Doping"Fast ein Viertel der Bevölkerung ist auf Chemie"

Wir haben unsere Körper verloren, sagt die Doping-Expertin Ines Geipel. Im Interview redet sie über die Dopingkultur in der Gesellschaft und die Mär vom schönen Fußball. von Friedhard Teuffel und Christian Hönicke

Frage: Frau Geipel, wie geht es dem Sportfan in Ihnen?

Ines Geipel: Der ist nicht in Bestform.

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Frage: Teilen Sie den Doping-Generalverdacht, der sich über den Sport zu legen droht?

Geipel: Nein, das ist kein Verdacht mehr, das ist Gewissheit. Eine Generalgewissheit. Es wäre ja absurd, wenn ich noch von der Unschuld ausgehen würde.

Frage: Der Profisportler, ein Krimineller?

Geipel: Schuld sind nicht die Athleten, die sind verführbar, aber nicht kriminell. Sehen Sie den Radprofi Jörg Jaksche. Der hat mir mal gesagt: Ich war wirklich ein Talent und bin trotzdem zwei, drei Jahre nur hinterhergefahren, bis mich mein Trainer zur Seite nahm und mir erklärt hat, wie das Ganze läuft. Das ist die Norm in den Sportarten, in denen Kohle verdient wird und die medial relevant sind.

Ines Geipel
Ines Geipel

Ines Geipel war in der DDR Mitglied der Leichtathletik-Nationalmannschaft. Sie war im Jahr 2000 Nebenklägerin im Prozess um das DDR-Zwangsdoping. Sie wurde vom Bundesverwaltungsamt als Doping-Opfer anerkannt. Mittlerweile ist die 52-Jährige als Schriftstellerin tätig und ist seit März Vorsitzende des Vereins Doping-Opfer-Hilfe. Geipel wurde 2011 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Frage: Warum lässt Sie der Sport dann nicht los?

Geipel: So viel Liebe habe ich schon noch und sage: Wir haben wunderbare Talente, wir lassen sie an ihrer Grenze arbeiten, wir stellen die Bedingungen zur Verfügung. Und wenn es am Ende der neunte Platz wird oder, wenn es gut läuft, der dritte, dann ist doch alles großartig.

Frage: Ihre Sportvision heißt also: Ausscheren aus dem Profisport.

Geipel: Es muss ja nicht ausscheren sein. Aber dem Unternehmen Profisport eine neue Idee, eine andere Richtung geben. Und sagen: Moment, das ist hier zwar ein nettes Bild, aber was ist die Realität? Ich komme aus dem Sport, ich bin für Leistung, ich freue mich, wenn junge Leute in ihm etwas finden, was sie wirklich mögen. Und wir brauchen den Sport ja auch. Aber es ist fatal, wenn wir Talenten ein Gestell bauen, in dem sie nicht glücklich werden können, weil es nicht anders geht, als zu betrügen.

Frage: Will das Publikum diese Realität wirklich sehen?

Geipel: Freude, wirkliche, echte, die will man immer sehen. So ein Chemiekörper wie Michael Phelps, der kann sich ja nicht mal richtig freuen.

Frage: Was macht Sie so sicher, dass Phelps nicht vielleicht doch ein Jahrhunderttalent ist? Er selbst hat stets bestritten, gedopt zu haben.

Geipel: Unübersehbar ist doch seine veränderte Physiologie. Fotos aus seiner Anfangszeit neben die von London gelegt, und Sie sehen das, was Sie wissen müssen. Wir sind ja auch längst mittendrin in diesem Gefühl der Ödnis. Immer dieselbe Mechanik des Jubels und diese absurd fettlosen Körper. Solche Körper gibt es einfach nicht. Im Sport sind gerade Substanzen unterwegs, die den Körper in der Tiefe verändern: Aicar oder GW501516, solche Sachen, die langfaserige Muskeln in kurzfaserige umwandeln. Jeder Manager im Sport sagt dir: Das ist jetzt der letzte Schrei. Und nichts davon ist ausgeforscht. Mehr Kriegssituation kann man ja gar nicht haben.

