ZEIT ONLINE: Herr Giri, am Freitag beginnt das WM-Kandidatenturnier. Wer ist Ihr Favorit?

Anish Giri: Ganz klar Magnus Carlsen. Er spielt sehr effizient. Wenn er unter Druck gerät, entwischt er. Wenn er selbst Druck macht, gewinnt er. So sammelt er immer den einen oder anderen Extrapunkt ein, und das wird bestimmt auch in London der Fall sein. In Wijk aan Zee spielen wir jedes Jahr zusammen Fußball: Er ist nicht der größte Läufer, aber er schießt jede Menge Tore.

ZEIT ONLINE: Vor dem Kandidatenturnier 2011 in Kasan war der Norweger auch schon Weltranglistenerster und hat gekniffen. Glauben Sie, er ist jetzt mit 22 mental bereit?

Giri: Stimmt, er hat noch nie ein so wichtiges Turnier gespielt. Wenn er mental damit zurecht kommt, dass es nun um die WM geht, taxiere ich seine Chancen auf den Sieg auf 80 Prozent. Bisher zeigt er unglaublich starke Nerven.

ZEIT ONLINE: Wie unterscheidet sich Carlsens Schach von dem seiner Konkurrenten?

Giri: Er spielt nicht auf Sicherheit. Wenn er eine ausgeglichene Stellung vor sich hat, verschwendet er keinen Gedanken an ein Remis. Er versteht es exzellent, Komplikationen anzuzetteln und Druck auszuüben.

ZEIT ONLINE: Aus der Eröffnungsphase holt Carlsen aber weniger als andere.

Giri: Er richtet sein Spiel am Gegner aus. Er umgeht seine Stärken und verdirbt ihm sein übliches Spiel. Es scheint manchmal, als ob er nichts aus der Eröffnung will. Aber glauben Sie mir: Carlsen hat es genau auf die gegnerische Schwäche abgesehen. Sich gegen ihn vorzubereiten ist schwer. Er ist sehr fit. 14 Runden in 18 Tagen sind ziemlich hart. Das kommt Carlsen zugute. Auch der Modus spricht für ihn.

ZEIT ONLINE: Ein Rundenturnier, bei dem jeder gegen jeden mit beiden Farben spielt. Was halten Sie davon?

Giri: Das verspricht einen objektiveren Sieger als die kurzen Zweikämpfe vor zwei Jahren in Kasan. Wer in London gewinnt, hat wirklich etwas bewiesen.

ZEIT ONLINE: Nach dem ähnlich angelegten Kandidatenturnier 1962 in Curacao warf Bobby Fischer den sowjetischen Teilnehmern Ergebnisabsprachen vor. Der Weltschachbund ging dann dazu über, den Herausforderer in Zweikämpfen zu ermitteln. In London sind drei Russen dabei, mehrere Spieler sind befreundet.

Giri: Aber nicht so eng, dass sie einander Punkte schenken werden. Sorgen macht mir eher, dass Iwantschuk ein guter Kunde von Carlsen ist, und dass Swidler bis vor Kurzem ständig gegen Kramnik verlor.

ZEIT ONLINE: Bleiben wir bei Kramnik: Vor 13 Jahren hat er in London keinem geringeren als Kasparow den WM-Titel abgenommen. Erst 2008 unterlag er in Bonn dem heutigen Weltmeister Anand. Trauen Sie Kramnik zu, noch einmal ganz nach oben zu kommen?

Giri: Er wird wahrscheinlich von allen Kandidaten am besten vorbereitet sein. Wenn es drauf ankommt, ist er bereit, Sekundanten und Leute, die für ihn analysieren, zu bezahlen. Viele sind heute mit Schwarz besser vorbereitet. Kramnik hat auch mit Weiß einiges auf dem Kasten. Sein Schwarzrepertoire ist sehr sauber und ausgefeilt. Gegen starke Leute legt er die Partien mit Schwarz gewöhnlich nicht auf Gewinn an, aber er weiß natürlich, dass er in London dazu bereit sein muss.

ZEIT ONLINE: Wo ist Kramnik schwach?

Giri: Er kann nicht bluffen, und er ist anfällig, geblufft zu werden. Wenn er nicht gut startet, ist er nicht der Gleiche. Aber mit einem guten Start hat er alle Chancen. Eine gute Gewinnpartie setzt Kräfte bei ihm frei.

"Ich habe das Leuchten in Aronjans Augen vermisst"

Magnus Carlsen und Anish Giri während des Turniers im niederländischen Wijk aan Zee im Januar 2012 © Toussaint Kluiters/picture alliance/dpa

ZEIT ONLINE: Neben Kramnik nennt Carlsen als ernsten Konkurrenten den in Berlin lebenden Armenier Lewon Aronjan, der gerade wieder Kramnik als Nummer zwei der Weltrangliste abgelöst hat.

Giri: Er tat früher gerne so, als arbeite er nicht an seinem Schach. Seit seinem Sieg in Wijk aan Zee voriges Jahr hat er sein Image geändert: Schaut her, ich nehme es ernst! Alle armenischen Spitzenspieler stehen hinter ihm. Er kann mit beiden Farben gewinnen. Die Frage ist, ob wir den Aronjan sehen werden, der mit sich selber kämpft, oder Aronjan, den brillanten Rechner voller genialer Einfälle. Wenn er siegt, wird es ein spektakuläres Turnier gewesen sein.

ZEIT ONLINE: Und welchen Aronjan erwarten Sie?

