Marcel Schmelzer"Ein Fehler und Du kannst öffentlich wieder zum Deppen werden"

"Das ist extrem gewesen", sagt Marcel Schmelzer im Tagesspiegel-Interview über die öffentliche Kritik an ihm. Ein Gespräch über den Druck auf einen Linksverteidiger. von Stefan Hermanns und Michael Rosentritt

Marcel Schmelzer

Marcel Schmelzer  |  © Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Frage: Herr Schmelzer, wie viele Linksverteidiger der Nationalmannschaft aus den vergangenen zehn Jahren bekommen Sie zusammen?

Marcel Schmelzer: Ich glaube, in dieser Hinsicht sind Journalisten die Experten, weil das Thema in den Medien deutlich ausgiebiger behandelt wird als in Spielerkreisen.

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Frage: Aber Sie werden ja auch ein bisschen genauer auf diese Position geachtet haben. Versuchen Sie’s doch mal!

Schmelzer: Natürlich hat es auf dieser Position über einen längeren Zeitraum keinen Spieler gegeben, der sich in der Nationalmannschaft etabliert hat. Aber ich glaube auch, dass es für jeden, der eine Chance bekommen hat, schwer war. Vielleicht schwerer als auf anderen Positionen.

Frage: Sie hören sich ein bisschen gereizt an.

Schmelzer: Überhaupt nicht! Es ist nur so: Sie haben mir diese Frage zwar zum ersten Mal gestellt, aber ich habe sie schon unzählige Male beantwortet. Sobald ein junger Linksverteidiger zur Nationalmannschaft eingeladen wird und vor seinem ersten Spiel steht, wird ihm die Frage gestellt: Werden Sie sich durchsetzen und die Probleme auf dieser Position dauerhaft lösen? Ich kann mir vorstellen, dass Dennis Aogo oder Marcel Schäfer…

Frage: … zwei Ihrer vielen Vorgänger …

Schmelzer: … das auch so durchgemacht haben. Das Thema wird aber leider häufig nur oberflächlich und nicht sachlich diskutiert.

Frage: Wussten Sie eigentlich, dass Bernd Schneider auch mal Linksverteidiger gespielt hat?

Schmelzer: Nein, echt?

Frage: 2005 in Rotterdam, gegen Arjen Robben.

Schmelzer: Nicht schlecht!

Frage: Warum haben es Linksverteidiger so schwer?

Schmelzer: Der Fokus der Medien ist auf diese Position fixiert. Der Druck ist ohnehin schon groß, wenn ein junger Spieler zur Nationalmannschaft stößt, und wenn dann vorher die Zeitungen nur über die Probleme auf dieser und jener Position berichten, kommt zusätzlicher Druck dazu. Es ist unsere Aufgabe als Profis, über diesen Diskussionen zu stehen. Auch wenn das zugegebenermaßen nicht immer einfach ist. Aber alle Nationalspieler haben gute Gründe für ein starkes Selbstbewusstsein.

Frage: Sie sehen für sich als Linksverteidiger also eher die Schwierigkeiten, die diese Position mit sich bringt, als die Chance, die Kritiker zum Schweigen zu bringen?

Schmelzer: Nein, ich bin ein total positiver Mensch, der es allerdings nicht ansatzweise als seine Aufgabe ansieht, Kritiker zum Schweigen zu bringen. Meine Aufgabe ist es, der beste Fußballspieler zu sein, der ich sein kann. Das ist mein Antrieb. Ich bin allerdings Realist genug um zu wissen: Ein Fehler, und es kann sein, dass du öffentlich wieder zum Deppen wirst.

Frage: Aber die Probleme auf dieser Position waren zuerst da, nicht die Kritik der Medien.

Schmelzer: Ja, aber das ist nicht die Schuld derer, die aktuell spielen.

Frage: Warum ist es so schwer, einen Linksverteidiger zu finden, der sich über Jahre auf dieser Position etabliert?

Schmelzer: Linksfüßer gibt es eben nicht so viele wie Spieler mit einem starken rechten Fuß. Und die Linksfüßer, die es gibt, wollen meistens in der Offensive spielen, weil man natürlich lieber Tore schießt als Tore zu verhindern. Es wird auch künftig vergleichsweise wenige Spieler geben, die für diese Position infrage kommen.

Frage: Sie sind auch erst spät auf diese Position versetzt worden.

Schmelzer: Ich glaube, nach dem ersten Jahr in der A-Jugend. Vorher habe ich auch vorne gespielt, aber dann hatten wir keinen Linksverteidiger, und der damalige Trainer Heiko Herrlich hat mich in die Viererkette gestellt. Wie das halt so geht (lacht). Für mich war das kein Problem. Ich konnte mich immer mit nach vorn einschalten, wenn die Chance da war.

Frage: Hans-Joachim Watzke, der Vorstandsvorsitzende von Borussia Dortmund, hat einmal gesagt, dass Sie den Fußball auch theoretisch beherrschten. Hat Ihnen das bei der Umschulung geholfen?

