Götze und HoeneßWoher kommt der ganze Hass?

Ein Shitstorm nach dem anderen: Fans hassen und fordern Spieler zum Selbstmord auf. Dabei kann es nicht nur um Fußball gehen. Von Steffen Dobbert und Christian Spiller von  und

Mario Götze, 20 Jahre alt, guter Fußballer, wird in der kommenden Spielzeit das Trikot eines anderen Vereins tragen. Viel mehr ist nicht passiert. Doch kaum war die Nachricht verkündet, ging es los.

Auf Götzes Facebook-Seite wurde sie von so vielen diffamierend kommentiert, dass sie später geschlossen werden musste. Es bildeten sich Hassgruppen, deren bloße Namen justiziabel sind. Götzes kleiner Bruder soll wegen Mobbing-Attacken früher die Schule verlassen haben. Das Haus seiner Eltern soll mit Farbe besprüht worden sein.

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Es ist natürlich nicht das erste Mal, dass Fußballfans ihren Frust verbreiten. Drei Tage vor Götze war Uli Hoeneß ihr Ziel. Schon im vergangenen Jahr mobbten Fans des 1. FC Köln den Profi Kevin Pezzoni und lauerten ihm vor seiner Wohnung auf. Wenig später löste der Verein den Vertrag mit dem Spieler auf. Der ehemalige Nationaltorhüter Timo Hildebrand veröffentlichte vor einigen Wochen, was ihm an die Facebook-Pinnwand gepostet wurde: "Du dummer basdart! Erschieß dich bitte."

Ein Screenshot der Facebook-Seite von Mario Götze

Ein Screenshot der Facebook-Seite von Mario Götze  |  © Screenshot, ZEIT ONLINE


Offensichtlich verspüren viele Menschen Hass, wenn ein Fußballer den Verein wechselt, wenn ihr Lieblingsverein schlecht dargestellt wird oder ein Fußballfunktionär die Kapitalertragssteuer nicht gezahlt hat. Woher kommt diese Aggression?

Eine Erklärung für diesen Zorn ist banal, weil es eine technische ist. Wer Dampf ablassen wollte zu den Zeiten, als Mario Götze geboren wurde, brauchte noch einen Stammtisch, eine Raucherinsel oder Freunde, die zuhörten. Seit es dazu digitale soziale Netzwerke gibt, werden sie genutzt – für Liebeserklärungen und Hassbekundungen.

Das war auch bei den Abstürzen von Karl-Theodor zu Guttenberg, Jörg Kachelmann und Christian Wulff so. Es scheint, als seien Hoeneß und Götze einfach die Nächsten. Doch die Empörung wächst besonders rasch und heftig, wenn es um Fußballer geht. Fußballer sind in der Fußballernation mehr als Fußballer.  

Götze und Hoeneß emotionalisieren das Publikum auch deshalb, weil ihre vermeintlichen Verfehlungen so leicht zu verstehen sind. Der eine zahlte keine Steuern, der andere ließ sich vom falschen Verein kaufen. Das ist simpel und gleichzeitig die zentrale Erklärung für den aktuellen Hassausbruch.

Die aktuelle Politik hingegen wird kaum noch verstanden. Während Europa auseinanderzubrechen droht, das Bankensystem zur Debatte steht, und die nächste Bundestagswahl eine Gelegenheit wäre, über all das zu entscheiden, gucken die Menschen Fußball. 

Leserkommentare
  1. Schon interessant, wie rasch und leidenschaftlich hier die Millionenjongleure verteidigt werden. (Auch schon im Kommentar "Der Hoeneß in uns" http://www.zeit.de/gesell...) Ist denn wirklich der Zorn über Hoeneß, Götze & Co das Problem? Wovon wird bei dieser Art Kommentar abgelenkt? Vom eigentlichen Problem, meine ich.

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    "Panem et circensis". Claro ?

    • Afa81
    • 25. April 2013 2:18 Uhr

    Welches Problem meinen Sie? Dass die Fußballer einen angemessenen Anteil an dem Geld, welches sie für ihre Vereine einspielen, bekommen?

