Leserartikel

GesundheitAls Kind gedopt, bis heute krank

Leserin Cornelia Reichhelm war in der DDR Ruderin. Doping zerstörte ihren Körper. Dass Leistungsportler auch heute für Erfolge ihre Gesundheit ruinieren, erschreckt sie. von Cornelia Reichhelm

Doping ist bei vielen Sportarten ein immer wiederkehrendes Thema. Bei jedem Skandal, der debattiert wird, lese ich auch die Forderung, man solle das Ganze doch einfach legalisieren. Diese Aussage finde ich erschreckend. Als Kind wurde ich in der DDR selbst ein Dopingopfer und leide noch heute darunter.

Ab meinem 13. Lebensjahr, von 1976 bis 1982, ruderte ich im Verein. Von Beginn wurden uns diverse Mittel verabreicht. Zunächst sogenannte Vitamintabletten. Später kamen zahlreiche Schmerzspritzen, Infusionen und eklig schmeckende Eiweißgetränke hinzu. Letztere wurden durch Pralinen ersetzt. Was da drin war, wussten wir nicht.

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Über das Buch "Doping in der DDR" von Giselher Spitzer erfur ich, dass auch Pralinen und Schokolade mit Anabolika versetzt wurden. Als ich 18 Jahre geworden war, wurde ich offen aufgefordert, Anabolika zu nehmen. Das verweigerte ich. Heute gehe ich davon aus, dass ich schon vorher Anabolika erhalten hatte. Doch mit der Volljährigkeit musste ich mein Einverständnis geben.

Mit 16 bekam ich immer stärker werdende Rücken- und Kopfschmerzen, die häufig mit Spritzen behandelt wurden, vor allem unmittelbar vor den Wettkämpfen. Das seien nur harmlose Muskelverspannungen, sagte man mir. 2003 erfuhr ich aus meiner Krankenakte, dass ich bereits im Alter von 17 Jahren Bandscheibenvorfälle hatte. Doch Ärzte und Trainer verharmlosten diese Befunde, damit ich weitermachte.

Erwerbsunfähig aufgrund der schweren Schäden

Später bekam ich eine Herzmuskelentzündung, ständig Blasen-, Nierenbecken-, Venen- und Magenschleimhautentzündungen, etwa zehn Jahre lang immer im Wechsel. Durch die Dopingmittel wurde auch das Stütz- und Bindegewebe geschädigt. Ich musste mich vielen Krampfader-OPs unterziehen. Nach der sechsten OP habe ich aufgehört zu zählen. Im Jahr 2000 bin ich körperlich völlig zusammengebrochen. In einem der zahlreichen ärztlichen Berichte hieß es: "schwer degenerativ veränderte Wirbelsäule". Seit über 30 Jahren habe ich täglich Schmerzen. Aufgrund der schweren Schäden bin ich erwerbsunfähig.

Als Minderjährige hatte ich keine Ahnung und keine Wahl. Heute ist im Sport einiges anders als in der DDR. Kein gesunder Sportler sollte sich von Trainern oder Ärzten überreden lassen, Medikamente zu nehmen, die angeblich harmlos sind. Erwachsene haben viele Möglichkeiten, sich zu informieren. Eltern können es für Ihre Kinder tun. Außerdem haben Sportler heute eine Wahl. Druck durch einen staatlichen Verband gibt es in der alten Form nicht mehr. Ob man mitmachte, beeinflusste in der DDR noch die gesamte Lebensplanung.

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Heute ist der Druck ein anderer: Es geht um Ruhm und Ehre – und um Geld. Die einzigen, die bei einer Dopingfreigabe bezahlen würden, wären die Sportler. Sie zahlen mit ihrer Gesundheit. Funktionäre, Sportärzte und Trainer gingen bei einer Legalisierung kein Risiko mehr ein, wenn sie mit den gesteigerten Leistungen der Sportler viel Geld verdienen.

Menschen, die Doping freigeben wollen, nehmen gesundheitliche Schäden der Sportler vorsätzlich in Kauf. Ihnen sind kurze Erfolge und Geld wichtiger als die Gesundheit anderer Menschen. Doch selbst die größten Erfolge sind nur von kurzer Dauer. Sie sind es nicht wert, die eigene Gesundheit langfristig zu ruinieren. Aus Erfahrung weiß ich, dass die Folgen des Dopings ein Leben lang zu spüren sind.

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Leserkommentare
  1. Es gibt zu viele "positive" Vorbilder, die dopen und es schaffen ohne Krankheiten durch das Leben zu kommen - so scheint es auf den ersten Blick. Sicher sind heute die Dopingmittel viel besser auf den Körper abgestimmt, wenn man genügend Geld hat.

    Der Fall Armstrong zeigt, dass sich dopen lohnt - und allein das sehen Sportler. Ebenso haben Sportler meist nur einen einzigen Lebensweg für sich entdeckt: den Sport. Es gibt nur wenige Leistungssportler, die nebenbei auch noch ein Studium machen oder gar arbeiten gehen, eben weil das kaum geht mit ihrem dichten Trainingsplan.

