FC Bayern vs. Juventus Turin : Mario Mandžukić, der Stürmer, der keine Tore braucht

Mario Mandžukić ist nicht nur Stürmer, sondern auch erster Verteidiger. Beim überzeugenden Sieg gegen Juventus Turin verkörpert vor allem er den neuen Stil der Bayern.
Mario Mandžukić gegen Turins Giorgio Chiellini © Tobias Hase/picture alliance/dpa

Über Chinesen wurde dieses Mal nicht gesprochen in der Münchner Arena. Jürgen Klopp hatte vor einem Monat eine Plagiatsdebatte angestoßen, wonach die Bayern die Dortmunder Ideen klauten. Das war selbstverliebt, hatte aber einen wahren Kern. Die Mannschaft des FC Bayern hat sich vom BVB tatsächlich auf Trab bringen lassen und sich von dessen Fußball etwas abgeschaut: gemeinschaftlich verteidigen und dem Gegner nach eigenem Ballverlust schon in dessen Hälfte rasch zusetzen.

Beim 2:0 gegen Juventus Turin im Viertelfinalhinspiel der Champions League sah man: Die Bayern haben diese Taktik, im neuen Fußball-Jargon Gegenpressing genannt, so verinnerlicht, dass sie auch in der Champions League zum Erfolg führt. Sie haben ihrem eigenen Stil so viel Aggressivität, so viel Borussia beigemischt, dass sie eine Spitzenmannschaft wie Juventus Turin fast neunzig Minuten lang durchschütteln können. Verteidigung als bester Angriff.

Verkörpert wurde dieser neue Stil der Bayern vor allem vom kroatischen Stürmer Mario Mandžukić. Er hat Mario Gomez verdrängt. In der Vorrunde profitierte er noch von dessen Verletzung. Für die Rückrunde rechneten viele damit, dass Gomez eine größere Rolle spielen wird. Doch Mandžukić blieb die Nummer Eins.

Gegen Turin war zu erkennen, warum: Stets lief er geschickt, weil nach kurzem Zögern, die Verteidiger an und zwang sie zu Fehlern im Spielaufbau. Nie war ihm ein Weg zu weit, durchweg strahlte er Fleiß, Dynamik und Bissigkeit aus. Es war kein Zufall, dass Mandžukić eine von zwei Gelben Karten der Bayern erhielt. Es war auch kein Zufall, dass er durch schnelles Nachsetzen Thomas Müller das 2:0 auflegte.

Mandžukić half zudem oft in der eigenen Spielhälfte. Kurz vor der Halbzeit verfolgte er Juves bärtigem Regisseur Andrea Pirlo bis in den Mittelkreis, um dem Verdutzten dort den Ball abzuluchsen. Kurz nach der Halbzeit entschärfte er nahe des Bayern-Strafraums einen langen Pass mit dem Kopf. Beide Male war er ein paar Momente später anspielbar. Das gefiel den Fans im Stadion, denen es angesichts des Volldampffußballs ihrer Elf ganz heiß wurde.

Doch Mandžukić ist nur der Vorreiter. Franck Ribéry und Arjen Robben beteiligen sich ebenfalls fleißiger an der Balleroberung als in den Vorjahren. Müller nahm Pirlo stellenweise in Manndeckung. Pirlo, der Italien im EM-Halbfinale zum Sieg gegen Deutschland geführt hatte, dürften im Juve-Trikot selten so viele Fehlpässe unterlaufen sein wie in München.

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Kommentare

44 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Kann schon sein

Immerhin gibt es keine Art von Pressing, die ohne Forechecking auskommt

"Gegen Turin war zu erkennen, warum: Stets lief er geschickt, weil nach kurzem Zögern, die Verteidiger an und zwang sie zu Fehlern im Spielaufbau. Nie war ihm ein Weg zu weit, durchweg strahlte er Fleiß, Dynamik und Bissigkeit aus." (uas dem Artikel entnommen)

"Die Grundidee ist, dem Gegner möglichst wenig Zeit zu geben, sein Spiel ruhig und kontrolliert aufzubauen und ihn so zu Fehlern zu zwingen. Das Druckspiel beginnt durch frühzeitiges Stören bzw. Bekämpfen des gegnerischen Angriffs bzw. Angriffsversuchs bereits in der gegnerischen Hälfte, das auch Forechecking genannt wird. Grundvoraussetzungen für Pressing sind hohe Laufbereitschaft der Spieler, Dynamik und entsprechende Kondition." (Wikipedia)

Wo genau ist der Unterschied? Es gibt kein Pressing ohne Forechecking, auch kein "Gegenpressing", denn ansonsten würde der Gegner nicht unter Druck gesetzt werden. Forechecking benötigt das schnelle Umschalten von Offensive auf Defensive. Alles andere ist Haarspalterei!

