Philosophisches ArmdrückenMit Klopp würde die AfD zweistellige Ergebnisse einfahren

Wo ist der Klinsmann der Politik?, fragt der Philosoph Gunter Gebauer. Bei der ZEIT-ONLINE-Debatte stritt er mit Wolfgang Bosbach, ob die Politik die Leute noch erreicht. von 

Gunter Gebauer, Steffen Dobbert und Wolfgang Bosbach beim Philosophischen Armdrücken

Gunter Gebauer, Steffen Dobbert und Wolfgang Bosbach beim Philosophischen Armdrücken  |  © ZEIT ONLINE

Der Fußball reißt die Leute mit, warum schafft das die Politik nicht? Über diese Frage diskutierten am Donnerstagabend der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach und der Philosoph Gunter Gebauer beim Philosophischen Armdrücken, der zweimonatlichen Sport-Debatte von ZEIT ONLINE.

"Ich bin in den 1960er Jahren politisch sozialisiert worden, das war die Zeit des Engagements, der Kontroverse", sagte Gebauer. Heute vermisse er die Leidenschaft in der politischen Auseinandersetzung, auch die Offenheit. "Mir ist das zu viel Hinterbühne", sagte er mit Verweis auf den Kampf um die Frauen-Quote zwischen Ursula von der Leyen und Angela Merkel.

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Bosbach verneinte, dass das Interesse an Politik generell gesunken sei. Das widerspreche seiner Erfahrung, er erhalte im Jahr rund zehntausend E-Mails. Doch die großen Probleme aus deutscher Sicht seien gelöst, sagte er. "Unser Land ist wiedervereinigt, der Kalte Krieg vorbei." Die Gründe, auf die Straße zu gehen, seien entfallen. Zudem wies Bosbach darauf hin, dass Politik oft sehr kleinteilig sei. Um beispielsweise über EU-Förderungen zu reden, müsse man sich in vielen Details auskennen, sagte er.

Philosophisches Armdrücken

Ausgangspunkt des zweiten Philosophischen Armdrückens war dieser Text von Gunter Gebauer. In der Sport-Debatte von ZEIT ONLINE ging es um die Frage: Verblödet Fußball die Massen oder ist Löw wichtiger als Merkel und Co.? Der Philosoph Gunter Gebauer diskutierte am Donnerstag im Veranstaltungsraum von ZEIT ONLINE mit dem Politiker Wolfgang Bosbach. Bosbach widersprach Gebauer und sagte, die Politik sei nicht Schuld an der Politikverdrossenheit in Deutschland. Die Leser-Reaktionen waren Teil des Podiumsduells und der anschließenden Publikumsdiskussion. Nach dem Austausch der Argumente maßen sich die Diskutanten im Armdrücken. Gunter Gebauer gewann knapp.

Gebauer und Bosbach

Gunter Gebauer ist Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der Freien Universität Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Historische Anthropologie, Sprachtheorie und Sozialphilosophie. In seinen Büchern befasst er sich mit dem Mythos der Olympischen Spiele sowie anthropologischen und soziologischen Fragen des Sports. Er ist Mitglied des Exzellenzclusters Languages of Emotion.

Wolfgang Bosbach, CDU, ist seit 2009 Vorsitzender des Innenausschusses des Deutschen Bundestages. Von 2000 bis 2009 war er stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Seine Karriere begann auf dem zweiten Bildungsweg. Er war Supermarktleiter, studierte nach seinem nachgeholten Abitur Rechtswissenschaften an der Universität Köln und ist seit 1991 Rechtsanwalt in einer Kanzlei in Bergisch Gladbach. Bosbach ist begeisterter Fußball-Fan. Neben vielen Mitgliedschaften ist er Mitglied des Gesellschaftsausschusses der Bayer 04 Sportförderung gGmbH.

Gebauer widersprach: Europa sei das beste Beispiel. Früher hätten sich hier die Völker mit Messern gegenüber gestanden, heute blühe der Frieden, die Schlagbäume an den Grenzen stünden oben. "Doch warum redet die Politik nur über Finanzen, wenn sie über Europa redet?" Das sei armselig, sagte Gebauer.

Mit Verweis auf den Fußball forderte Gebauer, den politischen Nachwuchs besser zu fördern. Seit 2004 habe sich der deutsche Fußball erneuert. Es wehe frischer Wind, sagte er, auch deswegen sei der Sport heute so beliebt. Der Politik hingegen fehlten neue Ideen, und es fehlten die Jungen. Er sehe allenfalls Karrieristen, sagte Gebauer. "Wo ist der Klinsmann der Politik?"

