Es lief die letzte Minute, als es für einen kurzen, ewigen Moment still wurde im Dortmunder Stadion. 93 Minuten lang hatten die Fans beim wichtigsten Spiel ihrer Borussia seit dem Champions-League-Sieg 1997 Krach geschlagen. Doch jetzt, als ihr BVB gegen den FC Málaga erstmals in Führung lag, schwiegen rund 66.000 Menschen, schauten sich gegenseitig in ihre offenen Münder, als erschienen ihnen Gespenster. Kurz darauf der Abpfiff, ein langer Schrei.

Die Zuschauer reagierten mit dieser Mischung aus Euphorie und Fassungslosigkeit, weil sie Surreales erlebt hatten. Weil sie erlebt hatten, wie Borussia Dortmunds Elf ein Kapitel der Fußballgeschichte schrieb. Neu schrieb, denn sie variierte ein Ereignis, das man für einmalig gehalten hatte: Wie Manchester United anno 1999 schoss sie in scheinbar hoffnungsloser Lage zwei Tore in der Nachspielzeit. Aus einem 1:2 wurde in 69 Sekunden ein 3:2. Wenn also Gespenster die Ursache für all das waren, müssen sie Sheringham und Solskjaer heißen, und Jürgen Klopp mit einem Plagiatsvorwurf durch Alex Ferguson rechnen.

Manchesters Sieg gegen Bayern ist Legende. Auch die, die das Spiel am Dienstag gesehen haben, werden die Bilder für immer in Erinnerung bewahren. Wie zum Beispiel die Dortmunder Spieler und Betreuer nach dem Abpfiff vor Freude im Strafraum einen Stapel aus Menschen bauten, aus dem sich zwei Beinpaare fast senkrecht nach Oben streckten. Wie Jürgen Klopp nach dem Spiel ziellos auf den Platz rannte, als wären tausend Teufel hinter ihm her. Wie der ausgewechselte Ilkay Gündogan beim Torjubel drei Mal sprang und abwechselnd in die Luft boxte, links, rechts, links, rechts, links, rechts.

Erklärungen gab es an diesem irrationalen Abend nicht

Wie auf der anderen Seite Málagas Verteidiger Vitorino Antunes nach Felipe Santanas Siegtreffer auf der Torlinie kauerte, als hätte ihn ein zorniger Gott bestraft. Wie gleichzeitig der Tormann Willy Augen und Mund aufriss, sich die Hände an die Wangen hielt und stumm schrie, einem expressionistischen Gemälde gleich.

Diese wundersame Nacht wird auch Spuren in den Chroniken des 21. Jahrhunderts hinterlassen. Auf Facebook und Twitter kursierten noch vor Mitternacht die vierminütigen Live-Töne jauchzender Radioreporter. Auf YouTube landete ein Fernseh-Interview mit dem aufgelösten Jürgen Klopp, der sein Glück nicht zu greifen bekam und in Englisch nach Worten und Erklärungen suchte. Die aber waren an diesem irrationalen Abend nicht zu finden.

Analytisches, Sachliches wurde nebensächlich. Etwa die schwächste Leistung des BVB in dieser Champions-League-Saison. In der ersten Halbzeit erstarrte die sonst so aktive Elf, Málagas Mittelfeld konnte deren Angriffe im Spaziergang verteidigen. Den Dortmundern war der Weg zum Tor verbaut, ob, wie anfangs und am Ende, im 4-2-3-1 oder im 4-3-3 wie zwischendurch.