Frage: Aber die Menschen gehen doch ins Stadion, weil sie sich unterhalten lassen wollen, eine intellektuelle Auseinandersetzung zu erwarten, ist vielleicht zu viel verlangt.

Geipel: Okay, dann halsen wir den Fans mal nicht zu viel auf. Dann bleibe ich ganz bei dem, wo ich mich auskenne, bei der Schadensbilanz. Und sage: Dass die Fans die so hinnehmen, liegt ja nur daran, dass sie die Geschichte nach der Geschichte nicht kennen. Das Leid danach, das ganze Elend.

Frage: Unser Eindruck ist dennoch, dass Doping als Thema immer unattraktiver wird. Positive Proben werden achselzuckend zur Kenntnis genommen, Wirtschaft und Politik sind kaum noch bereit, in die Bekämpfung des Dopings zu investieren. Warum haben Sie sich trotzdem Anfang März zur Vorsitzenden des Vereins Doping-Opfer-Hilfe (DOH) wählen lassen?

Geipel: Weil es was Unerträgliches hat, dass immer wieder junge Leute auf den Chemiezug geschoben werden, nur, weil wir es nicht hinkriegen, eins und eins zusammenzuzählen. Außerdem gibt es in meinen Augen gerade eine tektonische Verschiebung. Vor allem im Sport gab es im Osten 20 Jahre lang bei den meisten Athleten eine enorme Loyalität gegenüber der DDR. Aber auf einmal fragen sie nach ihren Stasi-Akten. Sie wollen wissen, wie sie medizinisch behandelt worden sind. Sie suchen nach ihrer Geschichte.

Frage: Warum passiert das gerade jetzt?

Geipel: Ich glaube, das hat mit Ablösungsprozessen vom DDR-System zu tun. Was für ein Geschrei all die Jahre, wenn vom Glanz des Ost-Sports was abbröckelte. Nun kommen langsam auch die West-Geschichten hoch. Dadurch entsteht mehr Offenheit. Dazu kommt Armstrong, der Superlativ der Lüge. Jetzt einfach so weiterzumachen, wäre Irrsinn. Wir brauchen ein andere Lösung.

Leserkommentare
  1. obwohl er mir die Illusion nimmt Fußball sei sauber.....

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    "Ach ja, die Mär vom schönen Fußball. Wachstumshormone, Steroide, Epo – das soll ja alles nichts bringen. Das ist noch das Erstaunlichste: Wie schön sich der Fußball aus dem Chemie-Problem bisher raushalten konnte. Eine Frage des Glaubens und der Kohle."

    Das ist schon lange mein Reden. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Fußball steckt genauso tief drin, wie alle anderen Sportarten. Andere Sportarten sind nur froh, dass sie mit dem Finger auf den Radsport zeigen könne. Das lenkt vom eigenen Ungemach ab.

    Würde mit der gleichen Akribie im Fußball getestet, wie im Radsport, würde Rumpelstilzchen in Form von Uli Hoeneß bis in den hohen Norden zu hören sein. Man stelle sich vor, Fußballer würden morgens um 4.00 Uhr vor einem wichtigen Champions League Spiel aus den Bett geklingelt, um eine Blutprobe zu nehmen. Die Äderchen an Uli Hoeneß Schläfen drohten zu platzen.

    Hätten Sie aufmerksam gelesen, hätten Sie feststellen können, daß zum Doping im Fußball in diesem Interview nichts gesagt wird, das ist nur der Aufhänger. Und auch wenn ich nicht behaupten würde, Fußball wäre vom Doping überhaupt nicht betroffen - wobei ich auch nicht das Gegenteil behaupte, trotz Dopingproben ist dahingehend bislang kaum etwas bekannt geworden - dürfte es hier kein großes Thema sein, da Fußball primär kein Ausdauersport ist.
    Aber das soll nun den Blick nicht darauf verstellen, daß ich das für ein gutes, engagiertes Interview halte, in dem viele kluge Dinge gesagt werden.