Dem Vergleich mit dem Fußball, das war während der neunzig Minuten zu spüren, konnte Bosbach nur bedingt Erkenntnis entnehmen. Bosbach, der großer Anhänger des 1. FC Köln ist, sagte, dieses Duell könne die Politik nicht gewinnen. Der Fußball habe schon in den 1970ern die Leute begeistert. Den neuen Stil der Nationalmannschaft möge er auch, sagte er. "Doch Titel haben die Deutschen früher geholt."

Ein Zuhörer aus dem Publikum sagte, der Politik fehle das Agonale, der Wettstreit. Ein weiterer fügte an, er vermisse die Emotionen in der Politik. Bei Jürgen Klopp erkenne er Emotionen.

Das zweite Philosophische Armdrücken im Veranstaltungsraum von ZEIT ONLINE

Das zweite Philosophische Armdrücken im Veranstaltungsraum von ZEIT ONLINE  |  © ZEIT ONLINE

Bosbach verteidigte sich leidenschaftlich, als der nächste Vorwurf des Publikums aufkam, die Regierung habe das EM-Halbfinale 2012 genutzt, um das Meldegesetz in aller Stille durchzuwinken. "Alles falsch", sagte er, "wir haben nur aus sechzehn Gesetzen eins gemacht." Politisch habe sich nichts geändert. Dass der Politik damals Trickserei vorgehalten worden sei, liege auch an der Empörungsbereitschaft der Medien.

Bosbach gab aber auch zu, dass Politik oft in Routine verharre. "Wenn ich heute viele Veranstaltungen der CDU besuche, stelle ich mir manchmal vor, ich wäre zum ersten Mal da. Dann frage ich mich: Würde ich hier ein zweites Mal erscheinen? "Viele Veranstaltungen der Parteien sind in Formalien erstarrt. Wenn man vierzig Jahre in der Partei ist, hat man sich daran gewöhnt. Aber wer neu dazukommt, sagt: Nochmal würde ich da nicht hingehen."

Über neue Formate denke Bosbach tatsächlich schon länger nach. So würde er jeden Mittwoch eine andere Art der Debatte im Bundestag einführen: "Mittwochs heißt diese Veranstaltung bei uns: Politiker fragen, die Regierung weicht aus. Das ist reine Routine, weil die Fragen vorher eingereicht werden müssen, weil Antworten vorformuliert werden. Meine Idee: Nach der Kabinettssitzung der Regierung kommt die Kanzlerin und beantwortet die Fragen der Parlamentarier, ohne sie vorher zu wissen. Das würde fast jeden Mittwoch viele Menschen interessieren."

Eine generelle Politikverdrossenheit stellte Bosbach zwar in Abrede, "aber ich erlebe eine Politiker- und Parteienverdrossenheit", sagte er. Mit Klopp würde die AfD zweistellige Ergebnisse einfahren, weil sich Politik immer über Personen vermitteln lasse.

Die zweite Abstimmung des Publikums über die Ausgangsfrage der Diskussion ("Lässt die Politik die Menschen verblöden?") endete Unentschieden. Ein Punktsieg für Bosbach, denn die Abstimmung vor dem Streitgespräch hatte Gebauer gewonnen. Beim Armdrücken, das immer am Ende der Debatte stattfindet, konnte Bosbach lange gut mithalten.

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Leserkommentare
  1. noch ist die Wahl nicht. Wenn es erst einmal ans Zahlen geht wird die AfD zweistellige Ergebnisse. Bis zur Bundestagswahl wird daher versucht, den Anschein der Normalität zu wahren. Es wird ein heisser Herbst werden mit vielen unangenehmen Überraschungen.

    6 Leserempfehlungen
  2. wer in der Öffentlichkeit vollzogene Entscheidungsfindung sucht soll bei den Piraten rein schauen. Das wird dann zwar oft als "der Vorstand ist zerstritten" bezeichnet, aber so funktioniert es eben, wenn Menschen in einem Team zusammen arbeiten. Ich will nicht wissen, wie sich Politiker der grossen Parteien hinter dicken Türen anschreien.

    Was die Förderung von Nachwuchs betrifft: Soweit es sich beobachten lässt wird nur der Nachwuchs, das Subjekt, gefördert. Nicht jedoch neue Ideen, das Objekt. Die politischen Linien der Jungen müssen denen der Alten entsprechen. Wenn aber nie frischer Wind in den politischen Alltag kommt wirken auch Nachwuchspolitiker wie aus dem Pfegeheim!

