Uli Hoeneß war verärgert wie lange nicht mehr. "Wir spielen seit drei Wochen schönen Dreck", schimpfte er nach der 0:2-Heimniederlage seiner Münchner gegen den FC Arsenal. Er redete von einem "letzten Warnschuss". Dabei durfte der Präsident des FC Bayern noch froh sein, dass ihn und seinem etwas unmotiviert daherkommenden Klub eine Regel rettete, die an diesem Champions-League-Spieltag besonders im Blickpunkt stand, über deren Sinn man sich aber streiten darf: die Auswärtstorregel.

Jene Regel, die man Gelegenheitszuschauern neben der Sache mit dem Abseits besonders häufig erklären muss. Jene Regel, die in der Fremde geschossene Tore auf so geheimnisvolle Art wertvoller macht als Heimtore. Jene Regel, die die Fans nach dem einen oder anderen Bier nervös mit dem Smartphone berechnen lässt, wie viele Tore die eigene Mannschaft noch braucht, wenn es gerade 1:1 steht und sie auswärts 0:1 verloren hat?

Ignoriert man das Siegtor von Galatasary auf Schalke in der 95. Minute, das nur fiel, weil Schalke alles nach vorne werfen musste, endeten die Duelle von Schalke und Bayern in Summe jeweils 3:3. Doch es gab einen entscheidenden Unterschied: Der FC Bayern zog trotz einer 0:2-Niederlage gegen den FC Arsenal ins Viertelfinale ein, weil er das Hinspiel in London mit 3:1 gewonnen hatte. Schalke 04 dagegen wäre mit dem 2:2 nach einem 1:1 in Istanbul ausgeschieden. Der Grund war das jeweils mehr erzielte Auswärtstor.

Die Regel wird längst hingenommen, als wäre sie gottgegeben. Doch ist sie zeitgemäß? Warum sollte ein Tor dort mehr wert sein als ein Treffer hier? Warum sollte ein Team weiterkommen, das in beiden Spielen nicht mehr Tore geschossen hat als der Gegner? Ist es nicht unlogisch, dass eine Mannschaft sich mit dieser Regel bis ins Finale spielen kann, ohne ein einziges Spiel zu gewinnen?

Die Auswärtstorregel wurde 1965 im damaligen Europapokal der Pokalsieger eingeführt und später auf alle europäischen Wettbewerbe ausgedehnt. Zu dieser Zeit gab es gute Gründe: Bei Gleichständen nach Hin- und Rückspiel wurden bis dahin kostspielige und kräftezehrende Entscheidungsspiele angesetzt. Zudem waren Reisen damals strapaziöser, abenteuerlicher, die Spielstätten waren nicht genormt wie heute. Mailand oder Madrid, das macht damals einen Unterschied. Alles Faktoren, die die Auswärtsmannschaft benachteiligten. Es war daher legitim, dem Besucherteam einen minimalen Vorteil zu verschaffen.

Vor allem sollten die Gäste zu einem offensiveren Spiel verleitet werden. Bis dahin mauerten die Auswärtsmannschaften tüchtig und hofften auf das Rückspiel. Nun hieß es plötzlich, ein 1:3 sei attraktiver als ein 0:2. Leider hat diese gute Idee auch eine Kehrseite: Die Heimmannschaften gehen zögerlicher zu Werke, weil ein Gegentor im eigenen Stadion ein Duell oft entscheiden kann.