Philipp Lahm gilt als netter, etwas zu lieber Kerl. Der Kapitän der Nationalmannschaft ist eher ein Meister der Diplomatie als der Konfrontation. Er redet öffentlich so oft Klartext wie Angela Merkel, also einmal alle vier Jahre. Umso überraschender, dass er nach dem Sieg gegen Kasachstan so deutlich wurde, wie ein Philipp Lahm eben werden kann. "Wir haben 4:1 gewonnen, da kann man auch ruhig mal applaudieren", sagte er.

Seine Worte waren an das Nürnberger Publikum gerichtet. Das war über weite Strecken des Spiels so ruhig, dass das gute Dutzend kasachischer Fans auf der Haupttribüne die Stimmungshoheit übernehmen konnte. Und die Franken pfiffen sogar. Manuel Neuer musste nach einem Lapsus in Halbzeit zwei bei jedem Ballkontakt dran glauben. Und auf einige nicht sauber zu Ende gespielte Angriffe folgte ein Murren und Pfiffe. Vorsichtige nur, vereinzelt, aber unüberhörbar.

Die Deutschen gewinnen 4:1, haben acht Punkte Vorsprung auf den zweiten der WM-Qualifikationsgruppe – und am Ende wird gemeckert. Andere große Fußballnationen würden gerne solche Probleme haben. Kein Wunder, dass Trainer und Spieler nach der Partie weniger über die Tore als über die Reaktion des Publikums redeten. Der Bundestrainer Joachim Löw tadelte die Pfiffe gegen Neuer als "unsportlich", schon während des Spiels gestikulierte er aufgebracht in Richtung der Zuschauer. Marco Reus fand die Pfiffe "unglaublich". Ilkay Gündogan gab zu Protokoll, dass er das alles nicht verstehen könne. Und Thomas Müller schimpfe wie ein Rohrspatz: "Was erwarten die deutschen Fußballfans denn? Dass wir jedes Spiel 8:0 gewinnen?"

Nun kann man die Unmutsäußerungen des Publikums auf vielerlei Art und Weise interpretieren. Es kann an den Temperaturen gelegen haben. Schließlich war es bei minus zwei Grad im Frankenstadion so gemütlich wie in der heimischen Tiefkühltruhe. Da kann ein Pfiff schon der persönlichen Erwärmung dienen. Man kann die Häme als lokale Sperenzchen abtun. Schließlich nahmen sie ihren Ursprung bei einem Fehler des bis dahin beschäftigungslosen und daher eingefrorenen Manuel Neuer. Ein Torwart des FC Bayern hat in Franken einen schweren Stand. Vor allem, wenn er mal dem FC Schalke 04 ewige Treue geschworen hat, dem Verein, dem die Nürnberger Fans freundschaftlich verbunden sind.

Man kann die schlechte Atmosphäre aber auch in eine Reihe stellen, mit einer neuen generellen Haltung der DFB-Elf gegenüber. Seit dem Sommer ist die Stimmung gekippt. Viele deutsche Fans haben ihre Skepsis gegen Joachim Löw und seinen Fußball kultiviert. Die EM-Niederlage gegen Italien und das seltsame Spiel gegen Schweden haben sich tief eingebrannt ins nationale Fußballunterbewusstsein. Irgendwie sind den deutschen Fans Trainer und Mannschaft nicht mehr geheuer. Sie gilt als zu verspielt, zu weich. Der Aufbruch ins Tiki-Taka-Land kommt vielen deutschen Fans zu spanisch vor. Und Löw, der Schalträger und Espressotrinker, schafft erst den guten altdeutschen Zweikampf ab, und jetzt im Lande von Gerd Müller den Mittelstürmer gleich mit. Da wird man ja wohl mal pfeifen dürfen.