    4 Leserempfehlungen
    • peotoo
    • 26. April 2013 13:44 Uhr

    Es wird wohl nach dauern bis die Politik erkennt das nicht die Politik das Problem ist, sondern die Politiker selbst.

    14 Leserempfehlungen
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    • Hainuo
    • 26. April 2013 15:22 Uhr

    "Eine generelle Politikverdrossenheit stellte Bosbach zwar in Abrede, "aber ich erlebe eine Politiker- und Parteienverdrossenheit", sagte er. "

  3. Die in der Überschrift gestellte Frage, ob die Politik die Leute noch erreicht, ist falsch gestellt. Richtig wäre die Frage, ob die Leute noch die Politik erreichen.

    Deutschland regiert am Volk vorbei... schon viel zu lange!

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  4. <<< "Unser Land ist wiedervereinigt, der Kalte Krieg vorbei." Die Gründe, auf die Straße zu gehen, seien entfallen. <<<

    Man könnte fragen: Wozu auf die Straße gehen, wenn dies von reaktionären Law&Order-Heuchlern von anfang an kriminalisiert wird und wenn grenzenlos selbstgefällige Politclowns Proteste einfach aussitzen können.
    Bzw. wenn sich die legale demokratische Teilhabe via Demonstrationen von grund auf darin erschöpft, bornierten, zynischen Parteibonzen die Meinung zu sagen, die sie ohne weiteres überhören können und selbst bei offensichtlichster Unfähigkeit oder krimineller Energie seitens der Politfunktionäre, der Bürger keine sanktionsfreien Mittel hat, dagegen vorzugehen.

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    ... meinen unsere Politiker - nicht nur die von Herrn Bosbachs Partei. Daran arbeiten sie schließlich fest. Warum wohl sind bei uns die Lebensmittel vergleichsweise so billig? Ganz einfach: Menschen die keinen Hunger habe gehen tatsächlich nicht auf die Straße. Solange der Durchschnittsbürger sein Billig-Schnitzel bei Aldi bekommt, sich sein Fläschchen Feierabend-Bier vom Discounter holen kann macht er keine Randale sondern bleibt brav vor dem Fernseher hocken und läßt sich von DSDS, Frauentausch, Tatort, Wetten das und Fußball berieseln. Dazwischen nahezu täglich eine Talkshow (mit immer den gleichen Gästen versteht sich) um den Bürgern vorzugaukeln, in unserem Land werde noch kontrovers diskutiert; dazu wird ab und zu eine Sau durchs Dorf getrieben - mal Sarrazin, mal Steinbrück und jetzt eben Hoeneß - damit auch der gemeine Bürger mal Emotionen ablassen kann.Panem et circenses sind auch heute noch allgegenwärtig. Schön das Volk benebeln und bei Laune halten, sonst könnte es am Ende noch mitdenken - und vor allem: mitbestimmen wollen
    Ändern tut sich freilich nichts. Das begreifen immer mehr Menschen in diesem Land, und deshalb gehen immer weniger Menschen zur Wahl.
    Wenn die Schlafschafe dann doch irgendwann endlich aufwachen und erkennen, Gründe zu haben, auf die Straße zu gehen, werden sie sich wundern.. Denn inzwischen haben uns unsere Politiker durch neue "Anti-Terror-Gesetze" klammheimlich alle Möglichkeiten genommen, dies zu tun.

  5. unverfroren, wenn Herr Bosbach behauptet, die Bevölkerung wäre nicht politikverdrossen. Wenn ich in meinem Freundes. - und Bekanntenkreis anfange über Politik reden zu wollen, werde ich regelmäßig mit mehr oder weniger netten Worten davon abgehalten. Nach dem Motto, wenn du dich weiter mit uns unterhalten willst, sei ruhig von diesem "verlogenen" Thema! Dazu brauchte man eigentlich nicht mehr zu sagen. Das ist für mich schlimm, ganz schlimm, weil wir dann weiterhin von so Leuten, wie Herrn Bosbach, den ich nicht kenne, aber mit seiner Aussage, die Leute interessieren sich immer noch für Politik, repräsentiert werden, ohne die geringste Ahnung was sich im Volk abspielt. Die leben doch fast alle unter einer Glocke, völlig undurchsichtig, völlig geräuschfrei, völlig weg von dieser Welt. Bitte, Herr Bosbach ist da "bestimmt" nicht der/die Einzige, er vertritt eine solide Mehrheit in unserem Bundestag!

