Jérôme Boateng"Am Ende kommt die Hautfarbe ins Spiel"

Nach einem Foul wurde Jérôme Boateng rassistisch angegangen. Im Tagesspiegel-Interview spricht er über seinen Bruder Kevin-Prince und seinen neuen Mentaltrainer. von Michael Rosentritt

Jérôme Boateng im Trikot des FC Bayern

Jérôme Boateng im Trikot des FC Bayern  |  © Laurence Griffiths/Getty Images

Frage: Herr Boateng, kannten Sie eigentlich die Anti-Rassismus-Rede, die Ihr Halbbruder Kevin-Prince vor den UN in Genf gehalten hat?

Jérôme Boateng: Nein, ich kenne nur das Resultat. Ich wusste aber, dass er daran fleißig gearbeitet hatte. So oft kommt es ja nicht vor, dass ein Fußballer vor so einem hohen Haus spricht.

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Frage: Hatte er sich Hilfe geholt?

Boateng: Soweit ich weiß, nein. Er mag ja solche Aufgaben. Er mag solche Auftritte.

Frage: Haben Sie mal eine Rede vor einer größeren Gruppe gehalten?

Boateng: Aber nur eine kurze von etwa zwei Minuten. Ich glaube, das war damals bei der U-21-Auswahl, als Kapitän. Aber das ist ja nicht wirklich vergleichbar. Ich bin nicht der Typ für große Reden, ich wäre viel zu aufgeregt. Kevin kann das.

Frage: Warum, was glauben Sie?

Boateng: Weil er sehr selbstbewusst ist und ganz gut rüberkommt. In solchen Dingen ist er sehr gründlich. Mein Eindruck war, dass er sich darauf so richtig gefreut hat. Und geehrt gefühlt hat natürlich. Das passiert ja nicht so oft im Leben, noch dazu nach seiner Jugend. Das rechne ich ihm sehr hoch an.

Frage: Die Rede oder die Aktion, die der Auslöser war?

Boateng: Beides.

Frage: Anfang des Jahres absolvierte der AC Mailand ein Testspiel bei einem unterklassigen Verein. Nach Schmährufen und Affenlauten von den Rängen gegen ihn ist Kevin vom Platz gegangen, seine Mitspieler folgten ihm, das Spiel wurde abgebrochen.

Boateng: Für mich ist er der erste Fußballer, der richtig dagegengehalten hat. Ich habe gehört, dass Eto’o schon einmal vom Platz gegangen sein soll, aber das hatte nicht diese Wirkung. Das hätten schon viel mehr Spieler viel früher machen sollen. Ein sichtbares Zeichen setzen gegen den alltäglichen Rassismus in den Stadien. So, wie es Kevin und seine Mitspieler taten. Dazu gehört aber auch sehr viel Mut. Es ist nicht so einfach, sich mal ganz neu, ganz anders zu verhalten. Er hat damit gezeigt: Es reicht!

Frage: Sie haben in dieser Hinsicht auch Ihre Erfahrungen gemacht. Freuen Sie sich, dass einer aus der Familie nun zu einem Helden geworden ist?

Boateng: Also Held, ich weiß nicht. Aber ja, ich freue mich. Gerade für ihn. Die Öffentlichkeit hier in Deutschland hatte ja nicht das beste Bild von ihm.

Frage: Sie denken an seinen Tritt im Mai 2010 gegen den deutschen Fußballhelden Michael Ballack, der dann für die WM in Südafrika ausfiel.

Boateng: Obwohl das nie seine Absicht war. Aber es ist so gekommen und passte damals vielen ins Bild: der Ghetto-Kicker aus dem Problembezirk, der Gangster-Fußballer aus Wedding oder was sonst noch geschrieben wurde. Mit dem Foul war er hierzulande unten durch. Und jetzt das. Ich bin stolz auf ihn. Es hätte auch anders ausgehen können.

Frage: Im Nachhinein hat dieser Schritt ihm aber schon geholfen.

Boateng: Ich sage es mal so: Klar hatte er Sachen gemacht, die vielleicht nicht so gut waren. Aber erstens liegen die in der Vergangenheit und zweitens ist er auch nur ein Mensch. Das soll nicht alles entschuldigen, aber es geht um Verständnis. Kevin hat dazugelernt. Es ist schon beeindruckend, wie er sich in den vergangenen zwei Jahren hochgearbeitet hat beim AC Mailand und jetzt dort die Nummer 10 trägt.

