Fett wie ein Turnschuh: Ich skilanglaufe schneller als eine Ameise
Unser Kolumnist Tuvia Tenenbom will der "starke Mann" sein, den Österreich dringend braucht. Dafür muss er Skifahren lernen. Er versucht es. Und begegnet seinen Ängsten.
Wussten Sie, dass 42 Prozent der Österreicher der Meinung sind, unter Hitler sei nicht alles schlecht gewesen? Oder dass nur 12 Prozent glauben, die Verfolgung von Juden sei 2013 undenkbar?
Ich wusste es nicht, aber genau das behauptet eine der verlässlichsten Zeitungen Österreichs. Für mich ist das, wenn ich Ihnen etwas Persönliches verraten darf, die schlimmste Nachricht meines Lebens, denn sie könnte das Ende meines Skitraumes bedeuten.
Ja, genau. Ich gebe es offen zu: Ich kann nicht Ski fahren. Punkt. Aber ich war immer schon der Meinung, dass Skifahren die schönste, erfrischendste und romantischste aller Sportarten ist, und ich wollte immer der beste Skifahrer der Welt sein. Das Problem war bisher der Weg dahin, doch vor Kurzem erzählte mir ein Freund von einem tollen Ort in Tirol, einem Fünf-Sterne-Superior-Hotel. Er sagte, man könnte mich dort zu einem Skimeister machen. Weil ich mich schon immer für einen echten Tiroler gehalten habe, plante ich natürlich sofort, im Frühjahr 2014 einen Aufenthalt dort in meinen vollen Terminkalender zu quetschen, um noch an den Olympischen Winterspielen teilnehmen zu können.
Doch jetzt gestaltet sich das Ganze plötzlich schwieriger als erwartet. Aus ganz persönlichen Gründen, die ich nicht öffentlich ausbreiten möchte, widerstrebt es mir, den Rest meines Lebens in Konzentrationslagern zu verbringen.
Was soll ich also tun?

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh".
Ich lese die Zeitung ein zweites Mal, um sicherzugehen, dass mir meine Augen keinen Streich gespielt haben. Mir fällt auf, dass ich ein Detail des Berichts übersehen habe: 61 Prozent der Befragten sagen, dass sie sich einen "starken Mann" an der Spitze Österreichs wünschen.
Wow! Das ist meine Chance: Wenn ich Ski-Weltmeister werde, wählen sie vielleicht mich als ihren Anführer.
Ohne auch nur eine Sekunde weiter nachzudenken, fliege ich auf der Stelle nach Tirol.
Ich verbringe die Nacht im Fünf-Sterne-Superior-Hotel, stehe am nächsten Morgen früh auf und werde von Tom begrüßt, einem der Skilehrer des Hotels.
Auf dem Programm steht heute: Skilanglauf. Ich habe keine Ahnung, was Langlauf bedeutet, aber in Sachen Skifahren habe ich volles Vertrauen in die Österreicher.
Bevor es losgeht, werde ich mit seltsamen Schuhen ausgestattet. Ich trage schöne Schuhe, aber Tom sagt, ich müsse Langlaufschuhe anziehen.
Es ist offensichtlich gar nicht so einfach, ein starker Anführer zu werden.
Dann gibt er mir noch zwei richtig unförmige Skier, und wir brechen auf ins Skigebiet.
Ich gehe drei Sekunden lang wie ein ganz normaler Behinderter, doch Tom sagt, dass ich das toll mache, und verkündet: "Wir haben die erste Stufe geschafft." Und ich denke: Wenn die Österreicher das hier toll finden, dann weiß Gott, was mit "starker Mann" gemeint sein könnte.
Wir gehen über zur "zweiten Stufe", wieder ungefähr drei Sekunden lang, und ich überlebe auch das. Das Sudetenland gehört mir!
Weiter geht's mit Stufe drei, was in meinem Fall bedeutet, dort Ski zu fahren, wo alle anderen starten. Ich mache den ersten Schritt und stürze so schnell, dass ich es ins Guinness-Buch der Rekorde schaffen könnte.
Fragen Sie mich nicht, wie ich es schaffe, so ein Schlemihl zu sein.
Doch ich stehe auf und versuche es weiter. Ich muss es schaffen; Paris ist noch nicht erobert.
