Philosophisches ArmdrückenFußballmanie lässt die Politik dahinsiechen

Europas Probleme nimmt das Publikum in den News zur Kenntnis und freut sich auf Real und Barça. Der Philosoph G. Gebauer fragt: Verblöden wir zwischen Brot und Spielen? von Gunter Gebauer

Die Trikots der Halbfinalisten der Champions League

Die Trikots der Halbfinalisten der Champions League  |  © Franck Fife/AFP/Getty Images

In Zukunft soll das Bruttosozialprodukt als Indikator für die Leistungsfähigkeit unseres Landes abgeschafft werden. Es ist nicht mehr fähig, die aktuelle Lebenssituation der Bundesbürger abzubilden – es gilt als veraltet. Bei der Einführung eines neuen Maßstabs sollte man dringend das Fußballinteresse einbeziehen; es zählt heute zu jenen Faktoren, die das Lebensgefühl in Deutschland wesentlich ausmachen. Als die wichtigsten Fragen der Zeit werden hier die Halbfinalbegegnungen der Borussia und der Bayern gegen die übermächtig erscheinenden spanischen Fußballklubs diskutiert.

Angesichts dieser Fußballmanie kann man sich fragen, was mit diesem Land los ist. Es gibt schließlich nicht nur das Europa der Champions League, sondern auch das Europa der Nationen, die unter der Finanzkrise und ihrer innenpolitischen Instabilität leiden. Von den Turbulenzen des politischen Europaprojekts nimmt das deutsche Publikum in den Abendnachrichten Kenntnis – und freut sich auf Real und Barça.

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Deutschland ist vielleicht "das coolste Land der Welt" (Rösler); für die Politik stimmt dies schon mal nicht. Saugt der Fußball alles Interesse auf, sodass für die Politik keine Begeisterung mehr bleibt? Stimmt das Vorurteil, dass man zwischen "Brot und Spielen" verblödet? Anders als im antiken Rom, wo das Volk nicht arbeitete, sondern sich beschenken ließ, verdienen die Deutschen ihr Geld selbst und entscheiden selbst über ihre Vorlieben. Gerade weil sie ihr Interesse auf den Fußball konzentrieren, hat er eine politische Bedeutung erhalten. In den Arenen, beim Public Viewing, in den Gesprächen, die man überall und mit jedem führen kann, ist er ein Gegenstand allgemeiner Begeisterung. Er ist immer mehr zu einem Ort nationaler Identifikation und Repräsentation geworden.

Begünstigt wurde diese Entwicklung durch den bemerkenswerten Modernisierungsschub seit 2004, seit Klinsmann und Löw. Überkommene Strukturen wurden beseitigt, die Nachwuchsförderung wurde gründlich erneuert und intensiviert, die Spielerkader sind erheblich verjüngt worden. Wesentliche Gestalter der neuen Spielweise sind junge Trainer mit deutlich besseren taktischen und trainingstechnischen Kenntnissen als ihre Vorgänger. Unter ihrem Einfluss hat sich das Spiel feiner, geschickter und intelligenter entwickelt; es ist nicht mehr wie früher ängstlich auf Sicherheit bedacht, sondern geht "nach vorn".

Philosophisches Armdrücken

Ausgangspunkt des zweiten Philosophischen Armdrückens war dieser Text von Gunter Gebauer. In der Sport-Debatte von ZEIT ONLINE ging es um die Frage: Verblödet Fußball die Massen oder ist Löw wichtiger als Merkel und Co.? Der Philosoph Gunter Gebauer diskutierte am Donnerstag im Veranstaltungsraum von ZEIT ONLINE mit dem Politiker Wolfgang Bosbach. Bosbach widersprach Gebauer und sagte, die Politik sei nicht Schuld an der Politikverdrossenheit in Deutschland. Die Leser-Reaktionen waren Teil des Podiumsduells und der anschließenden Publikumsdiskussion. Nach dem Austausch der Argumente maßen sich die Diskutanten im Armdrücken. Gunter Gebauer gewann knapp.

Gebauer und Bosbach

Gunter Gebauer ist Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der Freien Universität Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Historische Anthropologie, Sprachtheorie und Sozialphilosophie. In seinen Büchern befasst er sich mit dem Mythos der Olympischen Spiele sowie anthropologischen und soziologischen Fragen des Sports. Er ist Mitglied des Exzellenzclusters Languages of Emotion.

Wolfgang Bosbach, CDU, ist seit 2009 Vorsitzender des Innenausschusses des Deutschen Bundestages. Von 2000 bis 2009 war er stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Seine Karriere begann auf dem zweiten Bildungsweg. Er war Supermarktleiter, studierte nach seinem nachgeholten Abitur Rechtswissenschaften an der Universität Köln und ist seit 1991 Rechtsanwalt in einer Kanzlei in Bergisch Gladbach. Bosbach ist begeisterter Fußball-Fan. Neben vielen Mitgliedschaften ist er Mitglied des Gesellschaftsausschusses der Bayer 04 Sportförderung gGmbH.

Blickt man von der Fußballszene auf das politische Spektakel im Land, kommt einem manches veraltet vor. Mit diesem Urteil soll nicht die Politik abqualifiziert werden. Dem politischen Geschehen soll keineswegs abgesprochen werden, dass es Spannung, Finesse, Emotionen erzeugen kann: Aber findet man diese noch im heutigen Politikgeschäft?