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    6." Es ist schon etwas...
    unverfroren, wenn Herr Bosbach behauptet, die Bevölkerung wäre nicht politikverdrossen. "

    nein,er hat recht! !!
    ..es gab nur bis AfD keine glaubwürdigen Politiker mehr und keine Politiker,die im Sinne der Bürger denken und handeln,das wird jetzt anders.

    "Es ist schon etwas unverfroren, wenn Herr Bosbach behauptet, die Bevölkerung wäre nicht politikverdrossen."
    ---------------------
    Nein, er hat vollkommen Recht. Seit Ende ded 50er Jahren erhalten SPD und CDU zusammen über 60% der Stimmen, und das ununterbrochen. Der Wähler gibt diesen Parteien ununterbrochen die Verantwortung zum Regieren. Besser kann der Wähler seine Zufriedenheit kaum demonstrieren.

  6. >> Die Gründe, auf die Straße zu gehen, seien entfallen. <<

    So viel Ignoranz und Selbstgefälligkeit in einem Satz ist schon starker Toback!

    Erde an Raumschiff! Erde an Raumschiff! Kommt endlich zurück!

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  7. ... meinen unsere Politiker - nicht nur die von Herrn Bosbachs Partei. Daran arbeiten sie schließlich fest. Warum wohl sind bei uns die Lebensmittel vergleichsweise so billig? Ganz einfach: Menschen die keinen Hunger habe gehen tatsächlich nicht auf die Straße. Solange der Durchschnittsbürger sein Billig-Schnitzel bei Aldi bekommt, sich sein Fläschchen Feierabend-Bier vom Discounter holen kann macht er keine Randale sondern bleibt brav vor dem Fernseher hocken und läßt sich von DSDS, Frauentausch, Tatort, Wetten das und Fußball berieseln. Dazwischen nahezu täglich eine Talkshow (mit immer den gleichen Gästen versteht sich) um den Bürgern vorzugaukeln, in unserem Land werde noch kontrovers diskutiert; dazu wird ab und zu eine Sau durchs Dorf getrieben - mal Sarrazin, mal Steinbrück und jetzt eben Hoeneß - damit auch der gemeine Bürger mal Emotionen ablassen kann.Panem et circenses sind auch heute noch allgegenwärtig. Schön das Volk benebeln und bei Laune halten, sonst könnte es am Ende noch mitdenken - und vor allem: mitbestimmen wollen
    Ändern tut sich freilich nichts. Das begreifen immer mehr Menschen in diesem Land, und deshalb gehen immer weniger Menschen zur Wahl.
    Wenn die Schlafschafe dann doch irgendwann endlich aufwachen und erkennen, Gründe zu haben, auf die Straße zu gehen, werden sie sich wundern.. Denn inzwischen haben uns unsere Politiker durch neue "Anti-Terror-Gesetze" klammheimlich alle Möglichkeiten genommen, dies zu tun.

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    Was Sie da von sich geben ist, mit Verlaub ziemlicher Blödsinn. Offensichtliche Gründe, die alle zu einer großen Demonstration vereinen können sind tatsächlich entfallen. Natürlich gibt es viele und auch schwere Misstände, aber sie vereinen nicht ganze Bevölkerungsgruppen zu einer großen Protestbewegung. Das liegt zum einen daran, dass die Probleme weitaus komplexer wahrgenommen werden als früher und sich kaum jemand eine Schwarz-Weiß-Sicht erlauben kann und zum anderen daran, dass die Unterschiede innerhalb der Gesellschaft gewachsen sind und es dadurch weniger Menschen gibt, die sich gemeinsam empören können. Und weshalb es so wenig Demonstrationen gibt, das hat nicht das geringste mit irgendwelchen Anti-Terror-Gesetzen zu tun, sondern einzig und allein mit Bequemlichkeit. Wann waren SIe denn das letzte Mal auf der Straße und haben demonstriert? Ich kann Ihnen aus erster Hand erzählen, man kann völlig unbehellig demonstrieren, wenn man friedlich bleibt. Klar, die Polizei steht Spalier, aber das müssen sie auch und ich fühle mich davon nicht bedroht. Gewalt geht in der Regel zunächst von den Demonstranten aus, denn leider gibt es immer eine kleine Gruppe, die nur zur Provokation dabei ist. Aber Sie sollten es mal ausprobieren und Sie werden feststellen, wenn man aufhört sich dumme Ausreden einfallen zu lassen und einfach mal loszieht, dann ist Deutschland ein Land, in dem sich bestens demonstrieren lässt.

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