DopingRadprofi Schumacher gibt systematisches Doping zu

Unerlaubte Mittel waren Alltag "wie der Teller Nudeln nach dem Training", sagt Radprofi Stefan Schumacher. Sein Ex-Teamchef Hans-Michael Holczer habe alles gewusst.

Stefan Schumacher im Trikot des Team Gerolsteiner bei der Tour de France 2008

Stefan Schumacher im Trikot des Team Gerolsteiner bei der Tour de France 2008  |  ©Nicolas Bouvy/dpa

Der Radprofi Stefan Schumacher hat jahrelanges Doping zugegeben und seinen ehemaligen Teamchef Hans-Michael Holczer schwer belastet. Dem Spiegel sagte der zweifache Etappensieger und Träger des Gelben Trikots bei der Tour de France: "Ich habe Epo genommen, auch Wachstumshormon und Kortikosteroide." Zuvor hatte er jahrelang die Einnahme von verbotenen Substanzen bestritten.

Schon mit Anfang 20 habe er begonnen, sich Spritzen zu setzen, bekannte der 31-jährige Nürtinger: "Ich habe mich in ein System eingefügt. Das macht mich nicht stolz, aber es war eben so. Doping wird zum Alltag wie der Teller Nudeln nach dem Training." Während seiner Zeit im Team Gerolsteiner von 2006 bis 2008 hätten die Teamärzte "zum Teil aktiv beim Dopen mitgemischt". Im Mannschaftsbus sei eine Vielzahl von Medikamenten transportiert worden: "Die meisten Sachen konnte sich jeder aus der Medikamentenbox nehmen. Das war völlig verrückt."

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Holczer, damals Chef von Gerolsteiner, habe davon gewusst: "Einen so laxen Umgang mit Medikamenten habe ich nur bei Gerolsteiner erlebt und Holczer war darüber bestens im Bilde. Dass er nichts vom Doping in seinem Team wusste, wie er behauptet, stimmt nicht", sagte Schumacher.

Der Geschichts- und Mathematiklehrer, der in seiner Zeit bei Gerolsteiner in der Öffentlichkeit als Anti-Doping-Kämpfer auftrat, habe "nach außen den großen Mahner gegeben", intern habe sich aber nie etwas geändert. Neben Schumacher waren auch Bernhard Kohl, Davide Rebellin und Levi Leipheimer während ihrer Zeit bei Gerolsteiner oder danach wegen Dopings aufgeflogen.

"Vollkommen aus der Luft gegriffen"

Holczer wies Schumachers Beschuldigungen zurück. "Das ist alles vollkommen aus der Luft gegriffen und diskreditiert eine komplette Mannschaft. Ich werde mich nicht direkt zu den taktischen Anschuldigungen eines Herrn Schumacher äußern. Ihm steht ein Betrugs-Prozess vor dem Landgericht Stuttgart bevor. Das wird die Angelegenheit klären", sagte der frühere Teamchef des russischen Katusha-Rennstalls, der inzwischen auf einen Beraterposten im russischen Radsport-Verband gerückt ist. Holczer ist zum Schumacher-Prozess am 18. April acht Tage nach Beginn als Zeuge geladen.

Stefan Schumacher war 2008 bei der Tour de France und bei den Olympischen Spielen in Peking die Einnahme des Blutdopingmittels Cera nachgewiesen worden. Zur Strafe wurde der WM-Dritte von Stuttgart 2007 vom Internationalen Sportgerichtshof CAS bis 27. August 2010 gesperrt. Derzeit fährt er  für den dänischen Drittligisten Christina Watches unter Ex-Profi Michael Rasmussen, der umfassendes Doping gestanden hat.

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Leserkommentare
  1. Es ist für mich kaum vorstellbar, dass Holczer von alledem nichts gewusst haben wollte. Wenn die halbe Mannschaft überführt wurde, kann man mir erzählen was man will. Der Teamchef wusste Bescheid. Und sei es, dass er im richtigen Moment weggeschaut hat.

    3 Leserempfehlungen
  2. spöttisches:
    "Oh, wer hätte das gedacht?"

    Das ist eigentlich gar keine Nachricht mehr, eher vergleichbar mit: Gestern ging die Sonne auf...

    3 Leserempfehlungen
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    ... Beim Radfahren nichts Neues!
    Und wenn es ein paar Wochen ruhiger ist, lässt der BDR schonmal verkünden, dass er nicht nur über Doping reden möchte. Echte Aufarbeitung oder ein echter Neuanfang sehen so jedenfalls nicht aus.