Frage: Der Wendepunkt in seiner Karriere war eben jene WM 2010, wo er für Ghana, das Heimatland Ihres gemeinsamen Vaters, ein starkes Turnier gespielt hat. Glauben Sie, dass nun Sie an einem Punkt angelangt sind, an dem sich entscheidet, ob Sie ein guter oder ein sehr guter Fußballer werden?

Boateng: Hm, gute Frage. Meine Entwicklung ist eine andere als die Kevins, meine verlief etwas ruhiger und stetiger. Aber auch ich hatte kleinere Tiefen. Ich hatte beim HSV unter Trainer Martin Jol nicht immer gespielt, war dann in meiner Zeit bei Manchester City auch mal acht Wochen verletzt. Ich hatte also auch einige Enttäuschungen wegzustecken. Aber so ganz unrecht haben Sie vielleicht gar nicht. Ich sehe mich auf einem guten Weg, aber ich möchte versuchen, unverrückbar zu werden.

Frage: Der Bundestrainer hat nach der EM gesagt, Philipp Lahm wird wieder rechts spielen. Das hatte in der Nationalmannschaft Konsequenzen für Sie.

Boateng: Richtig. Ich habe ausweichend mal links in der Abwehr gespielt und dann, wenn Philipp links spielte, halt rechts. Ich will damit sagen, dass ich immer da gewesen bin, wenn der Trainer mich gebraucht hat. Ich sehe meine Stärken mehr in der Innenverteidigung. Und ich bin da ganz optimistisch.

Frage: Sie haben eine sehr gute Hinrunde beim FC Bayern gespielt und hatten großen Anteil an der stabilen Defensive und den wenigen Gegentoren. Dann gab es den Platzverweis in der Champions League gegen Borissow. Sie wurden gesperrt, und Sie liefen Gefahr, Ihren Stammplatz an Daniel van Buyten zu verlieren, einen 35-Jährigen!

Boateng: Diese Rote Karte war sehr blöd. Deswegen war ich für die folgenden Spiele gegen den FC Arsenal gesperrt, und Daniel musste für mich ran. Dazu brauchte er aber Spielpraxis. Und er hat es ja gut gemacht, die Mannschaft ist erfolgreich gewesen auch ohne mich. So ist es im Fußball. Dann muss man eben wieder selber dafür sorgen, dass sich das ändert.

Frage: Eine Rote Karte kann Sie aus dem Rhythmus bringen?

Boateng: Moment mal! So einfach geht es nicht. Ich habe schon den Nachweis erbracht, dass ich hohen Ansprüchen genügen kann. Ich weiß – und das soll nicht arrogant klingen –, was ich kann. Dieses Selbstvertrauen habe ich, ich glaube an meine Fähigkeiten. Jetzt geht es darum, was ich daraus mache. Und das konstant und verlässlich. In diesen Bereichen möchte ich mich verbessern. Trotzdem kann ich nicht nachvollziehen, wie ich dargestellt werde.

Frage: Wie werden Sie denn dargestellt?

Boateng: Als Sicherheitsrisiko.

Frage: Ist das Ihr Eindruck?

Boateng: Das halten mir gewisse Experten vor. Was soll ich damit anfangen? Die komplette Hinrunde waren sie ruhig, weil es nichts auszusetzen gab. Sie warten anscheinend nur darauf, dass mir ein Fehler oder eine Unachtsamkeit unterläuft, und dann holen sie groß aus. Glauben Sie mir, ich brauche keine Leute, die mir sagen, wie toll ich war, obwohl ich eine ziemliche Katastrophe gespielt habe. Aber was ich nach der Roten Karte gegen Borissow gelesen habe, das hat mich fast umgehauen.

Frage: Was haben Sie denn so alles gelesen?

Boateng: Mir wurde nachgesagt, dass ich das Foul so gemacht habe, wie ich aufgewachsen bin. Das ist doch absurd.

Frage: Wie reagieren Sie darauf?

Boateng: Ich versuche, den Durchblick zu behalten und gelassen zu bleiben. Zwei oder drei Wochen vor der Roten Karte hatte ich mir einen Muskelfaserriss zugezogen. Bis dahin wurde nur positiv über mich geschrieben. Und plötzlich soll durch dieses Foul alles schlecht sein. Ich bitte Sie.

