Meister FC BayernFeierbiester sehen anders aus

Keine Bierduschen, keine Menschenknäuel, kein Exzess. Der FC Bayern wird Meister, aber feiert brav wie nie zuvor. Der Klub hat noch was vor. Von C. Spiller, Frankfurt von 

Braver Jubel beim FC Bayern

Braver Jubel beim FC Bayern  |  © Christof Stache/AFP/Getty Images

Die Feier der Deutschen Fußballmeisterschaft folgt gewöhnlich ihren eigenen Mustern. Trainer stürmen mit geballten Fäusten das Feld, Spieler schmeißen sich zu Menschenknäuel zusammen, Fans heulen vor Freude in ihre Schals. Bier schwappt durch die Luft, meist aus übergroßen Stiefeln, und ergießt sich auf die Maß- und Trainingsanzüge der Übungsleiter und Manager. Oder auf TV-Reporter, die dann zwar oft entsetzt tun, aber insgeheim stolz darauf sind, mit dem Meistergebräu getauft worden zu sein. Später zieht die Meute weiter in irgendeinen Klub und am Ende weiß niemand mehr irgendwas.

Als der FC Bayern am Samstag in Frankfurt um 17.20 Uhr seine 23. Meisterschaft perfekt machte, geschah nichts dergleichen. Keine Entgleisung, kein Exzess, nichts. Das letzte bisschen Anarchie und Ekstase, das den Profifußballern in ihrem durchgeplanten Leben zwischen Videostudium, Liegestützen und Müsli mit Joghurt geblieben ist – die Bayern ließen es nicht raus. Ihre Siegesfeier, so man sie denn so nennen möchte, hat gute Chancen als bravste Jubelei in die 50-jährige Bundesligahistorie einzugehen.

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Gut, Manuel Neuer und Bastian Schweinsteiger hüpften sich nach Spielschluss gegenseitig in die Arme. Im rechten Mittelfeld bildete sich ein Kreis auf- und abwippender Bayern-Spieler. Und bei der abschließenden Pogorei vor der eigenen Fankurve fielen sich die Fußballer wenigstens für ein paar Sekunden an wie junge Hunde. Meist aber wirkte die Truppe so feierlustig, wie die Jungs aus dem naturwissenschaftlichen Gymnasium, die gerade die Mathe-Olympiade gewonnen haben. Feierbiester sehen anders aus.

Aber warum artete nichts aus?

Zuerst vermutete man noch, der FC Bayern ist Opfer seiner eigenen Rekorde geworden. Die Münchner spielten in dieser Saison ja sehr, sehr gut und stellten dabei so ziemlich jede Bestleistung auf, die die Statistiker zu vergeben haben: Den Meistertitel gab es am 28. Spieltag jedenfalls noch nie. So eine frühe Meisterschaft ist Grund zur Freunde, spricht sie doch für die ungeheure Dominanz und Stärke. Sie hat aber auch einen Nachteil: Ihr fehlt der emotionale Höhepunkt. Dieser eine Moment, gerne die letzte Minute des letzten Spiels, in der sich die Anstrengung eines ganzen Jahres entlädt. Auf diesen Moment hätten die Bayern in dieser Spielzeit lange warten können. Hätten sie in Frankfurt nicht gewonnen, wären sie die Woche drauf Meister geworden, oder die Woche danach, oder die danach. Dass es passieren würde, war schon zu Weihnachten klar.

Dann kam einem die fehlende Meisterschale in den Sinn. Ohne die feiert es sich nur halb so gut, sie gibt es aber frühestens am vorletzten Spieltag. Rein formal nämlich ist Borussia Dortmund noch bis Mitte Mai Deutscher Meister. Deshalb war die Schale an diesem Wochenende noch in Berlin unterwegs, sie wird gerade im Rahmen einer Promotour durch Deutschland gefahren. Mehr als die üblichen selbstgebastelten Pappschalen ihrer Fans bekamen die Bayern in Frankfurt nicht zu sehen.

Doch es war weder die fehlende Trophäe noch die kühle Dominanz, die den FC Bayern so nüchtern bleiben ließ. Es war die unmittelbare Zukunft. Schon am Mittwoch geht es in Turin um den Einzug ins Halbfinale der Champions-League. Da kann man sich jetzt nicht lang mit einer schnöden Meisterschaft aufhalten.

