NationalmannschaftDer Pseudostürmer Götze demonstriert seine Tauglichkeit

In den Qualifikationsspielen suchte und fand Löw eine taktische Alternative. Die Nationalelf kommt dank Mario Götze, dem falschen Neuner, auch ohne Stoßstürmer aus. von Rüdiger Rosenthal

Irgendwann vor dem Ende der ersten Halbzeit tauchte Mario Götze vor der eigenen Strafraumgrenze auf. Nicht, dass der falsche Neuner nun auch noch einen falschen Sechser spielen musste. Der 20 Jahre alte Dortmunder rannte wie aufgezogen. Zwischenzeitlich musste man den Eindruck haben, das Spielfeld wäre ihm zu klein geworden.

Dabei fällt ihm die Aufgabe zu, das spanische Spielsystem, also das Angriffsmodell ohne echten Stürmer, auf Tauglichkeit für die deutsche Fußballnationalmannschaft hin zu prüfen. Vielleicht aber lag sein Ausflug in die Tiefen der eigenen Defensive auch daran, dass er seinen eigentlichen Auftrag gestern Abend zwischen der 20. und 30. Minute erledigt hatte. Nach der Führung durch Marco Reus hatte Götze das 2:0 selbst erzielt und das 3:0 durch Gündogan vorbereitet. Und wenn er zuvor noch ein bisschen besser gezielt hätte, wäre ihm schon die Führung gelungen. Sein Pfostenschuss leitete die stärkste Phase der Deutschen ein.

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Dabei hatte es gar nicht so gut begonnen für Götze. Gleich zu Beginn des Spiels hatte er einen Schlag ins Gesicht bekommen, weshalb er minutenlang an der Seitenlinie behandelt werden musste. Es galt ein heftiges Nasenbluten zu stoppen. Von da an gab es aber kein Halten mehr.

Joachim Löw hatte zwischen den beiden Qualifikationsspielen gegen Kasachstan noch einmal das Anforderungsprofil für das spanische System beschrieben. Es braucht als Alternative zum klassischen Modell mit einem echten wuchtigen Mittelstürmer in der Spitze einen technisch starken, wendigen, ballsicheren und abschlussstarken Mann in vorderster Reihe. Also mehr einen spielenden Stürmer statt eines Stoßstürmers.

Für die Recken aus Zentralasien war Götze selten zu fassen. Immer wieder entzog sich Götze derer Bewachung, indem er viele Positionswechsel vollzog. Oft wich er auf die Flügel aus, um von dort eine Angriffsaktion zu initiieren. Dann schlich er sich wieder ins Zentrum und lauerte auf vertikale Anspiele. Dieses Rochieren in der Angriffsreihe ermöglichte trotz zweier extrem tief stehender Viererketten der Kasachen die hohe Ballzirkulation in der deutschen Offensive.

Allerdings, und das zeigte das Spiel gestern auch, es erfordert höchste Konzentration und Bereitschaft in jeder Hinsicht. An Götze lag es noch am wenigsten, dass die deutschen Angriffe in der zweiten Halbzeit nicht mehr so zwingend waren, der Pfosten mehrmals im Wege stand oder der Torwart heldenhaft hielt. Einen Götze in dieser Rolle möchte man gern gegen einen stärkeren Gegner sehen, einen, der ins Spiel einsteigt und nicht nur ein solches verhindern möchte.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. so sehr bin ich der Meinung, das ein "echter" kopfballstarker Mittelstürmer uns noch weiterbringen und gefährlicher machen würde. Denn in dem Spiel konnte man doch sehr häufig sehen, das sich unsere Spieler in einer Ecke festgespielt haben. Dann ist es ein gravierender Nachteil "keine" Flanken spielen zu können, weil kein kopfballstarker Mann in der Mitte lauert! Zudem wird das Spiel auch weniger ausrechenbar für den Gegner, denn ein cleverer Gegner stellt sich darauf ein. Ganz zu schweigen bei sogenannten Standardsituationen, auch da ist Kopfballgefahr angesagt.

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  2. hier erlaube ich mir den kleinen Hinweis: Ein wenig Inhalt sollte ein Artikel schon haben, auch wenn es "nur" um die Deutsche Fußballnationalmannschaft geht und nur um ein Fußballspiel. Dann besser gar nichts schreiben.

  3. er nicht nur Vorne reingestellt wird und anderen den Weg zum Tor verbaut...
    Er sollte mehr wie Klose es kann, sich zurückfallen lassen und mit Reus Götze, Ozil, Müller etc. beweglich und mit direkten Pässen zusammenspielen...sich freilaufen und trotzdem torgefährlich blieben würde.... Gomez kann muss sich weiterentwickeln....
    Wenn er diese Kombination schaffen würde wie Lewandowsky beim BVB, ja dann....wäre er nicht nur gut, sondern sehr gut....
    Alternativ, wie oft gesehen können bei Standards die langen Innenverteidiger mit nach Vorne.

  4. Wenn die eigenen Standards denn mal gefährlich wären. Durch die Kommentare drängt sich mir der Eindruck auf, die deutsche Nationalelf hätte ein Konzept bei Standards. Sieht aber in der Wirklichkeit eher nach dem Prinzip Zufall aus und diese Kritik muss sich Löw schon gefallen lassen.

