Fett wie ein Turnschuh / Fett wie ein Turnschuh : Will ich dünn und doof sein oder ein sexy Fettsack?

Er hat mehr als 40 Kilo abgenommen, doch unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom ist weniger glücklich als früher. Weil er mit seinem Gewicht auch den Verstand verliert.
Der immer schmaler werdende Tuvia Tenenbom © Isi Tenenbom

Nachdem ich jetzt bereits ziemlich viel abgenommen habe, stellt sich die Frage, was ich als Nächstes tun soll: weiter abnehmen oder so bleiben, wie ich jetzt bin?

Mein Gewichtsverlust war sinnvoll. Ich bin mein Diabetes und die erhöhten Cholesterinwerte losgeworden. Aber jetzt, da ich gesund bin, frage ich mich, ob es nicht besser wäre, das Fett zu behalten, das mir geblieben ist.

Ich weiß, dass heutzutage viele Menschen der Meinung sind, dünn sei schöner. Aber davon bin ich nicht vollkommen überzeugt. Madonna zum Beispiel ist dünn, aber würde ich sie heiraten wollen? Nein. Tom Cruise ist ebenfalls dünn, mehr oder weniger, aber würde ich gerne mal einen Abend mit ihm verbringen? Auf keinen Fall!

Mein aktuelles Dilemma hängt, offen gesagt, mehr mit dem Verstand als mit dem Körper zusammen.

Wie viele von Ihnen wissen, bin ich gerade nicht nur dabei abzunehmen, sondern werde zugleich auch immer deutscher. Ich werde, genauer gesagt, zum deutschen Intellektuellen. Diese interessante Veränderung an mir zu bemerken fällt nicht schwer, und jeder, der mich kennt, wird es bestätigen können.

Meine Verwandlung in einen kultivierten deutschen Intellektuellen, entschuldigen Sie meine Arroganz, findet in aller Öffentlichkeit statt. Ich verbringe meine Zeit damit, in exotisch dreckigen Berliner Bars Mineralwasser zu trinken, und umgebe mich mit jungen und kultivierten Studenten. Wir alle trauern der guten, alten, ruhmreichen Zeit der DDR hinterher. Wir vermissen diese Zeit schrecklich und gestehen einander unseren intimsten Wunsch, nämlich, diese Epoche wieder zum Leben zu erwecken.  

Ja, ich weiß, dass das nicht viel Sinn ergibt, weil niemand von uns die DDR erlebt hat. Aber diese Nebensächlichkeit hält uns nicht davon ab, die guten alten Zeiten zu vermissen. 

Wir folgen einer ganz eigenen Art von Logik, der Intellektuellenlogik. Fakten bedeuten uns nichts und werden es nie tun. Um sicher zu gehen, dass uns niemand für Dummköpfe hält und infrage stellt, tragen wir schicke, coole Klamotten und äußern so laut wie möglich unsere Bewunderung für die einzigen funktionierenden Demokratien dieser Welt: Nordkorea, Kuba und Gaza

Manchmal, wenn wir ein bisschen zu viel getrunken haben, verbringen wir einen Abend in einem der deutschen Theater, wo niemand außer uns versteht, was auf der Bühne geschieht. Das gibt uns das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein.

Das ist alles schön und gut und wir fühlen uns alle großartig.

Doch gestern Nacht, als kein Theater in der Nähe war und die Kneipen schon geschlossen hatten, ist mir etwas aufgefallen: Mein intellektueller Status hängt direkt mit meinem Gewichtsverlust zusammen. Je dünner ich werde, desto mehr werde ich zum Intellektuellen.  

An sich ist daran natürlich nichts auszusetzen, vielleicht ist es sogar gut so. Aber für mich ergibt sich daraus ein großes Problem. Wie jeder andere Intellektuelle auch, nehme ich mich sehr wichtig und liebe jedes Gramm von mir. Deshalb hasse ich es mit anzusehen, wie diese Gramme dahinschmelzen. 

Und das führt zu einem gewaltigen Konflikt, einer Zwickmühle: Je intellektueller ich werde, desto mehr liebe ich mich und desto mehr möchte ich sogar noch zunehmen, aber gleichzeitig werde ich immer intellektueller, je mehr ich abnehme. Die Komplexität dieses Konflikts liegt auf der Hand. Ich befürchte, dass selbst der UN-Sicherheitsrat ihn nicht auflösen könnte.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

52 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren