Philosophisches ArmdrückenEine Dopingfreigabe wäre zynisch

Bei der ersten Sport-Debatte von ZEIT ONLINE stritten ein Philosoph und ein Ökonom über die Doping-Freigabe. Die Zuhörer sprachen sich klar gegen eine Legalisierung aus.

Der Volkswirt Gert G. Wagner konnte sich beim ersten Philosophischen Armdrücken, der Sport-Debatte von ZEIT ONLINE, nicht mit seiner These durchsetzen, Doping müsse kontrolliert freigegeben werden, um es damit einzudämmen. Wagners Kontrahent, der Philosoph Gunter Gebauer ging im Rededuell auf den Fall Lance Armstrong ein. Durch eine Legalisierung setze man Betrügern wie Armstrong und Ben Johnson im Nachhinein einen Siegeskranz auf, sagte der Gebauer. Ein "Essential des modernen Sports" wäre dann aufgegeben. "Wir brauchen einen Strich, einen Rubikon, der einem Doper zeigt, dass er etwas Verbotenes tut."

Gunter Gebauer, Steffen Dobbert und Gerd G. Wagner (v.l.n.r.) beim Philosophischen Armdrücken

Gunter Gebauer, Steffen Dobbert und Gerd G. Wagner (v.l.n.r.) beim Philosophischen Armdrücken  |  © ZEIT ONLINE

Wagner verwies in seinem Plädoyer für eine kontrollierten Doping-Freigabe auf den aktuellen Zustand des Sports: Die "perverse Dynamik", mit der derzeit neue Mittel entwickelt würden, hätte mit einem Medikamentenpass, in dem alle Dopingmittel transparent verzeichnet werden müssten, ein Ende. Derzeit hätten "diejenigen, die sich bessere Ärzte in reicheren Ländern leisten können, einen Vorteil." Mit einer Freigabe würde man verhindern, dass der Sport weiterhin "ein Spielplatz der Pharmaindustrie" sei.

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Gebauer kritisierte, sein Kontrahent verfälsche die Idee des Sportes. Mit einem Medikamentenpass gäbe es künftig Wettkämpfe wie 800-Meter-Epo oder Steroide-Gewichtheben. Der ehemalige Sportmediziner Dieter Böning erklärte aus dem Publikum die Wirkung verschiedener Doping-Mittel und sagte, eine Dopingfreigabe wäre zynisch. Wagner sagte, schon jetzt herrsche Ungleichheit im Sport. Zum Beispiel würden Sportler durch die Einteilung in Gewichtsklassen benachteiligt.

Viola von Cramon, Mitglied des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, forderte am Rande des Rededuells eine Rente für Dopingopfer. Die Grünen-Politikerin möchte so die Opfer des DDR-Dopingsystems entschädigen. Minderjährige Sportler, die vom systematischen Doping in der DDR betroffen waren, sollten monatlich 200 Euro bekommen.

Das Armdrücken

Das Armdrücken  |  © ZEIT ONLINE

Über die Ausführungen der Politikerin empörte sich der ehemalige Zehnkämpfer Christian Schenk. Schenk, der 1988 für die DDR Olympisches Gold gewonnen hatte, warf von Cramon vor, zu verallgemeinern. Schenk zweifelte an, dass beispielsweise Biopsien flächendeckend durchgeführt wurden. Der ehemalige Bahnradfahrer Uwe Trömer hielt dagegen und sagte, Biopsien hätten zum Dopingsystem der DDR gehört. Trömer wurde als Mitglied der Junioren-Nationalmannschaft der DDR gedopt und erlitt daraufhin ein Nierenversagen.

Im Anschluss an die Debatte konnte Wagner bei einer Abstimmung nur einen der etwa 50 Zuschauer von seiner Meinung überzeugen. Dafür gewann der Volkswirt das abschließende Armdrücken gegen Gebauer.

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Leserkommentare
  1. Mal eine Anmerkung in Richtung der Sport-Kleriker:

    Die Idee vom "sauberen Sport" ist eine Erfindung klerikaler Eierköpfe, die behaupten und beanspruchen, dass diese Vorstellung allgemeinverbindl. sein müsse und sich aus ethischer Notwendigkeit ableite.
    Diese Behauptung ist unwahr.
    An Sportler werden Anford. gestellt, die völlig überzogen sind.

    Der Kern der Kritik muss sein, dass die Kleriker kein Recht haben, Menschen zum Gegenstand ihrer Inquisition zu machen und in ihren Rechten als freie, mündige Bürger zu beschädigen.

