Champions LeagueDas Auswärtstor-Dilemma

Die Champions-League-Spiele von Bayern und Schalke wurden mehr oder weniger durch die Auswärtstorregel entschieden. Doch hat die wirklich noch Sinn? von 

Fliegt der Ball auswärts ins Tor, ist das besser als zu Hause.

Fliegt der Ball auswärts ins Tor, ist das besser als zu Hause.  |  © Peter Kneffel/picture alliance/dpa

Uli Hoeneß war verärgert wie lange nicht mehr. "Wir spielen seit drei Wochen schönen Dreck", schimpfte er nach der 0:2-Heimniederlage seiner Münchner gegen den FC Arsenal. Er redete von einem "letzten Warnschuss". Dabei durfte der Präsident des FC Bayern noch froh sein, dass ihn und seinem etwas unmotiviert daherkommenden Klub eine Regel rettete, die an diesem Champions-League-Spieltag besonders im Blickpunkt stand, über deren Sinn man sich aber streiten darf: die Auswärtstorregel.

Jene Regel, die man Gelegenheitszuschauern neben der Sache mit dem Abseits besonders häufig erklären muss. Jene Regel, die in der Fremde geschossene Tore auf so geheimnisvolle Art wertvoller macht als Heimtore. Jene Regel, die die Fans nach dem einen oder anderen Bier nervös mit dem Smartphone berechnen lässt, wie viele Tore die eigene Mannschaft noch braucht, wenn es gerade 1:1 steht und sie auswärts 0:1 verloren hat?

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Ignoriert man das Siegtor von Galatasary auf Schalke in der 95. Minute, das nur fiel, weil Schalke alles nach vorne werfen musste, endeten die Duelle von Schalke und Bayern in Summe jeweils 3:3. Doch es gab einen entscheidenden Unterschied: Der FC Bayern zog trotz einer 0:2-Niederlage gegen den FC Arsenal ins Viertelfinale ein, weil er das Hinspiel in London mit 3:1 gewonnen hatte. Schalke 04 dagegen wäre mit dem 2:2 nach einem 1:1 in Istanbul ausgeschieden. Der Grund war das jeweils mehr erzielte Auswärtstor.

Die Regel wird längst hingenommen, als wäre sie gottgegeben. Doch ist sie zeitgemäß? Warum sollte ein Tor dort mehr wert sein als ein Treffer hier? Warum sollte ein Team weiterkommen, das in beiden Spielen nicht mehr Tore geschossen hat als der Gegner? Ist es nicht unlogisch, dass eine Mannschaft sich mit dieser Regel bis ins Finale spielen kann, ohne ein einziges Spiel zu gewinnen?

Die Auswärtstorregel wurde 1965 im damaligen Europapokal der Pokalsieger eingeführt und später auf alle europäischen Wettbewerbe ausgedehnt. Zu dieser Zeit gab es gute Gründe: Bei Gleichständen nach Hin- und Rückspiel wurden bis dahin kostspielige und kräftezehrende Entscheidungsspiele angesetzt. Zudem waren Reisen damals strapaziöser, abenteuerlicher, die Spielstätten waren nicht genormt wie heute. Mailand oder Madrid, das macht damals einen Unterschied. Alles Faktoren, die die Auswärtsmannschaft benachteiligten. Es war daher legitim, dem Besucherteam einen minimalen Vorteil zu verschaffen.

Vor allem sollten die Gäste zu einem offensiveren Spiel verleitet werden. Bis dahin mauerten die Auswärtsmannschaften tüchtig und hofften auf das Rückspiel. Nun hieß es plötzlich, ein 1:3 sei attraktiver als ein 0:2. Leider hat diese gute Idee auch eine Kehrseite: Die Heimmannschaften gehen zögerlicher zu Werke, weil ein Gegentor im eigenen Stadion ein Duell oft entscheiden kann.

Leserkommentare
  1. In der Tat, die Auswärtstorregel gehört abgeschafft. In der 11Freunde war vor ein paar Monaten eine Übersicht zu sehen, nach der mittlerweile in der Bundesliga das Heimteam genauso häufig gewinnt wie das Auswärtsteam.

    Es kann sein, dass eine Verlängerung das Heimteam begünstigt (obwohl ich dazu noch keine Statistik gesehen habe), allerdings ist es ja auch im Moment so, dass jedes Team zuerst auswärts spielen möchte und sich davon einen Vorteil erhofft.

    Die Vorschläge des Autoren wie Torschüsse etc. sind natürlich keine Option und würden das Spiel auch wieder unnötig kompliziert machen.

    Ich plädiere für Einfachheit: Im Zweifel entscheidet das Torverhältnis, bei zweimaligem Unentschieden oder gleichem Torverhältnis gibt es Verlängerung. Das ist wirklich am Fairsten.

    Und was ist eigentlich mit der 3-Punkte Regel, die das Spiel spannender machen sollte? Seit der Einführung fallen weniger Tore und es gibt insgesamt mehr Unentschieden. Könnte man auch drüber Nachdenken!

