Schach-WM-Kandidat"Magnus Carlsen verschwendet keinen Gedanken an ein Remis"

Ab Freitag wird der Herausforderer der Schach-WM ermittelt. Der junge Großmeister Anish Giri redet über die Chancen der acht Kandidaten und den Favoriten Magnus Carlsen. von Stefan Löffler

Das Schachwunderkind Magnus Carlsen

Das Schachwunderkind Magnus Carlsen  |  © Koen Suyk/picture alliance/dpa

ZEIT ONLINE: Herr Giri, am Freitag beginnt das WM-Kandidatenturnier. Wer ist Ihr Favorit?

Anish Giri: Ganz klar Magnus Carlsen. Er spielt sehr effizient. Wenn er unter Druck gerät, entwischt er. Wenn er selbst Druck macht, gewinnt er. So sammelt er immer den einen oder anderen Extrapunkt ein, und das wird bestimmt auch in London der Fall sein. In Wijk aan Zee spielen wir jedes Jahr zusammen Fußball: Er ist nicht der größte Läufer, aber er schießt jede Menge Tore.

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ZEIT ONLINE: Vor dem Kandidatenturnier 2011 in Kasan war der Norweger auch schon Weltranglistenerster und hat gekniffen. Glauben Sie, er ist jetzt mit 22 mental bereit?

Giri: Stimmt, er hat noch nie ein so wichtiges Turnier gespielt. Wenn er mental damit zurecht kommt, dass es nun um die WM geht, taxiere ich seine Chancen auf den Sieg auf 80 Prozent. Bisher zeigt er unglaublich starke Nerven.

Das Turnier

Ab Freitag, den 15. März wird im Londoner Savoy Place der Herausforderer für die Schach-WM 2013 gesucht. Der Gewinner dieses Kandidatenturniers wird voraussichtlich vom 6. bis 26. November gegen den Titelverteidiger Viswanathan Anand antreten. Die acht Spieler spielen doppelrundig jeder gegen jeden. Sieger und damit WM-Kandidat wird der Spieler mit den meisten Punkten.

Die Spieler
  • Boris Gelfand, Israel, Verlierer der Schachweltmeisterschaft 2012
  • Pjotr Swidler, Russland, Gewinner des Schachweltpokals 2011
  • Alexander Grischtschuk, Russland, Zweiter des Schachweltpokals 2011
  • Wassyl Iwantschuk, Ukraine, Dritter des Schachweltpokals 2011
  • Magnus Carlsen, Norwegen
  • Lewon Aronjan, Armenien
  • Wladimir Kramnik, Russland (drei weitere Spieler mit den höchsten Elo-Zahlen)
  • Teymur Rəcəbov, Aserbaidschan (nominiert durch den Veranstalter)

ZEIT ONLINE: Wie unterscheidet sich Carlsens Schach von dem seiner Konkurrenten?

Giri: Er spielt nicht auf Sicherheit. Wenn er eine ausgeglichene Stellung vor sich hat, verschwendet er keinen Gedanken an ein Remis. Er versteht es exzellent, Komplikationen anzuzetteln und Druck auszuüben.

ZEIT ONLINE: Aus der Eröffnungsphase holt Carlsen aber weniger als andere.

Giri: Er richtet sein Spiel am Gegner aus. Er umgeht seine Stärken und verdirbt ihm sein übliches Spiel. Es scheint manchmal, als ob er nichts aus der Eröffnung will. Aber glauben Sie mir: Carlsen hat es genau auf die gegnerische Schwäche abgesehen. Sich gegen ihn vorzubereiten ist schwer. Er ist sehr fit. 14 Runden in 18 Tagen sind ziemlich hart. Das kommt Carlsen zugute. Auch der Modus spricht für ihn.

ZEIT ONLINE: Ein Rundenturnier, bei dem jeder gegen jeden mit beiden Farben spielt. Was halten Sie davon?

Giri: Das verspricht einen objektiveren Sieger als die kurzen Zweikämpfe vor zwei Jahren in Kasan. Wer in London gewinnt, hat wirklich etwas bewiesen.

Anish Giri
Anish Giri

Anish Giri ist ein Schachgroßmeister aus den Niederlanden. Er ist mit 18 Jahren der jüngste Großmeister unter den Top 100 der Weltrangliste. Aktuell liegt er auf Platz 22. Giri gilt als künftiger WM-Anwärter. Seine Mutter stammt aus Russland, sein Vater aus Nepal.

ZEIT ONLINE: Nach dem ähnlich angelegten Kandidatenturnier 1962 in Curacao warf Bobby Fischer den sowjetischen Teilnehmern Ergebnisabsprachen vor. Der Weltschachbund ging dann dazu über, den Herausforderer in Zweikämpfen zu ermitteln. In London sind drei Russen dabei, mehrere Spieler sind befreundet.

Giri: Aber nicht so eng, dass sie einander Punkte schenken werden. Sorgen macht mir eher, dass Iwantschuk ein guter Kunde von Carlsen ist, und dass Swidler bis vor Kurzem ständig gegen Kramnik verlor.

