RennsportDie Formel 1 ist kein Sport, sondern ein verlogener Zirkus

Die Formel 1 täuscht die Zuschauer und bereichert sich durch Steuergelder, kommentiert S. Dobbert. Bevor er den Saisonauftakt guckt, geht er lieber in den echten Zirkus. von 

Grid Girls beim Großen Preis von Singapur im September 2011

Grid Girls beim Großen Preis von Singapur im September 2011  |  © Vladimir Rys/Getty Images

Ich dachte, Formel 1 gehört dazu. Eine Sportart wie andere auch. Fußballspieler rennen einem Ball hinterher und werden von Millionen Menschen verehrt. Boxer sind Helden, weil sie sich gegenseitig auf die Nase hauen. Und Formel-1-Piloten fahren im Kreis. Immer wieder. So ist Sport: spannend, fair, unproduktiv und auf den ersten Blick wenig sinnvoll. Dann traf ich vor fünf Jahren einen Formel-1-Piloten.

Der Rennfahrer erzählte aus eigener Erfahrung: Wer etwas werden will, brauche in der Formel 1 neben etwas Talent viel, viel, viel eigenes Geld oder Sponsoren und einen Manager, der sich um beides kümmert. Wer es schafft, lande meist in einem langsamen Auto und kann nur hoffen, dass Sponsoren und Manager in seinem Sinne dealen, ihm einen schnelleren Wagen ermöglichen. Ob ein Fahrer ein Rennen gewinnt, hänge vor allem vom Zustand seines Autos ab. Nach dem langen Gespräch wollte der Manager des Fahrers das Interview sehen. Er war von den ehrlichen Worten nicht begeistert und untersagte eine Veröffentlichung der interessanten Passagen.

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Steffen Dobbert
Steffen Dobbert

Steffen Dobbert ist Redakteur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Seitdem weiß ich: Die Formel 1 ist kein Sport wie Fußball oder Tennis. Formel 1 ist ein Rennzirkus, halb Rennen, halb Zirkus, in der Summe ein perfektes Geschäft. Das große Tamtam reist von einer Rennstrecke zur nächsten, inklusive Cocktails, Bunga-Bunga-Musik, Boxenluder und dem Schein eines fairen Wettkampfes.

Die sogenannten Sportler sind dabei nicht mehr als die Affen im Zirkus: gefangen und begrenzt in ihren Möglichkeiten, beklatscht von der Eventmeute. Am breitesten grinst der Zirkus-Manager. Er, Bernie Ecclestone, scheffelt die meiste Kohle. Sein als Sport verkauftes Tohuwabohu wirft pro Saison durchschnittlich etwa 500 Millionen Dollar ab. Geld, das auch aus staatlichen Kassen kommt.

Ecclestone, CVC Capital Partners, Blackrock, Waddell & Reed, Norges und Bambino heißen die Teilhaber der Formel 1, private Firmen, hinter denen Typen wie Ecclestone stehen. Sie haben die Formel 1 zum Spektakel gemacht. Nur dafür, dass der Zirkus für ein Wochenende nach Barcelona, Budapest oder Nürburg kommt, kassieren sie 33 Millionen Dollar. Der Gastgeber zahlt; die Formel 1 trägt kein Risiko. Diese Verträge laufen meist viele Jahre, und die meisten der Grand-Prix-Veranstalter werden durch Steuergeld finanziert.

Klar, ums Geldverdienen geht’s auch in anderen Profisportarten. Ohne Steuergeld würden in Deutschland viele Fußballstadien nicht stehen. Viele olympische Sportler fördert der Staat direkt. Aber im Kern ist Sport ein Wettkampf, vielleicht der letzte unserer Zeit, in dem jeder gewinnen kann: Chancengleichheit, gleiche Regeln. Der Sportler hat nichts außer seinem Körper, seinem Talent und seinem Ehrgeiz. Darin liegt der Reiz. Das ist die Lüge der Formel 1.

Meinetwegen sollen sich die Millionen Fans ab diesem Wochenende wieder an den Kreisfahrten der Formel-1-Autos ergötzen. Hamilton, Vettel oder Alonso mögen außergewöhnlich gute Fahrer sein. Sonntags zuzuschauen, wie ein Privatsender sie deshalb zu Helden macht, ist mir zu doof. Das liegt auch an meiner begrenzten Begeisterung für Motoren, Reifen und Spoilersysteme. Vor allem aber an der Verlogenheit des Rennzirkus.

