Grid Girls beim Großen Preis von Singapur im September 2011 © Vladimir Rys/Getty Images

Ich dachte, Formel 1 gehört dazu. Eine Sportart wie andere auch. Fußballspieler rennen einem Ball hinterher und werden von Millionen Menschen verehrt. Boxer sind Helden, weil sie sich gegenseitig auf die Nase hauen. Und Formel-1-Piloten fahren im Kreis. Immer wieder. So ist Sport: spannend, fair, unproduktiv und auf den ersten Blick wenig sinnvoll. Dann traf ich vor fünf Jahren einen Formel-1-Piloten.

Der Rennfahrer erzählte aus eigener Erfahrung: Wer etwas werden will, brauche in der Formel 1 neben etwas Talent viel, viel, viel eigenes Geld oder Sponsoren und einen Manager, der sich um beides kümmert. Wer es schafft, lande meist in einem langsamen Auto und kann nur hoffen, dass Sponsoren und Manager in seinem Sinne dealen, ihm einen schnelleren Wagen ermöglichen. Ob ein Fahrer ein Rennen gewinnt, hänge vor allem vom Zustand seines Autos ab. Nach dem langen Gespräch wollte der Manager des Fahrers das Interview sehen. Er war von den ehrlichen Worten nicht begeistert und untersagte eine Veröffentlichung der interessanten Passagen.

Seitdem weiß ich: Die Formel 1 ist kein Sport wie Fußball oder Tennis. Formel 1 ist ein Rennzirkus, halb Rennen, halb Zirkus, in der Summe ein perfektes Geschäft. Das große Tamtam reist von einer Rennstrecke zur nächsten, inklusive Cocktails, Bunga-Bunga-Musik, Boxenluder und dem Schein eines fairen Wettkampfes.

Die sogenannten Sportler sind dabei nicht mehr als die Affen im Zirkus: gefangen und begrenzt in ihren Möglichkeiten, beklatscht von der Eventmeute. Am breitesten grinst der Zirkus-Manager. Er, Bernie Ecclestone, scheffelt die meiste Kohle. Sein als Sport verkauftes Tohuwabohu wirft pro Saison durchschnittlich etwa 500 Millionen Dollar ab. Geld, das auch aus staatlichen Kassen kommt.

Ecclestone, CVC Capital Partners, Blackrock, Waddell & Reed, Norges und Bambino heißen die Teilhaber der Formel 1, private Firmen, hinter denen Typen wie Ecclestone stehen. Sie haben die Formel 1 zum Spektakel gemacht. Nur dafür, dass der Zirkus für ein Wochenende nach Barcelona, Budapest oder Nürburg kommt, kassieren sie 33 Millionen Dollar. Der Gastgeber zahlt; die Formel 1 trägt kein Risiko. Diese Verträge laufen meist viele Jahre, und die meisten der Grand-Prix-Veranstalter werden durch Steuergeld finanziert.

Klar, ums Geldverdienen geht’s auch in anderen Profisportarten. Ohne Steuergeld würden in Deutschland viele Fußballstadien nicht stehen. Viele olympische Sportler fördert der Staat direkt. Aber im Kern ist Sport ein Wettkampf, vielleicht der letzte unserer Zeit, in dem jeder gewinnen kann: Chancengleichheit, gleiche Regeln. Der Sportler hat nichts außer seinem Körper, seinem Talent und seinem Ehrgeiz. Darin liegt der Reiz. Das ist die Lüge der Formel 1.

Meinetwegen sollen sich die Millionen Fans ab diesem Wochenende wieder an den Kreisfahrten der Formel-1-Autos ergötzen. Hamilton, Vettel oder Alonso mögen außergewöhnlich gute Fahrer sein. Sonntags zuzuschauen, wie ein Privatsender sie deshalb zu Helden macht, ist mir zu doof. Das liegt auch an meiner begrenzten Begeisterung für Motoren, Reifen und Spoilersysteme. Vor allem aber an der Verlogenheit des Rennzirkus.

Lesen Sie hier die Replik von Markus Horeld: "Pro Formel 1 – Es lebe die Unvernunft!"