  2. "Ach ja, die Mär vom schönen Fußball. Wachstumshormone, Steroide, Epo – das soll ja alles nichts bringen. Das ist noch das Erstaunlichste: Wie schön sich der Fußball aus dem Chemie-Problem bisher raushalten konnte. Eine Frage des Glaubens und der Kohle."

    Das ist schon lange mein Reden. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Fußball steckt genauso tief drin, wie alle anderen Sportarten. Andere Sportarten sind nur froh, dass sie mit dem Finger auf den Radsport zeigen könne. Das lenkt vom eigenen Ungemach ab.

    Würde mit der gleichen Akribie im Fußball getestet, wie im Radsport, würde Rumpelstilzchen in Form von Uli Hoeneß bis in den hohen Norden zu hören sein. Man stelle sich vor, Fußballer würden morgens um 4.00 Uhr vor einem wichtigen Champions League Spiel aus den Bett geklingelt, um eine Blutprobe zu nehmen. Die Äderchen an Uli Hoeneß Schläfen drohten zu platzen.

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    Antwort auf "Toller Artikel"
    • Gibbon
    • 05. April 2013 15:00 Uhr

    Es würde mich freuen, wenn ich mir endlich wieder Sport mit Genuss ansehen könnte, selbst wenn keine Rekorde mehr gebrochen werden.
    Zweifelhaft finde ich jedoch, wenn Frau Geipel auch Medikamente verurteilt. Menschen mit psychischen Erkrankungen können von ärztlich überwachter Medikamenteneinnahme durchaus profitieren und eine Lebensqualität zurückerlangen, die sie vorher nicht hatten (z.B. bei Depressionen).

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    "Zweifelhaft finde ich jedoch, wenn Frau Geipel auch Medikamente verurteilt."

    Macht sie das? So wie ich das verstanden habe, verurteilt sie den doch recht eindeutigen Trend Abweichungen von der Norm mit einer chemischen Keule wieder einzugliedern. Und auch bei Depressionen kann man ja durchaus fragen wo die herkommen und ob nicht Faktoren eine Rolle spielen, die man ohne die Gabe von Medikamenten beeinflussen kann. Wohlgemerkt nicht der Einzelne, sehr wohl aber "die Gesellschaft".

    • 15thMD
    • 05. April 2013 17:56 Uhr

    Wann konnten Sie sich denn in der Vergangenheit Sport mit Genuss ansehen?

    Gedopt wird seit tausenden von Jahre, wirklich professionell wahrscheinlich seit den 60ern.

    Nun gibt es 2 Möglichkeiten, warum Sie das so formuliert haben: Sie sind sehr sehr alt oder Sie wollen Kontrollen wie in den 50ern, dass ja niemand erwischt wird.

    • persef
    • 05. April 2013 15:02 Uhr

    1. kontrollierte Legalisierung von Drogen/Doping (ist das gleiche), da es nicht aus der Gesellschaft "entfernbar" ist

    2. Beenden jeglicher Unterstützung für den Leistungssport wie Leistungszentren, Militär/Polizeisportler, Unterstützung von Olympiabewerbungen uä., etcpp

    Wirds passieren? lol als ob^^

    Man bin ich resigniert..

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    "1. kontrollierte Legalisierung von Drogen/Doping (ist das gleiche), da es nicht aus der Gesellschaft "entfernbar" ist"

    Denken Sie das doch mal bis zum Ende durch und bleiben Sie nicht auf halber Strecke stehen. Was soll das bringen?

    Ein Doper will sich einen Vorteil gegenüber seinen Wettbewerbern verschaffen. Was würde passieren, wenn man Doping/Drogen freigibt?

    Nur weil sich Einbrüche, Ladendiebstahl, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, Computer-Hacking ect. aus underer Gesellschaft nicht entfernen lassen, würden Sie es deswegen freigeben?

  3. auch wenn dem Wissenschaftler in mir die Formulierung "auf Chemie" ein wenig aufstoßen mag... :)

    Die Zahlen zum Medikamentenge- und mißbrauch sind ja gewaltig. Falls die Autoren, Frau Geipel oder ein Mitforist dazu eine gute Quelle parat hätte, wäre ich dankbar.

