Doping : "Fast ein Viertel der Bevölkerung ist auf Chemie"

Wir haben unsere Körper verloren, sagt die Doping-Expertin Ines Geipel. Im Interview redet sie über die Dopingkultur in der Gesellschaft und die Mär vom schönen Fußball.

Frage: Frau Geipel, wie geht es dem Sportfan in Ihnen?

Ines Geipel: Der ist nicht in Bestform.

Frage: Teilen Sie den Doping-Generalverdacht, der sich über den Sport zu legen droht?

Geipel: Nein, das ist kein Verdacht mehr, das ist Gewissheit. Eine Generalgewissheit. Es wäre ja absurd, wenn ich noch von der Unschuld ausgehen würde.

Frage: Der Profisportler, ein Krimineller?

Geipel: Schuld sind nicht die Athleten, die sind verführbar, aber nicht kriminell. Sehen Sie den Radprofi Jörg Jaksche. Der hat mir mal gesagt: Ich war wirklich ein Talent und bin trotzdem zwei, drei Jahre nur hinterhergefahren, bis mich mein Trainer zur Seite nahm und mir erklärt hat, wie das Ganze läuft. Das ist die Norm in den Sportarten, in denen Kohle verdient wird und die medial relevant sind.

Ines Geipel

Ines Geipel war in der DDR Mitglied der Leichtathletik-Nationalmannschaft. Sie war im Jahr 2000 Nebenklägerin im Prozess um das DDR-Zwangsdoping. Sie wurde vom Bundesverwaltungsamt als Doping-Opfer anerkannt. Mittlerweile ist die 52-Jährige als Schriftstellerin tätig und ist seit März Vorsitzende des Vereins Doping-Opfer-Hilfe. Geipel wurde 2011 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Frage: Warum lässt Sie der Sport dann nicht los?

Geipel: So viel Liebe habe ich schon noch und sage: Wir haben wunderbare Talente, wir lassen sie an ihrer Grenze arbeiten, wir stellen die Bedingungen zur Verfügung. Und wenn es am Ende der neunte Platz wird oder, wenn es gut läuft, der dritte, dann ist doch alles großartig.

Frage: Ihre Sportvision heißt also: Ausscheren aus dem Profisport.

Geipel: Es muss ja nicht ausscheren sein. Aber dem Unternehmen Profisport eine neue Idee, eine andere Richtung geben. Und sagen: Moment, das ist hier zwar ein nettes Bild, aber was ist die Realität? Ich komme aus dem Sport, ich bin für Leistung, ich freue mich, wenn junge Leute in ihm etwas finden, was sie wirklich mögen. Und wir brauchen den Sport ja auch. Aber es ist fatal, wenn wir Talenten ein Gestell bauen, in dem sie nicht glücklich werden können, weil es nicht anders geht, als zu betrügen.

Frage: Will das Publikum diese Realität wirklich sehen?

Geipel: Freude, wirkliche, echte, die will man immer sehen. So ein Chemiekörper wie Michael Phelps, der kann sich ja nicht mal richtig freuen.

Frage: Was macht Sie so sicher, dass Phelps nicht vielleicht doch ein Jahrhunderttalent ist? Er selbst hat stets bestritten, gedopt zu haben.

Geipel: Unübersehbar ist doch seine veränderte Physiologie. Fotos aus seiner Anfangszeit neben die von London gelegt, und Sie sehen das, was Sie wissen müssen. Wir sind ja auch längst mittendrin in diesem Gefühl der Ödnis. Immer dieselbe Mechanik des Jubels und diese absurd fettlosen Körper. Solche Körper gibt es einfach nicht. Im Sport sind gerade Substanzen unterwegs, die den Körper in der Tiefe verändern: Aicar oder GW501516, solche Sachen, die langfaserige Muskeln in kurzfaserige umwandeln. Jeder Manager im Sport sagt dir: Das ist jetzt der letzte Schrei. Und nichts davon ist ausgeforscht. Mehr Kriegssituation kann man ja gar nicht haben.

Frage: Aber die Menschen gehen doch ins Stadion, weil sie sich unterhalten lassen wollen, eine intellektuelle Auseinandersetzung zu erwarten, ist vielleicht zu viel verlangt.

Geipel: Okay, dann halsen wir den Fans mal nicht zu viel auf. Dann bleibe ich ganz bei dem, wo ich mich auskenne, bei der Schadensbilanz. Und sage: Dass die Fans die so hinnehmen, liegt ja nur daran, dass sie die Geschichte nach der Geschichte nicht kennen. Das Leid danach, das ganze Elend.