Lesen Sie hier die Replik von Markus Horeld: "Pro Formel 1 – Es lebe die Unvernunft!"

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Leserkommentare
  1. ... der sich ueberhaupt nicht fuer diesen Sport begeistern kann (was ja sein gutes Recht ist) nur einen Verriss dafuer uebrig hat.

    Wer auch nur ansatzweise glaubt, das es in IRGENDEINER kommerziell ausgebeuteten Sportart "fair" oder "gerecht" zugeht, hat den Schuss eindeutig ueberhoert.

    Und ja. Der Fahrer ist immer noch zu einem sehr grossen Teil dafuer verantwortlich, dass das Team(!) gewinnt. Das Auto ist der andere grosse Teil. Vielleicht ist sich der Autor der einfachen Tatsache nicht, bewusst, aber F1 ist ein TEAMsport. Genauso wie uebrigens der Fussball. Und viele andere Sportarten.

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    "...War ja klar, das jemand...... der sich ueberhaupt nicht fuer diesen Sport begeistern kann (was ja sein gutes Recht ist) nur einen Verriss dafuer uebrig hat...."

    War ja klar, dass bei manchen Leuten sofort wieder die Schnappatmung einsetzt, weil es jemand wagt an der heiligen Sonntagsbeschäftigung Kritik zu üben.

    • senna1
    • 15. März 2013 11:12 Uhr

    Was hat Ernest Hemingway einst gesagt:
    "Es gibt nur zwei ernstzunehmende Sportarten auf dieser Welt:
    Radrennen und Formel1. Alles andere sind Spiele."

    Ein weiser Mann

    ... kann man mit viel mehr Spas daheim auf der Konsole oder am PC spielen!

    ...als Ironie sehen.

    Ernerst Hemingway war ja ein Alkoholiker und hat sich ja selbst umgebracht.
    Er litt an Depressionen und hatte wohl eine bipolare Störung.

    Aber er konnte nicht wissen was aus dem Radsport und der Formel 1 geworden ist.

    Spielbälle der geldhungringen Reichen.

  2. Guter Artikel !

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    ------- etwa Chancengleichheit für alle im Sport durch Doping verhindern?

    Lese nix diesbezüglich.

    Ich werde mir 5 Wecker stellen damit ich ja gar nicht Melbourne verpasse.

    Der Autor entkräftet die meisten Argumente selbst und das zurecht. Jeder kommerzielle Sport, vor allem die oben aufgeführten, sind alles andere als fair und objektiv. Das einzige Argument, das nicht entkräftet wurde ist das der unterschiedlichen Autos. Ich glaube kein Formel-1-Zuschauer würde bestreiten, dass das Auto heute genauso viel ausmacht wie der Fahrer. Trotzdem finde ich die Vorwürfe haltlos. Zum einen lässt sich im Motorsport der technische Aspekt schwer ausgrenzen. Zum anderen gehört das genauso dazu und macht den Motorsport noch viel spannender. Die Tatsache mit einem unterlegenen Auto zu gewinnen, ist erst die wahre Spannung. Motorsport ist die Symbiose zwischen Mensch und Maschine, und keines Falls nur der Körper, das Talent oder den Ehrgeiz, sondern auch die technischen Entwicklungen und Kniffe der Ingenieure.

    Es ist der schlechteste Artikel/Kommentar, den ich in der Zeit oder auf Zeit online je gelesen habe.

    • insLot
    • 15. März 2013 10:20 Uhr

    Habe die Formel 1 auch nie als Sportart betrachtet. Höchstens als Wettbewerb der Autobauer. Aber der Mob will unterhalten werden. Sei es mit gefakten Casting- und Realityshows oder eben mit der Formel 1.

    Würde ich auch im Grunde entspannt sehen, wenn ich diesen Mist nicht auch noch mit meinen Steuregeldern finanzieren würde. Wer das haben will, soll dafür bezahlen und basta. Fussball dann gerne auch nur verschlüsselt, ist mir absolut einerlei. Ich brauch kein Brot und Spiele.

    18 Leserempfehlungen
  3. >> Die Formel 1 ist kein Sport, sondern ein verlogener Zirkus <<

    ... wir das jetzt auch wissen :-) Da wäre ich nicht ohne weiteres drauf gekommen. Übrigens ist die Formel 1 auch eine völlig sinnlose Ressourcenverschwendung.

    Naja, wer's mag.

