Deutschland – KasachstanLöw kämpft gegen das eigene Publikum

Ein 4:1-Sieg, acht Punkte Vorsprung in der WM-Quali – und doch wird gemeckert. Kein Wunder, dass sich die Nationalelf über skeptische Fans aufregt. Von Christian Spiller von 

Fans im Nürnberger Stadion, die Joachim Löw sehr verehren

Fans im Nürnberger Stadion, die Joachim Löw sehr verehren  |  © Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images

Philipp Lahm gilt als netter, etwas zu lieber Kerl. Der Kapitän der Nationalmannschaft ist eher ein Meister der Diplomatie als der Konfrontation. Er redet öffentlich so oft Klartext wie Angela Merkel, also einmal alle vier Jahre. Umso überraschender, dass er nach dem Sieg gegen Kasachstan so deutlich wurde, wie ein Philipp Lahm eben werden kann. "Wir haben 4:1 gewonnen, da kann man auch ruhig mal applaudieren", sagte er.

Seine Worte waren an das Nürnberger Publikum gerichtet. Das war über weite Strecken des Spiels so ruhig, dass das gute Dutzend kasachischer Fans auf der Haupttribüne die Stimmungshoheit übernehmen konnte. Und die Franken pfiffen sogar. Manuel Neuer musste nach einem Lapsus in Halbzeit zwei bei jedem Ballkontakt dran glauben. Und auf einige nicht sauber zu Ende gespielte Angriffe folgte ein Murren und Pfiffe. Vorsichtige nur, vereinzelt, aber unüberhörbar.

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Die Deutschen gewinnen 4:1, haben acht Punkte Vorsprung auf den zweiten der WM-Qualifikationsgruppe – und am Ende wird gemeckert. Andere große Fußballnationen würden gerne solche Probleme haben. Kein Wunder, dass Trainer und Spieler nach der Partie weniger über die Tore als über die Reaktion des Publikums redeten. Der Bundestrainer Joachim Löw tadelte die Pfiffe gegen Neuer als "unsportlich", schon während des Spiels gestikulierte er aufgebracht in Richtung der Zuschauer. Marco Reus fand die Pfiffe "unglaublich". Ilkay Gündogan gab zu Protokoll, dass er das alles nicht verstehen könne. Und Thomas Müller schimpfe wie ein Rohrspatz: "Was erwarten die deutschen Fußballfans denn? Dass wir jedes Spiel 8:0 gewinnen?"

Nun kann man die Unmutsäußerungen des Publikums auf vielerlei Art und Weise interpretieren. Es kann an den Temperaturen gelegen haben. Schließlich war es bei minus zwei Grad im Frankenstadion so gemütlich wie in der heimischen Tiefkühltruhe. Da kann ein Pfiff schon der persönlichen Erwärmung dienen. Man kann die Häme als lokale Sperenzchen abtun. Schließlich nahmen sie ihren Ursprung bei einem Fehler des bis dahin beschäftigungslosen und daher eingefrorenen Manuel Neuer. Ein Torwart des FC Bayern hat in Franken einen schweren Stand. Vor allem, wenn er mal dem FC Schalke 04 ewige Treue geschworen hat, dem Verein, dem die Nürnberger Fans freundschaftlich verbunden sind.

Man kann die schlechte Atmosphäre aber auch in eine Reihe stellen, mit einer neuen generellen Haltung der DFB-Elf gegenüber. Seit dem Sommer ist die Stimmung gekippt. Viele deutsche Fans haben ihre Skepsis gegen Joachim Löw und seinen Fußball kultiviert. Die EM-Niederlage gegen Italien und das seltsame Spiel gegen Schweden haben sich tief eingebrannt ins nationale Fußballunterbewusstsein. Irgendwie sind den deutschen Fans Trainer und Mannschaft nicht mehr geheuer. Sie gilt als zu verspielt, zu weich. Der Aufbruch ins Tiki-Taka-Land kommt vielen deutschen Fans zu spanisch vor. Und Löw, der Schalträger und Espressotrinker, schafft erst den guten altdeutschen Zweikampf ab, und jetzt im Lande von Gerd Müller den Mittelstürmer gleich mit. Da wird man ja wohl mal pfeifen dürfen.

Leserkommentare
    • TDU
    • 27. März 2013 10:03 Uhr

    Skepsis. Einen auspfeifen, weil er einen Fehler gemacht hat? Skesis betriftt das "vorher" eines Ereignisses oder einer Entscheidung. Löw hat lediglich das Pfeifen wegen Neuer kritisiert sonst nichts. Der Autor verzerrt ein wenig, um seine eigene Kritik am Spiel unter Zuhilfenahme der Zuschauer anzubringen.

    "mit einer neuen generellen Haltung der DFB-Elf gegenüber." Neuland im Fussball war schon immer ungeheuer.

    4 Leserempfehlungen
  1. ...Flamer-Kultur das Internet hinter sich gelassen hat und schon die Politik perfundiert (mit eigener Partei), ist jetzt also der Fußball dran...