  3. ... Beim Radfahren nichts Neues!
    Und wenn es ein paar Wochen ruhiger ist, lässt der BDR schonmal verkünden, dass er nicht nur über Doping reden möchte. Echte Aufarbeitung oder ein echter Neuanfang sehen so jedenfalls nicht aus.

  4. Nur diese Geständnisse kommen etwas zu spät.
    Man hätte in der Hochzeit der Radsport Dopingaffäre reden und gestehen sollen.
    Klar das dann die Kariere beendet war.
    Aber mit einer Schuld und einer Lüge weitermachen, zermürbt einen seelisch und körperlich.
    Irgendwann meldet sich das Gewissen und man kann dann nur noch die Flucht nach vorne antreten.
    Man sollte anstatt das Ringen von den olympischen Spiele zu streichen den Radsport von der Liste streichen.
    Doch hier sehe ich schwarz.
    Die finanziellen Interessen sind größer als die Moral und ein Vorbild für die Jugend ist es allemal nicht.
    Schade.
    Trotzdem wünsche ich Herrn Schumacher für den Prozess viel Glück.

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    "Man sollte anstatt das Ringen von den olympischen Spiele zu streichen den Radsport von der Liste streichen."

    Warum? Ist Ringen dopingfrei? Und was ist mit Sprintern, Schwimmern, Gewichthebern, Gehern, Langstreckenläufern, Boxern, you name it?

  5. "3. Genau! ....

    ... Beim Radfahren nichts Neues!"

    Bitte tun Sie mir einen Gefallen, und vergessen Sie, Doping sei ein Problem des Radsports. Doping ist ein Problem des Sports und keiner speziellen Sportart. Ich lehne mich soweit aus dem Fenster zu behaupten, der Radsport von heute war noch nie so sauber wie heute. Nennen Sie mir eine Sportart, wo die Beteiligten so oft und so genau untersucht werden wie im Radsport. Da müssen Sie lange suchen. Es gibt viele Sportarten, wo dies nicht der Fall ist (Fußball, Tennis) und wo man davon ausgehen kann, diese Sportarten haben ebenfalls ein Dopingproblem. Es will nur keiner wissen. Verbände haben kein besonderes Interesse, ihre Sportart zu testen. Das betrifft alle Verbände, nicht nur den BDR. Der Radsport hat den Vorteil, derart im Blickpunkt der Öffentlichkeit zu stehen, wenn es um Doping geht, dass ihm diese Kontrollen förmlich aufgezwungen wurden. Und verabschieden Sie sich von der Annahme, Doping im Fußball oder Tennis bringt nichts. Doping bringt in jeder Sportart etwas. Sogar im Schach.

  6. 6. Warum?

    "Man sollte anstatt das Ringen von den olympischen Spiele zu streichen den Radsport von der Liste streichen."

    Warum? Ist Ringen dopingfrei? Und was ist mit Sprintern, Schwimmern, Gewichthebern, Gehern, Langstreckenläufern, Boxern, you name it?

    Antwort auf "Gut so Herr Schumacher"
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    Appropos zu den Ringen der Olymischen Spiele: durch die fünf Ringe -die eigentlich die Erdteile sybolisieren- könnte man die berühmten Affen durchschauen lassen. Durch die oberen das bekannte Trio, durch die unteren einen der Daumen und Zeigefinger reibt, in dem anderen Ring den, der die Hand offen hält.
    So wäre an alle Beteiligten gedacht und dem Zuschauer würde gezeigt, worum es auch beim Sport geht.

    • -lupo-
    • 29. März 2013 18:00 Uhr
    7. Doping

    Eine, wie ich glaube, gute Methode dem Doping in allen Sportarten Herr zu werden wäre, dass man bei jedem Wettbewerb von Bedeutung, mindestens die ersten Drei, oder bei Manschaftssportarten die Gewinnermanschaft einem Test unterzieht.

    Alles andere bringt nichts (außer Doping erlauben, was wohl die Wenigsten wollen).

    Eine Leserempfehlung
  7. "...der Radsport von heute war noch nie so sauber wie heute."

    ;-)

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, sc
  • Schlagworte Hans-Michael Holczer | Stefan Schumacher | Bernhard Kohl | Doping | Gerolsteiner | Landgericht
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