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    Ich habe mir mal willkürlich eine Saison rausgepickt vor der 3Punkte Regel:
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    dagegen:
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    aktuell:
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    Wohlgemerkt. Es ist gerade mal der 25. Spieltag.

    andere Länder:
    England:
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    Italien:
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    Ich habe nicht das Gefühl, dass die Drei Punkteregel Einfluss auf Torverhältnisse hat.

    Zum Thema: "Ich plädiere für Einfachheit: Im Zweifel entscheidet das Torverhältnis" Soll heißen?
    Was ist daran fairer? Unfair würde bedeuten, dass ein Team dem anderen gegenüber einen Vorteil hat, der Saisonentscheidend ist, aber diesen gibt es nicht. Fair ist es, wenn alle Teams die gleichen Rahmenbedingungen haben und der Zufall (wie Münzwurf) eliminiert wird und dabei ist es egal, ob die Auswärtstorregel gilt oder nicht, denn diese gilt ja für alle Teams. An der Fairness ändert dies nichts.

    Es geht darum den Sieger entsprechend zu belohnen, damit Mannschaft eher auf Sieg spielen. Sicher ist man vielleicht auch vorsichtiger, denn man verliert ja 3 Punkte auf den Gegner, wenn man verliert.

    Ich würde sogar weitergehen und 5 Punkte Regelung fordern, wenn eine Mannschaft mit 5 Toren Differenz und mehr gewinnt.
    Dann spielen Mannschaften nach einem 3:0 vielleicht weiter, um mehr Punkte zu erhalten und andere haben den Ansporn sich nicht abschießen zu lassen.

    • Dok06
    • 14. März 2013 21:40 Uhr

    Also in der laufenden CL-Saison (ohne Quali) stehen 178 Heimtoren 149 Auswärtstore gegenüber.
    In der EL ist das Verhältnis mit 266 zu 179 (ohne Quali & Achtelfinale) noch eindeutiger.
    Es ist also definitiv immer noch bedeutend schwieriger ein Auswärtstor zu erzielen.

  2. schön, aber die einfachste Phrase trifft es auf den Punkt "Wer es in 180 Minuten nicht schafft das entscheidende Tor mehr zu erzielen, hat es nicht verdient weiterzukommen und die Bedingungen sind für alle gleich"
    Arsenal hätte das Tor mehr schießen können, allerdings auch mehr fangen.(Tautologie). Schalke hätte vier/fünf Tore mehr schießen können. Barcelona hat und das ist dann der Unterschied, die Tore geschossen. Ich persönlich finde gerade dieses rechnen spannend. Es verleiht dem Spiel eine Dramatik, bevor das 2. Spiel gespielt ist.

    Eine Leserempfehlung
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    Redaktion

    Lieber dortmunder jung,

    nee, der Text ist keine Übersetzung, dafür ist mein Englisch nicht ausgereift genug. Den Text von Jonathan Wilson habe ich nachdem (!) uns die Idee gekommen ist, natürlich auch gelesen. Der Spieltag, gerade die unterschiedlichen Ergebnisse für die deutschen Teams, verlange geradezu nach diesem Thema.

    Das sich da etwas doppelt: normal. Wenn Sie aufmerksam lesen, erkennen Sie aber, dass wir in dem Text schon über die Gedanken von Herrn Wilson hinausgehen. Über Alternativen zur Regel hat er rein gar nichts geschrieben.

    In Wilson Text steht aber auch eine schöne Zahl, die die Heimvorteil-Sache erklärt: Damals, bei der Einführung der Regel, resultierten 16 Prozent der Spiele in einem Auswärtssieg. Mittlerweile sind es zwischen 30 bis 35 Prozent.

    Viele Grüße aus der Redaktion
    Christian Spiller

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Vorwürfe. Danke. Die Redaktion/sh

    "Der Spieltag, gerade die unterschiedlichen Ergebnisse für die deutschen Teams, verlange geradezu nach diesem Thema."

    Die "unterschiedlichen Ergebnisse" verlangten etwas? Warum eigentlich? Verstehe ich nicht. Sagen wir's mal so: War nicht der eigentliche Anlass für diesen, nun ja, sehr eigenen Artikel, dass ausgerechnet der FC Bayern von der Auswärtstorregel profitiert hat?

  4. Im globalisierten Fußball schwindet also der Heimvorteil, während in den vergangenen zehn Jahren sich doppelt so viele Heimmannschaften in der Verlängerung durchsetzten. Demnach scheint es doch noch so etwas wie einen Heimvorteil im internationalen Fußball zu geben. Wenn's schon an so einfachen Dingen hapert, sollte so ein unausgegorener Artikel nicht online gehen.

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    Dazu muss man aber bedenken, dass wenigstens im Achtelfinale die Heimmannschaft im Rückspiel, und so auch bei einer Verlängerung, immer auch vorher Gruppensieger war. Und das bei 8 Achtelfinalpartien und nur 4+2+1=7 weiteren KO-Spielen jede Saison Das deutet grundsätzlich darauf hin, stärker zu sein, wesshalb diese Statistik praktisch kene Aussagekraft haben dürfte.
    Dann gilt aber immernoch, wie mein Vorredner sagte, dass in diesem artikel einige Unausgereiftheiten zu finden sind.

