BrasilienDer Mord des Tormanns aus der Favela

Bruno wuchs in Armut auf, bei der WM 2014 sollte er Brasiliens Torwartheld werden. Dann ließ er die Mutter eines seiner Kinder bestialisch umbringen. von Constantin Wissmann

Bruno im Trikot von Flamengo im April 2008

Bruno im Trikot von Flamengo im April 2008  |  © Henry Romero/Reuters

Bruno Fernandes de Souza lebte den Traum aller Jungen, die in den brasilianischen Favelas aufwachsen. Weil sie vom Wirtschaftsaufschwung, den Brasilien seit der Jahrtausendwende erlebt, kaum etwas mitbekommen, gibt es immer noch nur fast einen Weg heraus aus der Welt der Blechhütten, umherlaufenden Hühner, Kokstütchen und halbautomatischen Waffen. Pelé ist ihn gegangen, Zico auch, Romario und Ronaldo. Der Weg des Fußballs.

33 Millionen Brasilianer lagen Bruno zu Füßen. So viele Fans hat der populärste Klub des Landes, Flamengo Rio de Janeiro. Bruno war dort Torwart und ein Star, im Land der Wunderstürmer ungewöhnlich. Vor allem dank der Paraden seines Kapitäns konnte Flamengo 2009 den Meistertitel gewinnen – den ersten seit siebzehn Jahren. Bruno war 26 Jahre alt, der große AC Mailand wollte ihn haben, viele sahen in ihm die Nummer eins für die Weltmeisterschaft 2014 im eigenen Land. Doch Bruno fiel – tiefer als wohl je ein Sportler vor ihm.

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Vorige Woche verurteilte ihn ein Gericht im Bundesstaat Minas Gerais zu zweiundzwanzig Jahren Gefängnis. Er hat seine ehemalige Geliebte entführt und ermordet. Doch es war kein gewöhnlicher Mord, sofern es so etwas gibt, sondern ein Verbrechen, das samt seiner grauenvollen Details in seiner Brutalität fast unwirklich scheint. Und das zeigt, dass an den Jungs aus der Favela oft Armut und Gewalt kleben bleiben.

Frauen sind besonders von Gewalt betroffen

Laut den Ermittlungen der Polizei lernte Bruno im Mai 2009 die damals 25- jährige Eliza Samudio kennen. Der Fußballer war zu dieser Zeit Einkommensmillionär bei Flamengo, verheiratet und Vater zweier Kinder. Samudio war ein als "Fußball-Groupie" bekanntes Model und Porno-Sternchen. "Eine Fußball-Orgie" hätten sie gefeiert, sagte Bruno später, "Partys dieser Art sind unter Spielern normal." An diesem Abend schwängerte er Eliza Samudio. Drei Monate später verklagte sie ihn auf Anerkennung der Vaterschaft und ging an die Öffentlichkeit.

Zwei Monate später ging Samudio zur Polizei. Bruno habe sie zwingen wollen, ein Medikament einzunehmen, das den Fötus töten sollte. Dann habe er gedroht, sie umzubringen und gesagt: "Wenn ich Dich töte und Deine Leiche verschwinden lasse, würde niemand herausfinden, dass ich es war." Die Polizei unternahm nichts. Im Februar 2010 wurde Bruninho geboren. Wenig später forderte Samudio Unterhaltszahlungen. Bis Samudio und Bruninho am 4. Juni verschwanden. Laut Polizei ist das der Tag, an dem Bruno seinen Plan umsetzte.

In Rio de Janeiro wurden Samudio und Bruninho in einen schwarzen Range Rover gelockt. Dort wartete einer von Brunos Cousins mit einer Pistole. Als sie sich zu wehren begann, schlug er der Frau damit drei Mal auf den Kopf. Die blutende Frau brachten sie in Brunos Landsitz in der Nähe von Belo Horizonte, Hauptstadt des Bundestaates Minas Gerais und drittgrößte Stadt Brasiliens. Dort wurden Samudio und ihr Sohn fünf Tage lang festgehalten.

Dann wurden sie, so hieß es in dem Indizienprozess weiter, zu Marcos Aparecido dos Santos gebracht, einen von Bruno bezahlten Killer, den alle nur Bola nennen, und der als ehemaliger Polizist ein Spezialist dafür ist, Leichen verschwinden zu lassen. Bola erwürgte Samudio im Beisein von Bruno, anschließend zerhackten er und seine Handlanger den Körper der Toten und verfütterten das Fleisch an Brunos Rottweiler. Die Knochen versenkten sie in Beton. Eine Leiche wurde nie gefunden.