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    die Formel eins ist ein praktiziertes auf Wettbewerbsebene statfindendes Versuchslabor, das maßgeblich Entwicklungen zur Ressourcenschonung beigetragen hat.
    Schauen Sie sich nur einmal die Leistungskurve der Motoren und der Werkstoffe an...
    Getreu dem sportlichen Motto: Schneller, besser und effizienter.

    Die Fahrer sind lebende Sensoren und Ihre Umsetzung in Erfolge ist durchaus sportlich zu sehen.

    Der Mensch steht hier im Mittelpunkt, wie sonst ist es zu erklären, dass manche 7 mal Weltmeister werden können und andere nie?
    F1 ist hauptsächlich ein technischer TEAMSPORT!

  4. Ihnen ist aber klar, das sie mit der Forderung "Der Sportler hat nichts außer seinem Körper, seinem Talent und seinem Ehrgeiz. Darin liegt der Reiz." auch eine Menge anderer Sportarten abkanzeln?
    Ob das nun ein Großteil der Winterdisziplinen sind (Bobfahren, Skispringen, mWn auch Laufdisziplinen; in denen die Siegchance extrem davon abhängt, ob das Material richtig bearbeitet wurde oder wie der Bob konstruiert wurde) oder ob das Schwimmdisziplinen sind (in denen der richtige Anzug entscheidend ist/war); immer spielt die Präparation der Technik eine entscheidende Rolle. Genauso ist das in der Formel 1. Auch hier sollten Sie das wohl genauso wie in den oben genannten Beispielen eher als Teamsport sehen (hinter einem Hammilton oder Vettel stehen ja immer Ingenieurcrews, auch wenn diese oft vergessen werden).
    In der Formel 1 gibt es dafür im Gegensatz zu den oben genannten Sportarten dafür sogar eine eigene Kategorie (Konstrukteursmeisterschaft).

    Sicher ist der Showeffekt an gewissen Entscheidungen nicht von der Hand zu weisen (einklappbarer Heckflügel, einige Entscheidungen der FIA etc.), allerdings sehe ich hier nicht eine Grenze überschritten. Der Übertritt wäre da, wenn im Hintergrund die Ergenisse vorgeben würde, um künstlich Spannung/Profit zu erzeugen. Da dies nicht der Fall ist, kann man von Sport sprechen.

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    "...Auch hier sollten Sie das wohl genauso wie in den oben genannten Beispielen eher als Teamsport sehen (hinter einem Hammilton oder Vettel stehen ja immer Ingenieurcrews, auch wenn diese oft vergessen werden)...."

    Und worin genau liegt nun die "sportliche" Leistung eines Ingenieurs? Etwa in der Möglichkeit, Fahrzeuge von der Box aus fernzusteuern?

  5. ... Geister verurteilen gewöhnlich alles, was über ihren Horizont geht.

    Francois Duc de La Rochefoucauld, 1613-1680

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    • hairy
    • 15. März 2013 11:03 Uhr

    Höhere Geister verurteilen oft, was unter ihrem Horizont bleibt.

    Immer, wenn Zitate eines lang verstorbenen dazu genutzt werden, den eigenen Standpunkt zu untermauern, ist dieser wohl nicht vorhanden oder nicht durchdacht.
    Sport ist Wettkampf. Dieser Wettkampf, so wird uns immer wieder eingetrichtert, ist besonders wichtig, weil, da draußen ist Krieg. In der Arbeit, in der Schule, in der Familie und dann natürlich auch im Sport.

    Doch, Sport ist nicht nur dies, sondern auch Geld, Prestige und noch einmal Geld. Wo Geld ist, da ist auch Betrug und Hass und Gewalt und Mord und Gier und Lügen.

    Seit Jahren geistern immer wieder Schreckgespenster durch die Presse, die vehement behaupten, vom Minigolf bis zum American Football wäre alles abgesprochen. Ich glaube diesen Worten, denn dort wo Geld ist, da ist auch Betrug und Hass.....

    JLC

    die meisten Rennfahrer sind wenigsten gute Ausdauersportler. Sie fahren sehr gute Zeiten auf dem Rad oder laufen mal so eben einen Marathon.
    Wenn man eben nur so ein paar Stunden in die Runde fährt, ist das auch bitter notwendig.
    Wer so einen Schwachsinn, wie der Autor des Artikels schreibt, muß sich nicht wundern, wenn ein Manager diesen Schwachsinn untersagt. Das hätte auch die Zeit tun sollen.