    Der große Fehler der Medien und auch der Menschen an sich ist, dass sie nur die Erfolge der Sportler sehen. Die Auswirkungen - nach der Karriere - die werden nie thematisiert, auch deshalb nicht, weil kaum einer zugeben kann (sonst verliert er Preisgelder und Medaillen), dass er/sie gedopt hat. Sie leiden still für sich und ziehen sich vollkommen zurück.

    Eins wird bei den Dopingbefürwortern auch noch vergessen: Es gibt immer noch eine kleine Hand voll Sportler die nicht dopen. Die gibt es tatsächlich. Und genau die müssen gefördert werden.
    Ansonsten ist es doch bei uns heute wie im alten Rom: Wir sehen zu wie sich zwei Menschen freiwillig den Schädel einschlagen, nennen es Sport, boxen und ignorieren die schweren Auswirkungen auf das Hirn (manche Länder verbieten deshalb das Boxen). Wenn man sowas augenscheinliches legalisiert, dann auch Doping: denn das bedeutet mehr Brot und vor allem Spiele!

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    • E.Wald
    • 23. März 2013 12:40 Uhr

    "Der Fall Armstrong zeigt, dass sich dopen lohnt - und allein das sehen Sportler."

    Vielleicht sollte man darauf hinweisen, dass Armstrong noch vor seinen großen Erfolgen (die ihm jetzt um die Ohren fliegen) bereits an Krebs erkrankt war - eine höhere Krebsneigung ist auch eine der Nebenwirkungen von Doping. Armstrong hat der Krebs seinen rechten Hoden und 2 Jahre gekostet (bis jetzt); er hätte aber auch schon vor seinem ersten Profititel einfach krepieren können - er hatte Glück.

  2. "Sicher sind heute die Dopingmittel viel besser auf den Körper abgestimmt, wenn man genügend Geld hat.

    Der Fall Armstrong zeigt, dass sich dopen lohnt - und allein das sehen Sportler. "

    Heute weiß man, dass Überdosierungen bei Vitaminen auf Dauer schädlich sein können. Insofern zweifel ich an, dass Dopingmittel besser auf den Körper abgestimmt werden können, denn es handelt sich ja bei Dopingmittel in jedem Fall um Überdosierungen von Hormonen. Insofern darf man gespannt sein, ob Armstrong nicht Langzeitschäden bekommen wird, weil er in seiner aktiven Zeit gedopt hat.

    Ich finde den Artikel insofern gut, weil er all denen, die sich für eine Freigabe von Doping aussprechen, deutlich macht, um was es hier eigentlich geht. In letzter Konsequenz um gesundheitliche Auswirkungen und die sind i.d.R. negativ. Und im Zweifel muss man manche Menschen eben vor sich selber schützen. Insofern bleibe ich dabei. Eine Freigabe von Doping darf es niemals geben.

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    natürlich auch für Rauchen, Alkoholgenuss, falsche Ernährung, überhaupt falschen Lebenswandel. Ständig muss der Mensch vor sich selbst geschützt werden - dass er überhaupt ohne behördliche Genehmigung zur Welt kommen darf - nicht zu fassen!

  3. mir hat Sport früher viel Spaß gemacht. Da habe ich ehrliche Leistung gebracht, ohne dass ein Trainer oder Vorstand angetrieben hat. Ich kann nur alle vor Vereinen warnen, die von Leistung, Sieg und Niederlage reden. Das ist der Anfang vom Ende und dient nur der Karriere skrupelloser Häuptlinge. Wer im Sport auf seinen Körper hört, wird Spaß haben und fit werden.

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    • sevens
    • 22. März 2013 9:02 Uhr

    Leistungssportler (ob gedopt oder nicht) rechnen damit, dass ihre Karriere nur kurz ist, meist nicht einmal 10 Jahre. Und dass sie in dieser kurzen Zeit zu so viel Ruhm kommen müssen, dass das verdiente Geld für das restliche Leben mit einem eingeschränkten Körper reicht. Diese Perspektive erhöht natürlich den Leistungsdruck noch mehr - und damit auch die Versuchung, illegale Mittel zu verwenden.
    Warum sich Menschen derartiges überhaupt antun? Da die meisten Top-Leistungssportler ihre Karriere weit vor der Volljährigkeit beginnen, haben sie vermutlich gar keine Wahl. Sie werden von ruhmsüchtigen Eltern und Trainern benutzt.

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    ... die sehr ambitioniert sind, benutzen aber offenbar auch oft illegale Mittel und werden in der Regel nciht kontrolliert, wenn sie nicht an dementsprechenden Wettbewerben teilnehmen.
    Das Problem ist, denke ich, das Verhältnis zur Leistung und zum eigenen Körper. Selbst im Schulsport werden nur absolute "Leistungen" gewertet, völlig unabhängig von der körperlichen Konstitution. Das kann erstens extrem entwürdigend sein - Bloßstellung vor der ganzen Klasse! - und zweitens verleitet es eben auch dazu, die eigene Natur zu verleugnen und sich mit chemischen Mitteln aufzuputschen.
    Eigentlich sollte es doch beim Sport darum gehen, zu lernen, wie man seinen Körper individuell so einsetzt, dass er dabei stärker wird und nicht leidet, oder? Davon ist der Sportunterricht in Schule und Vereinen aber häufig himmelweit entfernt, meiner in der Schule war es jedenfalls die meiste Zeit. Ich mache gerne, oft und absolut chemiefrei den Sport, der zu mir passt, aber das, was ich in der Schule passiert ist, habe ich als permanenten Angriff auf meine Würde und meine Gesundheit erlebt. - Wenn man einfach damit zufrieden sein dürfte, das Beste gegeben zu haben, was der eigene Körper kann, auch wenn ein muskelbepackter Einmeterneunzigmensch es doppelt so gut kann, müsste so etwas nicht sein...