    Zudem geht der Fokus auf das spanische System mit einer Aufgabe eigener Stärken einher. Denn Gomez ist definitiv eine Waffe, wenn er in Topform ist und entsprechend eingesetzt wird. Was die Nationalelf lernen müsste, wäre das problemlose Umschalten von System *Starrer Stürmer* auf System *Beweglicher Stürmer* (von mir aus auch false nine). Löw propagiert jedoch das Ende des ersteren und fokussiert augenscheinlich nur auf eine Kopie des spanischen Modells. Auch das halte ich für kritikwürdig.

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  5. Naja, also ein Trainer fragt sich aber auch, welches System ist schneller umzusetzen. Gomez wird nicht mehr zum Techniker (das muss man festhalten), doch die junge Garde bringt all die Fähigkeiten mit, die Gomez hat und vor allem nicht hat. Und die Kopfballstärke, wann hat Gomez zuletzt diese selber eingesetzt. Nichts gegen Gomez (selber Bayernfan), aber das System mit ihm ist wesentlich anstrengender, da er zuviele Bälle verliert und so auch für keine Entlastung sorgen kann.
    Was auch noch anstrengend ist die Tatsache, dass Gomez oftmals die Abwehr nicht beschäftigen kann, da er Abwehrreihen nicht oft genug penetrieren kann. Aber genau dafür ist er ja da, den Abwehrspielern müssen doch Bange sein, wenn der Stürmer den Ball bekommt, was bei Gomez viel zu wenig der Fall ist.

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  6. Naja, also ein Trainer fragt sich aber auch, welches System ist schneller umzusetzen. Gomez wird nicht mehr zum Techniker (das muss man festhalten), doch die junge Garde bringt all die Fähigkeiten mit, die Gomez hat und vor allem nicht hat. Und die Kopfballstärke, wann hat Gomez zuletzt diese selber eingesetzt. Nichts gegen Gomez (selber Bayernfan), aber das System mit ihm ist wesentlich anstrengender, da er zuviele Bälle verliert und so auch für keine Entlastung sorgen kann.
    Was auch noch anstrengend ist die Tatsache, dass Gomez oftmals die Abwehr nicht beschäftigen kann, da er Abwehrreihen nicht oft genug penetrieren kann. Aber genau dafür ist er ja da, den Abwehrspielern müssen doch Bange sein, wenn der Stürmer den Ball bekommt, was bei Gomez viel zu wenig der Fall ist.

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    • ascola
    • 29. März 2013 11:23 Uhr

    Der Versuch mit Götze hat sehr gut geklappt. Die Kasachen konnten ihr Tor nicht verriegeln wie geplant, die Deutschen sind mit viel Beweglichkeit gut durch gekommen. Sogar in der 2. Hälfte, als es galt, noch ein Tor vorzulegen, woran sich die Nationalmannschaft schon in vielen Versuchen festgebissen hat, ohne noch mal zum Torerfolg zu kommen - denn die Lage war in der 2. Hälfte typischerweise wieder ganz anders als in der 1. - funktionierte das Sturmsystem und erzielte noch das 4:1.
    Das heißt natürlich nicht, dass man jetzt keinen Stürmer mehr braucht. Man wird Gomez und Klose weiter brauchen, darum ging es auch gar nicht. Es geht nicht darum, ob man den Stürmer auflöst zugunsten einer offensiven Viererkette, sondern aus meiner Sicht geht es darum, ob Löw endlich mal Kießling als Alternative zu Gomez und Klose berücksichtigen wird, wenn man eine Spielsituation hat, in der ein echter Stürmer benötigt wird, Gomez und Klose aber nicht treffen. Das kann mal entscheidend sein.

  7. Gegen einen deutlich stärkeren Gegner mit entsprechenden Abwehrspielern muss das nicht zwingend ebenso gut aussehen, vor allem, weil es da schon mal mehr auf die Socken gibt. Der Mario Gomez ist für ein derartiges System nicht tauglich, dazu ist er spielerich zu limitiert. Er ist ein richtig guter Knipser, auf den ein System zugeschnitten sein muss. Klose, ja, passte eher, wird aber nunmal nicht jünger und Lewandowski, der perfekt passen würde, hat nun mal leider eine andere Nationalität. Bleibt zwangsläufig nur der Kies. Aber da steht sich unser aller Bundesjogi wohl selbst im Weg, genau wie bei der Torwartfrage.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Und warum kann der Götze nicht sowas wie einen Stürmer spielen? Weil auf dem nicht das Etikett Stürmer drauf geklebt wurde? Weil er nicht so Kopfballstark wie ein klassischer Stürmer ist? Wenn ich das richtig sehe war das was die NM da gespielt hat immer noch verdammt nahe am 4-2-3-1 und Ball halten unter Druck, Räume öffnen und Ball reinfummeln kann jemand wie Götze ja nun auch.

    Ich finde auch offen gestanden diese ganze falsche Neun Diskussion irritierend, weil immer nur über die Bezeichnung und nicht über die eigentliche Interpretation der Rolle geredet wird.

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  • Schlagworte Joachim Löw | Kasachstan | Konzentration | Tagesspiegel | Zentralasien
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