Giri: Um ehrlich zu sein: Ich glaube nicht an ihn. Im letzten Kandidatenturnier schied er gleich gegen Grischtschuk aus. Seitdem habe ich Zweifel, ob er mit dem Druck zurechtkommt. Im Dezember traf ich ihn in Peking: Er spielte langsam und kraftlos, wirkte müde. In Wijk aan Zee war sein Resultat wieder viel besser. Aber ich habe das Leuchten in Aronjans Augen vermisst.

ZEIT ONLINE: Wer von den übrigen fünf ist am ehesten für einen Außenseitersieg gut?

Giri: Wassili Iwantschuk – vorausgesetzt, dass er seine Nerven im Griff behält.

ZEIT ONLINE: Sobald es um die WM ging, hat sich der Ukrainer fast immer unter Wert geschlagen.

Giri: Praktisch jeder erwartet, dass er zusammenbricht. Aber wenn er vergessen kann, was auf dem Spiel steht, hat er reelle Chancen. Dafür braucht Iwantschuk einen guten Start und darf niemanden auslassen. Einen Gewinn wegzuwerfen, kann ihn völlig aus der Bahn werfen. Wenn er voll konzentriert bleibt, ist er ein Tier. Er kann extrem scharf rechnen. Eröffnungen sind definitiv nicht sein Problem. Seine Möglichkeiten sind enorm, er kennt so viel. Für einige ist es ein Albtraum, sich gegen Iwantschuk vorzubereiten. Falls er einen guten Start erwischt, werden die anderen Angst vor ihm kriegen.

ZEIT ONLINE: Nominell nächster Anwärter wäre als Weltranglistenvierter Teimur Radschabow, der seine Teilnahme dem aserbaidschanischen Hauptsponsor verdankt.

Giri: Zweikämpfe liegen ihm eher als Rundenturniere. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er London gewinnt. Ein Plus-Ergebnis ist drin, aber kein großes Plus. Er bricht nicht zusammen, aber er ist auch kein großer Kämpfer. Seine Vorbereitung ist solide, aber nicht nennenswert in dieser Konkurrenz. Er ist anscheinend zufrieden mit dem, was er schon erreicht hat und genießt das Leben. Alexander Grischtschuk kann ich mir auch nicht als Sieger vorstellen. Seine Eröffnungen sind verwundbar. Von allen Kandidaten ist er in Sachen Vorbereitung der anfälligste. Darum kommt er regelmäßig in Zeitnot, und das rächt sich irgendwann. Peter Swidler glaubt nicht genug an seine Chancen. Er kann andere nicht ausdrücken. Wenn er keinen Vorteil hat, will er Remis machen. Die beiden Russen sind froh, dabei zu sein und um das Preisgeld zu kämpfen.

"Anand mag es nicht, am Brett so hart zu arbeiten"

ZEIT ONLINE: Nun haben wir alle durch bis auf Boris Gelfand, mit 44 der Älteste im Feld.

Giri: Gelfand schaut nicht fit aus, doch am Brett setzt er viele Kräfte frei. Nach schweren Turnieren soll er tagelang schlafen. Mit seiner Motivation steckt er sein Alter weg. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gelfand gewinnt, aber anders als Radschabow, Grischtschuk und Swidler kann ich ihn nicht ganz ausschließen. In Kasan war er für ein Wunder gut.

ZEIT ONLINE: Vorigen Mai war der Israeli nahe dran, den WM-Kampf gegen Anand zu gewinnen.

Giri: Ich dachte, nach dieser letzten großen Chance sei er weg vom Fenster. Aber im September habe ich ihn in beim Grand Prix in London sehr stark spielen gesehen. Er kann sicher noch auf seine starke WM-Vorbereitung gegen Anand zurückgreifen. Gelfand glaubt an seine Systeme. Sein Territorium beackert er ständig. Er mag ausrechenbar sein, aber es ist schwer, ihn auszupräparieren.

ZEIT ONLINE: Fehlt in London irgendwer, der echte Chancen hätte?

Giri: Eher nicht. Sergei Karjakin verfügt schon über eine starke Vorbereitung, aber um Topleute umzubiegen, reicht es bei ihm noch nicht. Alexander Morosewitsch ist unberechenbar. Er könnte das Feld bereichern oder im letzten Moment fernbleiben. Hikaru Nakamuras Eröffnungen sind so anfällig, dass er in einem solchen Feld eher leiden müsste. Fabiano Caruana versteht es schon fast wie Carlsen, Druck zu machen. Aber in Wijk aan Zee lief es gar nicht.

ZEIT ONLINE: Was ist mit dem ehemaligen Weltmeister Wesselin Topalow?

Giri: Die Krise nach seiner WM-Niederlage 2010 hat er wohl überstanden. Er hat seinen Stil geändert, bricht die Brücken nicht mehr hinter sich ab, verfügt aber auch nicht mehr über die zwingendste Vorbereitung. Die Jahre, in denen der Bulgare ein solches Feld dominieren konnte, sind vorbei.

ZEIT ONLINE: Viswanathan Anands erster Platz in Baden-Baden im Februar war sein erster Turniersieg seit fünf Jahren. Wie stark ist der Titelverteidiger mit 43 noch?

Giri: Er brannte seit Langem auf ein Comeback. Sein Spiel und seine Resultate haben ihn selbst geärgert. Nun hat er den Negativtrend gebrochen. Anand spielt gerne leichthändig. Er mag es nicht, am Brett so hart zu arbeiten wie etwa ein Gelfand. Wer in London sein Herausforderer wird, ist eine echte Bedrohung für ihn. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Anand einbricht, aber in seinen nächsten Titelkampf dürfte er als Außenseiter gehen. Es verspricht, sehr interessant zu werden.