ZEIT ONLINE: Bleiben wir bei Kramnik: Vor 13 Jahren hat er in London keinem geringeren als Kasparow den WM-Titel abgenommen. Erst 2008 unterlag er in Bonn dem heutigen Weltmeister Anand. Trauen Sie Kramnik zu, noch einmal ganz nach oben zu kommen?

Giri: Er wird wahrscheinlich von allen Kandidaten am besten vorbereitet sein. Wenn es drauf ankommt, ist er bereit, Sekundanten und Leute, die für ihn analysieren, zu bezahlen. Viele sind heute mit Schwarz besser vorbereitet. Kramnik hat auch mit Weiß einiges auf dem Kasten. Sein Schwarzrepertoire ist sehr sauber und ausgefeilt. Gegen starke Leute legt er die Partien mit Schwarz gewöhnlich nicht auf Gewinn an, aber er weiß natürlich, dass er in London dazu bereit sein muss.

ZEIT ONLINE: Wo ist Kramnik schwach?

Giri: Er kann nicht bluffen, und er ist anfällig, geblufft zu werden. Wenn er nicht gut startet, ist er nicht der Gleiche. Aber mit einem guten Start hat er alle Chancen. Eine gute Gewinnpartie setzt Kräfte bei ihm frei.

Leserkommentare
  1. Ein exzellentes, weil ungewöhnlich offenes Interview mit vielen kaum bekannten Hintergrundinformationen zu den persönlichen Stärken und Schwächen der Kontrahenten! Jung-GM Giri ist bisweilen sehr "mutig" ... (im Sinne von "Yes, Minister") - hat er nicht ein bißchen Bammel davor, daß ihm die ganz Großen dafür das Fell über die Ohren ziehen, wg. nachweislicher Frechdachsigkeit?! Auf Curacao 1962 war Fischer eindeutig Opfer von Absprachen der sowjetischen Spieler (nur Kortschnoj hatte man schon damals als unsicheren Kantonisten außenvor gelassen) - allerdings war Jung-Bobby damals auch nicht so stark wie Carlsen heute mit seinem unentwegten "Pressing". Für dieses "häßliche" Schach bekommt C. schon seit einiger Zeit verbale Haue in der Schachpresse (was Fischer in frühen Jahren auch ständig vorgehalten wurde).

    2 Leserempfehlungen
  2. danke ZEIT!
    Das Schöne daran ist, dass man allen Einschätzungen von Giri zustimmen kann - ohne die Gewissheit aufgeben zu müssen, dass es spannend werden wird ab Samstag!

    Auch wenn Magnus Carlsen alleine mit seiner unglaublichen Weltranglistenpunktzahl, die er sich aufgrund der Dominanz der letzten 12 Monate erspielt hat, als Favorit gelten muss....
    das sind wirklich alles Topleute in London. Die Creme de la Creme.

    Anand wird froh sein, sich entspannt zurücklehnen zu können während er online und Live am Rechner die neuesten Varianten seiner potenziellen Gegner auf Schwächen überprüfen kann.
    Anands Vorbereitung auf den WM Kampf beginnt ebenfalls am Samstag.

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    Die erste Runde beginnt schon morgen (Freitag) http://london2013.fide.co...

  3. Wieder mal ein ausgezeichneter Schach-Beitrag der ZEIT. Und wer haette gedacht, dass der junge Giri so eloquent und nachvollziehbar die Staerken und Schwaechen der Teilnehmer anspricht?

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  4. Die erste Runde beginnt schon morgen (Freitag) http://london2013.fide.co...

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    Antwort auf "superklasse Interview"
    • Uxmal
    • 15. März 2013 4:14 Uhr

    Ich verstehe immer noch nicht wirklich was vom Schach, aber die Berichte hier auf Zeit.de waren immer sehr interessant und spannend zu lesen (wie dieses Interview). Und vielleicht ist Schach am Ende der einzige Sport wo nicht gedopt wird...

    Kurzum: ich hoffe, wieder auf eine Berichterstattung wie letztes Jahr :)

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  5. Schade, dass der Modus geändert worden ist.

    Hier versucht der Schach Weltverband Carlsen entgegen zu kommen!
    Man braucht einen "Werbe"-Star wie ihn als neue Schach-Ikone.

    Wie schaut Carlsens Bilanz gegen die Konkurernz aus:
    (+ Siege , - Niederlage, = Remis)

    Boris Gelfand +2−1=8
    Peter Swidler +0−2=9
    Alexander Grischuk +1−0=6
    Vassily Ivanchuk +8−2=13
    Levon Aronian +8−4=21
    Vladimir Kramnik +3−4=11
    Teimour Radjabov +6−1=16

    Dominanz sieht anders aus!
    4 Spieler sind so gut wie gleichauf mit ihm im Zweikampf (Swidler/Kramnik sogar besser)
    Der Zweikampfmodus wäre für Carlsen unangenehmer gewesen.

