Pro Formel 1Es lebe die Unvernunft!

Vieles nervt an der Formel 1, viel Sinn hat sie auch nicht. Genau deshalb mag er sie, schreibt Markus Horeld, und schwärmt von Überholmanövern und diesem unglaublichen Brüllen. von 

Sebastian Vettel und sein Team feiern im November 2012 den dritten WM-Titel.

Sebastian Vettel und sein Team feiern im November 2012 den dritten WM-Titel.  |  © Clive Mason/Getty Images

Würde heute einer die Formel 1 erfinden, er würde für verrückt erklärt werden: Hey, lasst uns irgendwo ein schönes Stück Landschaft asphaltieren und ein paar Verrückten zuschauen, wie sie ihr Leben riskieren, in Autos ohne Dach, die 75 Liter Sprit auf 100 Kilometer verbrauchen. Absurd? Absurd!

Die Formel 1 stammt aus einer Zeit, in der es um Vernunft und Sinnhaftigkeit bisweilen nicht allzu gut bestellt war. Ich glaube, genau deshalb mag ich sie. Ich weiß, wie schizophren es ist, zu Hause Ökostrom zu beziehen und zugleich seltsamen Sport zu mögen. Aber ich kann damit umgehen: Als Jugendlicher war ich gleichzeitig Mitglied in der Jugendorganisation des WWF und im örtlichen Motorsportklub.

Anzeige
Markus Horeld
Markus Horeld

Markus Horeld leitet die Ressorts Politik, Meinung und Gesellschaft bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Der Kollege Dobbert hat der Formel 1 alles Sportliche abgesprochen. Die Formel 1, schrieb er, sei bloß ein lächerlicher Zirkus, in der gewinne, wer das meiste Geld habe. Abgesehen davon, dass man dieses Argument recht einfach auf andere Sportarten anwenden könnte, stimmt es in dieser Absolutheit nicht. Ferrari-Fahrer haben seit 2007 keinen WM-Titel mehr gewonnen, obwohl das italienische Team pro Saison ungefähr so viel Geld ausgibt wie Red Bull und Mercedes zusammen.

Natürlich ist das System Formel 1 ungerecht. Ecclestone diktiert die Regeln, der Rest springt. Kleine Teams haben keine realistische Chance auf den Titel (wie im Fußball). Trotzdem spielen sie eine wichtige Rolle, immer wieder können sie die Großen ärgern (wie im Fußball). Im vergangenen Jahr schnappte das leidlich finanzierte Sauber-Team den Reichen immer wieder Podiumsplätze weg.

Vor allem aber ist Formel 1 Sport. Wer jemals auch nur in einem Renncart saß, weiß, was es für Unterarme braucht, um mehr als ein paar Runden ohne Krämpfe zu überstehen. Hinzukommt eine schier unglaubliche Konzentrationsfähigkeit. Jede Sekunde muss der Pilot aufmerksam sein, an den richtigen Stellen bremsen oder gerade so viel Gas geben, dass das 750-PS-Fahrzeug unter Kontrolle bleibt. Und das zwei Stunden lang, ohne Pause. In einem Rennen verliert ein Formel-1-Fahrer mehrere Kilogramm Gewicht und verbrennt rund 3.000 Kalorien.

Der Zuschauer sieht davon nichts. Auch die aberwitzige Geschwindigkeit bemerkt er kaum, das tun nicht mal die Fahrer, weil ihnen auf den heutigen Strecken die Bezugspunkte fehlen. Spannend ist es dennoch, weil unglaublich viel passiert, wenn 22 fast gleich schnelle Piloten dasselbe wollen. Nein, Unfälle meine ich nicht, die machen nicht glücklich. Wenn aber einem Lewis Hamilton an einer unmöglichen Stelle ein Überholmanöver gelingt, lässt mich das lauter schreien als bei einem Tor von Hertha.

Wer Weltmeister wird, ist mir ziemlich egal. Ich will, dass es spannend bleibt, möglichst bis zum letzten Rennen. So wie im vergangenen Jahr. Beim Finale in Sao Paulo wechselte die WM-Führung zwischen Vettel und Alonso fortwährend. Irgendwann fiel der Deutsche auf den letzten Platz zurück – und kämpfte sich im demolierten Auto wieder zurück. Großes Kino.

