Basketballspieler, die so groß und dabei so beweglich sind wie er. Doch Aufmerksamkeit verschafft ihm noch etwas anderes: Im Juni 2012 begleiten ihn die Macher des Blogs "Grantland.com" 24 Stunden lang. White spricht offen über seine Panikattacken: "Dein Herz schlägt immer schneller, Panik toppt Panik toppt Panik. Es fühlt sich an, als würde ich sterben."

Wie sehr eine psychische Krankheit einen Sportler beeinflusst, ist selten offener dargestellt worden als in dieser Dokumentation. Eine Schlüsselsequenz zeigt White in der so genannten Draft-Nacht. Dort werden von den 30 Klubs der Profiliga NBA die größten Talente der Welt verpflichtet. White hat gute Chancen, sehr früh gezogen zu werden. Eigentlich ein schönes Ereignis, doch er kann es nicht genießen. Die Kamera zeigt einen verängstigten jungen Mann: White tigert durch einen kleinen Raum, guckt verlegen durch eine Fensterscheibe in die Sporthalle seiner Universität. Dort sitzen seine Fans und warten hoffnungsvoll, welches Team White verpflichtet. Er lächelt in die Kamera: "Ich kann da nicht rein. Ich kann einfach nicht. Da ist so viel Freude in diesem Raum, aber so fühlt sich mein Kopf nicht an, da ist nur Angst." Sein Agent teilt ihm über Handy mit, wer ihn verpflichten will, vielmehr, wer nicht. "Denver is out, Boston is out, Indiana is out …" Ein Team nach dem anderen will ihn nicht und wählt Spieler, die weniger begabt sind als er. Vermutlich auch wegen seiner Krankheit.

Leserkommentare
  1. Basketball in einer deutschen Zeitung. Mehr davon.
    Die Problematik ist klar. Die Rockets zahlen gut 3.000.000 $ für jemanden der dieses jahr gar kein und nächstes Jahr wenn überhaupt knapp die Hälfte der Ligaspiele bestreiten kann/will. Da geht das Verständnis für die Krankheit irgendwann vorbei. Für Team und Trainerstab ist das doch eine praktische Unmöglichkeit. Wie soll eine vernünftige Rotation entstehen oder White gar zu einem Starter reifen?
    Man kann jetzt denken "Was schreibt der Typ da? Der Spielplan der NBA sieht doch Roadtripps vor, die ein Team wie die Rockets die komplette Ostküste abklappern lassen. Da fährt der Kollege einfach per Bus hinterher."
    Gut so lässt sich argumentieren. Problem ist aber, dass die Jungs "back-To-back" ran müssen, dass heißt 2 Tage hintereinander und am vierten gleich noch einmal. [Beispiel gefällig? Am 21.02 stand für die Rockets ein Heimspiel gegen Oklahoma City an, am 23.02 war die Arena in Brooklyn gebucht und am 24.02 warteten die Wizzards aus Washington.] Das sind 3.000 Km in 3 Tagen für White, ohne Pan Am. Er wird definitiv Spiele verpassen. Das sagt er ja auch selbst. Und da kann er maximal nur Rollenspieler werden.
    Bekommt er die Angstzustände eigentlich bei allen Menschenmassen? Denn da hat er bei den riesigen Indoor-Hallen der NBA, die durchaus mal 20.000 Zuschauer fassen, ein echtes (zweites) Problem.
    Man darf gespannt sein, was beide Seiten in den kommenden Vertragsjahren anstellen werden. Ich wünsche ihm alles Gute.

    Eine Leserempfehlung
  2. Schöner Artikel. Wenn er es schafft, seine Flugangst vor Ablauf des Vertrages loszuwerden, hat er vielleicht eine Zukunft. Ansonsten ist er nach zwei bis drei Jahren draußen und kann höchstens in Europa ein paar Brötchen verdienen.
    Der Verein war sich dessen bewusst. Da im Schnitt sowieso nur 20% aller an Nummer 16 gezogenen Spieler sich in der NBA etablieren können und White ansonsten großes Potenzial hat, ist man das Risiko eben eingegangen.

  3. Grantland hat Royce mit dem Video nen immens großen Gefallen getan, die Sympathie für ihn hielt sich ne ganze Weile. Aber nach etlichen Arbeitsverweigerungen, der Weigerung mit den Teamärzten zu arbeiten (unter der Forderung das nur sein eigener Arzt/Psychologe über seine Spielfähigkeit entscheidet) und viel zu vielen twitter-Ausbrüchen die an seiner allgemeinen Intelligenz zweifeln lassen, ist das mitlerweile vorbei.
    Bei guter Recherche wäre der Artikel noch erwähnenswert gewesen:
    http://www.grantland.com/...

    Man kann also so manchen verstehen der es nicht sonderlich schön findet das Royce White 3mio garantiert (die beste Gewerkschaft der Welt!) verdient, während sich viele andere mit ähnlichen Krankheitsbildern für viel weniger zur Arbeit schleppen.

  4. Guter Mann der Royce White.

  5. Das Tourette-Syndrom ist keine psychische Krankheit - wie es im Artikel heißt -, sondern eine erbliche, biologische Funktionsstörung des Gehirns. Wie die Tics entstehen weiß man noch nicht genau, aber das Dopaminsystem ist vermutlich auch "durcheinander geraten". Aus den Basalganglien werden offenbar überflüssige Bewegungen und Geräusche in den Körper "gefeuert", die keinen Sinn ergeben. Ich weiß, wovon ich spreche :-)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Basketball
Service