Ein Gemeinschafts-Graffiti von Partizan-Minsk- und Babelsberg-Fans am Karl-Liebknecht-Stadion in Potsdam © Sandra Scholz

Es gibt ihn also, diesen "anderen" Fußball. Er sieht in etwa so aus wie hier, in Babelsberg, an einem eiskalten Freitagabend: The Clash dröhnt aus den Boxen, Fans verkaufen selbstproduzierte Shirts, ein Anhänger bietet aus seinem Bauchladen Schnaps und Süßigkeiten an. Ein Pyro-Feuerwerk wird abgebrannt, die zwei alternativen Fanszenen feiern gemeinsam, während auf dem Kunstrasenplatz des Karl-Liebknecht-Stadions der Drittligaklub Babelsberg 03 ein Freundschaftsspiel bestreitet.

Die Punks und Outlaws auf Seiten der Fans aus Babelsberg, dem "St. Pauli des Ostens", überraschen weniger. Auf Seiten des Gastes dafür umso mehr – denn Partizan Minsk ist ein Verein aus Weißrussland, einem Land, das man nicht gerade mit freiheitlichem Gedankengut verbindet.

Partizan Minsk wird seit 2012 von seinen Fans in Selbstverwaltung geführt und ist für eine offensiv antifaschistische Fanszene bekannt. "Another Football ist possible" ist das Klubmotto – im Logo zerschmettert ein Fußball ein Hakenkreuz.

Fans von Babelsberg, St. Pauli, dem Roten Stern Leipzig, Tennis Borussia Berlin und Victoria Hamburg haben die Partizanen in der vergangenen Woche zu einer Kurztour mit fünf Freundschaftsspielen nach Deutschland eingeladen. Der gesamte Kader mit 24 Spielern und etwa 50 Fans reisten an. "Die Tour war großartig, aber auch anstrengend", sagt die 23-jährige Katsiaryna. "Für uns ist dieses Netzwerk der alternativen Fanszenen in Europa sehr wichtig." Katsiaryna ist Partizan-Fan und Dolmetscherin des Fansprechers Oleg, der seinen wahren Namen lieber nicht verraten möchte. Das hat gute Gründe.

Man kann sich vorstellen, dass ein autonom geführter, linker Fußballverein nicht gern gesehen wird in einem Land, das für unfreie Wahlen, eine diktatorische Regierung unter Alexander Lukaschenko, für die Todesstrafe und Unterdrückung von Homosexuellen steht. Spricht man Oleg und Katsiaryna auf die staatliche Verfolgung an, der Regierungskritiker ausgesetzt sind, werden sie zögerlich und beraten sich auf Weißrussisch.

"Sie sind sehr verunsichert und befürchten Repressionen seitens staatlicher Organe, wenn sie sich hier zur Staatspolitik äußern", sagt Sascha Leiker, der deutsche Pressesprecher der Partizan-Tour. "Man kann davon ausgehen, dass die weißrussische Regierung diese Tour sehr genau verfolgen wird." Der Subtext dabei: Für jede unbedachte Äußerung könnten sie in den Knast wandern. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass es Teilen der Fanszene schon so ergangen sein könnte.

Doch Widerstand droht auch aus dem Fußball selbst. "Unsere Fans werden oft von Nazis aus den gegnerischen Fankurven angegriffen, wir bekämpfen sie mit allen Mitteln. Ob das dann Hooligans, Ultras oder normale Fans sind, die an unserer Seite kämpfen, ist egal", sagen Katsiaryna und Oleg.

Nach der Gründung 2002 spielte der Verein damals noch als MTZ Ripa Minsk nach zwei Aufstiegen schnell in der ersten weißrussischen Liga, gewann zweimal den Pokal. In Osteuropa, wo viele Vereine von rechtsradikalen Fanscharen bevölkert werden, war der Klub der erste, der sich offen gegen rechts wandte: "Einige unserer Leute fingen in den nuller Jahren an, zu MTZ-Spielen zu gehen. Sie wollten den Club attraktiv machen für ein linkes Publikum", sagt Katsiaryna.

Als 2010 nach dem Abstieg die Insolvenz drohte und der alte Vorstand abtrat, initiierten die Fans im Frühjahr 2012 selbst die Neugründung unter dem Namen Partizan. Sie übernahmen als Kollektiv die Führung des Klubs. Um die Pleite abzuwenden, wurden durch Solidaritätsaktionen befreundeter Fans weltweit Gelder akquiriert. Auch Babelsberger Fans halfen mit Spenden.