Und dann noch der Lärm. Im Fernsehen bekommt man davon nur wenig mit, schon allein wegen des lästigen Dauergeplappers der RTL-Kommentatoren. An der Strecke aber hört man ihn nicht nur. Man spürt ihn, tief im Körper, dieses Brüllen, von dem man kaum glauben mag, dass es irdisch ist.

Vieles nervt an der Formel 1. Ecclestones Übermacht, die alberne Show rund um die Rennen, die absurden Bestrafungen nach misslungenen Überholmanövern, die den Fahrern die Verwegenheit austreiben. All das aber ist vergessen, wenn das nächste Mal die roten Ampeln erlöschen, und 22 Autos auf die erste, viel zu enge Kurve zurasen.

Lesen Sie hier die Gegenmeinung von Steffen Dobbert: "Die Formel 1 ist kein Sport, sondern ein verlogener Zirkus"

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Quas
    • 15. März 2013 14:44 Uhr

    den anderen Artikel schon kommentiert, möchte das aber hier auch noch einmal tun weil Sie schon einen kleinen Einblick gegeben haben wo der Sport tatsächlich stattfindet.
    Eins ist leider Fakt, man sieht den Sport im Motorsport als Zuschauer nicht, wenn man kein Gefühl dafür hat in welcher Situation sich die Rennfahrer gerade befinden. Es ist ein Sport, den man als Außenstehender, der noch nie ein Fahrzeug wirklich gefahren (und nicht nur bewegt) hat, einfach nicht nachvollziehen kann. Es ist unmöglich ein absolut irres Manöver beurteilen zu können, wenn man dafür kein Sinn für die Gefahr entwickelt hat.

    Die gängige Meinung zum Thema Formel1 ist daher absolut nachvollziehbar und man kann nichts weiter tun als die Menschen zu fragen, ob Sie daran Interesse hätte zu verstehen oder eben nicht.
    Sollte man Interesse an dem Sport entwickeln und sich der extremen Anforderung eines F1-Piloten in Ansätzen nähern wollen, kann man nur vorschlagen ein paar Euro in die Hand zu nehmen und den nächsten Anfängerkurs auf einer Rennstrecke buchen.

    Aber auch moderne Simulationssoftware kann einen ersten (guten) Eindruck von den Strapazen und Schweißausbrüchen vermitteln. rFactor2 mit einem Lenkrad ab 100,- bietet einen guten Einstieg.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Quas
    • 15. März 2013 14:56 Uhr

    Die Formel1 und deren Verbrauch der Fahrzeuge zu kritisieren ist absolut lächerlich. Es handelt sich um 22 Fahrzeuge, die alle zwei Wochen 600Km fahren. Wenn BWM den Verbrauch seiner Fahrzeuge um 0.0001 l/km senken würde, könnten wir tausend F1 Rennen im Jahr machen.

    Viel schlimmer ist der ständige Transport um die Welt, eine logistische Katastrophe aber auch diese wirkt lächerlich, wenn man sich das Mobilitäts- Konsumverhalten der Menschen (auch den Kritikern) anschaut:

    Die Äpfel aus Australien, Urlaub in HongKong, Kleidung aus Taiwan, Rosen aus Südafrika usw. und das Millionenfach, jeden Tag. Das ist tatsächlich kritikwürdig..

    Als ehemaliger aktiver im Kartsport kann ich nur bestätigen das es sich um Sport handelt. Die meisten Kritiker würden wahrscheinlich keine 10 Minuten in einem Leihkart mit nur 6,5 PS aushalten. Geschweige denn ein 20-PS-Gerät im Renntempo bewegen. Oder auch nur eine Runde im Kart-Slalom.
    Was die meisten Kritiker nicht wissen ist, dass Motorsport ein Kraft-Ausdauer-Sport ist.

  1. "Und dann noch der Lärm. (...) An der Strecke aber hört man ihn nicht nur. Man spürt ihn, tief im Körper, dieses Brüllen, von dem man kaum glauben mag, dass es irdisch ist."
    Also, ich arbeite in Hörweite des Hockenheimrings, und wenn da gefahren wird, höre ich kein Brüllen, sondern das nervig-aggressive Summen überzüchteter Hornissen. Als ich Kind war, gab es bei uns in der Nähe einen Modellflugplatz, und die winzigen Zweitakter in den Modellflugzeugen haben sich aus der Nähe ungefähr so angehört, wie der Hockenheimring aus fünf oder sechs Kilometer Entfernung.