    6 Leserempfehlungen
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    Nimmt man vom Statistischen Bundesamt 2.4 Mio Studenten (Wert von 2011) und zB. diese Studie http://onlinelibrary.wile... (war einfach der erste Treffer), nach der 20% der Studenten Leistungssteigernde Substanzen einnehmen (Medikamente für diagnostizierte Probleme sind schon ausgeklammert), kommt man sogar auf 480.000 Studenten.
    Der Spiegel zitierte eine andere Studie(http://www.his.de/pdf/pub...), die auf 5%, also dann 120.000 Studierende kommt.

    Für ein Gesamtbild der Gesellschaft gibts ab und an Veröffentlichungen der Krankenkassen, finde die aber momentan nicht. Vielleicht kann ja ein anderer Forist helfen.

  4. großzügig mit Zahlen um sich: .."knapp zwei Millionen Studenten auf etwas.."
    Gibt's Belege? Gut gemeint ist nicht gut gemacht.

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    "Gibt's Belege?"

    Eine alte Masche, fehlende Quellen anprangern oder einfach nur Zweifel schüren, indem man Beweise für Gesagtes verlangt.

    Dabei geht das ja nicht - dazu hätten SIE das Interview führen müssen.

    Oder sie lesen sich in die Materie ein und kommen von selbst auf Untersuchungen, was Studenten zum Aufputschen oder Beruhigen so alles nehmen. Nein, natürlich nicht alle.

  5. Es ist wirklich der gesamte Profisport.

    Was die Einnahme von Wachstumshormonen angeht: Schauen sie sich die Schuhgrößen der Schwimmer an, oder die Nasen. Das ist kein Zufall.

    Wenn Kristin Otto mit tiefer Stimme und breiten Schultern den Sport moderiert - was soll man da noch sagen?
    http://www.spiegel.de/spo...

    Allerdings teile ich die Hoffnung von Fr. Geipel, dass irgendwann die Vernunft siegt, nicht.

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    Mein Vater hat bei 1,93, Schuhgröße 48 und Hände wie Bratpfannen. Er hat sein Leben lang nicht wirklich Sport gemacht und wuchs auf einem Bauernhof auf.(also nicht mal gespritztes Essen hat er zu sich genommen)
    Bud Spencer, ein ehemaliger Weltklasseschwimmer hat fast die exakten Maße.
    Ich selbst bin 1,85 und habe Schuhgröße 46.
    Ihre Argumente sind widerlegt und warum?
    Weil die Dame aufgrund ihrer Erfahrungen induktive Schlüsse auf das Allgemeine macht. Der Satz "diese fettlosen Körper gibt es gar nicht", ist völliger Humbug. Bin selbst ohne Sport immer extrem schlank gewesen. Es liegt einfach an meiner Konstitution und nicht weil ich soviel Pillen schlucke.
    Ich will die Dame nicht angreifen oder bestreiten das Doping in allen Lebenslagen betrieben wird. Aber es gibt nunmal außergewöhnliche Menschen. Oder wie erkläre sie sich das Albert Einsteins IQ über 60 Punkte mehr hat als die des Durchschnittsmenschen, hat er gedopt?
    Die Dame war halt ohne Doping nicht gut genug und das schmerzt, wenn man sich mit anderen vergleichen lassen muss.
    Man sagt dann ganz einfach alle machen es.
    Aber man sollte sich selbst nie mit anderen vergleichen. Das führt nur zu Selbsthass.
    Der Artikel ist nicht schlecht, aber vollkommen ohne Selbstreflexion.

  6. "Zweifelhaft finde ich jedoch, wenn Frau Geipel auch Medikamente verurteilt."

    Macht sie das? So wie ich das verstanden habe, verurteilt sie den doch recht eindeutigen Trend Abweichungen von der Norm mit einer chemischen Keule wieder einzugliedern. Und auch bei Depressionen kann man ja durchaus fragen wo die herkommen und ob nicht Faktoren eine Rolle spielen, die man ohne die Gabe von Medikamenten beeinflussen kann. Wohlgemerkt nicht der Einzelne, sehr wohl aber "die Gesellschaft".

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