    Ich glaube nicht, dass Götze ein Problem mit dem Wechsel hat. Auch glaube ich nicht, dass Götze ein Problem mit seinem Gehalt hat. Wieso muss man jetzt das Gehalt von den Spielern kürzen, nur weil Fans nichts wegstecken können? Muss nun wirklich jedem diffusen Neidgefühl weichen? Ich denke, die Fans müssen damit klar kommen. Und wenn nicht, dann vielleicht zum Psychologen gehen.

    Das eigentliche Problem ist, dass gewisse Fans ihre eigenen Minderwertigkeitskomplexe durch eine übertriebene Identifikation mit "Ihrem" Verein zu kompensieren suchen - und das ist das Problem. Götze und Hoeneß tun niemandem etwas, wenn sie Millionen verdienen. Und vor allem der 20jährige Götze kann auch nichts dafür, dass in diesem Sport solche Gehälter gezahlt werden.

    • Mari o
    • 25. April 2013 2:27 Uhr

    Wenn den sogenannten Fußball-Fans aufgeht, daß es nur um Geld geht.
    und alles das was ihnen von den Werbestrategen aufgetischt wird:
    BvB steht für dieses und jenes Lokalpatriotisches usw.
    Bayern steht für sonstwas.Wenn ihnen also klar wird,daß sie nur für blöd verkauft werden,weil es in Wahrheit nur um Geld geht und um sonst nichts,wachen sie kurzfristig auf,und werden böse.Das kriegt jetzt z.B.der Geld-Götze ab.
    Nach der Wahl im Herbst,wenn Kassensturz gemacht wird.werden wir alle
    auf die Politiker sehr böse werden.obwohl die wie der arme junge Götze nichts dafür können,weil sie schon lange nichts mehr kapieren.

    • Afa81
    • 05. Mai 2013 15:57 Uhr

    Tut mir leid, ich bin zu blöd. Wenn ein Verein Millionen an Euro macht und die Spieler mit einem ordentlichen Gehalt daran beteiligen... wo ist da das Problem? Wer sagt denn, dass Götze nur wegen des Geldes zu dem Verein, zu dem so viele wollen und in dessen Bettwäsche er schon als Junge geschlafen hat, gewechselt ist? Das sagen die Fußballhasser und die BVB Fans... die wissen es sicher alle auch am besten, alles klar.

    Das Problem ist, dass Leute ihre Emotionen nicht im Griff haben. Und das Problem ist, dass in Deutschland viele Menschen die Reichen einfach hassen, egal ob sie ihr Geld ehrlich oder unehrlich verdient haben - das interessiert niemanden. Das nennt manKlassenkampf, wo es nur um die Klasse, nicht aber wie du in die Klasse gekommen bist, geht. Du hast Geld, also bist Du ein Arschloch. Frustrieren tut mich nur, dass das gerade die Jungen sind, die leider so primitiv denken und gleichzeitig glauben, dass sie damit unglaublich kritisch und "Gegen den Strom" daher kommen.

    Vielleicht sollten wir uns mal mehr um unsere Sorgen kümmern und endlich einsehen, dass es uns einen Feuchten angeht, wohin Götze wechselt und welches Gehalt er aushandelt. Es ist sein Leben und seine Entscheidung...

  2. weiter Vorschub zu leisten: Fehlende Selbstindentifikation auf grund von fehlender Selbstachtung/Selbstwertschätzung verleitet zu Fremdidentifiaktion und führt alle Emotion auf dieses nunmehr als Objekt wahrgenommene Bild. Ein wirklich trauriger Zustand. Unterstützt werden solche Phänomene von falsch verstandenem Nationalgedöns und flachen Werbeversprechen, denen sich die Fußballer als Werbefläche hingeben. Vermarktungssystem.

    "mit 37 Millionen Euro könnte beispielsweise Berlin einen großen Teil seiner Kita-Probleme lösen. Wer auf diesen Gedanken kommt, muss wütend werden." - während es oben ein persönlches Problem darstellt, ist es hier ein Ausdruck von politischer Wut, die ich mit oben genannten Phänomenen gar nicht in einem Topf geworfen wissen will.
    Fußballer verdienen, gleich Managern, einfach zuviel. Das hat wenig mit Emotionen zu tun, das ist Fakt und volkswirtschaftliche Logik. Der Markt ist nicht frei, sondern korrumpiert und gesteuert.

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    ...dass die traurigen Shitstormer bei Ihrem ersten Satz schon aussteigen.