  4. Die Gefahr für Profi-Sportler ist auch ohne Doping schon groß genug. Im österr. Rundfunk war vor kurzem eine Reportage über den Berufsweg von Profisportlern nach der sportlichen Karriere. Es ist schon hart genug einen Beruf zu ergreifen, wenn man durch den Sport Schule und Ausbildung vernachlässigt hat. Gesundheitliche Schäden treten oft auch ohne Doping häufig auf, z.B. Bänderrisse, etc..

    Wenn Autofahren ohne Gurt strafbar ist (hier beschützt der Staat den Einzelnen vor sich selbst), dann darf Doping auf keinen Fall legalisiert werden.

    Leider regiert Geld die Welt und auch immer mehr den Sport (siehe die Debatte um das Streichen des Ringes von den olympischen Diszliplinen). Man darf diese Entwicklung durch legalisierung des Dopings nicht auch noch von staatlicher Seite anheizen.

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  5. ... die sehr ambitioniert sind, benutzen aber offenbar auch oft illegale Mittel und werden in der Regel nciht kontrolliert, wenn sie nicht an dementsprechenden Wettbewerben teilnehmen.
    Das Problem ist, denke ich, das Verhältnis zur Leistung und zum eigenen Körper. Selbst im Schulsport werden nur absolute "Leistungen" gewertet, völlig unabhängig von der körperlichen Konstitution. Das kann erstens extrem entwürdigend sein - Bloßstellung vor der ganzen Klasse! - und zweitens verleitet es eben auch dazu, die eigene Natur zu verleugnen und sich mit chemischen Mitteln aufzuputschen.
    Eigentlich sollte es doch beim Sport darum gehen, zu lernen, wie man seinen Körper individuell so einsetzt, dass er dabei stärker wird und nicht leidet, oder? Davon ist der Sportunterricht in Schule und Vereinen aber häufig himmelweit entfernt, meiner in der Schule war es jedenfalls die meiste Zeit. Ich mache gerne, oft und absolut chemiefrei den Sport, der zu mir passt, aber das, was ich in der Schule passiert ist, habe ich als permanenten Angriff auf meine Würde und meine Gesundheit erlebt. - Wenn man einfach damit zufrieden sein dürfte, das Beste gegeben zu haben, was der eigene Körper kann, auch wenn ein muskelbepackter Einmeterneunzigmensch es doppelt so gut kann, müsste so etwas nicht sein...

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  6. hier ein paar Tatsachen:

    Knapp 13.000 Dopingkontrollen im Jahre 2011 in Deutschland zogen 86 Dopingverfahren (0,66 %) gem. NADA-Richtlinien nach sich.

    Was Doping ist, konnte bisher auch nicht hinreichend genau definiert werden. Allein die sog. Positivliste der Nada:

    http://www.nada-bonn.de/f...

    enthält knapp 40 zulässige Schmerzmittel.

    Leistungssteigerung durch Doping ist nur begrenzt möglich, nach meiner Einschätzung kann das etwa 1 bis 2 % der Leistung ausmachen, die restlichen paar Prozente sind Talent, Training und Willenskraft.

    Dafür die lückenlose Überwachung der Aufenthaltsorte mit ständigen Meldepflichten der betroffenen Athleten vorzuschreiben, ist unverhältnismäßig und eines freiheitlichen Rechtsstaate unwürdig. Das ist das Lebenswerk von Brigitte Berendonk sowie ihrem Mann und ehemaligen sportlicher Betreuer Prof. Werner Franke, die sich diesem Thema obsessiv unter Einsatz der Medien widmeten.

    Leistungssport ist in der Regel härteste körperliche Schwerstarbeit mit der Gefahr von vorzeitigen Verschleißschäden. Dieses Problem ist weit gravierender, als die durch „Doping“ möglicherweise entstehenden Schäden. Ich habe selbst Wettkampfsport ohne Doping betrieben, bei den anderen war mir das egal.

    Ich plädiere deswegen für mehr Gelassenheit beim Thema, die jetzigen Überwachungsregeln mit Beweislastumkehr für die Athleten erinnern an die von George Orwell in „1984“ beschriebenen Zustände.

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  7. Vielen Dank für diesen Artikel. Der Gesundheitsaspekt wird bei den Diskussionen über legalisiertes Doping viel zu selten und nie in solch drastischer Weise angesprochen.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Gesundheit | Arzt | DDR | Doping | Erwachsene | Geld
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