FußballDas sportliche Überbleibsel des Kommunismus

Fast 25 Jahre nach dem Fall der Mauer ist "Dynamo" noch immer der häufigste Fußballvereinsname der Welt. Doch es gibt auch ein Dynamo in Kassel – und eines in Texas. von Gunnar Leue

Transparent der Fans von Dynamo Dresden

Transparent der Fans von Dynamo Dresden  |  © Thomas Eisenhuth/picture alliance/dpa

"Licht ging aus, Dynamo lief weiter", titelte die Ostberliner Tageszeitung Junge Welt 1983 nach der Europacuppartie zwischen dem BFC Dynamo und Partizan Belgrad. In der Halbzeit war das Flutlicht ausgefallen, der DDR-Meister hatte das Heimspiel trotzdem noch gewonnen. 1989 fehlte dagegen nicht viel und bei dem als Stasiklub verschrienen DDR-Rekordmeister wären die Lichter fast völlig ausgegangen.

Doch den BFC Dynamo gibt es noch immer und so trägt der Verein, mittlerweile als Hooligan-Klub verschrien, zu einem Rekord bei. "Dynamo" beziehungsweise "Dinamo" ist der häufigste Fußballvereinsname der Welt. Das behauptet zumindest das Buch "Unnützes Fußball-Wissen" und ein kurzer Abstecher in die Welt des Dynamo-Fußballs legt den Verdacht nahe, dass das sogar stimmen könnte. So viele Dynamos gibt es in der weiten Fußballwelt, dass all die "Fortunas", "Reals" oder "Uniteds" einpacken können.

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Dass so viele Sport- und speziell Fußballklubs Dynamo hießen, hat natürlich politisch-historische Gründe. In den Staaten des ehemaligen Ostblocks war der Name weit verbreitet und viele Vereine behielten ihn auch nach dem Zusammenbruch des realsozialistischen Systems. Die Mutter aller Dynamos war die "Moskauer Proletarische Sportvereinigung Dynamo", die am 18. April 1923 durch Angehörige der sowjetischen Geheimpolizei und einfache Arbeiter gegründet wurde.

"Wachstum der proletarischen sozialistischen Kultur"

Die ideologische Verknüpfung zwischen Dynamo-Wort und Dynamo-Sport beschrieb der sowjetische Dichter Maxim Gorki pathetisch so: "Ich möchte den Dynamo-Sportlern in Erinnerung rufen, dass das griechische Wort 'Dina' Kraft bedeutet, 'Dynamik' Bewegung und 'Dynamit' Sprengstoff. 'Dynamo' - das ist die Kraft in der Bewegung, welche dazu berufen ist, das Alte, Verfaulte, all das, was das Wachstum des Neuen, Vernünftigen, Reinen und Hellen, das Wachstum der proletarischen sozialistischen Kultur erschwert, zu sprengen und in Schutt und Asche zu verwandeln." Eine Maxime, die auch den Gründern von Dynamo Kiew 1927 mit auf den Weg gegeben wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg importierten die neuen Satellitenstaaten der UdSSR – mehr oder weniger auf Geheiß der sowjetischen Besatzungsmacht – den Vereinsnamen. In der DDR wurde die Sportvereinigung Dynamo für die Angehörigen des Ministeriums für Staatssicherheit und Deutschen Volkspolizei im März 1953 gegründet. Im Gründungsaufruf versprachen die Mitglieder, ihren sowjetischen Vorbildern nachzueifern, "die unter dem stolzen Namen Dynamo große Erfolge auf dem Gebiete des Sports und im Kampf um die Erhaltung des Weltfriedens zu verzeichnen haben".

Doch es ging auch ohne kommunistische Phrasen und Kalter-Krieg-Rhetorik. Ausgerechnet in den USA liefen in den achtziger Jahren zwei Profifußballteams mit dem Dynamo-Emblem auf. Beide im konservativen Texas, genauer in Houston. Ein Team nahm 1984 an der United Soccer League teil und eins 1987 in der Lone Star Soccer Alliance. Dass die Houstoner Dynamos die Assoziationen zum damaligen Erzfeind Sowjetunion wenig scherten, rührte vielleicht aus der Nichtkenntnis der Dynamo-Historie und der Nichtrelevanz von Soccer in den USA.

Zumindest letzteres hat sich inzwischen geändert, weshalb es vor sieben Jahren tatsächlich große Aufregung in Houston gab, als zum dritten Mal ein Dynamo-Klub, diesmal für die noch heute existente League Soccer (MLS), entstand. Ein Entertainment-Konzern hatte 2005 eine Mannschaft in Kalifornien gekauft, um sie mit neuem Namen nach Texas zu verpflanzen. Aus den San José Earthquakes wurden nach einer Internet-Abstimmung Houston 1836, angelehnt an europäische Vorbilder wie Schalke 04 oder Hannover 96. In Ermangelung einer Vereinstradition stand 1836 für das Gründungsjahr der Stadt Houston. Weil es allerdings auch das Jahr war, in dem Texas seine Unabhängigkeit von Mexiko erklärte, sorgte die Titulierung für großes Missfallen in der mexikanischstämmigen Bevölkerung. Der Protest der Hispanics reichte bis zu Boykottdrohungen gegen den neuen Verein.

