Spielmacher: Wolfgang Niersbach zwischen Michel Platini und Uli Hoeneß (links: Reinhard Rauball) © Lennart Preiss/Bongarts/Getty Images

Vor einem Jahr wurde Wolfgang Niersbach Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Vorausgegangen war die wilde Schlussphase seines Vorgängers Theo Zwanziger. Zu Beginn hatte Zwanziger seiner Präsidentschaft ein viel beachtetes Profil gegeben: Er modernisierte den konservativen DFB mit gesellschaftspolitischen Initiativen gegen Homophobie, Diskriminierung, Gewalt oder für den Frauenfußball. Am Ende hatte er es sich durch seine Art mit vielen im deutschen Fußball verscherzt.

So viel lässt sich sagen: Niersbach hat die Harmonie im Verband wiederhergestellt. Wofür Niersbach inhaltlich steht, lässt sich weniger sagen. Niersbach scheint vor allem darauf aus zu sein, nicht anzuecken. Wer nichts macht, kann nichts falsch machen, ist sein Motto. Niersbach wirkt passiv, auch für unsere Fragen stand er in den vergangenen Wochen bis zur Fertigstellung dieses Textes nicht zur Verfügung.

Zu reden und tun gäbe es genug für einen DFB-Präsidenten. Als Ende vorigen Jahres der deutsche Fußball wegen Fan-Gewalt und hohen Polizeikosten unter Druck der Politik geriet, führten jedoch die Verantwortlichen aus der Deutschen Fußball-Liga das Wort: Andreas Rettig und Reinhard Rauball. Dabei ist Sicherheit ein klassisches DFB-Thema.

Als Frankfurter Fans im Januar in Leverkusen zündelten, saß Niersbach im Stadion. Über mögliche Sanktionen gegen die Eintracht äußerte er sich nicht konkret, obwohl er sich im vorigen Sommer deutlich gegen Pyrotechnik ausgesprochen hatte. Auch zum alten, neuen Nazi-Problem des Fußballs schweigt Niersbach.

Ein weiterer Kern des DFB ist der Amateurfußball. Die wirtschaftliche Kluft zu den Profis ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Beim Nachwuchs fehlen gute Trainer, auch weil dort schlecht oder nicht bezahlt wird. Der EU-Politiker Daniel Cohn-Bendit forderte vom DFB, zehn Prozent der Werbeeinnahmen der Profis den Amateuren und dem Jugendfußball zukommen zu lassen. Dieser Vorschlag blieb unbeantwortet. Im Thema Amateurfußball sei er "nicht tief drin", gestand Niersbach vor einem Jahr, "dafür haben wir Experten".

Ohnehin galt der ehemalige DFB-Generalsekretär Niersbach von Anfang an als Präsident des Leistungsfußballs. Inmitten der Stars und Prominenz fühlt er sich am wohlsten. Wenn er nach seinem Programm gefragt wurde, sagte er stets: Fußball. Doch dem deutschen Profifußball geht’s soweit gut. Über eine Reform der Trainerausbildung oder des Kinderfußballs ließe sich natürlich debattieren, doch auch in diesen Fragen ist von Niersbach nichts überliefert. Als der neue Sportdirektor Robin Dutt im Januar sein Konzept vorstellte, ging der Inhalt unter.

Manchmal scheint ein Profil durch

Auch international hält sich Niersbach bedeckt. Zwar wird er dieses Jahr Theo Zwanziger in der Exekutive des Europäischen Fußballverbands (Uefa) ablösen. In der des Weltverbands Fifa, aus der Zwanziger 2015 ausscheiden wird, jedoch nicht, wie Niersbach am Montag mitteilte. Dabei ist das die Position, in der Niersbachs Stimme wichtig wäre, denn Zwanziger verteidigt den Präsidenten Joseph Blatter, der die politische Verantwortung für die Korruption in der Fifa trägt.

Eine starke Opposition in der Fifa ist aber wünschenswert. Viola von Cramon, die sportpolitische Sprecherin der Grünen, sagt: "Ein so großer Verband wie der DFB sollte mit seiner Macht etwas bewirken." Passivität warf dem DFB auch der Fifa-Reformer Mark Pieth in einem SZ-Interview vor: "Es ist sehr, sehr suboptimal, dass jetzt die Vertreter Europas, einschließlich dem Deutschen Fußball-Bund, sagen: Wir brauchen gar keine Reform."

Niersbach wird sich festlegen müssen

Zwar kritisiert Niersbach die Vergabe der WM an Katar, nimmt aber Platini, der für Katar gestimmt hatte, in Schutz: "Ich kenne Michel als geradlinigen Sportsmann", ließ sich Niersbach zitieren. Es ist auch nicht zu erwarten, dass die ebenfalls verdächtige Vergabe der WM 2018 an Russland zum Thema wird. Niersbachs Freund Franz Beckenbauer ist Botschafter des Staatskonzerns Gasprom.

Manchmal scheint ein Profil durch. Der DFB wird bald einen Leitfaden veröffentlichen, der einem schwulen Profi ein Coming Out erleichtern soll. Vor der EM in Polen und der Ukraine besuchte Niersbach mit einer Delegation der Nationalmannschaft das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz. Von der ukrainischen Politik gegenüber Julia Timoschenko distanzierte sich Niersbach. Doch als er während des Turniers vor der Presse auf ein Transparent deutscher Fans angesprochen wurde, auf dem ein Wahlspruch der Wehrmacht stand, wich Niersbach aus.

Es wird Momente geben, an denen sich Niersbach festlegen muss, etwa in der Diskussion über Financial Fairplay. Die Uefa will mit diesem Instrument den kapitalistischen Auswüchsen im Fußball Einhalt gebieten. Vereinfacht gesagt: Wer mehr ausgibt als er einnimmt, soll aus den europäischen Wettbewerben ausgeschlossen werden.

Dass bei Paris St. Germain die Kataris ihre Petromilliarden investieren, dürfte klar gegen die Regeln verstoßen. Und damit gegen die Interessen der deutschen Vereine, die im Vergleich mit ihrer Konkurrenz im Großen und Ganzen auf ihre Budgets achten. Der DFL-Chef Christian Seifert hat die Uefa gemahnt, die Regeln einzuhalten. Dass der DFB-Präsident Niersbach ihm folgt, ist unwahrscheinlich. Für den Pariser Investor arbeitet Laurent Platini, der Sohn seines Freundes Michel.