Im Januar wurde Kevin-Prince Boateng während eines Testspiels in Italien rassistisch beleidigt. Weil der Schiedsrichter nicht reagiert hatte, musste Boateng selbst handeln. Er verließ das Feld. Seine Aktion sorgte für internationale Aufmerksamkeit, Boateng sprach am Donnerstag in Genf vor den Vereinten Nationen.

Ein anderer Fall, in dem die Fußballjustiz Rassismus geschehen ließ, hat weniger Aufsehen erregt. Er spielt im nordrhein-westfälischen Amateurfußball. Der 27-jährige nigerianische Tormann Ikenna Onukogu vom Bezirksligisten Hertha Hamborn sei beim Auswärtsspiel gegen Dostlukspor Bottrop am 3. März von Zuschauern mehrfach als "Nigger" und "Affe" beschimpft worden, sagte er. Seine Mitspieler und der Trainer des Gegners bestätigen seine Version.

Kurz vor Abpfiff warf der aufgebrachte Keeper eine Flasche in die pöbelnde Menge, mit der er zuvor beworfen worden sein soll, wie er sagt. Nach Tumulten brach der Schiedsrichter das Spiel ab. Das zuständige Sportgericht entschied: Onukogu ist der Schuldige, er wurde gesperrt. Erst nachdem die FAZ und Spiegel Online über den Fall berichteten, hob der Fußballverband Niederrhein (FVN) am Freitag die Sperre auf.

Der Fall veranschaulicht ein generelles Phänomen: Zwar hat sich der DFB in den vergangenen Jahren gegen Rassismus engagiert, doch an der Basis tun sich die Funktionsträger damit nach wie vor schwer. Schiedsrichter hören weg, Verbände scheuen den Ärger. Und Sportgerichte sind oft überfordert. Sportgerichte sind Organe der Verbände, sie verhandeln und sanktionieren Regelverstöße in ihrer Sportart.

Die Überforderung hängt mit dem Wesen der Sportjustiz zusammen. Die Spruchkammern setzen sich aus Ehrenamtlichen mit meist amateurhaftem Rechtsverständnis zusammen. "Es ist bedauerlich, dass Sportrichter in den meisten Fällen Laien sind", sagt Bilal Alkatout, Anwalt und Vorstandsmitglied des FC Internationale Berlin, einem multikulturellen Verein, der für den Integrationspreis des DFB nominiert ist. Einem so wichtigen und schweren Thema wie Rassismus seien die Richter nicht immer gewachsen, sagt er. "Das hat nichts mit bösem Willen zu tun."

Die meisten Spieler, Trainer und Präsidenten, die als Zeuge oder Angeklagte vorgeladen werden, verlassen Verhandlungen vor dem Sportgericht oft mit dem Gefühl, einer Farce beigewohnt zu haben, bei der es um vieles geht, aber nicht um die Wahrheit. Vertreter eines Hamburger Amateurvereins erschienen einmal zwei Minuten zu spät zu einem Prozess, in der die Tätlichkeit zweier Spieler verhandelt werden sollte. Daraufhin wurde allen das Wort verweigert, die Spieler wurden gesperrt.

Das Königlich-Provinzielle Fußballgericht gehört zur Bezirksliga-Folklore

Ein weiteres Beispiel: Ein Jugendtrainer aus Mittelhessen wurde vom Sportgericht zu 50 Euro verdonnert, weil er eine flapsige Bemerkung auf Kosten des Kreisjugendwarts fallen gelassen hatte. Begründung der Strafe: "unsportliches Verhalten gegenüber einem Verbandsfunktionär". Sein Verein übernahm die Strafe und verzichtete auf eine Berufung gegen das Urteil, weil man dort ohnehin keine Chance habe, sagt der Jugendtrainer. "Vorsicht, 50 Euro!" ist seitdem auf Tagungen der Jugendfußballer zum geflügelten Wort geworden.

Die Selbstherrlichkeit vieler Sportrichter empfinden die Vereine als Gängelung, doch das Fußballgericht und deren Strafunkultur werden oft als Bezirksliga-Folklore hingenommen. Geht es um Fouls und Siege, halten sich die Folgen in Grenzen. Brisant wird es allerdings, wenn Sportgerichte gesellschaftliche Themen verhandeln.

Als die Verantwortlichen aus Hamborn Berufung gegen die Sperre ihres Tormanns einlegen wollten, entgegnete ihnen gemäß Spiegel Online ein Mitglied des Gerichts: "Die Berufung können Sie sich schenken, die verursacht nur Kosten und ändert nichts." Das widerspreche rechtsstaatlichen Prinzipien, sagt Alkatout. "Ich bin vom Verband sehr enttäuscht", sagt der Hamborner Trainer Aydin Erdal.

Onukogu wurde weder vom Gericht noch vom Verband angehört, das soll erst am 4. April geschehen. Grundlage der Sperre war allein der Bericht des Schiedsrichters. Der hatte die rassistischen Anfeindungen ignoriert, obwohl Onukogu einen Linienrichter zweifach darauf hingewiesen hatte. Der Regel nach hätte das Spiel abgebrochen werden müssen, doch im Spielbericht vermerkte der Schiedsrichter nur die Tätlichkeit Onukogus, aber nichts über Rassismus. "Die Schiedsrichter können die Rufe nicht überhört haben", sagt Erdal. "Das hat jeder auf dem Sportplatz mitbekommen."

Es ist ein weiterer Kritikpunkt an der Sportjustiz: dass sie in Nibelungentreue zu ihren Schiedsrichtern steht. Doch denen fehle es oft an Mut, sagt Alkatout. Eine löbliche Ausnahme ist Christine Weigelt, die 2008 ein C-Jugendspiel in Sachsen abbrach, nachdem Betrunkene Nazilieder gesungen hatten.