Viel wurde seitdem in Brasilien diskutiert. Über die Gewalt, die das aufstrebende Land zersetzt. Der Mord an Samudio war einer von 49.932 im Jahr 2010. Auf 100.000 Menschen kommen 26,2 Morde, Brasilien gehört damit zu den zwanzig gewalttätigsten Ländern der Welt. Frauen sind besonders betroffen. Zwischen 1997 und 2007 wurden 41.532 Frauen ermordet, alle zwei Stunden eine.

Leserkommentare
  1. kann man schon auf den Gedanken kommen, das unsere Sozialsysteme doch nicht zu teuer sind.

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    In gewisser Weise hilft das Sozialsystem schon. Aber auch in Deutschland, Frankreich (Banlieues) und Grossbritannien gibt es eine fortschreitende Trennung zwischen "Normal"-Bevoelkerung und einer ausgegrenzten Minderheit. Zumeist definiert sich die an sozialen Gesichtspunkten, aber manchmal auch nach ethnischen. In Problemfamilien wird Gewalt als Mittel der Konfliktloesung von klein auf trainiert. In Strassengangs wird dies dann weiter gefoerdert. Da laesst sich dann nicht einfach mit 18 oder 20 Jahren der Schalter umlegen. Der Staat, Polizei und Sozialbetreuung, schauen da oft sehr hilflos zu, da sie erst richtig intervenieren koennen wenn extremes Fehlverhalten nachweisbar ist.

  2. "Und das zeigt, dass an den Jungs aus der Favela oft Armut und Gewalt kleben bleiben."

    Aha. Schon klar, diese ekelhaft schlecht sozialisierten Ghettokids. Alles potentielle Mörder!

    Liebe Zeit, da hätte ich aber mehr erwartet, als diese klischeehafte Schlussfolgerung.

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    Wer als Kind bis zum jungen Erwachsenenalter nur Gewalt und Tod sieht, wird das sein Leben lang mit sich herumtragen. Man kennt einfach keine andere Welt.

  3. scheint ja in einer ähnlichen Situazion zu sein auch die Zustände gleichen in Südafrika.

    Interessant ist die Formulierung: "eine verdrehte Persönlichkeit, weit entfernt von den normalen Standards der Normalität."

    2 Leserempfehlungen
    • dapf15
    • 12. März 2013 11:34 Uhr
    4. Sport?

    Ich frage mich nur, was genau dieser Beitrag in der Rubrik "Sport" zu suchen hat?
    Daran, dass die Zeit immer mehr Artikel auf B..D-Niveau bringt, hab ich mich ja schon langsam gewöhnt...

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    den Favelas zu entfliehen, ist ein Traum mit dem sich viele aus den Favelas motivieren zu einem anderen Leben.

    Brasilien war das letzte Land, welches die Sklaven-Herrschaft verboten hat.

    Die korrupten Militärregierungen haben es versäumt durch z.B. Bildung die "Explosionsgefahren" der Favelas zu entschärfen. Es haben sich Parallelgesellschaften zwangsläufig gebildet, ein Ergebnis bildet dieser Artikel ab.

    Jetzt vor der WM14 und den Olympischen Spielen 2016 werden mit Militärmacht die Favelas dem Erdboden gleichgemacht....aber das "Krebsgeschwür" wird nicht ausreichend behandelt.

    Brasilien ist ein Land der extremer Gegensätze. Ein Land der Zukunft und böse Zungen behaupten: "..und Keiner weis, wann insgesamt für das Land die Zukunft beginnt."

  4. Wer als Kind bis zum jungen Erwachsenenalter nur Gewalt und Tod sieht, wird das sein Leben lang mit sich herumtragen. Man kennt einfach keine andere Welt.

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Sozialdarwinismus?"
  5. "Der Mord an Samudio war einer von 49.932 im Jahr 2010. [...] Frauen sind besonders betroffen. Zwischen 1997 und 2007 wurden 41.532 Frauen ermordet, alle zwei Stunden eine."