Während ich weiter langlaufe, schneller als eine Ameise, kommt mir ein interessanter Gedanke: Wenn ich meinem Körper erlaube, auf Automatik zu schalten, so wie er von Natur aus programmiert ist, wird er wissen, wie er sich bewegen muss, und perfekt berechnen, wie das Gleichgewicht zu halten ist. Der einzige Grund, warum mein Körper das nicht tut, ist, dass ich ihm nicht erlaube, auf natürliche Weise zu arbeiten. Nur meine Angst, wird mir klar, hält meinen Körper davon ab zu funktionieren.
Tom sieht das genauso.
Und ich weiß: Wenn ich meiner Angst nachgebe, werde ich Stalingrad nie erreichen.
Dieser Interessenskonflikt zwischen dem natürlichen Mechanismus des Körpers und der Angst, die dagegen arbeitet, lässt mich erstarren – und ich stürze.
Ich muss meine Ängste überwinden, sonst werde ich nie der "starke Mann", den Österreich so dringend benötigt.
Was soll ich tun?






Tja, Mister Tenenbom, gut, dass Sie es aufgegeben haben, ein deutscher Intellektueller werden zu wollen. Noch schwieriger als Skifahren zu lernen ist es schließlich, sich dauernd so ausdrücken zu müssen, dass einen keiner versteht. Da Sie nun feststellten, dass Sie schon immer eigentlich Tiroler waren, fällt dieses Thema von selbst unter den Tisch, da kerniger Tiroler und blutleerer Intellektueller ohnehin nicht zusammenpassen wollen.
Jetzt haben Sie wenigstens die Nachfahren der ersten außenpolitischen Opfer des Nationalsozialismus in Form von Skilehrern kennen gelernt. Dadurch wird Ihnen auch klar geworden sein, wie sehr sie sich damals gegen die Annexionisten aus dem Norden gewehrt haben müssen, diese tapferen, toleranten, weltoffenen Österreicher.
Wenigstens war den Okkupanten aus dem Norden damals nicht klar, dass sie da einen verschobenen Teil Afrikas besetzten, sonst häten sie in ihrem Rassewahn die armen Österreicher ... Nein, diesen Gedanken verbannen wir schleunigst aus unserem Kopf.
Sagen Sie uns demnächst, wie es ist, der stärkste Mann Österreichs zu sein. Mal ganz ehrlich: Konkurrenz haben Sie dort eigentlich keine.
Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/se
"Ich muss meine Ängste überwinden, sonst werde ich nie der "starke Mann", den Österreich so dringend benötigt."
Jawohl, Mr. Tenenbom, strengen Sie sich an. Vielleicht nennen Sie die Bewohner der Alpenrepublik dann eines Tages - in Anlehnung an den Skiraser Herminator - den Tuviator. Das wär' doch was!
richtig verstanden habe, wurde seinerzeit Österreich von einem Ex-Österreicher okkupiert, der erst Ende 1932 von der Stadt Braunschweig die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt. Sonst wäre Herr Adolf Schicklgruber ausgewiesen worden.
Da ein Zeitungsbericht über Tirol für Herrn Tenenbom die schlimmste Nachricht seines Lebens geworden ist, möchte ich doch bemerken, dass es auch eine andere Seite Tirols gibt.
Die Präsidentin der jüdischen Kultusgemeinde Innsbrucks, Dr. Esther Fritsch und der vor kurzem verstorbene Altbischof von Innsbruck, Dr. Reinhold Stecher, setzen (setzten) sich seit vielen Jahren für den Aufbau eines normalen Miteinanders der Menschen in Tirol ein.
http://www.ikg-innsbruck....
Da in der darin aufgelisteten Geschichte der Israelitischen Kultusgemeinde das Wirken von Frau Dr. Esther Fritsch (noch?) nicht gebührend dokumentiert ist, möchte ich bemerken, dass es vor allem ihr Verdienst und das von Altbischof Stecher ist, dass die von Tuvia Tenenbom angeführten Zahlen immer kleiner und hoffentlich bald bedeutungslos werden.
Zeitungsberichte, die Ressentiments bedienen und eine (gutgemeinte?) Satire finden zwar offensichtlich mehr mediale Präsenz, können aber mit wenigen Zeilen die Bemühungen jahrzehntelanger Arbeit von engagierten Brückenbauern zunichte machen.
Ich würde mir wünschen, dass diese Kolumne nicht zu viele Leser findet.
Gruß
Rappelkopf
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