Royce White von den Houston Rockets © Nick Laham/Getty Images

Royce White holt einen Rebound, dribbelt blitzschnell nach vorn und wirft den Ball zu einem Mitspieler, der von der Dreierlinie trifft. Wenig später gibt White den Ball nicht ab, er schlängelt sich selbst zum Korb und versenkt den Ball. Auch Whites krachenden Dunking kann die Verteidigung nicht verhindern. Nur Fouls helfen, den 2,03 Meter großen und 120 Kilogramm schweren Flügelspieler zu stoppen. Am Ende hat White 23 Punkte, neun Rebounds und vier Vorlagen gesammelt. Sein Basketballteam, die Rio Grande Valley Vipers, hat er zum Sieg in der NBA-Development-Liga geführt. Keine Aufgabe auf dem Feld scheint für ihn zu schwer. Die Probleme von Royce White beginnen nach dem Spiel.

Für den Weg nach Hause braucht White manchmal 34 Stunden. Anstatt mit seiner Mannschaft zu fliegen, fährt der 21-Jährige mit dem Bus. Er hat Angst vor dem Fliegen. Doch das ist nicht alles. Er fürchtet sich vor Dunkelheit, vor großen Menschenmassen und in vielen anderen alltäglichen Situationen.

Royce White leidet unter Panik- und Zwangsstörungen. Er ist damit nicht allein, nach US-amerikanischen Untersuchungen leiden 15 bis 25 Prozent der Bevölkerung einmal im Leben an einer Angststörung. In Deutschland sind laut einer Studie etwa 10 Prozent.

Whites erste Erfahrung mit Angstattacken liegt einige Jahre zurück. Während eines Trainings kollabiert sein bester Freund. Eine Herzkrankheit ist die Ursache. Der Freund überlebt, doch die Angst, selbst auf dem Feld tot umzufallen, begleitet White fortan und weitet sich in den Alltag aus. Seine Leistungen werden dadurch nicht schlechter. White ist eines der vielversprechendsten Talente im Bundesstaat Minnesota. Seine Ärzte bestärken ihn sogar, Profi zu werden. "Meine Ärztin sah mir in die Augen und sagte, dass Basketball nicht das Beste für mich sei. Sie sagte: Diese Industrie ist aufgebaut, um jemanden wie dich zu vernichten. Ich will, dass du den Leuten zeigst, dass du mit deiner Krankheit klarkommst."

Das nimmt sich Royce White vor und wechselt an die Universität von Minnesota. Dort hält die Ruhe allerdings nicht lange an. Zwei Mal wird er beim Klauen erwischt. Seine Leistungen stagnieren, er hat Probleme mit Mitschülern und Lehrern. Schließlich verlässt er die Uni. Sogar das Basketballspielen gibt er auf. Sein ehemaliger Highschool-Coach Ken Novak jr. führt Whites Probleme in dieser Zeit auf fehlende Routinen zurück. Auch White sagt: "Mein DVD-Regal ist alphabetisch, mein Kleiderschrank nach Farben, und meine Schuhe mit perfekten Zwischenräumen geordnet. Ich brauche das einfach."

Ohne Basketball hält es White jedoch nicht lange aus. Er entscheidet sich für einen Neuanfang an der Iowa State University und spielt sich in die Notizbücher zahlreicher NBA-Scouts. Es gibt nicht viele Basketballspieler, die so groß und dabei so beweglich sind wie er. Doch Aufmerksamkeit verschafft ihm noch etwas anderes: Im Juni 2012 begleiten ihn die Macher des Blogs "Grantland.com" 24 Stunden lang. White spricht offen über seine Panikattacken: "Dein Herz schlägt immer schneller, Panik toppt Panik toppt Panik. Es fühlt sich an, als würde ich sterben."

Wie sehr eine psychische Krankheit einen Sportler beeinflusst, ist selten offener dargestellt worden als in dieser Dokumentation. Eine Schlüsselsequenz zeigt White in der so genannten Draft-Nacht. Dort werden von den 30 Klubs der Profiliga NBA die größten Talente der Welt verpflichtet. White hat gute Chancen, sehr früh gezogen zu werden. Eigentlich ein schönes Ereignis, doch er kann es nicht genießen. Die Kamera zeigt einen verängstigten jungen Mann: White tigert durch einen kleinen Raum, guckt verlegen durch eine Fensterscheibe in die Sporthalle seiner Universität. Dort sitzen seine Fans und warten hoffnungsvoll, welches Team White verpflichtet. Er lächelt in die Kamera: "Ich kann da nicht rein. Ich kann einfach nicht. Da ist so viel Freude in diesem Raum, aber so fühlt sich mein Kopf nicht an, da ist nur Angst." Sein Agent teilt ihm über Handy mit, wer ihn verpflichten will, vielmehr, wer nicht. "Denver is out, Boston is out, Indiana is out …" Ein Team nach dem anderen will ihn nicht und wählt Spieler, die weniger begabt sind als er. Vermutlich auch wegen seiner Krankheit.