Tim WieseVon wegen Volldepp und Superheld

Im Fall Tim Wiese übertrifft die öffentliche Häme vieles im Fußball je Dagewesene. Das liegt an ihm und seiner seltsamen Verbindung zur "Bild". Von S. Dobbert von 

Tim Wiese Anfang März als Zuschauer de Spiels Hoffenheim gegen Bayern München

Tim Wiese Anfang März als Zuschauer de Spiels Hoffenheim gegen Bayern München  |  © Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Die Pöbeleien in der Herrentoilette waren in der Rosenmontagsnacht. Er stand da als Sträfling verkleidet, daneben sein Kumpel, ein Neandertaler. Weil der Neandertaler mit seiner Frau auf die Herrentoilette wollte, gab’s Ärger. Sie flogen raus. Die Polizei schlichtete. Und alles stand am Tag drauf in den Zeitungen des Springer-Verlages. Tim Wiese, der Sträfling, war mal wieder der Volldepp.

Schwer zu sagen, ob das der Tiefpunkt in der Karriere des 31-jährigen Torwarts war. Ebenso schlimm war’s, als er beim Training in Hoffenheim von seinem Stammplatzverlust erfuhr und vor Frust den Torwarttrainer packte, ihm drohte. Oder als die Bundesligaspieler ihn zum "Absteiger der Hinrunde" wählten. Oder als die Fans seines Vereins im Stadion dieses riesige Plakat in die Kameras hielten. "Ey Tim fahr ma auswärts", stand da.

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Äußerst beliebt war Wiese zu keinem Zeitpunkt seiner elfjährigen Karriere. Aber in den vergangenen Monaten, als der sportliche Erfolg ausblieb, überstieg das Maß an Häme und öffentlicher Bloßstellung vieles in der Bundesliga je Dagewesene. Sein öffentliches Bild ist ein Desaster, und natürlich ist er selbst dafür verantwortlich. Doch nicht nur er. Sein Beispiel zeigt auch, was der Boulevard und Spielerberater anrichten können.

Um den Aufstieg und Fall des Tormanns zu verstehen, genügt fast ein Blick ins Archiv der größten deutschen Zeitung. Im Großen kennt man das spätestens seit dem Fall Wulff. Erst werden Stars gemacht, dann zerlegt.

"So nackt, so cool! BILD brachte Lauterns Torwart Tim Wiese (21) mit der Serie 'Boygroup Bundesliga' groß raus." Das druckte das Blatt vor zehn Jahren, als Wiese mit 21 am Anfang der Karriere stand. Vor zwei Jahren veröffentlichte die Redaktion Tattoos des Tormanns. Auf einem sieht man seine nackte Frau. Noch im vergangenen Sommer war Wiese begleitet von dieser Pressearbeit die Nummer zwei im Tor der Nationalelf. Nach sieben Jahren in Bremen, wo er von den Fans verehrt wurde, suchte er dann einen neuen Verein. Er sagte, er wolle zukünftig Champions League spielen, verhandelte mit Real Madrid und wechselte zur TSG Hoffenheim. Ungefähr zur gleichen Zeit begannen die gehässigen Sprüche über Wiese noch gehässiger zu werden.

Die Sache mit Real haben ihm damals die Wenigsten abgenommen. In mehreren Interviews sagte Wiese, er habe tatsächlich mit José Mourinho über einen Wechsel telefoniert. Journalisten und Fans zweifelten dennoch.

Wiese sagte in diesen Interviews auch, er habe sich für Hoffenheim und die Bundesliga entschieden, weil sein Vater Ende 2011 verstarb, er die Nähe zu seiner in Köln lebenden Mutter deshalb nicht verlieren wollte, und weil bei der Option Hoffenheim seine Tochter in Deutschland zur Schule gehen könne.

Doch diese Argumente wollte fast keiner hören. Diskutiert wurde eher die Empfehlung der Bild-Zeitung, in welchem Sonnenstudio und Frisör sich Wiese in Hoffenheim wohlfühlen könnte. Auf Facebook gibt es seit vergangenem Sommer neben der Seite "Tim Wiese – die Witzfigur der Nation" eine weitere mit dem Titel: "Tim Wiese spielt Champions League auf der Playstation, die ganze Nacht, von 12 bis 8." Tausenden Menschen gefällt das.