Leserkommentare
    • persef
    • 15. April 2013 18:29 Uhr

    Auch Traktor, Roter Stern oder Turbine klangen für mich schon als Kind (zusammen mit der Ost-Kunst) nach seltsam fremder Zukunft. Da hat die Propaganda bei mir wohl gewirkt^^

    Es ist auch eher lustig als ein Affront, dass sich die texanische Mannschaft Dynamo genannt hat. Gibt übrignes auch ein Real Salt Lake und ein AC Toronto in Anlehnung an Mailand. Ich warte noch darauf, bis sich eine Mannschaft einen deutschen Spitznamen verpast, "Borussia Boston" oder so wäre doch nett;p

    2 Leserempfehlungen
    • gooder
    • 15. April 2013 18:53 Uhr

    Immer wieder Gänsehaut!

    http://www.youtube.com/wa...

    Eine Leserempfehlung
  1. "Die Wut der Unzufriedenen ("Beleidigung der texanischen Geschichte") entzündete sich auch daran, dass der Namenswechsel just 170 Jahre nach der verlorenen Schlacht von Alamo, bei der das texanische Fort in die Hände der mexikanischen Armee fiel, bekannt gegeben wurde."

    nach solchen Zitaten braucht man sich wenigstens nicht mehr "lächerliche Diskussionen, die es so nur in Dtld gibt," vorhalten lassen

  2. "Schwarze Pumpe"! ;-)

    Ansonsten waren mir (als Wessi mit Ost-TV) diverse Vereinsnamen durchaus vertraut...

    Hier was von Partizan und Roter Stern:

    http://www.youtube.com/wa...

    (das Video verkraftet kein "DFB-Funktionär" *lol*)

    Eine Leserempfehlung
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    • gooder
    • 15. April 2013 20:17 Uhr

    Schwarze-Pumpe ist lediglich ein Stadteil der Stadt Spremberg, die Fussballmannschaft trug allerdings den Ehrenvollen Namen "Aktivist"!

    Doch-doch, auch DFB Funktionäre verkraften so etwas, selbst unsere Medien empfinden bei solchen Bildern von südeuropäischen Stadien keinerlei Ekel, denn das abbrennen von Bengalos und anderer Pyrotechnik, ist dann Zeugnis des südeuropäischen Temperaments und ganz Herzallerliebst.

    • gooder
    • 15. April 2013 20:17 Uhr

    Schwarze-Pumpe ist lediglich ein Stadteil der Stadt Spremberg, die Fussballmannschaft trug allerdings den Ehrenvollen Namen "Aktivist"!

    Doch-doch, auch DFB Funktionäre verkraften so etwas, selbst unsere Medien empfinden bei solchen Bildern von südeuropäischen Stadien keinerlei Ekel, denn das abbrennen von Bengalos und anderer Pyrotechnik, ist dann Zeugnis des südeuropäischen Temperaments und ganz Herzallerliebst.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ich sag nur:"
  3. Dynamo Windrad Kassel damals standhaft geblieben ist und lieber auf die Möglichkeiten der Verbandsmitgliedschaft verzichtet hat, als auf die abwegige Forderung der Verbandsmeier zur Namensänderung einzugehen.

    Im Rückblick, sozusagen inzwischen historisch, hat sich gezeigt, dass nicht etwa der Verein im Sinne des kalten Krieges provoziert hat, sondern die hessischen Verbandsapparatschiks (!) ihren eigenen kleinlichen bürokratischen Kalten Krieg provozierend und jenseits jeder Verhältnismäßigkeit geführt haben und dabei auch noch die tätige Hilfe einiger gerichtlicher Instanzen genossen.
    Zu wünschen bleibt, dass auch andere anmaßende Verbandsfunktionäre und Bürokraten daraus beispielhaft ihre Lehren gezogen haben bezüglich der notwendigen Portion Gelassenheit und Offenheit, um Amtsmissbrauch in Gegenwart und Zukunft zu unterlassen.

    3 Leserempfehlungen
    • ztc77
    • 15. April 2013 22:28 Uhr

    Der Kurfürst von Hessen-Kassel würde sich sicher freuen in seinem Grab, wenn er nachträglich noch zum König erhoben würde.

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    Weil wir nicht mehr monarchistisch sind, Spanien es aber noch ansatzweise ist und die Gründer von "Hessen-Kassel" sicher nicht vom deutschen Kaiser gesponsert wurden. Und "Kurfürst Kassel", also "Príncipe Elector (sg) Kassel" oder analog zu Real ...: "Principal Kassel" wäre auch nicht gerade ein Fanal für herausragende sportliche Erfolge.
    Und "Real" als Hommage (referencia) an Real Madrid? Man spürt, dass das ein für Hessen-Kassel unerreichbares Ziel setzen würde und Real Madrid vielleicht aufgrund der Kluft in der Erfolgsbilanz drauf spucken würde.
    Dann lieber so dynamische Bezeichnungen wie Dynamo, Lokomotive oder Fortschritt. Obwohl: Die sind ja auch nicht mehr state of the art.
    Vielleicht wäre Top Spin Kassel zukunftsträchtiger?
    :-)

  4. Ahoj, ich spiele seit vielen Jahren Darts für und mit der "Lokomotive Lüneburg" in Niedersachsen. Wir denken das dies ein schöner Name ist. Vielleicht gibt es sogar mehr Loks als Dynamos? Wer sich damit besser auskennt sollte sich mal melden...

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    • gooder
    • 16. April 2013 0:29 Uhr

    Es gab bestimmt mal mehr Loks als Dynamos, aber am 3.Oktober 1990 hat man sich dann entschlossen, dass das nicht mehr dazu gehören sollte, zum wiedervereinigten Deutschland.Wie es mit den Straßennamen war, war es auch mit den Sportvereinen, aus der Karl-Marx-Allee wurde die von Stauffenberg-Allee, aus der Lenin-Kaserne wurde die Rommel-Kaserne-tja der "Sieger" bestimmt ;-)

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