    ...ja schon wieder zuviel: "...mit 37 Millionen Euro könnte beispielsweise Berlin einen großen Teil seiner Kita-Probleme lösen. "

    ...oder mit dem Geld, das die Geissens allwöchentlich unter dem Jubel des Fernsehpublikums verprassen. Oder mit dem Geld, das man durch Einschalten des Gehirns bei der Planung des Hauptstadtflughafens einsparen könnte. Oder, oder, oder...
    Die Frage ist doch nicht: Muss man die Fußballvereine zwangsenteignen oder teilverstaatlichen, um Geld für Soziales abzuzweigen? Die Frage ist: Warum hat der FC Bayern 37 Mio. übrig, die Stadt Berlin aber nicht? Oder, andersherum gefragt, warum sind offenbar viele bereit, zusätzlich zur GEZ 50 € im Monat für ein Sky-Abo zu bezahlen, aber nicht für die Kita ihrer Kinder?

  3. 3. [...]

    Bitte verzichten Sie auf persönliche Anfeindungen und üben Sie Kritik argumentativ und sachlich. Danke, die Redaktion/fk.

    2 Leserempfehlungen
  4. 4. Hass.

    Ich glaube nicht, dass sich jemand bei Götze über die hohe Summe aufregt. Da sind Artikel wie "Das Ende eine Illusion" treffender, um die Enttäuschung zu verstehen.
    Die Erkärung, dass es jetzt möglich ist, seinem Unmut auf facebook freien Lauf zu lassen, halte ich auch für relevant. Schließlich hatte Götze dort 1.5 Millionen "Fans". Da muss zudem nur eine geringe Promillezahl etwas schreiben, damit sehr viele Nachrichten ankommen.

    Ansonsten wusste doch schon Berti Vogts:
    "Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben."

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    sagte wörtlich: „Hass gehört nicht ins Stadion. Die Leute sollen ihre "Emotionen" zu Hause in den Wohnzimmern mit ihren Frauen ausleben.“

    Das ist bedeutungsschwerer als man auf den ersten Blick glaubt, geht man einmal über den anklingenden Machismo der Steinzeitsozialisation der 60/70 Jahre des letzten Jahrhunderts, der Trennung zwischen Leuten und Frauen, der Einschränkung aufs Wohnzimmer, grosszügig hinweg. ;)

    Liebe und Hass treten gerne paarweise auf. Von der nicht ausgelebten Emotion bis zur Triebabfuhr über das Objekt (Sigmund F. Wien), hier gemeint der präferierte Verein, hinter dessen Fahnen man sich zum Schlachtenbummeln versammelt- ein kurzer Weg, wenn man nahe am Stadion wohnt-noch kürzer.

    Mal schön Ball flach halten und nicht ins leere passen, werte Herren Dobbert und Spiller- gemessen am täglich real existierenden Hass und Horror in z. B. Syrien, sind das hübsche Probleme einer Wohlstandsgesellschaft, die alt römisches Mass längst überschritten haben.

    Mögen sich die Truppen Doaatmunds(?) und Bay´ns im friedlichen Rund Wembleys begegnen- und möge der bessere Gewinnen !

  5. Der Autor liefert hier auch das beste Argument GEGEN Volksentscheide. Manche Dinge sind zwar schnell gefordert aber niemand hat das Wissen bzw. die Zeit dieses sich anzueignen wenn die Materie komplizierter wird: das fängt an beim Euroaustritt (ein Volksentscheid, den AfD fordert), geht über Bundeswehr-Auslandseinsätze bis hin zu den erneuerbaren Energien. Ich bin selbst Volkswirt und gestehe mit manchen Fragestellungen schlichtweg überfordert zu sein. Allerdings hege ich den starken Verdacht, dass es der schreibenden Zunft ähnlich ergeht, sonst wäre z.B. der Skandal bezüglich der LIBOR Manipulation deutlich höher aufgehängt. Mich macht es zum Teil fast fassungslos, wie - auch hier teilweise im Forum - einfachste Lösungen verkauft werden. Nicht alles ist ein Nagel wenn man nur den Hammer kennt.

