FankulturRettet den Fußball vor den Hipstern

Nostalgisch, selbstironisch und so intelligent – in den vergangenen Jahren entwickelte sich ein neuer Typus Fußballfan. Helfen wird er dem Spiel kaum. Von C. Spiller von 

Der Fußballfan hat sich irgendwie verändert.

Der Fußballfan hat sich irgendwie verändert.  |  © photocase.de

Eigentlich ist dieser neue, reflektierte Fußballfan ein liebenswerter Zeitgenosse. Er macht keinen Ärger, kann über sich lachen und weiß Bescheid. Für manche ist er ein Klugscheißer, aber ein Netter. Obwohl er Besserverdiener oder zumindest kein ganz armer Student ist, denkt er nicht daran, die alten Fans aus den Stadien zu gentrifizieren. Er weiß um die Problematik, setzt sich einfach dazu. Außerdem schaut er eh lieber in der großstädtischen Fan-Kneipe, weil er oft nicht dort lebt, wo sein Herzensteam zu Hause ist.

Am Donnerstag hat er sich im Großen Saal eines schönen Berliner Kinos versammelt. Es ist der Eröffnungstag des 11mm-Festivals, ein Kinofestival, bei dem sechs Tage lang nur Fußballfilme gezeigt werden. Zum Auftakt läuft "50 Jahre Bundesliga", ein harmloser Zusammenschnitt der putzigsten Bundesliga-Anekdötchen: Friedel Rausch beißt der Hund, Ahlenfelder pfeift besoffen zur Halbzeit, Trap hat fertig. Nach dem Film erzählen sich Heribert Faßbender, Walter Eschweiler, Rudi Gutendorf, Wolfgang Kleff und Klaus Fischer auf der Bühne aus ihrem Leben. Alte Männer, deren Zoten und Schnurren in anderem gesellschaftlichen Umfeld für Stirnrunzeln sorgen würden. Doch das Publikum kichert und träumt von früher als die Kerle noch echt waren, die Stadien zugig und die Urinale richtig stanken.

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Das alles tut niemandem weh. Dennoch verwundert die Flucht in die Vergangenheit. Zumal es damals weit unromantischer zuging, als mancher lieb haben will. Es gab leere Ränge, Dumpfheit, Illiberalität. Das piefige Spiel von einst ist erst in der rückblickenden Verklärung hip. Manch Fußballintellektueller von heute wäre damals beim Tischtennis besser aufgehoben gewesen.

Christian Spiller
Christian Spiller

Christian Spiller ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Die Sache mit den Fußballfilmen hat in einem Hinterhof angefangen. Wer vor neun Jahren das "11 mm" suchte, musste an Hauswänden vorbei, die vor Graffiti kaum zu erkennen waren. Wer das schaffte und auch die schwere Metalltür fand, hinter der sich das Berliner Kino Central auftat, konnte damals elf Fußballfilme sehen.

In diesen Tagen feiert das Festival seinen zehnten Geburtstag. Seit einiger Zeit residiert es im Kino Babylon, einem hübsch restaurierten Lichtspieltheater. Gegenüber in der Volksbühne tobt sich Frank Castorf bei seinen Theaterexperimenten aus. Die Fußballfilmfülle ist groß, die 11mm-Macher mussten aussieben, sie sichteten insgesamt 150 Produktionen. Der einstige Arbeitersport ist kulturtaugliche Massenware geworden.

Was mit dem Collagenkünstler Ror Wolf in den Siebzigern begann, war spätestens mit Nick Hornbys Fantagebuch Fever Pitch, das 1996 erstmals auf Deutsch erschien, nicht mehr aufzuhalten. Schon zehn Jahre später, zur Märchen-WM 2006 gab es kaum ein Wald-und-Wiesen-Theater, keine Kunstklitsche, die keine Bälle im Programm hatte. Mittlerweile überrascht Angela Merkel in der DFB-Kabine Integrationsfiguren beim Umziehen und Rainer Brüderle bekommt auf dem FDP-Parteitag von Philipp Rösler einen Ball überreicht, weil der als Stürmer die Dinger nun reinmachen soll. Der Fußball wird politisch und kulturell so stark aufgeladen, dass er fast platzt.