Für jedes Bundesligateam gibt es mindestens einen Bild-Reporter

Nun ist es nichts Neues, dass Fußballfans ihre Kraftausdrücke und ihren Hass verbreiten, auch im Internet. Im vergangenen Jahr mobbten Fans des 1. FC Köln den Profi Kevin Pezzoni und lauerten ihm vor seiner Wohnung auf. Wenig später löste der Verein den Vertrag mit dem Spieler auf. Erst vor einigen Wochen gab Stuttgarts Trainer bekannt, dass er den Mittelfeldspieler Tamas Hajnal nur noch bei Auswärtsspielen einsetzen werde. Er könne ihn nicht bringen, wenn er ab dem ersten Ballkontakt ausgepfiffen wird, sagte der Trainer. Der Teammanager ergänzte, so schlimm habe er das noch nie erlebt.

Ein anderer ehemaliger Nationaltorhüter, Timo Hildebrand, hatte vor einigen Tagen genug vom anonymen Shitstorm. Er veröffentlichte, was ein 20-Jähriger ihm an die Facebook-Pinnwand gepostet hatte: "Du dummer basdart! Erschieß dich bitte."

Im Fall von Hildebrand entschuldigte sich der 20-Jährige im Anschluss, die Medien berichteten über den Fall. Viele Meinungsäußerungen unterstützten den Torwart. Für Tim Wiese ist so etwas wohl nicht denkbar.

Wiese gilt als doof, arrogant, überheblich, prollig. Wenn man es wohlmeinend ausdrückt, ist er der letzte einsame Cowboy, der letzte Macho der Liga, nach all den Ballacks und Baslers. Er hat keine Qualifikation außer seinem Realschulabschluss und seiner Art Bälle zu fangen und passt damit nicht mehr in die neue Fußballwelt, einer Welt voller Abiturienten, Karriere- und PR-Beratern.

Womöglich sieht Wiese das ganz anders. Man würde ihn das gerne fragen. Es geht aber nicht. Als Journalist hat man keine Chance, nicht in diesen Tagen. Wenn man nicht für den Axel-Springer-Verlag arbeitet, sowieso nicht.

Leserkommentare
  1. Also, Wiese war nie ein besonders sympatischer Typ. Aber trotz meiner Abneigung gegenüber ihm finde ich, dass das was ihm jetzt widerfährt nicht gerecht ist.

    9 Leserempfehlungen
  2. Die Einschränkung im letzten Absatz hätte vielleicht früher kommen können. So drängt sich für mich der Eindruck auf, als sei doch der dumme Tim selbst an seiner jetzigen Lage Schuld. Hätte er halt nicht mit der Bild reden sollen.

    So einfach ist es aber nicht, über die Rolle der TSG wird kaum geredet. Wie der Verein mit einem Spieler umgeht, der vor einem halben Jahr als Hoffnungsträger kam, ist doch kein Schutz, wie sie behaupten, sondern reine Schikane. Angeblich darf er ja nicht mehr gleichzeitig mit dem Team im Kraftraum trainieren!

    Meine Meinung ist, dass Wiese Bremen auch nur verlassen hat, weil er kein Angebot mehr bekommen hat. Dass er so verteufelt wird, hat er jedenfalls nicht verdient.

    5 Leserempfehlungen
  3. ..."Im Fußball geht es nur um Geld."

    via ZEIT ONLINE plus App

    4 Leserempfehlungen
  4. 4. [...]

    Doppelposting. Die Redaktion/au

    Eine Leserempfehlung
  5. Das Bild mit Wiese so zu arrangieren, dass seine Haare erst sichtbar werden, wenn man mit dem Cursor drüber fährt.
    Die Zeitredaktion besitzt Humor :D

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    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/sam

    Ich glaube, Sie haben ihren Monitor zu dunkel oder den Kontrast zu schwach eingestellt ;-) Die Haare sind schon vorher sichtbar. Beim überfahren mit dem Mauszeiger, wird das Bild nur noch aufgehellt.

  6. dass die Entscheidung, weg von Bremen zu gehen, wirklich mit einer neuen "Herausforderung" zusammen hing. Trainer und Manager Babbel, der ihn ja "unbedingt" haben wollte und großes mit Tim Wiese vorhatte, scheint aber irgendwie von falschen Voraussetzungen ausgegangen zu sein! Warum Tim bei der SSFg so dermaßen abgerutscht ist, ist für mich ein Rätsel, weil er war einer der besten Torhüter der BL. Diese Frage wird Herr Wiese nur selber beantworten können. Wenn er schlau ist, wird er versuchen, im Guten mit Hoffenheim auseinander zu kommen, denn das gibt nichts mehr. schon mal gar nicht unter diesen Leuten die jetzt "noch" das Sagen haben!!! Warum er ausgerechnet gegen den S04 eine Weltklasseleistung gezeigt hat, bleibt auch sein Geheimnis. Nun ja, es ist ihm zu gönnen, dass er einen Verein findet, wo er an seine gewohnte, alte Leistung anknüpfen kann, denn als Sportsmann ist er immer untadelig gewesen. Also Tim, Kopf hoch und angreifen!!!

