"Reus, du regst mich auf!", rief Mats Hummels, als der wieder einmal den richtigen Moment zum Abspiel verpasste. Doch sofort eroberte Reus den Ball zurück, brachte mit einem schnellen Lauf die Abwehr des Gegners in Not. Hummels rief: "Klasse, Reus, zieh vorbei!"

Gut, es war nicht der echte Mats Hummels, sondern ein Mittvierziger auf der Osttribüne im Hummels-Trikot. Brille, Kippe, Bier. Einer der vielen Tausenden Dortmund-Fans, die sich am Mittwochabend von ihrer Mannschaft mitreißen ließen. Oft ging ihnen das, was auf dem Feld passierte, zu schnell, sie konnten kaum reagieren, kamen kaum hinterher. Das hatten die Zuschauer übrigens mit dem Team von Real Madrid gemein.

In den beiden Vorjahren waren die BVB-Kids noch zu grün für Europa, jetzt haben sie ihr Halbfinalhinspiel gegen eines der besten Team des Kontinents 4:1 gewonnen. Dabei hebelten sie ein Gesetz der Champions League aus. Es muss keineswegs der Reifere gewinnen. Es kann auch derjenige schaffen, der den wüsteren Fußball spielt.

Wohl selten unterliefen einem Halbfinalisten so viele Fehler und Fehlpässe wie der Borussia. Aber, das ist die neue Lehre: Wenn man sie sofort wieder ausbessert, kann man auch Real Madrid schlagen.

Vor allem, wenn man einen hat wie Robert Lewandowski. Im ersten der beiden Meisterjahre unter Jürgen Klopp war Lewandowski noch der Ersatz von Lucas Barrios. Es ist noch nicht lange her, da rief man den Polen Chancengrab. Auch in dieser Spielzeit vergab er manchmal beste Gelegenheiten, etwa in Manchester oder Málaga. Inzwischen ist Lewandowski zum Vollender gereift. Mit seinen vier Toren gegen Real scheint diese Entwicklung beendet, nun ist er endgültig einer der besten, begehrtesten Stürmer der Welt. Vier Tore in einem Champions-League-Halbfinale hat vor ihm noch keiner geschossen.

Nach dem 3:1 Lewandowskis jubelte der Tribünen-Hummels am lautesten, ein Tor der höchsten Kategorie. Der Ball fand den Stürmer zufällig durch einen missglückten Schuss Marcel Schmelzers. Lewandowski stand ungünstig zum Tor, der Ball lag auf seinem schwachen Fuß, zudem war die Bahn zum Ziel versperrt. Also zog Lewandowski ihn mit der Sohle per Rückwärtsschritt außer Reichweite des Abwehrspielers, gleichzeitig drehte er sich zum Tor. Dann zog Lewandowski sein Schussbein durch, schneller als sein Schatten. Der Ball zischte hoch ins Netz, der Lucky Luke unter den Stürmern hatte wieder getroffen.

"Die meisten hätten gleich geschossen", sagte Klopp, "doch Robert hat die Geduld, um zu sehen, dass diese schwierige Option die mit der größten Erfolgsaussicht war." Geduld beschreibt Lewandowski gut, den Einzelgänger und Schweiger, der durch wenig aus der Ruhe zu bringen ist. Die Dortmunder Betreuer sollen es selbst mit enormen Belastungen im Training kaum schaffen, Lewandowskis Puls in die Höhe zu treiben. Seinem meist bewegungslosen Blick sieht man den Mut nicht an, dank dem er es mit jedem aufnimmt. Genau die Coolness war es, mit der er sich gegen Real vom Rest der BVB-Elf abhob, einer Mannschaft der Hochbegabten.