    Mal eine Anmerkung zur Idee der kontr. Freigabe:

    Das ist ja bereits de facto die gängige Praxis.
    Wenn ein Athlet die Dosierungen und den Zeitpunkt der Verabreichung clever wählt, dann sind die allermeisten Substanzen entweder nicht mehr mit hinreichender Sicherheit nachweisbar oder befinden sich im Rahmen noch erlaubter Werte.

    Bspw. ist es als Radsportler mein gutes Recht, meinen natürl. Teststeronspiegel durch Gabe von künstl. Hormon um das vierfache zu steigern. Das darf auch ruhig nachgewiesen werden. Stellt aber keinen positiven Befund dar.
    Die dafür erforderlichen Präparate lasse ich mir von meinem Hausarzt verschreiben. Unter Umständen(!) würde die äquival. Behandlung sogar von meiner gesetzl. KK bezahlt.
    Und die Präparate kaufe ich mir in der Apotheke und nicht in Ritchie's Muckibude. Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sich andere ihre Potenzmittel besorgen. Oder andere, die etwas nachfragen, dass jung&schön&schlau&reich&sexy macht.

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  2. "Wagner sagte, schon jetzt herrsche Ungleichheit im Sport. Zum Beispiel würden Sportler durch die Einteilung in Gewichtsklassen benachteiligt."
    Genau, ich als Boxer finde es auch äußerst Fair wenn ein genetisch bedingter 1,70m Mann mit stolzen 60 Kilo gegen einen 2,10m 120kg Hünen kämpfen muss.
    Auch wenn ich gegen die Legalisierung von Dopingmitteln bin, so muss man objektiv anerkennen, dass wir nicht alle das gleiche genetische Potential haben. Wenn wir nun also gerade im Kampfsport Gewichtsklassen einteilen, dann mit der Absicht Fairness zu erzeugen. Etwas sehr unreflektiert von Herrn Wagner.

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    • Hermez
    • 01. März 2013 16:40 Uhr

    .....den Vergleich habe ich auch nicht recht verstanden.
    Wenn der kleine Mann allerdings Jet Li heisst, bin ich mir da nicht so sicher, obwohl, der boxt ja nicht, kann man also auch nicht vergleichen.

    • Hermez
    • 01. März 2013 16:40 Uhr

    .....den Vergleich habe ich auch nicht recht verstanden.
    Wenn der kleine Mann allerdings Jet Li heisst, bin ich mir da nicht so sicher, obwohl, der boxt ja nicht, kann man also auch nicht vergleichen.

  3. Um ganz ehrlich zu sein, halte ich nicht viel vom Profisport. Warum nehmen die Massen nur dieses ganze Theater so ernst. Was bringt es der Gesellschaft, wenn 22 Mann hinter einem Ball herlaufen oder junge Leute mehrmals im Kreis laufen? Naja, vielleicht bin ich ja auch einfach nur ignorant oder sollte mir nochmal eine Lehrstunde über Brot und Spiele im alten Rom geben lassen.
    Was das Dopen angeht: Einige Herrschaften vergessen wohl, dass das Zeug Nebenwirkungen hat bzw. gesundheitsschädigend ist. Nun muss uns die Leber eines unbekannten Sportlers nicht weiter stören (ein Sack voll reis in China...), aber man stelle sich vor, ein bekannter Fußballstar verreckt uns an einem Schlaganfall, weil er sich die Mittel spritzen musste, um seine "außergewöhnliche" Ausdauer beizubehalten. Oh Gott, der Pöbel wird zornig werden, wenn es seine Helden in regelmäßigen Abständen verliert...

  4. Es gibt meines Wissens keinerlei Hinweis darauf, dass ein echtes Pharmaunternehmen (und nicht ein halblegales Hinterhoflabor) in der westlichen Welt in irgenteiner Form Doping unterstützt hat. Wer einen Beleg für das Gegenteil hat, soll sich bitte melden. Wen ein Präperat z.B. aus der Krebstherapie missbraucht wird, gibt es nicht sehr viel was das Unternehmen dagegen tun kann.

    Ansonsten reicht es einen Beipackzettel von z.B. EPO zu lesen, um zu verstehen, warum man Doping nicht freigeben darf:

    "WARNING: ESAs INCREASE THE RISK OF DEATH, MYOCARDIAL INFARCTION, STROKE, VENOUS THROMBOEMBOLISM, THROMBOSIS OF VASCULAR ACCESS AND TUMOR PROGRESSION OR RECURRENCE" usw usw

    http://www.epogen.com/professional/pi.html

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    Es gab bereits mehr als einmal Initiativen, die darauf abzielten, dass die Pharmahersteller ihre "Doping-Präparate" mit Substanzen markieren.
    In der Doping-Analytik wäre es dann ausreichend, die Marker nachzuweisen und es bräuchte nicht für jede Substanz ein eigener Test zu entwickelt zu werden.
    Der Nachweis von EPO wäre so bspw. locker 10 Jahre früher möglich gewesen.