    Bobby Fisher würde sich wegen der Regeländerung sicher im Grab umdrehen:
    "Bei seinem zweiten Kandidatenturnier, Curaçao 1962, belegte Fischer jedoch nur den vierten Platz. Er beschuldigte die teilnehmenden sowjetischen Spieler, untereinander abgesprochene Remispartien gespielt zu haben, um ihre Kräfte dadurch für den Kampf gegen ihn zu schonen. Diese Kritik führte später dazu, dass die FIDE den Modus für Kandidatenturniere änderte und Zweikämpfe anstelle von Rundenturnieren einführte."
    (Aus "http://de.wikipedia.org/wiki/Bobby_Fischer")

    Der Sieger dieses Rundentuerniers wird dann wohl Carlsen sein.

    Und dann trifft er auf Anand.
    Die Bilanz spricht für Anand!
    6 Siege, 2 Niederlagen, 19 Remis.
    Überblick aller Partien:
    http://www.chessgames.com...

    Soviel zu den trockenen Fakten

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    Carlsen hat bisher praktisch keine Zweikaempfe auf hoechstem Niveau gespielt, das ist richtig - ob er da schwaecher abschneiden wuerde als in einem Turnier ist allerdings hypothetisch und aus meiner Sicht ueberhaupt nicht wahrscheinlich, da er erwiesenermassen sehr nervenstark ist.

    Seine Ergebnisse in letzter Zeit und seine extrem ansteigende Form und Elozahl sprechen fuer ihn. Eine Statistik, die Ergebnisse auch des 14- oder 15- jaehrigen Carlsen einbezieht, wird seiner heutigen Staerke deshalb ueberhaupt nicht gerecht und kann nur in sehr bedingter Form etwas ueber sein moegliches Abschneiden in Zweikaempfen aussagen. Seine Elozahl heute liegt bereits auf einem sehr viel hoeheren Level als die von Anand, der bereits gegen Gelfand groesste Probleme hatte und nur mit viel Glueck seinen Titel verteidigen konnte. Anand waere in einem solchen Wettkampf mit Carlsen der klare Aussenseiter.

  6. Carlsen hat bisher praktisch keine Zweikaempfe auf hoechstem Niveau gespielt, das ist richtig - ob er da schwaecher abschneiden wuerde als in einem Turnier ist allerdings hypothetisch und aus meiner Sicht ueberhaupt nicht wahrscheinlich, da er erwiesenermassen sehr nervenstark ist.

    Seine Ergebnisse in letzter Zeit und seine extrem ansteigende Form und Elozahl sprechen fuer ihn. Eine Statistik, die Ergebnisse auch des 14- oder 15- jaehrigen Carlsen einbezieht, wird seiner heutigen Staerke deshalb ueberhaupt nicht gerecht und kann nur in sehr bedingter Form etwas ueber sein moegliches Abschneiden in Zweikaempfen aussagen. Seine Elozahl heute liegt bereits auf einem sehr viel hoeheren Level als die von Anand, der bereits gegen Gelfand groesste Probleme hatte und nur mit viel Glueck seinen Titel verteidigen konnte. Anand waere in einem solchen Wettkampf mit Carlsen der klare Aussenseiter.

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  7. In der Tat, ein erhellender Beitrag - nur leider nicht das Original. Die Gedanken Anish Giris zu den acht Teilnehmern des Kandidatenturniers in London sind über weite Strecken wortwörtlich seinem Text der März-Ausgabe der Zeitschrift „Schach“ entnommen und wurden für diese Darstellungsform auf zeit.de mit offensichtlich erfundenen redaktionellen Fragen arrangiert. Es stünde der ZEIT gut zu Gesicht, die Quelle dieses vorgeblichen Interviews zu nennen, immer vorausgesetzt, Redaktion und Verlag der „Schach“ sind im Bild und stimmen einer Weiterverwertung ihrer Arbeit (gegen Honorar) zu. Falls das nicht der Fall ist, hätte die ZEIT einfach nur geklaut und sich vor ihren LeserInnen mit fremden Federn geschmückt. Und damit wäre ja nun wirklich niemandem gedient.

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    Redaktion

    Liebe Giocconda,

    wir haben nichts irgendwoher entnommen, und auch keine Fragen erfunden. Trauen Sie uns das wirklich zu?

    Wenn Sie sich die Mühe machen und nachschauen, werden Sie feststellen, dass der Autor des Giri-Protokolls im Schach-Magazin und unseres Interviews derselbe ist: Stefan Löffler. Herr Löffler hat also sowohl das Schach-Magazin als auch uns mit dem Thema beliefert. Im Journalismus eine ganz alltägliche Sache.

    Wir haben uns formell für das näher an die echte Gesprächssituation angelehnte Interview entschieden, weil Anish Giri hier etwas mehr kontextualsieren konnte. Das Protokoll im Schach-Magazin-Text richtet sich ja eher an ein Fachpublikum.

    Alos nichts geklaut, keine fremden Federn, alle wissen Bescheid, alles ist gut.

    Viele Grüße aus der Reaktion
    Christian Spiller

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  • Schlagworte Magnus Carlsen | Bobby Fischer | Remis | London | Schach | Berlin
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