Sportler und Facebook"Bis zum Schlusspfiff kommen wir alle mal ohne Smartphone aus"

Der Hockey-Bundestrainer hat seinen Spielern das Smartphone verboten. Im Interview sagt er, weshalb durch Twitter und Facebook der Zusammenhalt im Nationalteam leide. von Stefan Hermanns

Markus Weise während der Olympischen Spiele in London

Markus Weise während der Olympischen Spiele in London  |  © Christian Charisius, DPA

Frage: Herr Weise, wann waren Sie mit Ihrem Smartphone zuletzt auf Facebook?

Markus Weise: Noch nie. Ich bin nicht bei Facebook.

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Frage: Okay. Dann haben Sie auch kein Problem damit, Ihren Spielern die Benutzung von Internet und Smartphones zu verbieten.

Weise: Das ist kein Verbot, es ist eine Regel, und über Regeln kann man immer reden. Ich will nichts verbieten, mir geht es darum, dass sich die Jungs mal lösen von diesem Energiefresser. Wenn man bei Facebook unterwegs ist, entwickelt man so eine Junkie-Mentalität: Ständig kommt etwas rein, man muss alles sofort lesen und sofort reagieren. Nein, muss man gar nicht. Es geht auch ein paar Stunden ohne.

Frage: Das hört sich so an, als hätte dieses Thema schon länger in Ihnen gebrodelt?

Markus Weise

Markus Weise trainiert seit 2006 die deutschen Hockey-Männer und holte mit ihnen zwei Mal Olympia-Gold. Zuvor hatte er mit dem Frauen-Team die Goldmedaille gewonnen.

Weise: Gebrodelt hat es nicht, aber ich habe es länger beobachtet. Und ich fand es auffällig, wie oft mehrere meiner Jungs gleichzeitig im selben Raum sind, aber jeder nur mit seinem Handy in Verbindung steht. Ich will nicht sagen, dass der Sozialkontakt zum Nachbarn ausstirbt, aber er leidet. Und das finde ich schon problematisch.

Frage: Vielleicht kommunizieren die Jungs dann gerade über ihre Handys miteinander.

Weise: Darauf läuft es hinaus. Mündliche Sprache verkümmert, irgendwann kommuniziert man nur noch über diese Dinger. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Voriges Jahr beim Zentrallehrgang hat sich ein Spieler mehr oder weniger abgesondert, weil er nur mit seinem Handy zugange war. Er war dabei, einen Sonderling-Status zu entwickeln. Das kann man im Mannschaftssport nicht so richtig gut brauchen. Man muss nicht mit allen befreundet sein, aber ein gewisses Maß an Zusammenhalt sollte es schon geben. Und das geht nicht, wenn sich einer immer abklemmt.

Frage: Und wie sieht die Regel aus, mit der Sie das verhindern wollen?

Weise: Das ist unterschiedlich. Bei Olympia haben wir gesagt: Von der letzten Besprechung vor dem Spiel bis zum Schlusspfiff kommen wir alle mal ohne Smartphone aus. Jetzt beim Zentrallehrgang in Südafrika durften keine Handys mit zum Trainingsplatz genommen werden. Es gab vorher Leute, die nach dem Training sofort zu ihren Schlägertaschen gestürzt sind, um auf ihre Handys schauen. Das haben sie jetzt eben erst 20 Minuten später machen können, und alle haben – große Überraschung! – überlebt.

Frage: Haben Sie die Taschen kontrolliert?

Weise: Um Gottes willen. Das ist mir zu blöd. Vielleicht hat der eine oder andere auch beschissen. Aber dann war es eine bewusste Entscheidung. Außerdem gibt es ein mannschaftsinternes Korrektiv. Die Jungs regeln das auch untereinander.

Frage: Gab es innerhalb der Mannschaft Unmut?

Weise: Das ist eine spannende Geschichte. Sogar die älteren Spieler haben bei der nachrückenden Generation schon Verhaltensweisen beobachtet, mit denen sie Probleme haben. Und meine älteren Spieler sind nicht Mitte 30, sondern unter 30. Aber es geht inzwischen so schnell, dass man abgehängt wird. Zehn Jahre Altersunterschied sind schon eine ganze Welt. Oder digital gesehen: ein halbes Universum.

