Frage: Frau Geipel, wie geht es dem Sportfan in Ihnen?

Ines Geipel: Der ist nicht in Bestform.

Frage: Teilen Sie den Doping-Generalverdacht, der sich über den Sport zu legen droht?

Geipel: Nein, das ist kein Verdacht mehr, das ist Gewissheit. Eine Generalgewissheit. Es wäre ja absurd, wenn ich noch von der Unschuld ausgehen würde.

Frage: Der Profisportler, ein Krimineller?

Geipel: Schuld sind nicht die Athleten, die sind verführbar, aber nicht kriminell. Sehen Sie den Radprofi Jörg Jaksche. Der hat mir mal gesagt: Ich war wirklich ein Talent und bin trotzdem zwei, drei Jahre nur hinterhergefahren, bis mich mein Trainer zur Seite nahm und mir erklärt hat, wie das Ganze läuft. Das ist die Norm in den Sportarten, in denen Kohle verdient wird und die medial relevant sind.

Frage: Warum lässt Sie der Sport dann nicht los?

Geipel: So viel Liebe habe ich schon noch und sage: Wir haben wunderbare Talente, wir lassen sie an ihrer Grenze arbeiten, wir stellen die Bedingungen zur Verfügung. Und wenn es am Ende der neunte Platz wird oder, wenn es gut läuft, der dritte, dann ist doch alles großartig.

Frage: Ihre Sportvision heißt also: Ausscheren aus dem Profisport.

Geipel: Es muss ja nicht ausscheren sein. Aber dem Unternehmen Profisport eine neue Idee, eine andere Richtung geben. Und sagen: Moment, das ist hier zwar ein nettes Bild, aber was ist die Realität? Ich komme aus dem Sport, ich bin für Leistung, ich freue mich, wenn junge Leute in ihm etwas finden, was sie wirklich mögen. Und wir brauchen den Sport ja auch. Aber es ist fatal, wenn wir Talenten ein Gestell bauen, in dem sie nicht glücklich werden können, weil es nicht anders geht, als zu betrügen.

Frage: Will das Publikum diese Realität wirklich sehen?

Geipel: Freude, wirkliche, echte, die will man immer sehen. So ein Chemiekörper wie Michael Phelps, der kann sich ja nicht mal richtig freuen.

Frage: Was macht Sie so sicher, dass Phelps nicht vielleicht doch ein Jahrhunderttalent ist? Er selbst hat stets bestritten, gedopt zu haben.

Geipel: Unübersehbar ist doch seine veränderte Physiologie. Fotos aus seiner Anfangszeit neben die von London gelegt, und Sie sehen das, was Sie wissen müssen. Wir sind ja auch längst mittendrin in diesem Gefühl der Ödnis. Immer dieselbe Mechanik des Jubels und diese absurd fettlosen Körper. Solche Körper gibt es einfach nicht. Im Sport sind gerade Substanzen unterwegs, die den Körper in der Tiefe verändern: Aicar oder GW501516, solche Sachen, die langfaserige Muskeln in kurzfaserige umwandeln. Jeder Manager im Sport sagt dir: Das ist jetzt der letzte Schrei. Und nichts davon ist ausgeforscht. Mehr Kriegssituation kann man ja gar nicht haben.

Frage: Aber die Menschen gehen doch ins Stadion, weil sie sich unterhalten lassen wollen, eine intellektuelle Auseinandersetzung zu erwarten, ist vielleicht zu viel verlangt.

Geipel: Okay, dann halsen wir den Fans mal nicht zu viel auf. Dann bleibe ich ganz bei dem, wo ich mich auskenne, bei der Schadensbilanz. Und sage: Dass die Fans die so hinnehmen, liegt ja nur daran, dass sie die Geschichte nach der Geschichte nicht kennen. Das Leid danach, das ganze Elend.

Frage: Unser Eindruck ist dennoch, dass Doping als Thema immer unattraktiver wird. Positive Proben werden achselzuckend zur Kenntnis genommen, Wirtschaft und Politik sind kaum noch bereit, in die Bekämpfung des Dopings zu investieren. Warum haben Sie sich trotzdem Anfang März zur Vorsitzenden des Vereins Doping-Opfer-Hilfe (DOH) wählen lassen?

Geipel: Weil es was Unerträgliches hat, dass immer wieder junge Leute auf den Chemiezug geschoben werden, nur, weil wir es nicht hinkriegen, eins und eins zusammenzuzählen. Außerdem gibt es in meinen Augen gerade eine tektonische Verschiebung. Vor allem im Sport gab es im Osten 20 Jahre lang bei den meisten Athleten eine enorme Loyalität gegenüber der DDR. Aber auf einmal fragen sie nach ihren Stasi-Akten. Sie wollen wissen, wie sie medizinisch behandelt worden sind. Sie suchen nach ihrer Geschichte.

Frage: Warum passiert das gerade jetzt?

Geipel: Ich glaube, das hat mit Ablösungsprozessen vom DDR-System zu tun. Was für ein Geschrei all die Jahre, wenn vom Glanz des Ost-Sports was abbröckelte. Nun kommen langsam auch die West-Geschichten hoch. Dadurch entsteht mehr Offenheit. Dazu kommt Armstrong, der Superlativ der Lüge. Jetzt einfach so weiterzumachen, wäre Irrsinn. Wir brauchen ein andere Lösung.