"Auf der einen Seite spürt man die Freude. Auf der anderen Seite auch die Konzentration auf das Spiel in Turin", analysierte der Bayern-Präsident Uli Hoeneß den Gemütszustand seiner Spieler. Aus der Kabine, gar nicht weit weg von Hoeneß, drang zu dieser Zeit der ein oder andere Siegesschrei und ein paar nicht identifizierbare Gesänge. Manchmal polterte es auch. Der Security-Mann, der den Zugang zum Kabinentrakt bewachte, guckte dann stets kurz hinein, drehte sich wieder um und lächelte.

Doch Hoeneß relativierte gleich. "Die singen und tanzen da", sagte er, "und vielleicht gibt es ja auch noch ein Glas Champagner oder eine Flasche Bier". Er glaube aber nicht, dass es heute noch eine große Sause geben werde, das wäre der Situation nicht angemessen. "Das ist schade", sagte Hoeneß. "Aber irgendwann werden wir eine große Feier haben."

Leserkommentare
  1. Zu den *schwächsten Momenten* der Saison:
    Die Bayern wollten sich schon auf das nächste Spiel in Turin vorbereiten.
    Dazu muss man auch Verteidigung unter realen Bedingungen üben!
    Also baut man ein wenig ab und lässt den Gegner kommen um dann unter erschwerten Bedingungen verteidigen zu müssen.-)
    Oder Gegner wie die Frankfurter sind doch nicht so schwach und unterwürfig, wie es uns so manche BVB Fans gerne vorhalten?

    Zum Feiern:
    Es ist doch wie bei gutem Sex!
    Man kann beim ersten Höhepunkt alles rauslassen und sich voll entladen,
    oder man treibt es weiter auf den nächsten Höhepunkt zu und versucht sich in multiplen Orgasmen.
    Natrürlich mit dem Risiko, dass einem auf dem Weg irgendwann die Luft ausgeht.
    Die Bayern haben dieses Jahr das Selbstvertrauen und die Fitness auf kleinere multiple Orgasmen und einen grossen finalen in London!

    2 Leserempfehlungen
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    Sammer hat es gestern im Sportstudio gut zusammengefasst. Wenn man diese historische Chance hat, positiv Fußballgeschichte zu schreiben, dann sollte man dem alles unterordnen. 2:0 klingt komfortabel (auf jeden Fall besser, als ein Auswärts 0:0) aber wenn Juve das 1:0 erzielt, dann wird das Spiel spannend.
    Allerdings sollte man klar erwähnen, dass sowohl Real, Barca, PSG (die werden noch immer erstaunlich unterschätzt), Dortmund und sogar Juve die Chance haben, ihre Saison zu krönen und fast alle haben ähnliche Chancen. (ok, außer Juve)
    Ein Blick auf die anderen europäischen Topligen ist übrigens auch sehr spannend:

    Deutschland - Bayern - 28. Spieltag - 20Pkt. Vorsprung
    England - ManU - 30. Spieltag - 15Pkt. Vorsprung
    Italien - Juve - 31. Spieltag - 12Pkt. Vorsprung
    Spanien - Barca - 30. Spieltag - 13Pkt. Vorsprung

    Man könnte das Gefühl bekommen, dass sich in den Ligen ein 3Klassensystem etabliert hat, welches die alte Phrase "Geld schießt keine Tore" ad absurdum führt. Vor einigen Jahren sah es in den Ligen noch ganz anders aus und alles war eng beieinander.

  2. ... "Bayer" auch.

  3. ... und irgendwie interessiert es keinen so richtig, noch nicht einmal die Bayern.

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    • E.Wald
    • 07. April 2013 12:06 Uhr

    so eine Feier ohne Bierdusche. Ich kann mich zwar nicht wirklich erinnern, bin mir aber theoretisch sicher, dass es früher doch normal gewesen sein muss, ohne Bierdusche eine Meisterschaft zu feiern?

    Eigentlich schade, dass sich jetzt alle darauf einschießen, eine Feier ohne Bierdusche sei keine "richtige" Feier. Noch vor einer Woche wurde beklagt, dass jeder Deutsche eine Badewanne voll alkoholischer Getränke trinkt und auf die vielen Alkoholkranken der Gesellschaft hingewiesen.

