BVB-Geschäftsführer Joachim Watzke mit Fans © Tobias Jochheim

Da kündigte sich zum Gastspiel der Dortmunder José Mourinho an, und die gastfreundlichen Fürther boten ihm Platz 1 in Reihe 6 des C-Blocks an, unmittelbar vor ihrem Fußballvereinspräsidenten Helmut Hack. Folge: eine wilde, fast unwürdige Jagd nach Handyfotos von Mou. Hundertfach im Hintergrund: der um Contenance ringende Hack, zum schmückenden Beiwerk degradiert. Die unglückliche Sitzordnung schadete nicht nur dem Ego des Patriarchen: Wer Promis fotografiert, kann nicht klatschen und singen. Was doppelt ins Gewicht fiel, weil auch die Fürther Ultras nach dem Verlust sämtlicher Banner durch einen feigen Einbruch keinen Ton herausbekamen. So übernahm mit dem Anpfiff der Dortmunder Fanblock ohne jede Gegenwehr die akustische Hoheit.

Wie auf dem Platz. Die Dortmunder marschierten wie ein Haufen Gladiatoren, als ginge es im Kolosseum oder im Camp Nou zur Sache. Dabei war es ja nicht einmal das nach einem Finanzdienstleister benannte deutsche Durchschnittsstadion. Fürths Heimspielstätte trägt den drolligen Namen des Süßwarenherstellers Trolli und rangiert auf Platz 71 der größten Stadien im Land. Gemeinsam mit zehn anderen. Wenn alle Fans der Dortmunder Südtribüne in dieses Stadion wollten, müssten mehr als 6.000 draußen bleiben, selbst wenn kein einziger Fürther käme. Doch die Fürther kommen, wie sie seit Jahren kommen. Hier gibt es keine Erfolgsfans. In 28 Spielen hatte Fürth nur 15 Pünktchen und 18 Tore gesammelt.

Dabei ist es nicht so, dass sie keinen Erfolg kennen in Fürth. Sie sind amtierender Meister der zweiten Liga, so prangt es stolz auf dem Briefumschlag, in dem sie die Pressekarten verschicken. Es wirkt nicht arrogant und schon gar nicht Mitleid erregend, sondern grundsympathisch. Fußballdeutschland hat die 15 Jahre lang "unaufsteigbaren" Fürther freudig adoptiert, spätestens als sie es vor einem Jahr sensationell bis ins DFB-Pokalhalbfinale schafften und dort in der 120. Minute gegen Dortmund scheiterten, das danach die Meisterschaft der ersten Liga gewann und schließlich auch das Pokalfinale. Auf ihre Briefumschläge druckt die Borussia das Double nicht. Vielleicht fehlt ihnen diese unschuldige, unbändige Freude, die einfach hinausmuss.

Es ist das Gefühl, das sie in Fürth auch schon bei einem simplen Heimsieg verspüren würden, egal wie und gegen wen er zustandekäme. Der letzte lag exakt ein Jahr zurück. 365 Tage sind keine lange Zeit, aber es hat sich viel verändert seitdem. Am Samstag waren sich alle einig, dass ein Erfolg in diesem Spiel schon wäre, sich von Dortmund nicht völlig an die Wand spielen zu lassen, nicht mit mehr als, sagen wir, drei Toren Unterschied zu verlieren. Die kühnsten Optimisten träumten von einem 0:0 oder 1:1. Egal wie hässlich, egal wie unverdient.

Es folgte die "gelbe Lawine", wie der Trainer Frank Kramer sagte. 0:1 Götze, 0:2 Gündogan – nach einer Viertelstunde war das Spiel bereits gelaufen. Zur Pause hieß es 0:5, und dieses Ergebnis war vollkommen leistungsgerecht. Fürth zauderte, Dortmund zauberte. Eines der vier besten Teams in Europa demontierte eine Mannschaft, die nur die fünftbeste in einem Radius von zwei Autostunden ist, Stichwort: München, Frankfurt, Stuttgart, Augsburg. Und Nürnberg natürlich.

Aber auch an diesem Samstag war dort kein Unwille zu sehen, nur Mutlosigkeit angesichts der eigenen Defizite auf diesem Niveau. Wann immer es drauf ankam, schien selbst Kevin Großkreutz filigraner und selbst Mario Götze robuster zu sein als ihre Gegenspieler. Der Himmel war blau, die Temperaturen frühlingshaft, doch auf dem Platz war eine Lawine abgegangen. Dass sie keine Menschenleben gefordert hatte, war das einzig Positive.