Gunter Gebauer, Steffen Dobbert und Wolfgang Bosbach beim Philosophischen Armdrücken © ZEIT ONLINE

Der Fußball reißt die Leute mit, warum schafft das die Politik nicht? Über diese Frage diskutierten am Donnerstagabend der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach und der Philosoph Gunter Gebauer beim Philosophischen Armdrücken, der zweimonatlichen Sport-Debatte von ZEIT ONLINE.

"Ich bin in den 1960er Jahren politisch sozialisiert worden, das war die Zeit des Engagements, der Kontroverse", sagte Gebauer. Heute vermisse er die Leidenschaft in der politischen Auseinandersetzung, auch die Offenheit. "Mir ist das zu viel Hinterbühne", sagte er mit Verweis auf den Kampf um die Frauen-Quote zwischen Ursula von der Leyen und Angela Merkel.

Bosbach verneinte, dass das Interesse an Politik generell gesunken sei. Das widerspreche seiner Erfahrung, er erhalte im Jahr rund zehntausend E-Mails. Doch die großen Probleme aus deutscher Sicht seien gelöst, sagte er. "Unser Land ist wiedervereinigt, der Kalte Krieg vorbei." Die Gründe, auf die Straße zu gehen, seien entfallen. Zudem wies Bosbach darauf hin, dass Politik oft sehr kleinteilig sei. Um beispielsweise über EU-Förderungen zu reden, müsse man sich in vielen Details auskennen, sagte er.

Gebauer widersprach: Europa sei das beste Beispiel. Früher hätten sich hier die Völker mit Messern gegenüber gestanden, heute blühe der Frieden, die Schlagbäume an den Grenzen stünden oben. "Doch warum redet die Politik nur über Finanzen, wenn sie über Europa redet?" Das sei armselig, sagte Gebauer.

Mit Verweis auf den Fußball forderte Gebauer, den politischen Nachwuchs besser zu fördern. Seit 2004 habe sich der deutsche Fußball erneuert. Es wehe frischer Wind, sagte er, auch deswegen sei der Sport heute so beliebt. Der Politik hingegen fehlten neue Ideen, und es fehlten die Jungen. Er sehe allenfalls Karrieristen, sagte Gebauer. "Wo ist der Klinsmann der Politik?"

Dem Vergleich mit dem Fußball, das war während der neunzig Minuten zu spüren, konnte Bosbach nur bedingt Erkenntnis entnehmen. Bosbach, der großer Anhänger des 1. FC Köln ist, sagte, dieses Duell könne die Politik nicht gewinnen. Der Fußball habe schon in den 1970ern die Leute begeistert. Den neuen Stil der Nationalmannschaft möge er auch, sagte er. "Doch Titel haben die Deutschen früher geholt."

Ein Zuhörer aus dem Publikum sagte, der Politik fehle das Agonale, der Wettstreit. Ein weiterer fügte an, er vermisse die Emotionen in der Politik. Bei Jürgen Klopp erkenne er Emotionen.

Das zweite Philosophische Armdrücken im Veranstaltungsraum von ZEIT ONLINE © ZEIT ONLINE

Bosbach verteidigte sich leidenschaftlich, als der nächste Vorwurf des Publikums aufkam, die Regierung habe das EM-Halbfinale 2012 genutzt, um das Meldegesetz in aller Stille durchzuwinken. "Alles falsch", sagte er, "wir haben nur aus sechzehn Gesetzen eins gemacht." Politisch habe sich nichts geändert. Dass der Politik damals Trickserei vorgehalten worden sei, liege auch an der Empörungsbereitschaft der Medien.

Bosbach gab aber auch zu, dass Politik oft in Routine verharre. "Wenn ich heute viele Veranstaltungen der CDU besuche, stelle ich mir manchmal vor, ich wäre zum ersten Mal da. Dann frage ich mich: Würde ich hier ein zweites Mal erscheinen? "Viele Veranstaltungen der Parteien sind in Formalien erstarrt. Wenn man vierzig Jahre in der Partei ist, hat man sich daran gewöhnt. Aber wer neu dazukommt, sagt: Nochmal würde ich da nicht hingehen."

Über neue Formate denke Bosbach tatsächlich schon länger nach. So würde er jeden Mittwoch eine andere Art der Debatte im Bundestag einführen: "Mittwochs heißt diese Veranstaltung bei uns: Politiker fragen, die Regierung weicht aus. Das ist reine Routine, weil die Fragen vorher eingereicht werden müssen, weil Antworten vorformuliert werden. Meine Idee: Nach der Kabinettssitzung der Regierung kommt die Kanzlerin und beantwortet die Fragen der Parlamentarier, ohne sie vorher zu wissen. Das würde fast jeden Mittwoch viele Menschen interessieren."

Eine generelle Politikverdrossenheit stellte Bosbach zwar in Abrede, "aber ich erlebe eine Politiker- und Parteienverdrossenheit", sagte er. Mit Klopp würde die AfD zweistellige Ergebnisse einfahren, weil sich Politik immer über Personen vermitteln lasse.

Die zweite Abstimmung des Publikums über die Ausgangsfrage der Diskussion ("Lässt die Politik die Menschen verblöden?") endete Unentschieden. Ein Punktsieg für Bosbach, denn die Abstimmung vor dem Streitgespräch hatte Gebauer gewonnen. Beim Armdrücken, das immer am Ende der Debatte stattfindet, konnte Bosbach lange gut mithalten.