Frage: Es ist also auch eine Frage des Alters?

Weise: Natürlich. Für Jugendliche ist es heute unvorstellbar, dass es überhaupt eine Zeit ohne Handy und Facebook gegeben hat. Man muss diese Gegebenheiten hinnehmen, aber eben auch ein bisschen lenken, damit es nicht aus dem Ruder läuft. Mit der Zeit lernt man: Es ist zwar alles dringend – aber nicht alles ist wichtig. Das lässt sich mit diesem Thema sehr gut dokumentieren: „Bin jetzt beim Einkaufen“ oder „Meine neuen grünen Schuhe“ – das ist ja ganz lustig, aber nicht weltbewegend. Es gab gerade eine interessante Untersuchung bei den australischen Schwimmern. Die haben festgestellt, dass ihr Misserfolg bei den Olympischen Spielen in London unter anderem auf die Ablenkung durch soziale Netzwerke zurückzuführen war. Wenn man nicht die richtigen Prioritäten setzt und den Fokus verliert, zahlt man dafür einen hohen Preis.

Frage: Besteht auch die Gefahr, dass Spieler Dinge in die Öffentlichkeit tragen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind?

Leserkommentare
  1. Man nehme "Mannschaft" und ersetze es durch "Klasse" oder "Gruppe" oder "Freunde" und es passt immer noch...

    5 Leserempfehlungen
  2. "Vielleicht hat der eine oder andere auch beschissen. Aber dann war es eine bewusste Entscheidung."

    sehr weise :D

    Eine Leserempfehlung
  3. Würde ich auch gern mal verbieten.

  4. facebook kann das Leben enorm erleichtern, wenn man sich nicht zum Sklaven macht. Ich kann verstehen, wenn die "älteren" Menschen Ü35 sich fragen, wie sie ihre Kindheit und Jugend überstanden haben.
    Ich glaube auch, dass eine Smartphonesucht sich ausgesprochen negativ auf die realen Kontakte im Leben auswirken kann, wenn man nicht versteht eine gewisse Distanz zu wahren.
    Neulich konnte ich ein schönes Beispiel in der Tram verfolgen. Ein junges Paar, beide mit ihrem Smartphone beschäftigt. Er dattelte vor sich hin, sie surfte bei facebook und über 15 Minuten haben sie kein Wort miteinander gewechselt. Das sie ein Paar sind merkte ich erst, als sie gemeinsam ausstiegen und sich beiläufig einen Kuss gaben, um dann in getrennte Richtungen zu gehen.
    Es gibt auch den Witz, dass es bald eine App für Kollisionsapp für Fußgängerzonen gibt, so dass die Menschen nicht mehr so häufig zusammenstoßen.
    Das wirklich interessante ist aber, dass diese Smartphone/facebook Sucht nicht nur unter Jugendlichen verbreitet ist.
    Wie gesagt. Ein sehr spannendes Thema und besonders interessant, diesen Artikel zu lesen, da man da Beobachtungen einer kleinen überschaubaren Gruppe hat.

    3 Leserempfehlungen
  5. Ich kann den Trainer gut verstehen. Facebook ist aber nicht mehr so "gefährlich", wie es mal war, behaupte ich. Es wird überbewertet. Früher, und damit meine ich vor vielleicht 3-4 Jahren, wurden alle Gedankengänge gepostet, von "Ich ärgere mich über XY" bis hin zu "bin grad auf Klo". Jeder war aktiv und teilte alles mit jedem. Wenn ich heute meinen "News Feed" betrachte, so sehe ich kaum noch persönliche "Status Updates", außer, jemand bedankt sich für die vielen Geburtstagswünsche. Heute besteht Facebook größtenteils nur noch aus Werbung und aus Fotos und Grafiken - meist mit humoristischem Hintergrund - die sich, bedingt durch die zahlreichen Likes, viral durch alle News Feeds fressen, um noch mehr Likes zu erhalten. Da ist nun wirklich nichts Interessantes und Persönliches mehr mit dabei. Mein Bekanntenkreis jedenfalls findet Facebook allmählich immer langweiliger und benutzt es nur noch als Tool für PM's und Geburtstagserinnerungen - ich auch.