    Kann man mögen, aber ohne Gehörschutz würde ich mir das nicht antun wollen.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... ist Kreissäge in vollem Schnitt, Modellmotor bei Höchstdrehzahl oder eine 50er Garelli bei Höchstgeschwindigkeit. Das wäre so, als würde Hulk Hogan mit Fistelstimme schreien.
    Vielleicht hat der Redakteur da was verwechselt, kann schon mal vorkommen.

  2. ... ist Kreissäge in vollem Schnitt, Modellmotor bei Höchstdrehzahl oder eine 50er Garelli bei Höchstgeschwindigkeit. Das wäre so, als würde Hulk Hogan mit Fistelstimme schreien.
    Vielleicht hat der Redakteur da was verwechselt, kann schon mal vorkommen.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Geschmackssache"
  3. Wo bitte schön hört der Autor in der Formel 1 ein "tiefes Brüllen" ? Mich erinnert die Formel eins an Kleinkindergeschrei und Katzen-Gejammer. Motorengeräusch hört man da - bei 20.000 Umdrehungen pro Minute - ganz bestimmt keines mehr !

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    und fette Kopfhörer dabei haben...

  4. "Wenn BWM den Verbrauch seiner Fahrzeuge um 0.0001 l/km senken würde, könnten wir tausend F1 Rennen im Jahr machen."
    Falls mit "BWM" die Bayerischen Motorenwerke (BMW) gemeint sein sollten: Die bauen z.B. die F800-Reihe mit ordentlich Qualm in der Hütte bei äußerst genügsamen Spritverbrauch. Und wenn man sich deren Motor mal näher anguckt, findet man darin fast unverwässert die Technik der BMW Formel-1-Rennmotoren.

    Antwort auf "Kleiner Zusatz:"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Quas
    • 15. März 2013 16:26 Uhr

    soll es BMW heißen. Es ging mir auch nicht um einen Hersteller von Motoren, sondern um die Gewichtung der Einflüsse auf die Umwelt.
    Es ist quasi egal wie viel ein Rennwagen verbraucht, denn er hat absolut keinen Einfluss auf die weltweiten Emissionen. Ein Serienfahrzeug, was millionenfach verkauft wird dagegen schon.
    Auch wenn dieser dann immer noch eher gering ist ;)

  5. ... noch nie DIREKT vor Ort waren, es besser wissen wollen wie der Autor, der, davon kann man ausgehen, genau dies schon erlebt hat.

    Aber egal. Ich kann diesen Artikel nur unterschreiben. Entweder man mag es, oder man mag es nicht. Aber wenn man schon kritisiert, sollte man schon handfeste Argumente haben.

    Oder man beschraenkt sich auf: "Mog i net!", aber dann sollte man davon absehen, auch nur den Anschein erwecken zu wollen, konstruktiv Kritik ueben zu wollen.

    3 Leserempfehlungen
  6. muss es eben geben. Allerdings ist die F1 so nicht wirklich zu gebrauchen. Auch wen der Autor es mag. Die etwas ungelenken Versuche die F1 immer mal wieder als wichtig für die Fahrzeugentwicklung zu deuten ringen mir ein kleines Schmunzeln ab. Durch den Kostendruck und notwendige Sicherheitsmaßnahmen ist das Reglement nach dem die ''Boliden'' gebaut werden auf einem Stand den keiner in seinem Auto haben möchte. Dabei meine ich nicht das was man sehen kann sondern wirklich technische Details wie z.b. das Doppelkupplungsgetriebe. Es wurde sicherlich für den Motorsport entwickelt und auch eine Weile benutzt aber mitllerweile ist es verboten. Samtliche Steuerelektronik ohne die sich ein normales Starßenfahrzeug Heute nicht mehr verkaufen lassen würde ist in der F1 verboten. Und ganz ehrlich finde ich es wirklich langweilig die Dinger im Kreis fahren zu sehen wenn man nicht schon so schlau war sich eine Karte für mehrere hundert Euro zu kaufen dann kommt sogar nur ab und an mal einer an dem Sitzplatz vorbei.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Mercedes | Auto | Fußball | Gas | Lärm | Show
Service