  5. Es freut mich, das Herr Spiller dieser Meinung Öffentlichkeit verschafft! In meinem Freundeskreis ist die Abschaffung der Auswärtstor-Regel die Mehrheitsmeinung. Interessant die tatsächliche Herkunft zu erfahren. Bisher ging ich davon aus, dass sie von einem mächtigen, fussball-hassenden Funktionär eingeführt wurde, der seiner schlecht spielenden Lieblingsmannschaft auch mal die Chance ermöglichen wollte einen Europapokal-Titel zu holen.

    Meistens treffen Ideen zur Veränderung ach so "liebgewonnener" Regeln im Fußball leider auf massiven Widerstand.

    Louis van Gaal hatte viele gute Ideen zu ähnlichen Themen: Eine Abschaffung der Verlängerung; dadurch direkt 11er-Schießen. Oder nach jeweils 5 Minuten gespielter Verlängerung, jede Mannschaft um einen Feldspieler dezimieren.

  6. es bis zur 90.Minute kein Vorteil, wenn man daheim spielt. Geht es in die Verlängerung ist es doch ein Vorteil, wenn die Heimmannschaft dann doppelt so oft gewinnt als die Gäste.
    Ich bezweifle deshalb stark, dass es keinen Heimvorteil mehr gibt. Die Fans stärken der Heimmannschaft immer noch sehr deutlich den Rücken.

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  7. Ich habe mir mal willkürlich eine Saison rausgepickt vor der 3Punkte Regel:
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    Wohlgemerkt. Es ist gerade mal der 25. Spieltag.

    andere Länder:
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    Ich habe nicht das Gefühl, dass die Drei Punkteregel Einfluss auf Torverhältnisse hat.

    Zum Thema: "Ich plädiere für Einfachheit: Im Zweifel entscheidet das Torverhältnis" Soll heißen?
    Was ist daran fairer? Unfair würde bedeuten, dass ein Team dem anderen gegenüber einen Vorteil hat, der Saisonentscheidend ist, aber diesen gibt es nicht. Fair ist es, wenn alle Teams die gleichen Rahmenbedingungen haben und der Zufall (wie Münzwurf) eliminiert wird und dabei ist es egal, ob die Auswärtstorregel gilt oder nicht, denn diese gilt ja für alle Teams. An der Fairness ändert dies nichts.

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    Antwort auf "Überfällige Reform"
  8. "Demnach scheint es doch noch so etwas wie einen Heimvorteil im internationalen Fußball zu geben." Aus Kommentar 4.

    Je höher das Niveau, desto weniger fällt ein Heimvorteil ins Gewicht.
    In der CL bei Mannschaften wie Bayern, Real, Barca etc. ist er eigentlich gar nicht mehr vorhanden.
    Das spräche für eine Abschaffung.

    Andererseits: Ohne Auswärtstorregelung würde man sehr viele Verlängerungen provozieren.

    Tendenziell würde ich sie eher abschaffen. Bayern und Arsenal haben in 2 Spielen jeweils 2 Tore gegeneinander gemacht, also vom Ergebnis her gleichwertig. Warum sollte es da keine Verlängerung geben, um den endgültigen Sieger zu ermitteln.
    Naja als Bayernfan hätte ich das gestern natürlich nicht gebraucht ;-)).

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    "In der CL bei Mannschaften wie Bayern, Real, Barca etc. ist er eigentlich gar nicht mehr vorhanden."

    Gerade die beiden Spanier sind doch Beispiele für einen extrem starken Heimvorteil. Real Madrids Bilanz auf deutschem Boden ist geradezu unterirdisch; sie haben das aber oft genug durch einen hohen Sieg in Spanien wieder ausgeglichen.

    In den letzten drei Jahren sieht die Champions-League-Statistik dieser beiden wie folgt aus:

    FC BARCELONA

    2010/11 (ohne Finale):
    (H) 18:4 Tore, 16 Punkte
    (A) 9:4 Tore, 11 Punkte

    2011/12
    (H) 20:6 Tore, 14 Punkte
    (A) 15:4 Tore, 13 Punkte

    2012/13
    (H) 9:3 Tore, 10 Punkte
    (A) 6:4 Tore, 6 Punkte

    REAL MADRID:

    2010/11
    (H) 15:2 Tore, 15 Punkte
    (A) 10:4 Tore, 12 Punkte

    2011/12
    (H) 24:6 Tore, 18 Punkte
    (A) 11:3 Tore, 13 Punkte

    2012/13
    (H) 10:6 Tore, 10 Punkte
    (A) 8:5 Tore, 7 Punkte

    Natürlich sind das auch auswärts gute Punktausbeuten, aber einen nicht mehr existierenden Heimvorteil kann ich hier nicht herauslesen.

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