    Wer einen Beleg hat, dass diese einfache und wirkungsvolle Massnahme jemals von einem Hersteller umgesetzt wurde, soll sich bitte melden!

    Ihr Schluss, dass das Vorhandensein von Nebenwirkungen das Verbot einer Behandlung mit leistungssteigender Intention rechtfertige, ist Unsinn.
    EPO ist ein bewährtes und millionenfach eingesetztes Präparat, dass in Anwendung in Therapien sogar den Goldstandard darstellt. Also praktisch unverzichbar.

    Es ist das gute und völlig selbstverständliche Recht jedes(!) Patienten in Gemeinschaft mit seinem Arzt die Nebenwirkungen und mögliche Spätfolgen dieses Präparates billigend in Kauf zu nehmen.
    Es gibt in unserer Rechtsordnung kein Recht, dass dieses besonders geschützte Grundrecht ("freie Wahl der Therapie") übertrumpfen kann.
    Und mal nebenbei bemerkt, haben "Dopingmittel" nicht mehr und nicht weniger Nebenwirkungen, als jedes andere Medikament auch.

    Lediglich die Kleriker des Sports glauben, sie könnten hier ihre "Privatvorstellungen" über die legitimen und geschützten Rechte freier Bürger stellen.
    Diesem Spuk sollte ein Ende bereitet werden.

  5. als es nur einen Dopingsünder gab - die DDR, den Hort des Bösen. Nachdem nach und nach die eigenen alt-BRD-Sünden ruchbar wurden und es zunehmend schwieriger wurde, dies unter der Decke zu halten nun der Versuch einer Flucht nach vorne. Ich warte auf das Argument, das eigentlich immer zieht, dass nämlich die Spitzenkönner das Land verlassen, wenn ....
    Mein Respekt gilt den Leuten, die sich für ein absolutes Dopingverbot einsetzen. Hoffentlich halten sie durch.
    Ach so, die Doping-Geschädigten in den alten Bundeländern bei den Entschädigungen nicht vergessen!!!

  6. Es gab bereits mehr als einmal Initiativen, die darauf abzielten, dass die Pharmahersteller ihre "Doping-Präparate" mit Substanzen markieren.
    In der Doping-Analytik wäre es dann ausreichend, die Marker nachzuweisen und es bräuchte nicht für jede Substanz ein eigener Test zu entwickelt zu werden.
    Der Nachweis von EPO wäre so bspw. locker 10 Jahre früher möglich gewesen.

    Wer einen Beleg hat, dass diese einfache und wirkungsvolle Massnahme jemals von einem Hersteller umgesetzt wurde, soll sich bitte melden!

    Ihr Schluss, dass das Vorhandensein von Nebenwirkungen das Verbot einer Behandlung mit leistungssteigender Intention rechtfertige, ist Unsinn.
    EPO ist ein bewährtes und millionenfach eingesetztes Präparat, dass in Anwendung in Therapien sogar den Goldstandard darstellt. Also praktisch unverzichbar.

    Es ist das gute und völlig selbstverständliche Recht jedes(!) Patienten in Gemeinschaft mit seinem Arzt die Nebenwirkungen und mögliche Spätfolgen dieses Präparates billigend in Kauf zu nehmen.
    Es gibt in unserer Rechtsordnung kein Recht, dass dieses besonders geschützte Grundrecht ("freie Wahl der Therapie") übertrumpfen kann.
    Und mal nebenbei bemerkt, haben "Dopingmittel" nicht mehr und nicht weniger Nebenwirkungen, als jedes andere Medikament auch.

    Lediglich die Kleriker des Sports glauben, sie könnten hier ihre "Privatvorstellungen" über die legitimen und geschützten Rechte freier Bürger stellen.
    Diesem Spuk sollte ein Ende bereitet werden.

  7. ..... Geld, Zuwendungen, Wetteinfluß ist eine verdeckte Form des Dopings, wer sich bewusst dauerhaft schädigt (Boxer, z.B. Kopf) begeht auch eine Form von Doping.

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  • Quelle dpa, sd
  • Schlagworte Ben Johnson | DDR | Doping | Gold | Pharmaindustrie | Rente
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