    Da sucht man sich dann eher einfachere Feindbilder weil hier die Lage vermeintlich einfacher ist. Götze muss dann eben büßen

    16 Leserempfehlungen
  6. Herr Dobbert, warum haben Sie denn nicht einfach Herrn Spiller gefragt, woher der ganze Hass kommt? In seinem Artikel "die hässliche Fratze des FC Bayern" war davon weitaus mehr zu erkennen als in so manchem Kommentar im ZO Forum ...

    Aber anscheinend interessiert die ZO ihr Geschwaetz von gestern in kleinster weise. Schon lustig. Oder traurig.

    via ZEIT ONLINE plus App

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    Fragen oder Kritik zur Moderation können Sie gerne an community@zeit.de richten. Die Kommentarfunktion ist zur Diskussion des Artikelthemas vorgesehen. . Danke, die Redaktion/fk.

    Genau das Gleiche wollte ich auch gerade schreiben. Danke, dass Sie das so auf den Punkt gebracht haben.

    >> In seinem Artikel "die hässliche Fratze des FC Bayern" war davon weitaus mehr zu erkennen als in so manchem Kommentar im ZO Forum ... <<

    ... doch Quark. Als hätte Spiller in dem Artikel dem Hass das Wort geredet oder gar dazu aufgerufen.

    Wenn er - der Hass - aber offenbar und bedauerlicherweise vorhanden ist, wird die Presse das wohl feststellen dürfen, und Erklärungsversuche sind auch erlaubt.

    ...als ich den Namen "Spiller" in der Verfasserzeile lesen musste. Dieser Artikel wirkt nach der Entgleisung über den FC Bayern geradezu schreiend bigott.

    Man stelle sich das vor. Ein Journalist schreibt eine lupenreine, bösartige Polemik über bzw. gegen einen Fußballverein und weint zwei Tage später Krokodilstränen über Stürme aus Scheiße von Fanseite, die er selber mitgeholfen hat anzufachen? Ganz, ganz schwach! Si tacuisses...

    Meinen Sie nicht, 15 Empfehlungen bislang hätten eine Antwort von Ihnen verdient?
    Nehmen Sie Stellung zu einem Kommentar Ihres Kollegen Spiller, der mit "Die hässliche Fratze des FC Bayern" überschrieben ist.

    Und im übrigen glaube ich nicht, dass Sie die Kommentare auf ZEITOnline gelesen haben.

    • Zwen
    • 25. April 2013 0:18 Uhr

    Da wird gestern noch auf Zeit Online durch Herrn Spiller der Hass geschürrt und heute das Unverständnis dargelegt. Der Mitforist hat mit seinem Kommentar vollends recht.

    Entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie bitte direkt an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jp

    Versteh ich nicht. Hab den anderen Artikel zwar nicht gelesen, aber warum kann können nicht in einer Zeitung zwei Meinungen oder Erklärungsversuche auftauchen? Ist ja kein Parteiprogramm.

    Wo ist der Stein des Anstoßes? Kann nicht erkennen, dass sich die zwei Artikel grundsätzlich widersprechen. Kann nur erkennen, dass der Artikel von Herrn Spiller für mich zwar nachvollziehbar ist, ich diese Ansicht abernicht teile. Nicht besonders gelungen finde ich vor allem, dass ohne zitierfähige Basis darauf verwiesen wird, dass die Bekanntgabe des Transfers wohl von den Bayern kam. Darüber kann sich jeder seine Meinung bilden, aber das ist so schon etwas polemisch.
    Außerdem verstehe ich nicht, warum es sich Widerspricht, dass Hoenes die "spanischen Verhältnisse" verhindern möchte, aber Götze zu den Bayern geht. 1. ist doch Dortmund der zweite Top-Verein der "spanischen Verhältnisse". Zweitens muss es doch darum gehen Strukturen zu schaffen, die aneren Vereinen ermöglichen sportlich und wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Es darf doch nicht darum gehen auf Transfers von anderen Vereinen zu verzichten. Dann dürfte der Deutsche Meister inder jeweiligen Saison keine Transfers mehr tätigen, oder wie ist die Logik?

    Jeder der behauptet, der Götze-Transfer wäre rein strategischer Natur und gleichzeitig behauptet Mario Götze ist ein Top-Talen im deutschen Fußball, der wiederspricht sich selbst und sagt damit, dass Götze eigentlich doch kein Top-Talent ist.

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