    Bin ich der einzige, dem dieser Einschub merkwürdig vorkommt? Wenn in den zehn Jahren zwischen 1997 und 2007 41.532 Frauen in Brasilien ermordet wurden, die Zahl der insgesamt ermordeten Menschen aber allein für das Jahr 2010 (!) schon 49.932 beträgt, dann legt das für mich die Vermutung nahe, dass die weit überwiegende Zahl der Mordopfer in Brasilien wohl männlichen Geschlechts waren. "Weit überwiegend" hieße hier: Über 90 Prozent, falls die Zahl für 2010 halbwegs repräsentativ ist!

    Ich glaube, der Autor bringt an dieser Stelle zwei Probleme der lateinamerikanischen Gesellschaften durcheinander, die eng verwandt, aber nicht deckungsgleich sind. Er hat Recht, dass Gewalt gegen Frauen in Brasilien - wie auch im Rest Lateinamerikas - nach wie vor ein drängendes Problem darstellt, dem nur in Form eines allmählichen Kulturwandels weg vom klassischen "Machismo" beizukommen ist. Diese alltägliche Gewalterfahrung in den Familien ist natürlich wiederum ein wesentlicher Bestandteil des anderen großen Problems, der allgegenwärtigen Armutsgewalt und -kriminalität. Die Todesopfer, die diese fordert, sind aber größtenteils männlich, jung und selber arm (frei nach dem Motto: "get rich or die trying")!

    Gewaltreduzierung wird es nur geben, wenn diese beiden Probleme als verwandt, aber verschieden wahrgenommen werden.

    15 Leserempfehlungen
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    Wie ist Gewalt gegen Frauen überhaupt definiert?
    Er hat sie sicher nicht deswegen umgebracht, weil sie eine Frau ist, sondern weil er sie wohl aus dem Weg schaffen wollte, so wie man das dort offensichtlich zigtausendmal im Jahr macht.
    Daraus wieder einen Referenzfall für Gewalt an Frauen zu machen halte ich für unfair allen männlichen Opfern gegenüber. 90% der Mordopfer sind Männer, also ist das normal? Hingegen jede ermordete Frau ist ein besonderes Problem? Weil sie so wehrlos sind oder so lieb sind? Ein wenig naiv, oder?

    Freier Autor

    Hallo Garrinchinha und Horizonte,

    vielen Dank für den Hinweis. "Besonders betroffen" kann man natürlich falsch verstehen, im Vergleich zu den Männern in Brasilien ist das tatsächlich wenig. Allgemein sind die Frauen in Brasilien aber durchaus "besonders betroffen". Die Mordrate ist mit 4,4 Prozent die weltweit siebthöchste. Falls Sie mehr Zahlen über die Gewalt in Brasilien suchen, empfehle ich Ihnen die "Karte der Gewalt" http://mapadaviolencia.or...
    Beste Grüße
    CW

  6. den Favelas zu entfliehen, ist ein Traum mit dem sich viele aus den Favelas motivieren zu einem anderen Leben.

    Brasilien war das letzte Land, welches die Sklaven-Herrschaft verboten hat.

    Die korrupten Militärregierungen haben es versäumt durch z.B. Bildung die "Explosionsgefahren" der Favelas zu entschärfen. Es haben sich Parallelgesellschaften zwangsläufig gebildet, ein Ergebnis bildet dieser Artikel ab.

    Jetzt vor der WM14 und den Olympischen Spielen 2016 werden mit Militärmacht die Favelas dem Erdboden gleichgemacht....aber das "Krebsgeschwür" wird nicht ausreichend behandelt.

    Brasilien ist ein Land der extremer Gegensätze. Ein Land der Zukunft und böse Zungen behaupten: "..und Keiner weis, wann insgesamt für das Land die Zukunft beginnt."

    Antwort auf "Sport?"
  7. " ...Frauen sind besonders betroffen. Zwischen 1997 und 2007 wurden 41.532 Frauen ermordet ..." Das sind Pimaldaumen 4.000 pro Jahr. Dem gegenüber schreibt der Artikel von einer Mord-Gesamtzahl von "49.932 im Jahr 2010." Das sind also 8% germorderte Frauen. Der Rest, 92 Prozent der Opfer sind Männer. Wo sind also Frauen besonders von Morden betroffen? Genau das Gegenteil ist der Fall. Gutes Beispiel wo ein Medienhype ("Gewalt gegen Frauen") selbst die einfachsten Rechenoperationen aushebelt.
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  • Schlagworte Brasilien | Gewalt | Mord | Romario | Rio de Janeiro | Mailand
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