    3 Leserempfehlungen
  2. Wobei jeder, der selber einmal Fußball gespielt hat weiß, das wenn man nach einer Halbzeit mit einer 3 : 0 Führung aus der Kabine kommt, nicht mehr, wie Herr Spiller es treffend beschreibt, um sein Leben läuft. Zudem sollte man die Reaktion der Fußballfans nicht aufs goldene Tablett legen. Da hat der DFB doch Möglichkeiten dies so gut es geht zu verhindern, indem er die Austragungsstätten der Spiele sorgsamer wählt. In dem Fall war es, wenn ich richtig informiert bin, wegen einer Fangruppe, die seit 10 Jahren unser NM überallhin begleitet. Das waren bestimmt nicht die, die unsere Jungs mit Unmut begegnet sind!

    3 Leserempfehlungen
  3. ...dem Tenor nur zustimmen, den Herr Spiller da anstimmt. Mich nervt dieses ewige Gemecker und Gepienze auf vor noch weniger als 10 Jahren absolut undenkbarem hohem Niveau.
    Die kollektive deutsche Fußballerinnerung ist nun mal geprägt von den Malochern, den Grasfressern, den Meistern der eingesprungenen, auf den Schulterblättern heranrutschenden und mit auf Stollensohlen auf Gesichtshöhe sich befindenden Castrop-Rauxeler Blutgrätsche. Von Rumpelspielen gegen absolute Wurstgegner, bei denen man den Impuls unterdrücken musste, den Fernseher durch das geschlossene Fenster zu werfen. Das ist traurig genug und nichts, das der Nostalgie würdig wäre!
    Jetzt werden solche ehemaligen "Problemgegner" wie Kasachstan locker und eindeutig abgefertigt von einer technisch wie taktisch beschlagenen Mannschaft und der Mob ist immer noch nicht zufrieden und meckert und pfeift und verhöhnt den Torwart (eigenartig, dass niemand den unnötigen Rückpass der englischen Dachlatte, der das kasachische Tor überhaupt erst eingeleitet hat, kritisiert). Ganz, ganz großes Kino. Beschämend. Und es lässt tief blicken.

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    Die Spiele der Nationalmannschaft sind wirklich herrlich anzuschauen!
    Jetzt kommt das aber: Die Abwehr ist nicht gut genug um in nächster Zeit eine WM zu gewinnen. Der 08/15 Fan freut sich vielleicht, dass wir jetzt "so attraktiv wie die Spanier spielen", übersieht aber dabei, dass es besonders die Devensive ist, die den Spaniern die Titel gebracht hat.
    Ich habe nochmal nachgeschaut:
    EM 2008 Gruppenphase 3 Gegentore/ Finalrunde 0 Gegentore
    WM 2010 Gruppenphase 2 Gegentore/ Finalrunde 0 Gegentore
    EM 2012 Gruppenphase 1 Gegentor/ Finalrunde 0 Gegentore
    Das sind in 19 Spielen gerade mal 6 Gegentore und in den wichtigen Finalspielen überhaupt keine!
    Zum Vergleich: Deutschland hat während der letzten EM 5 Gegentore kassiert und das in nur 5 Spielen.
    Griechenland ist 2004 auch nicht aufgrund des berauschenden Angriffspiels Europameister geworden.
    Ich glaube der Unmut einiger Fans lässt sich damit erklären, dass diese Erkenntnis langsam zu breiteren Masse durchdringt.
    Toller Offensivfußball ist zwar schön anzuschauen, aber nicht der erfolgreichste. Einige Bayernfans werden sich mit grausen an diese Erkenntnis aus dem Championsleague Finale erinnern.

    Die "englische Dachlatte" hat den Fehler nicht begangen, sondern Neuer, ist das so schwer zu verkraften!?

  4. Ich muss auch sagen, dass ich es nicht richtig finde, wenn Zuschauer bei einem Länderspiel in Deutschland die Deutsche Mannschaft auspfeifen. Ich versteh das nicht. Wir träumen seit Jahren von einem Titel und allein aus Motivationszwecken heraus würde ich unsere Manschaft immer wieder aufbauen um auch in den köpfen zu verankern"Wir haben tolle Fans, für die wollen wir immer unser Bestes geben".Ich mein jeder kennt das Gefühl, bekomm ich keine Anerkennung vom Chef, kann man auch keine 120% leistung erwarten sondern max. soviel wie nötig.
    ganz nebenbei, fand ich es wirklich toll, wie "wir" es schaffen inzwischen gegen so eine Betonabwehr trotzdem zu guten Chancen zu kommen. Da gab es Jahre, da wären wir mit max. einem 1:0 nach Hause gefahren. Und was erzählt dieser Fernsehmoderator, Schwachstellen/wir machen Kasachstan stark/ etc. Hallo die kamen zu 3 Chance und wir zu 4 Toren und 6 x Alluminium, was erwartet man eigentlich? 90 Minuten inder gegnerischen Hälft ohne eigenen Ballverlust...Ich glaube das kommentieren Menschen, die noch nie wirklich Fussball gespielt haben.