    Meine These: In ein paar Jahren kräht kein Hahn mehr nach Facebook - auch nicht die Kids. Aber bis dahin wird sich irgendein Zuckerberg da draußen sicherlich ein neues Spielzeug ausgedacht haben.

    4 Leserempfehlungen
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    gibt es Twitter ;)

    "Meine These: In ein paar Jahren kräht kein Hahn mehr nach Facebook - auch nicht die Kids. Aber bis dahin wird sich irgendein Zuckerberg da draußen sicherlich ein neues Spielzeug ausgedacht haben."

    Ihre These in Ehren, aber Sie werden diese Wette wohl krachend verlieren. Twitter, Facebook und Co. ist schon in unserem Alltag angekommen und zwar mehr als Sie denken. Insofern halte ich jegliche Diskussion über Sinn und Unsinn von Facebook, Twitter und Co. für maßlos überbewertet. All die Wichtigtuer, die keine Gelegenheit auslassen, dass Sie Facebook nicht nutzen und es bald keinen mehr interessiert gehen mir mehr auf die Nerven, als die eigentlichen Medien selbst. Ich nutze sie, sie sind Teil meines Alltages, ich bin Ü40 und ich habe echte Freunde. Facebook und Co. ergänzen mein Kommunikationsverhalten lediglich, es ersetzt aber nichts.

    Wir werden lernen, damit umzugehen und natürlich ändert es unser gesellschaftliches Miteinander, wie halt jedes neue Medium. Mich würde gerne mal interessieren, welche Diskussionen man damals geführt hat, als das Telefon erfunden wurde. Wahrscheinlich sind die Argumente dafür und dagegen die gleichen, die wir heute führen.

    Ansonsten kann ich nur sagen, satt Smartphone sollte der Bundestrainer einfach auch mal Kopfhöhrer und Playstations verbieten. Die sind nicht minder Schädigend, was den Zusammenhalt der Mannschaft betrifft. Nur sind die wohl in unserem Alltag schon akzeptiert, weil gewohnt.

  6. gibt es Twitter ;)

  7. 7. Weise

    Nach vielen Interviews und Artikeln die ich über Weise gelesen habe bleibt nur zu sagen, dass er wohl ein richtig, richtig guter Trainer ist.
    Das hat alles nicht nur Hand und Fuß sondern auch Köpfchen!

  8. "Meine These: In ein paar Jahren kräht kein Hahn mehr nach Facebook - auch nicht die Kids. Aber bis dahin wird sich irgendein Zuckerberg da draußen sicherlich ein neues Spielzeug ausgedacht haben."

    Ihre These in Ehren, aber Sie werden diese Wette wohl krachend verlieren. Twitter, Facebook und Co. ist schon in unserem Alltag angekommen und zwar mehr als Sie denken. Insofern halte ich jegliche Diskussion über Sinn und Unsinn von Facebook, Twitter und Co. für maßlos überbewertet. All die Wichtigtuer, die keine Gelegenheit auslassen, dass Sie Facebook nicht nutzen und es bald keinen mehr interessiert gehen mir mehr auf die Nerven, als die eigentlichen Medien selbst. Ich nutze sie, sie sind Teil meines Alltages, ich bin Ü40 und ich habe echte Freunde. Facebook und Co. ergänzen mein Kommunikationsverhalten lediglich, es ersetzt aber nichts.

    Wir werden lernen, damit umzugehen und natürlich ändert es unser gesellschaftliches Miteinander, wie halt jedes neue Medium. Mich würde gerne mal interessieren, welche Diskussionen man damals geführt hat, als das Telefon erfunden wurde. Wahrscheinlich sind die Argumente dafür und dagegen die gleichen, die wir heute führen.

    Ansonsten kann ich nur sagen, satt Smartphone sollte der Bundestrainer einfach auch mal Kopfhöhrer und Playstations verbieten. Die sind nicht minder Schädigend, was den Zusammenhalt der Mannschaft betrifft. Nur sind die wohl in unserem Alltag schon akzeptiert, weil gewohnt.

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