Leserkommentare
    • Panic
    • 25. März 2013 11:15 Uhr

    Unerträglich, wie die Medien immer wieder diese Ghetto-Kid Fussball Geschichte auspacken. Als hätte das irgendwas mit der Härte im Fußball zu tun. In meiner aktiven Zeit kamen viele meiner Mitspieler auch aus "Problembezirken". Die waren halt in Mannheim und nicht in Berlin. Ich behaupte mal, dass ich aus einem gut bürgerlichen Zuhause komme, aber auch ich habe hier und da schon mal Gegner übelst gefoult. Das passiert halt im Fußball. "Den krieg ich noch, den krieg ich noch." Das sind Sekundenbruchteile in denen man mit seinen Stollen schon unterwegs zum gegnerischen Schienbein ist und man denkt: "Oh, oh, das war jetzt nicht gut." Und bamm - dann liegt der andere da.

    Fußball ist ein verdammt harter Sport und ehrlich gesagt müsste nach der Ghettokid These fast jeder lateinamerikanische Fußballer ein aggressiver Killer auf dem Spielfeld sein. Man sollte sich einfach damit abfinden, dass die Herkunft nichts mit der Fairness im Fußball zu tun hat.

    cheers

    7 Leserempfehlungen
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    mit dem kleinen Zusatz, dass es in diesen Ligen quasi nur um die Ehre geht. Wenn es dann aber Spiele um Titel sind, wenn man quasi bis in die Haarspitzen motiviert ist, dann kann es leicht passieren, dass man eine halbe Sekunde zu spät kommt und eben foult.
    Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Boatengfoul an Ballack ein Angriff auf die nationale Ehre Deutschlands war. Hätte Schweinsteiger Ballack in einem CL Halbfinale so blöd erwischt, hätte er sich auch das alles anhören müssen? Ich habe meine Zweifel und da sind wir beim Ursprung eines Problems. Fouls werden leider nicht immer fair und gleich bewertet, sondern nach anderen Kriterien. Kleines Beispiel. Mark van Bommel. Der ehemalige "Aggressivleader" des FC Bayern. Wurde der nach diversen Fouls ebenso verunglimpft?

    Zu Jerome Boateng. Ich persönlich glaube, dass er einer der medial extrem unterschätzten Spieler sowohl beim FCB wie auch in der NM ist. Ich denke, dass er mit seinem Wechsel zum FCB einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht hat, denn sein Potenzial ist sehr groß und es wird gerade in den entscheidenden Phasen in der CL auf das Duo Dante/Boateng ankommen.

  1. 2. .....

    das war kein foul an ballack sondern absichtliche körperverletzung. klar geht es um den bruder aber bitte nicht die leute für blöd halten.

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    Mit Verlaub: Das kann nur jemand schreiben, der selber nie Fußball gespielt hat.

    in folgender Argumentation:
    http://www.youtube.com/wa...
    und dem Kommentar unter dem Video: "
    richtig. Ballack hätte gegen Spanien immerhin mal dazwischen getreten.
    Spieler wie Boateng braucht der Fußball nicht. Das ist kein Sportler."
    Wenn Ballack also mal "dazwischen tritt", dann ist das ok, wird er aber gefoult, dann ist es absichtliche Körperverletzung? Gut, heute müsste man die Frage in der Vergangenheitsform formulieren, aber es gibt genügend andere Beispiele.
    Kleines Beispiel. Wenn Schweinsteiger gegen Real Madrid C.Ronaldo einen "mitgibt" dann wird sich hier fast keiner finden, der von "absichtlicher Körperverletzung" spricht und es ist genau diese merkwürdige sehr selektive Wahrnehmung, diese Unterteilung in gute/böse Fouls, die Fragen aufwirft. Aber sei es drum.

  2. ... Boateng. Wichtig ist zwar auf'm Platz, aber im Kopf scheint da auch alles tipptopp zu funktionieren.

    Diese üblen rassistischen Anfeindungen sind natürlich höchst peinlich für uns als Fußballfans, aber man kann die Doofen halt nicht ausrotten. Wenn die Spieler sich einer breiten Unterstützung sicher wären, könnten sie solche Trottel vielleicht leichter ignorieren.

    Daran müsste wohl noch gearbeitet werden.

    3 Leserempfehlungen
    • Fackel
    • 25. März 2013 12:21 Uhr
    4. [...]

    Bitte verzichten Sie auf relativierende und unterstellende Äußerungen. Danke, die Redaktion/fk.