    " Mittelmäßige Geister verurteilen gewöhnlich alles, was über ihren Horizont geht."

    Sie und Rochefoucauld haben recht.

    @ Autor:
    Mir kamen die Tränen.

    Natürlich erst, nachdem Sie mir endlich die Augen geöffnet hatten dafür, daß tatsächlich Geld eine Rolle spielt und das vieles Show ist.

    Ich bedaure übrigens die gesamte öffentlich-rechtliche Sportberichterstattung in all ihren Facetten und ihrem Umfang und der Auswahl der gesponserten Sportarten. Leider muss ich das alles mitfinanzieren.

    Darüber beklage ich mich aber nicht. So isses nunma. Schön, daß ich als Ausgleich kostenlos auf RTL Formel 1 gucken kann.

    Aber schon gar nicht bezahlt mich jemand dafür, daß ich mich beklage.

    Hmm, ...

    Das gibt mir jetzt zu denken, daß Sie dafür bezahlt werden und ich das gelesen habe. Danke wenigstens dafür!

    "Mittelmäßige Geister verurteilen gewöhnlich alles, was über ihren Horizont geht."

    Wunderbares Zitat.
    Bitte das nächste Mal unter einen Verriss zum Thema Stierkampf, Fuchsjagd oder Zwergerlwerfen schreiben.

    Hoppla...

    Darf man ihren Zitaterguss als Kritik an dem für PS-Hirne vielleicht schwer verständlichen, nichts desto trotz sehr guten Artikels verstehen?

  6. "Aber im Kern ist Sport ein Wettkampf, vielleicht der letzte unserer Zeit, in dem jeder gewinnen kann"
    Ich hoffe Sie sprechen sich ebenso energisch gegen Trainer und Physiotherapeuten und Sportmediziner aus, die bei anderen Sportarten dabei sind. Die sorgen nämlich auch nicht gerade für Chanchengleichheit.

    Was sie hier kritisieren ist in meinen Augen eher der Übergang zwischen Amateur- und Profibereich. Ihr obiger Satz gilt für den Amateurbereich, aber für den Profibereich ist das eben (fast?) egal in welcher Sportart, schon lange nicht mehr der Fall. Hier unterwirft man sich entweder dem System (Trainer, Trainingslager, Technik. Physiotherapeuten, etc.) oder man wird im Normalfall keinen Erfolg haben. Denn diese Menschen außenrum werden ja dafür bezahlt den Sportler besser zu machen. Wenn jeder dahergelaufene Amateur einfach so gewinnen könnte, dann würde diese ganzen Leute ihren Job nicht verstehen und wären Unnötig. Von daher ist mit ihrem hehren Ideal spätestens im Profibereich Schluß.

    5 Leserempfehlungen
  7. Das beste Auto ist nichts wert, wenn der Fahrer das Potenzial nicht nutzt, wohl aber kann ein überragender Fahrer die Mängel eines Autos teilweise ausgleichen und überspielen (sh. Alonso Anfang letzter Saison). Natürlich spielt das Material eine Rolle, aber das ist nicht nur in der Formel 1 der Fall, sondern in jeder Rennserie und in jeder Sportart, die mit technischen Sportgeräten arbeitet und keine Einheitstechnik vorschreibt. Gewonnen wird nur, wenn das Team als ganzes einen gute Job macht. Und dass nicht immer das beste Material gewinnt, hat das letzte Jahr auch gezeigt, denn der RBR war zum Ende hin nicht mehr der Platzhirsch, sie haben aber eine konstante Leistung abgeliefert.

    Ein Fußballverein kann nicht ohne Sponsorengelder überleben, ein Rennradfahrer auf einem billigen schweren Drahtesel hechelt hinterher, ein Skirennfahrer ohne ordentliche Ski wird nicht an die Spitze fahren. Es stimmt schon, dass Ecclestone einige fragwürdige Entscheidung betreffend der Politik hinter der Formel 1 getroffen hat und die FIA tut ihr übriges dazu, aber die Formel 1 ist nach wie vor ein Hochleistungssport. Selbst ein durchschnittlich trainierter, sportlicher Mensch, würde nicht eine Runde im Formel 1 Rennwagen den Kopf gerade halten, geschweige denn den Wagen bedienen können.

    Und was das Management angeht: ein Fußballer mit einem schlechten Manager schafft es auch nicht zum Meister, weil er nicht bei der besten Mannschaft landet.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bernie Ecclestone | Affe | Privatsender | Tennis | Zirkus | Barcelona
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