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    Zauber von Fußball nicht verdient!

    Es gibt wohl - außer Spanier - keinen einzigen Menschen auf diesem Planeten, der den Fußball als Sport liebt, der uns derzeit nicht bedingungslos um diese Mannschaft beneidet. Das Spiel dieser Elf ist faszinierend oft dermaßen tänzerisch, leicht, verspielt, mitreißend, kreativ und noch vieles mehr an Eleganz, dass die ganze Schönheit des Fußballs sichtbar wird.

    Doch mit diesen Zuschreibungen für ein Fußballspiel kann der deutsche Fußball-Nationalmannschafts-Michel nicht allzu viel anfangen. Er verweigert den Blick auf die Schönheit des Spiels.

    Er vermisst seine eigenen Werte-Fixpunkte. Kompromisslos, kampfesmutig, robust u.a. gelten in seiner Welt mindestens als achtenswerte Attribute. Wie es eben deutsche, besser preußischem Piefketum, geschuldete Tradition ist.

    Was soll man dann mit einem Nationalsport anfangen, der einem von so einem Schnösel-Club wie der Nationalmannschaftsleitung einfach geklaut wurde. Eben. Pfeifen, Motzen, Rumpöbeln und dergleichen.

    Übrigens: Die Spitze des Ganzen hat sich in dem Ober-Honk T. Bartels manifestert. Was dieser Vollpfosten in der 2. Halbzeit abgesondert hat, war sogar ein noch tieferer Punkt als es Rudi Völler je hätte vorausahnen können. Und sowas verdient ein Schweinegeld mit so einem Dumpfsinn.

    dass viele Nürnberger im Stadion waren. Die sind ja bekanntlich keine fans des FC Bayern. nur so ein Vermutung...

  5. Bei solchen Spielen kann man einfach nicht gewinnen. Es geht einfach nur darum, die drei Punkte mitzunehmen.

    Was bleibt einem als Zuschauer? Einfach nicht hingucken. Ich hab das erste Spiel gegen Kasachstand gar nicht gesehen und beim zweiten nach 35 Minuten ausgeschaltet. Das Spiel war entschieden, was soll man da noch erwarten?

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  6. "Die Schrate von damals hätten zwar den einen oder anderen Kasachen über die Klinge springen lassen..." - Klingt selbst ironisch gemeint nur wenig geil. Man könnte ja in Zukunft mal ein wenig an den Formulierungen feilen, wir sind hier schließlích bei der Z-E-I-T!;)

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    Klingt sehr so wie ich die Deutsche NM in Erinnerung habe. Und ja, das war tatsächlich "nur wenig geil".

  7. Ich finde die Kritik vollkommen berechtigt. Es zeigen sich doch immer wieder dieselben Fehler, Löws Anspruchsdenken selbst ist Teil der großen Enttäuschungen, und warum darf niemand kritisieren, dass die Nicht-Berücksichtigung von Kießling oder die Frage nach dem besseren Torhüter evtl. falsche Entscheidungen des Trainers darstellen? Das unnötige 4:4 gegen Schweden oder die fehlerhafte Starttaktik gegen Italien bleiben jedenfalls unvergessen, solange sich diese Fehler permanent in vergleichbarer Form wiederholen.

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    Genau, war ja gestern wieder zu sehen, wie sich diese Fehler permanent wiederholen - nur knapp am 4:4 vorbeigeschrammt, und die Starttaktik war auch totaler Murks. Mensch, kann der dumme Jogi nicht endlich mal dazulernen?

    • dacapo
    • 27. März 2013 13:14 Uhr

    Richtig, so geht das nicht weiter. Immer mal wunderbaren Fußball, herrliche Ballzirkulationen, frisches Angriffspiel reicht nicht, den deutschen Fußball-Nörgler zufrieden zu stellen. Na - und dann diese Verweigerung des bei den Nörglern unbeliebten Löw', den Kießling nicht aufzustellen. so geht das nicht weiter. Wir wollen unsere alten Berti wieder haben, der hat wenigsten eine EM geholt. Erst wenn Berti wieder da ist, Kießling eingesetzt wird, ist des Nörglers Ruhe wieder eingekehrt.

    ...was das Italien Spiel angeht, da haben sie recht. Hier hat Löw das Spiel tatsächlich verloren.
    Alles andere ist nur Wind. Deutschland hat 4:1 gewonnen. Sie kritisieren da ernsthaft das ein Stürmer auf dem Platz gefehlt hat?

    Über Neuer läßt sich zwar streiten, aber mal ehrlich, die reaktionen waren wohl eindeutig überzogen. Die Deutschen "Fans" sollten sich im übrigen langasam mal die Frage gefallen lassen, ob sie nicht ein moralischer Bremsklotz für die Nationalelf sind.

    MfG

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Joachim Löw | Manuel Neuer | Publikum | Angela Merkel | Bundesliga | Fußball
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