  3. Das ist doch ein Kampf gegen Windmühlen. Wenn man jemanden beleidigt will man verletzen, sich rächen, wenn bestimmte Wörter dafür geeignet sind benutzt man sie.
    Jerome ist ein guter, aber dass ausgerechnet Personen wie Kevin Prince und Ballotelli Sprecher bei der UN sind ist bezeichnend für die Thematik.

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    Was wissen Sie, oder ich oder quasi jeder andere Mensch über diese beiden Menschen? Wir sehen sie auf dem Fußballplatz, sehen, eine Mischung aus Arroganz und Selbstbewußtsein, aber was wissen wir wirklich? Das was in den Zeitungen an Skandälchen steht? Das was wir in Interviewfetzen mitbekommen?
    Was wissen Sie über KP Boateng, was ihn dafür disqualifiziert vor der UN zu reden?
    Es ist so ähnlich wie mit C.Ronaldo. Der "arrogante Egoist" der alles für die Show macht. Interessanterweise sehen das seine Mitspieler und Trainer alle anders und ich hätte das Gefühl, dass man deren Aussagen eher trauen könnte, als der Klatschpresse.

  4. mit dem kleinen Zusatz, dass es in diesen Ligen quasi nur um die Ehre geht. Wenn es dann aber Spiele um Titel sind, wenn man quasi bis in die Haarspitzen motiviert ist, dann kann es leicht passieren, dass man eine halbe Sekunde zu spät kommt und eben foult.
    Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Boatengfoul an Ballack ein Angriff auf die nationale Ehre Deutschlands war. Hätte Schweinsteiger Ballack in einem CL Halbfinale so blöd erwischt, hätte er sich auch das alles anhören müssen? Ich habe meine Zweifel und da sind wir beim Ursprung eines Problems. Fouls werden leider nicht immer fair und gleich bewertet, sondern nach anderen Kriterien. Kleines Beispiel. Mark van Bommel. Der ehemalige "Aggressivleader" des FC Bayern. Wurde der nach diversen Fouls ebenso verunglimpft?

    Zu Jerome Boateng. Ich persönlich glaube, dass er einer der medial extrem unterschätzten Spieler sowohl beim FCB wie auch in der NM ist. Ich denke, dass er mit seinem Wechsel zum FCB einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht hat, denn sein Potenzial ist sehr groß und es wird gerade in den entscheidenden Phasen in der CL auf das Duo Dante/Boateng ankommen.

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    • Socke9
    • 25. März 2013 13:11 Uhr

    Nein, das wäre nicht so breitgetreten worden, aber die Person spielt nunmal eine Rolle. Kevin-Prince hat schon vorher so einige fahrlässige Fouls begangen und Schweinsteiger jetzt z.B. nicht.
    Es war eben nicht die erste assoziale Attacke und die gegen Ballack hatte eben auch ganz einschneidende Wirkung auf seine Karriere.

  5. 7. ------

    Mit Verlaub: Das kann nur jemand schreiben, der selber nie Fußball gespielt hat.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "....."
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    ihr unbedingter willen zur schlussfolgerung in allen ehren aber sie spiel ich ganz sicher noch mit 40fieber aus.

    die tätlichkeit boatengs an ballack war revanche für eine ohrfeige die dem ganzen voraus ging. nur der erwähnung halber da sie die szene wohl nie gesehen haben.

  6. Was wissen Sie, oder ich oder quasi jeder andere Mensch über diese beiden Menschen? Wir sehen sie auf dem Fußballplatz, sehen, eine Mischung aus Arroganz und Selbstbewußtsein, aber was wissen wir wirklich? Das was in den Zeitungen an Skandälchen steht? Das was wir in Interviewfetzen mitbekommen?
    Was wissen Sie über KP Boateng, was ihn dafür disqualifiziert vor der UN zu reden?
    Es ist so ähnlich wie mit C.Ronaldo. Der "arrogante Egoist" der alles für die Show macht. Interessanterweise sehen das seine Mitspieler und Trainer alle anders und ich hätte das Gefühl, dass man deren Aussagen eher trauen könnte, als der Klatschpresse.

    4 Leserempfehlungen
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    Ich hätte wahrscheinlich schreiben sollen: Spieler. Denn beide sind bekannt für bösartige Fouls, wenn man sich mit Fußball beschäftigt und auch die Ligen verfolgt in denen sie spielen.
    Kevin Prince ist ihnen vielleicht noch bekannt von seiner brutalen Attacke gegen Ballack, welches seine Nationalmannschaftskarriere beendete.
    Obgleich sie es wahrscheinlich noch nicht einmal gesehen haben.

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