In Zukunft soll das Bruttosozialprodukt als Indikator für die Leistungsfähigkeit unseres Landes abgeschafft werden. Es ist nicht mehr fähig, die aktuelle Lebenssituation der Bundesbürger abzubilden – es gilt als veraltet. Bei der Einführung eines neuen Maßstabs sollte man dringend das Fußballinteresse einbeziehen; es zählt heute zu jenen Faktoren, die das Lebensgefühl in Deutschland wesentlich ausmachen. Als die wichtigsten Fragen der Zeit werden hier die Halbfinalbegegnungen der Borussia und der Bayern gegen die übermächtig erscheinenden spanischen Fußballklubs diskutiert.

Angesichts dieser Fußballmanie kann man sich fragen, was mit diesem Land los ist. Es gibt schließlich nicht nur das Europa der Champions League, sondern auch das Europa der Nationen, die unter der Finanzkrise und ihrer innenpolitischen Instabilität leiden. Von den Turbulenzen des politischen Europaprojekts nimmt das deutsche Publikum in den Abendnachrichten Kenntnis – und freut sich auf Real und Barça.

Deutschland ist vielleicht "das coolste Land der Welt" (Rösler); für die Politik stimmt dies schon mal nicht. Saugt der Fußball alles Interesse auf, sodass für die Politik keine Begeisterung mehr bleibt? Stimmt das Vorurteil, dass man zwischen "Brot und Spielen" verblödet? Anders als im antiken Rom, wo das Volk nicht arbeitete, sondern sich beschenken ließ, verdienen die Deutschen ihr Geld selbst und entscheiden selbst über ihre Vorlieben. Gerade weil sie ihr Interesse auf den Fußball konzentrieren, hat er eine politische Bedeutung erhalten. In den Arenen, beim Public Viewing, in den Gesprächen, die man überall und mit jedem führen kann, ist er ein Gegenstand allgemeiner Begeisterung. Er ist immer mehr zu einem Ort nationaler Identifikation und Repräsentation geworden.

Begünstigt wurde diese Entwicklung durch den bemerkenswerten Modernisierungsschub seit 2004, seit Klinsmann und Löw. Überkommene Strukturen wurden beseitigt, die Nachwuchsförderung wurde gründlich erneuert und intensiviert, die Spielerkader sind erheblich verjüngt worden. Wesentliche Gestalter der neuen Spielweise sind junge Trainer mit deutlich besseren taktischen und trainingstechnischen Kenntnissen als ihre Vorgänger. Unter ihrem Einfluss hat sich das Spiel feiner, geschickter und intelligenter entwickelt; es ist nicht mehr wie früher ängstlich auf Sicherheit bedacht, sondern geht "nach vorn".

Blickt man von der Fußballszene auf das politische Spektakel im Land, kommt einem manches veraltet vor. Mit diesem Urteil soll nicht die Politik abqualifiziert werden. Dem politischen Geschehen soll keineswegs abgesprochen werden, dass es Spannung, Finesse, Emotionen erzeugen kann: Aber findet man diese noch im heutigen Politikgeschäft?

Völlig abwegig ist die analoge Betrachtung von Fußball und Politik nicht: Beim Fußball geht es wie in der Politik um Führung – Führung einer Mannschaft durch den Trainer und die Führungsspieler – und um die Beherrschung eines Terrains. Beide Aufgaben werden insbesondere vom Mittelfeld geleistet; es ist das kreative Relais zwischen Abwehr und Angriff. Es bestimmt die Seite, auf der angegriffen wird; es sucht die freien Räume; es bereitet den Überfall auf das gegnerische Territorium vor. Von seinem taktischen Können und Einfallsreichtum lebt das Spiel. Auf seine Ideen muss die Mannschaft eingehen, sodass ein Angriff von den einen Spielern unterstützt und von den anderen abgesichert wird.