Schmelzer: Ich glaube, er meinte, dass ich zu hundert Prozent verstanden habe, was unser Trainer taktisch vorgibt. In Dortmund haben wir da durch Jürgen Klopp in den letzten vier, fünf Jahren enorme Fortschritte gemacht. Diszipliniertes Spiel gegen den Ball hat bei uns eindeutig Priorität. Natürlich schaue ich mich um, was in anderen Mannschaften gespielt wird, bei Real Madrid, bei Arsenal oder bei den Bayern. Wie verhält sich der Linksverteidiger dort in einer bestimmten Situation? Wie reagiert er? Aber grundsätzlich spiele ich in Dortmund das, was ich in Dortmund beigebracht bekommen habe.

Frage: War das Ihr Problem in der Nationalmannschaft? Dass dort etwas anders gespielt wird als in Dortmund?

Leserkommentare
    • eklipz
    • 26. März 2013 17:31 Uhr

    "Das Thema wird aber leider häufig nur oberflächlich und nicht sachlich diskutiert." trifft den Nagel auf den Kopf. Leider nicht nur, was die Linksverteidiger betrifft. Kann sich ja gern mal einer der Sportreporter in die Vierer-Kette bei einem Spiel gegen, sagen wir, Spanien stellen. Viel Spaß.

    3 Leserempfehlungen
  1. Sehr kluge und reife Aussagen von einem jungen Spieler.

    Marcel Schmelzer ist einer dieser neuen Generation von Spielern, die ihre Energie ausschließlich für ihren Beruf nutzen. Gefällt mir sehr. Sehr professionell!

    Ich wünsche Marcel Schmelzer alles Gute für seine weitere Karriere, und dass er sich in der Nationalmannschaft durchsetzt. Bin mir sicher, wir werden noch lange Freude an dem Mann haben.

    8 Leserempfehlungen
  2. 3. Arbeit

    Herr Schmelzer ist Fußballer. Seine Arbeit ist es Fußball zu spielen. Wenn er schlecht Fußball spielt, macht er seine Arbeit schlecht. Welche andere Berufsgruppe bekommt Mitleid, wenn sie ihre Arbeit schlecht macht?

    Ach ja genau. Keine.

    Eine Leserempfehlung
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    Fussballspielen ist keine Arbeit, sondern organisierter Wettkampf zur Belustigung der Gaffer. Ein Spieler macht seine Arbeit gut, wenn er sein Bestes gibt und somit einen fairen Wettkampf ermöglicht.

    Und Fehler gehören zum Mensch sein dazu, wie man an Ihrem Kommentar gut sehen kann.

    • dacapo
    • 03. April 2013 14:10 Uhr

    Jeder muss gute Arbeit abgeben. Stimmt. Jeder muss eine schlecht "abgegebene" Arbeit in aller Öffentlichkeit rechtfertigen und sich von Journalisten, die sich in dem zu beurteilenden Beruf nicht so gut auskennen kritisieren lassen. Stimmt nicht. Oder wird Ihre schlecht abgelieferte Arbeit auch in der Öffentlichkeit von Hinz und Kunz beurteilt?

  3. hoffe er entwickelt sich weiter so gut.
    zum Thema "Arbeit": was ist den besser? Vom Chef vor der Belegschaft und in aller Öffentlichkeit unter Nachtreten alle Klugschwätzer "Zur Sau gemacht zu werden", oder "war nicht gut, jetzt schau mir mal was wir nächstes mal besser machen können"?
    Viele neigen halt nun mal zum Ersten, ist ja auch einfacher. Und es ist ja auch schön mal auf anderen rumzutrampeln.

    2 Leserempfehlungen
  4. 5. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf provozierende Polemik. Danke, die Redaktion/sam

    2 Leserempfehlungen
  5. Ich will endlich wieder Interviews, insbesondere auf ZON, lesen können, wo der vergleichsweise interessante Kicker sich z.B. so äussert: Nimm du ihn, ich hab ihn sicher. Gib mich die Kugel. Skandal!

    Gerne auch mal die erste torwärtige ex-BASFige Kolumne. Lange avisiert, längst überholt, nun sogar "verschmelzerrt"?

    Go Borussia Dortmund, go Gladbach, go Gladys Knight & the Pips.

  6. Was er in einem Spiel für Wege geht, ist enorm. Wo er meiner Meinung nach dran arbeiten muss, ist sein Zweikampfverhalten und sein Stellungsspiel, da hat er noch Entwicklungspotentiale. Was mir auch sehr an ihm gefällt, ist seine Sachlichkeit. Er spielt immer den Einfachen und meistens damit den klugen Ball. Er wird auf dieser Position so schnell nicht verdrängt werden, weil er ruhig und unspektakulär Fußball spielt und das mag unser Bundestrainer!

    3 Leserempfehlungen
  7. Gähn.

    Anmerkung: Bitte beteiligen Sie sich konstruktiv. Danke, die Redaktion/se

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    Entfernt. Bitte kommentieren Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

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