Parallel zu dieser Überhöhung entstand der neue Fantypus: Der Intellektuelle. Er möchte nicht so radikal sein wie die Ultras, obwohl er Pyrotechnik geil findet. Nicht so prollig wie die Kuttenträger, obwohl das Flaschenbier stets in Griffweite ist. Und er verachtet Logengänger, obwohl auch ihm Stehen manchmal zu anstrengend ist. Das Klischee will, dass er Ente Lippens, Ata Lameck oder Katsche Schwarzenbeck verehrt und Hornbrille, Trainingsjacke, Retrotrikot trägt. Oder alles gleichzeitig.

Geburtshelfer dieser neuen Sorte Fans waren auch die Medien. In den Nuller Jahren gab es zeitweilig fünf Magazine am Kiosk, die sich mit dem Fußball und dem Drumherum beschäftigten. Vorreiter ist das Fußballkulturmagazin 11 Freunde. Ein bemerkenswertes Heft voll Komik und Selbstironie. Durch das Magazin zieht sich aber stets auch ein Thema, das dem intellektuellen Fußballfan sehr wichtig scheint: eine beinahe obsessive Nostalgie. Die Sehnsucht nach einer Zeit, die es so nie gegeben hat.

Leserkommentare
  1. Es sind eher Fußballfans wie Sie, die gebraucht werden, anstatt konstruierter Bilder. Wenn Fußball nun wieder "Hip" wird, gut so. Hippster sind friedlich und genießen das Leben.

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    Antwort auf "Das ist doch aber..."
  2. Ich verstehe den Artikel nicht. Was will der Autor uns damit sagen?

    Hipster sind Fans 2. Klasse?
    Fußball ist auch nur eine Medaille mit 2 Seiten?

    4 Leserempfehlungen
  3. 5. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Polemik und undifferenzierte Äußerungen. Danke, die Redaktion/fk.

    4 Leserempfehlungen
  4. Ich fahre öfters mal mit den öffentlichen Verkehrsmitteln am örtlichen Stadion vorbei, wenn mal wieder Spieltag ist. Als außenstehender Beobachter muss ich feststellen, dass es für den Fussball im allgemeinen vielleicht eine ganz gute Sache ist, wenn ein Teil der volltrunkenen und herumpöbelnden Radaubrüder durch die beschriebene Sorte Hipsterfans verdrängt wird.

    Aber wahrscheinlich ist das dann nicht mehr Ausdruck der "emotionalen Fankultur", wenn man nicht mehr so oft an der Haltestelle über Kotzlachen steigen muss. Für meinen Teil kann ich darauf jedenfalls gut verzichten.

    Mehr Hipster in die Stadien, bitte.

    6 Leserempfehlungen
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    Ein Internierungsstadium für Hipster also? Fänd ich echt gut.

  5. Aus meiner Sicht ist das schon etwas anderes als das angeführte Beispiel mit dem Arbeitskollegen - der Hippster fällt nämlich in die Bastion der von ihm im tiefsten Herzen verachteten einfachen Menschen ein (ja, das sind die Leute, deren Kinder Kevin und Jaqueline heißen und die ihr Auto am Wochenende polieren!), macht sie sich zu eigen und verändert diese, ohne vorher gefragt zu haben. Und das aus einer ironischen Distanz heraus, die es ihm möglich macht, von heute auf morgen die Rolle des Fußballfans abzulegen und sich eines neuen Spaßes anzunehmen.

    10 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Warum?"
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    Was Hipster am Mittag oder frühen Abend da machen, wenn Sie ins Stadion gehen und dort ein bisschen bierselig werden, ist die temporäre Aneignung ihnen fremder und ihnen auch weiterhin innerlich fremd bleibender, weil am Abend schon wieder (vermeintlich) ironisch belächelter Fankultur. Der Verrat an der eben noch beglückenden Erfahrung ist von vornherein programmiert, weil der Hipster (echte) Wertschätzung, Loyalität und seriöses Interesse nicht kennt. Er ist eben ein Konsumtroll. Er möchte zwar auch gerne dort und so leben, wie der Arbeiter schon vor 30 Jahren (Prenzlberg), ihm würden aber alle Hornbrillen aus dem Gesicht fallen, müsste er diesem am Abend in der Kneipe auch nur die Hand geben....

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