Die Feier der Deutschen Fußballmeisterschaft folgt gewöhnlich ihren eigenen Mustern. Trainer stürmen mit geballten Fäusten das Feld, Spieler schmeißen sich zu Menschenknäuel zusammen, Fans heulen vor Freude in ihre Schals. Bier schwappt durch die Luft, meist aus übergroßen Stiefeln, und ergießt sich auf die Maß- und Trainingsanzüge der Übungsleiter und Manager. Oder auf TV-Reporter, die dann zwar oft entsetzt tun, aber insgeheim stolz darauf sind, mit dem Meistergebräu getauft worden zu sein. Später zieht die Meute weiter in irgendeinen Klub und am Ende weiß niemand mehr irgendwas.

Als der FC Bayern am Samstag in Frankfurt um 17.20 Uhr seine 23. Meisterschaft perfekt machte, geschah nichts dergleichen. Keine Entgleisung, kein Exzess, nichts. Das letzte bisschen Anarchie und Ekstase, das den Profifußballern in ihrem durchgeplanten Leben zwischen Videostudium, Liegestützen und Müsli mit Joghurt geblieben ist – die Bayern ließen es nicht raus. Ihre Siegesfeier, so man sie denn so nennen möchte, hat gute Chancen als bravste Jubelei in die 50-jährige Bundesligahistorie einzugehen.

Gut, Manuel Neuer und Bastian Schweinsteiger hüpften sich nach Spielschluss gegenseitig in die Arme. Im rechten Mittelfeld bildete sich ein Kreis auf- und abwippender Bayern-Spieler. Und bei der abschließenden Pogorei vor der eigenen Fankurve fielen sich die Fußballer wenigstens für ein paar Sekunden an wie junge Hunde. Meist aber wirkte die Truppe so feierlustig, wie die Jungs aus dem naturwissenschaftlichen Gymnasium, die gerade die Mathe-Olympiade gewonnen haben. Feierbiester sehen anders aus.

Aber warum artete nichts aus?

Zuerst vermutete man noch, der FC Bayern ist Opfer seiner eigenen Rekorde geworden. Die Münchner spielten in dieser Saison ja sehr, sehr gut und stellten dabei so ziemlich jede Bestleistung auf, die die Statistiker zu vergeben haben: Den Meistertitel gab es am 28. Spieltag jedenfalls noch nie. So eine frühe Meisterschaft ist Grund zur Freunde, spricht sie doch für die ungeheure Dominanz und Stärke. Sie hat aber auch einen Nachteil: Ihr fehlt der emotionale Höhepunkt. Dieser eine Moment, gerne die letzte Minute des letzten Spiels, in der sich die Anstrengung eines ganzen Jahres entlädt. Auf diesen Moment hätten die Bayern in dieser Spielzeit lange warten können. Hätten sie in Frankfurt nicht gewonnen, wären sie die Woche drauf Meister geworden, oder die Woche danach, oder die danach. Dass es passieren würde, war schon zu Weihnachten klar.

Dann kam einem die fehlende Meisterschale in den Sinn. Ohne die feiert es sich nur halb so gut, sie gibt es aber frühestens am vorletzten Spieltag. Rein formal nämlich ist Borussia Dortmund noch bis Mitte Mai Deutscher Meister. Deshalb war die Schale an diesem Wochenende noch in Berlin unterwegs, sie wird gerade im Rahmen einer Promotour durch Deutschland gefahren. Mehr als die üblichen selbstgebastelten Pappschalen ihrer Fans bekamen die Bayern in Frankfurt nicht zu sehen.

Doch es war weder die fehlende Trophäe noch die kühle Dominanz, die den FC Bayern so nüchtern bleiben ließ. Es war die unmittelbare Zukunft. Schon am Mittwoch geht es in Turin um den Einzug ins Halbfinale der Champions-League. Da kann man sich jetzt nicht lang mit einer schnöden Meisterschaft aufhalten.

"Auf der einen Seite spürt man die Freude. Auf der anderen Seite auch die Konzentration auf das Spiel in Turin", analysierte der Bayern-Präsident Uli Hoeneß den Gemütszustand seiner Spieler. Aus der Kabine, gar nicht weit weg von Hoeneß, drang zu dieser Zeit der ein oder andere Siegesschrei und ein paar nicht identifizierbare Gesänge. Manchmal polterte es auch. Der Security-Mann, der den Zugang zum Kabinentrakt bewachte, guckte dann stets kurz hinein, drehte sich wieder um und lächelte.

Doch Hoeneß relativierte gleich. "Die singen und tanzen da", sagte er, "und vielleicht gibt es ja auch noch ein Glas Champagner oder eine Flasche Bier". Er glaube aber nicht, dass es heute noch eine große Sause geben werde, das wäre der Situation nicht angemessen. "Das ist schade", sagte Hoeneß. "Aber irgendwann werden wir eine große Feier haben."