Frage: Unser Eindruck ist dennoch, dass Doping als Thema immer unattraktiver wird. Positive Proben werden achselzuckend zur Kenntnis genommen, Wirtschaft und Politik sind kaum noch bereit, in die Bekämpfung des Dopings zu investieren. Warum haben Sie sich trotzdem Anfang März zur Vorsitzenden des Vereins Doping-Opfer-Hilfe (DOH) wählen lassen?

Geipel: Weil es was Unerträgliches hat, dass immer wieder junge Leute auf den Chemiezug geschoben werden, nur, weil wir es nicht hinkriegen, eins und eins zusammenzuzählen. Außerdem gibt es in meinen Augen gerade eine tektonische Verschiebung. Vor allem im Sport gab es im Osten 20 Jahre lang bei den meisten Athleten eine enorme Loyalität gegenüber der DDR. Aber auf einmal fragen sie nach ihren Stasi-Akten. Sie wollen wissen, wie sie medizinisch behandelt worden sind. Sie suchen nach ihrer Geschichte.

Frage: Warum passiert das gerade jetzt?

Geipel: Ich glaube, das hat mit Ablösungsprozessen vom DDR-System zu tun. Was für ein Geschrei all die Jahre, wenn vom Glanz des Ost-Sports was abbröckelte. Nun kommen langsam auch die West-Geschichten hoch. Dadurch entsteht mehr Offenheit. Dazu kommt Armstrong, der Superlativ der Lüge. Jetzt einfach so weiterzumachen, wäre Irrsinn. Wir brauchen ein andere Lösung.

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Kommentare

60 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Es geht nicht um Fußball, aber um andere wichtige Dinge

Hätten Sie aufmerksam gelesen, hätten Sie feststellen können, daß zum Doping im Fußball in diesem Interview nichts gesagt wird, das ist nur der Aufhänger. Und auch wenn ich nicht behaupten würde, Fußball wäre vom Doping überhaupt nicht betroffen - wobei ich auch nicht das Gegenteil behaupte, trotz Dopingproben ist dahingehend bislang kaum etwas bekannt geworden - dürfte es hier kein großes Thema sein, da Fußball primär kein Ausdauersport ist.
Aber das soll nun den Blick nicht darauf verstellen, daß ich das für ein gutes, engagiertes Interview halte, in dem viele kluge Dinge gesagt werden.

Wesen der Sportart

Warum Fussball und Tennis als dopingfrei gelten, auch wenn sie es vermutlich oder vielleicht nicht sind, liegt sicher auch daran, dass die wirklich schönen Momente dieser Sportarten nicht medikamentös erzielt werden können:
Einen genialen Schnittstellenpass können sie nicht plötzlich spielen, weil Sie Epo genommen haben; Federers absolut beeindruckendem Tennis zuzuschauen macht nicht wegen seiner Fitness Spaß, sondern weil er einfach eine unvergleichliche und unnachahmliche Art hat, Tennis zu spielen.

Damit will ich nicht sagen, dass die Einnahme von leistungsfördernden Substanzen im Tennis oder Fussball nicht vorkommt; aber im Gegensatz zu Sportarten, in denen es vorwiegend um Zeiten geht, ist der Einfluss von Doping auf die Faszination eher gering.

Die Aussagen von Lahm und Federer lassen mich übrigens wieder eher an eine Dopingnormalität zweifeln; warum sollten sie sich als Gedopte mehr Kontrollen wünschen? (Ohne jetzt den z.B. massiven Missbrauch von Schmerzmitteln im Fussball unterzubewerten.)

doch es hilft

Es bringt eben doch was. Die Konzentration um einen präzisen Pass zu spielen
hat man nur wenn man körperlich fit ist.
Wenn man zwei Gegenspieler stehen lässt muss man noch die Puste
haben die Ball auf das Tor zu schießen. Und zwar hart und zielsicher.

Es ist unstrittig das spanische Nationalspieler bei Fuentes Patienten waren...bei einem Frauenarzt !?
Ebenfalls ist es unstrittig das es sagen wir mal komische "Verschleppungen" in
spanischen Staatsanwaltschaft gab die in den Fällen ermittelte.