    2 Leserempfehlungen
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    • M_P
    • 28. März 2013 14:27 Uhr

    Man wird nicht über Nacht vom Nationaltorwart zum größten Depp der Liga. Er hatte ne schlecht zusammen- und eingestellte Truppe vor sich und wird aufgrund von skandalöser Vereinspolitik zum Sündenbock gemacht, dass da nicht mal jemand von der Spielergewerkschaft angeklopft hat, wundert mich auch ein wenig...Schande über diesen Verein...

    Aber bald steigt Hoffenheim ab und T. Wiese kann nochmal irgendwo neu anfangen, er sollte mMn wieder zurück nach Bremen, mit Gehaltseinbußen natürlich, da Bremen ne Menge Geld für den Umbruch braucht....

  7. "Tim Wiese spielt Champions League auf der Playstation, die ganze Nacht, von 12 bis 8."

    Man muss wissen, woher der Spruch kommt. Die Lösung findet sich hier:
    http://www.youtube.com/wa...

    Idrissous soll zu seiner Zeit bei Freiburg gesagt haben: "Ich habe eh' keine Lust mehr, mit euch Absteigern zu spielen. Ich spiele nächstes Jahr Champions League."

    Ähnlich ist es jetzt mit Wiese, der ja laut eigenen Angaben mit Real verhandelte und noch mal groß angreifen wollte. Dann landete er bei Hoffenheim und spielte schlecht. Zudem hat er den dort beliebten Starke verdrängt. Wer wundert sich dann noch über Häme – selbst der eigenen Fans?

    Leistung und Auftreten passen bei ihm schon lange nicht mehr zusammen.

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  8. ..hat schon immer für Spott und Hohn gesorgt. Sein Äußeres allein provoziert seit vielen Jahren - von der Frisur, wegen der viele einen Taschenspiegel, der im Tor versteckt sei, um die Frisur richten zu können, vermuten, bis hin zum neonrosafarbenen Trikot.

    Auch seine Interpretation der Strafraumbeherrschung mit eingesprungenen Kung Fu Kicks und anderen Stunts bis hin zu peinlichen Patzern sorgen bis heute für Gesprächsstoff.

    Und jetzt kommt das große aber: Der Kerl ist über weite Strecken seiner Profikarriere ein hervorragender Keeper gewesen - selbst in Deutschland, wo es viele gute gibt. Ich kenne keinen aktuell aktiven deutschen Torhüter, der so ein Elfer-Killer ist wie Wiese, der in guten Zeiten auch mal 2-3 Elfemeter in einer Partie hielt. Generell sind seine Fähigkeiten auf der Linie immer spektakulär (=absolute Weltklasse) gewesen, womit er seine gelegentlichen Schwächen in der Strafraumbeherrschung wettmachen konnte.

    Klar ist es lustig, wenn einer vom internationalen Geschäft spricht und dann erstmal in der Provinz scheitert (naja, wer da der wirkliche Dorfverein war, ist die andere Frage) und in der Bundesliga um den Abstieg kämpft.

    Aber es ist andererseits peinlich, wenn ein Erstligist gegen "Berliner Athletik Klub 07" (nichts gegen euch) 4-0 verliert, den Torhüter dafür zu verspotten.

    Das ganze mediale Gewäsch Bild, Zeit, Berater... ist mir scheißegal. Ich lese keine Sportbild und bekomme da auch so gut wie nichts von mit was die titeln.

    6 Leserempfehlungen
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    Ich hoffe, dass der Mann nochmal bei einem anständigen Verein unter Vertrag kommt und noch ein paar Jahre auf dem Platz zeigt, was der Gerry ihm damals beigebracht hat in der Pfalz. Furiose Glanzparaden kann man nie zu viele haben und die ein oder andere Rüpelattacke im 16er haben sich auch andere Weltklassetorhüter geleistet. ;)

    ...natürlich von sportlicher Provinz. War auch nicht abwertend gemeint, der Verein ist sicher unterstützenswerter als die Sinsheimer...

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