Völlig abwegig ist die analoge Betrachtung von Fußball und Politik nicht: Beim Fußball geht es wie in der Politik um Führung – Führung einer Mannschaft durch den Trainer und die Führungsspieler – und um die Beherrschung eines Terrains. Beide Aufgaben werden insbesondere vom Mittelfeld geleistet; es ist das kreative Relais zwischen Abwehr und Angriff. Es bestimmt die Seite, auf der angegriffen wird; es sucht die freien Räume; es bereitet den Überfall auf das gegnerische Territorium vor. Von seinem taktischen Können und Einfallsreichtum lebt das Spiel. Auf seine Ideen muss die Mannschaft eingehen, sodass ein Angriff von den einen Spielern unterstützt und von den anderen abgesichert wird. 

Leserkommentare
  1. Nicht "Verblöden wir?" sondern "Sind wir schon verblödet?".
    Da bleibt dann nur noch die Frage, ob man das überhaupt noch als Frage formulieren soll?

    10 Leserempfehlungen
  2. ... Sie haben doch den Hans-Joachim "Kuli" Kulenkampff auch noch gekannt, so aus eigener Anschauung. Der hat schon in den 1960er Jahren seine Prophetengabe mit dem Satz belegt: "Die Leute sind gar nicht so dumm, wie wir sie mit dem Fernsehen noch machen werden". Noch Fragen?

    9 Leserempfehlungen
  3. "Sieben Minuten standing ovations, den Parteitagsdelegierten der SPD müssen die Schenkelmuskeln eingeschlafen sein."

    - schon dieser Satz macht diesen Artikel lesenswert.

    Ein weiterer Aspekt, den man beim Thema "Politik und Fußball" hätte einbringen können, wäre die lästige Gewohnheit der Politik, die schlimmsten Sauereien genau dann zu beschließen, wenn das halbe Land Fußball schaut.

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dies bitte mal thematisieren bei der Podiumsdiskussion.

    darf man in diesem Zusammenhang auch ruhig mal die Medien kritisieren. Schließlich titeln sämtliche Lokalzeitungen in WM Zeiten brav über Jogi&co, völlig egal was währenddessen Wichtiges passiert. Das hat schon was von Gleichschaltung, obwohl niemand darum gebeten hat...

  4. "Als die wichtigsten Fragen der Zeit werden hier die Halbfinalbegegnungen der Borussia und der Bayern gegen die übermächtig erscheinenden spanischen Fußballklubs diskutiert."

    So ist es. Und man darf sich schon darauf freuen, was jetzt alles folgen wird. Aber genau das ist die Art und Weise, wie der Sport und speziell der Fußball auch heute noch eng miteinander verbunden sind. Und die Begeisterung, die der Autor auf politischem Gebiet einfordern möchte ist nicht nur dort verkrüppelt. Kreativität findet statt in den Bereichen in denen dafür bezahlt wird. Das ist der Sport. Und es sind die gut dotierten Plätze in den Hitparaden der Medien, Kino oder Musik. Aber wirklich neue Ideen, neue Ansätze neue Kultur kann sich nicht durchsetzen. Höchstens als Produkt, das in der nächsten Woche schon wieder veraltet ist. Begeisterung kommt da nicht auf.
    Ich möchte dem Autor trotzdem für seine klaren Worte zu diesem traurigen Thema in Sachen Fußballbegeisterung danken!

    3 Leserempfehlungen
  5. 5. Europa

    "Es gibt schließlich nicht nur das Europa der Champions League, sondern auch das Europa der Nationen, die unter der Finanzkrise und ihrer innenpolitischen Instabilität leiden."

    Mal provokant gefragt: Vielleicht interessiert sich der Durchschnittsdeutsche nicht für das, was hinter der nächsten Grenze passiert? Der eigene Verein wird ja auch mit besonderem Interesse verfolgt. Wer guckt schon die Euro League am Donnerstag?

    Eine Leserempfehlung
  6. Im Fussball kennt man die Strategien und kann dann zuschauen wie sie umgesetzt werden...
    in der Politik kennt man sie auch und muss doch zuschauen wie sie eben nicht umgesetzt werden...
    und das nervt!

    5 Leserempfehlungen
  7. Der Fussball ist real und der Ausgang kann sehr unvorhergesehen und spannend sein.

    Politik jedoch, ist in vielen Teilen zur Simulation verkommen. Ob nun Frau Leyen ihren scheinbaren Einsatz für die Frauenquote zum Drama vor der Abstimmung macht oder "Hardliner" nach jedem Ereignis mehr Überwachungskameras wollen, ob die Opposition ihre Gegenrolle zur Regierung spielt oder ob die Familienministerin vortäuschen muss sich für Familien zu interessieren, es werden Rollen simuliert.
    Politik ist leider grössten Teils nur vorgespielt und der Ausgang der Debatte vorher schon festgelegt.
    Da ist selbst Fussball noch interessanter zu schauen.

    4 Leserempfehlungen
    • FvdVoe
    • 22. April 2013 16:50 Uhr

    Weil diese 90 Minuten herrlich ablenken von diesem rumgebastel
    an einem Europa, welches doch immer wieder an nationalen
    Interessen scheitert. Unsere und andere Politiker sind vollkommen
    unfähig und unwillig Entscheidungen zu treffen. Der kleinste gemeinsame
    Nenner ist Programm. Die Verdiener dürfen die Verprasser aushalten.
    Unser Staat verprasst Rekordsteuereinnahmen und hat immer noch zu wenig.
    Ungerechtigkeiten und Fehlentscheidungen. Der politische Zirkus ist mittler-
    weile zu weit von den Realitäten der Bürger entfernt, um auch nur Ansatz-
    weise noch erkennen zu können, was wichtig ist und zu sehr mit sich
    selbst beschäftigt.
    Da schwillt mir schon wieder der Kamm !!! Ach, was freue ich mich auf morgen.

    6 Leserempfehlungen

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