Ausdauersport

Also, das ist ja nun alles ziemlicher Quatsch. Natürlich bringt Doping auch im Fußball was. Es gibt ja auch immer mal wieder Hinweise darauf, dass da auch gedopt wird. Angefangen bei den Helden von 1954, die ja nun bekanntermaßen immer so schöne "Vitaminspritzen" (und Hepatitis C gleich mit dazu) bekommen haben, weiter über die Argentinier 1978, die da wohl wie die Aufziehmännchen über den Platz getobt sind (okay, vielleicht war es auch die drohende standrechtliche Erschießung, falls sie verloren hätten), bis zu den bereits erwähnten Spaniern. Die italienische Liga hat ja auch immer wieder eine Menge Gerüchte zum Thema Doping zu bieten.

Das Argument mit den Top-Spielern zählt natürlich nicht. Geht man davon aus, dass im Radsport quasi alle gedopt sind, dann gibt es eben trotz Doping immer noch Leistungsunterschiede. Und die Strecken, die im modernen Fußball gelaufen werden, sind eben dann doch erheblich.

Keine Sorge, ich jogge

Also, werfen Sei doch vielleicht mal einen Blick in die Bundesliga-Tabelle. Da ist der erste und der letzte Platz ziemlich klar. Alles andere ist dann doch ziemlich knapp. Insofern steigt dann die Attraktivität schon wieder, wenn man ein Spiel gewinnen muss um in die Europa-League zu kommen oder seinen Platz im Kader knapp verloren hat. (Nein, ich sage nicht, dass in der Bundesliga gedopt wird, sondern nur, dass es eben knapp zugeht) Und ja, Sie haben Recht Doping im Fußball müsste sicher komplexer sein, als Epo rein und Ausdauer boosten. Aber ich habe bislang noch kein stichhaltiges Argument gehört warum es Doping im Fußball nicht geben sollte, dafür aber eben immer mal wieder von Verdachtsfällen. Und gedopt wird ja jetzt auch nicht ausschließlich um die Ausdauer zu erhöhen.

es gibt ja Kontrollen

Es gibt ja sehr wohl Kontrollen, sogar ganze Großrazzien, gegen Doping-Netzwerke und/oder -Ärzte, die auch z. B. Fußballer betreuen. Nur kommt dann halt plötzlich im Laufe der Ermittlungen – so geschehen in Spanien – von ganz oben der Befehl, man möge die Ermittlungen gegen Fußballer grundsätzlich einstellen und sich nur z. B. auf den Radsport konzentrieren.

Sehr gute, wenn auch sehr erschütternde Dokus:
https://www.youtube.com/w...
https://www.youtube.com/w...

Dopingfreigabe

Beim Dopingverbot gibt es ja so von staatlicher Seite nicht. Gewisse formen des Medikamentenmissbrauchs und manche Substanzen sind verboten, aber nicht die Leistungssteigerung durch irgend welche Hilfsmittel an sich.
Doping schadet ja niemandem so direkt wie das Verbrechen wie die von Ihnen genannten tun. Sport hat neben Unterhaltung auch keinen gesellschaftlichen Nutzen. Legaler Diebstahl führt zum Zusammenbruch des Wirtschaftssystems, legales Doping stört die Gesellschaft nicht weiter.
Doping zu verhindern ist nur im Interesse der Sportfans und Organisationen, weil sie einen "fairen Wettkampf" spannender finden und vermutlich auch im Interesse der Sportler, weil Doping eben oft sehr gesundheitsschädlich ist.
Von staatlicher Seite stellt sich da eigentlich nur die Frage, in wie weit man verpflichtet ist, Sportler vor sich selbst zu schützen und in wie weit sich das durch Strafrecht und Strafverfolgung erreichen lässt.
Die Wettkampfregeln an sich und ihre Überprüfung ist Sache der Sportsorganisationen.

danke @dth

Jemandem anderen zu schaden ist etwas anderes als sich selbst zu schaden. Im Unterschied zu allen von ihnen genannten Beispielen schadet man der Gesellschaft/anderen Personen nur indirekt. Daher ist es mE auch angebracht, die Angelegenheit anders zu behandeln.

Gibt man Doping frei, dann zahlt der Käufer Steuern über die seine dadurch entstehenden Gesundheitsrisiken abgedeckt werden, gleichzeitig hat der Verkäufer auch noch einen sozialversicherungspflichtigen Job.

Auch der Gewinn, der aus dem Drogenhandel entsteht muss dann nicht gewaschen werden, bzw. zwecks Legalitätsmangel für andere illegale Geschäfte genutzt werden, bei denen direkt wie indirekt Menschen zu schaden kommen können. Alles bleibt im legalen Markt.