Zum Haarespalten :-)

Es kommt meiner Ansicht nach auf die Ausgangssituation an. Pressing spielt eine Mannschaft, die nicht in Ballbesitz ist und sich daher auch mental bereits in der Defensive befindet.

Gegenpressing findet per Definition, die sicher nicht endgültig und eindeutig ist, aber genau dann statt, wenn das angreifende Team just den Ball verloren hat. Das Team muss also umschalten von Angriff auf Defensive (und befindet sich im Gegensatz zum Pressing nicht mit allen Spielern im Verteidigungsmodus). Natürlich sind die Bewegungsabläufe in beiden Varianten ähnlich, aber die Ausgangssituation unterscheidet sich doch.

Natürlich kann man das auch Korinthenkackerei nennen. Es ging mir lediglich um eine stärkere Differenzierung der beiden Begriffe. :-)

Pressing

"Pressing spielt eine Mannschaft, die nicht in Ballbesitz ist..."

Gegenpressing findet per Definition, (...) statt, wenn das angreifende Team just den Ball verloren hat."

Man ist doch "nicht in Ballbesitz", wenn man den Ball verloren hat?

Ich verstehe, was sie meinen, richtig sinnvoll erschien mir der Begriff des "Gegenpressings" noch nie. Wie spät darf ich den das Pressing beginnen, dass es noch als Gegenpressing gilt, und was ist es schon Pressing?

Pressing

eine spannende Diskussion. Ich seh es ähnlich, wie Sie. Gegenpressing ist forechecking (besonders bekannt von Hockeysportarten) mit einem sofortigen Angriff. Ein Gegenpressing wäre per Definition ja nichts weiter, als das Pressen gegen ein Pressen und ob das noch logisch ist? Naja. Fußball lebt davon, neue Begriffe einzuführen, aber wenn man es durchdenkt, so ist der moderne Innenverteidiger in der Regel fast eine Art Libero (Spieleröffnung + vorstoppen).
Was zeichnet Dortmund, Bayern und Barca eigentlich aus? Es ist die Art des forecheckings, welches nicht einfach blind erfolgt, sondern so orientiert ist, sofort selbst wieder auf einen Angriff umzuschalten. Bayern hat auch früher zeitig den Gegner in der eigenen Hälfte gepresst, sich dann aber den Ball meistens hinten rumgespielt. Heute spielen sie sehr zielstrebig Richtung Tor, genauso wie Dortmund, Barca, Real und all die großen Teams.
Die einfachste Art dieses forechecking zu unterbinden sind lange Bälle und dann ein intensives Nachrücken und genau darum musste Juve scheitern. Sie haben zu defensiv agiert und nicht selbst "ihr" Spiel aufgezogen.

Kick + Rush

"Die einfachste Art dieses forechecking zu unterbinden sind lange Bälle und dann ein intensives Nachrücken und genau darum musste Juve scheitern."

Lange präzise Bälle nach vorne gab es aber schon von Juve. Meist endete das aber mit einem Kopfball von einem bayrischen Innenverteidiger, die glaube ich jedes Kopfballduell gewonnen haben (war das schon Manndeckung?). Die zweiten Bälle gingen dann auch fast immer an die Bayern – zwischendurch hatte ich den Eindruck Juve stand die ganze Zeit ungeschickt. Das schnelle Umschalten und sofortiges Druckmachen (Gegenpressing – hö hö) auf den Passgebenden hat die Sache natürlich auch nicht einfacher für ihn gemacht.

Und – auch wenn das im Fernsehen immer schwierig zu sehen ist – hatte ich auch nicht den Eindruck, dass Juve eine tolle Tiefenstaffelung hatte, was das intensive Nachrücken auch erschwerte.