    Eine Leserempfehlung
  4. Zu Beginn der Saison hieß es, das wichtigste Saisonziel sei die Meisterschaft, dieses gelte es mit allen Mitteln zu erreichen- so weit, so gut

    Jetzt haben die Spieler dieses Ziel in bewundernswerter Weise erreicht, die Rekorde sind gepurzelt - und nun?

    Jetzt gilt das nächste Ziel ohne Spannungsabbau durch Jubel, Trubel, Heiterkeit - ob das gut geht, ist die Frage....

    Man stelle sich vor, dass für die Bayern im Halbfinale oder Finale Schluss ist- die Möglichkeit besteht durchaus -
    dann ist die Stimmung wie im letzten Jahr, obwohl die Mannschaft eine tolle Saison gespielt hat - dann wirds auch nichts mehr mit der Meisterfeier....

    Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass gerade die jüngeren Spieler sich irgendwann betrogen vorkommen , weil nicht der Blick auf die Tabelle zu unvergesslichen Momenten führt, sondern die Jubelarien nach vollbrachter Tat.....

  5. Ich glaube die Bayern sind nicht zu bemitleiden und die gedämpfte Trauerstimmung nur logische Konsequenz der letzten und diesjährigen Saison. Meister ist man seit Weihnachten (seit dem Haken drunter), jetzt gilt es dieses verdammte Finale von 2012 wieder gut zu machen und den ollen Pokal mitzunehmen.

    Besonders Heynckes wird sich das nicht nehmen lassen wollen. Ein Abschiedstriple und die kleine Schmach der Ablöse durch Pep ist mehrfach getilgt.

    Wer wirklich dachte die Meisterschaft wäre oberstes Ziel, der hat in letzter Zeit nicht aufgepasst

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    Es sollte 'gedämpfte Feierstimmung' heissen...

  6. 7. Fehler

    Es sollte 'gedämpfte Feierstimmung' heissen...

    Antwort auf "Kein Mitleid"
  7. Sammer hat es gestern im Sportstudio gut zusammengefasst. Wenn man diese historische Chance hat, positiv Fußballgeschichte zu schreiben, dann sollte man dem alles unterordnen. 2:0 klingt komfortabel (auf jeden Fall besser, als ein Auswärts 0:0) aber wenn Juve das 1:0 erzielt, dann wird das Spiel spannend.
    Allerdings sollte man klar erwähnen, dass sowohl Real, Barca, PSG (die werden noch immer erstaunlich unterschätzt), Dortmund und sogar Juve die Chance haben, ihre Saison zu krönen und fast alle haben ähnliche Chancen. (ok, außer Juve)
    Ein Blick auf die anderen europäischen Topligen ist übrigens auch sehr spannend:

    Deutschland - Bayern - 28. Spieltag - 20Pkt. Vorsprung
    England - ManU - 30. Spieltag - 15Pkt. Vorsprung
    Italien - Juve - 31. Spieltag - 12Pkt. Vorsprung
    Spanien - Barca - 30. Spieltag - 13Pkt. Vorsprung

    Man könnte das Gefühl bekommen, dass sich in den Ligen ein 3Klassensystem etabliert hat, welches die alte Phrase "Geld schießt keine Tore" ad absurdum führt. Vor einigen Jahren sah es in den Ligen noch ganz anders aus und alles war eng beieinander.

    2 Leserempfehlungen
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    Aber da die Bayern diese Saison auswärts fast besser spielen als zu Hause,
    denke ich, sie sind immer gut für 1 Tor...
    und dann wird es schwer für Juve!

    Auch der BVB hat sein grosses Ziel vor Augen, Personal geschont und wird die Augabe unter Einsatz aller zur Verfügung stehender Lust bewältigen!

    Real ist so gut wie durch!

    Und Barca ist halt immer noch Barca!
    Ich denke, sie werden sich durchsetzen und es wird sehr schwer sie in 2 Spielen zu schlagen...
    wer auch immer Barca im Halbfinale zugelost bekommt,
    hat eine Mammutaufgabe vor sich .-)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bayern | Manuel Neuer | Philipp Lahm | Uli Hoeneß | Bundesliga | Fußball
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