Alle lieben ihn in diesen Tagen, besonders nach dem Einzug ins Halbfinale der Champions League in Turin, der den Bayern so sicher gelang wie keinem anderen Team in Europa. Er wird gelobt und gepriesen und am Ende, nach diesen ganzen Erfolgen, stellen alle fest: Jupp Heynckes ist der perfekte Bayern-Trainer. Wie macht er das?

Am Samstag in Frankfurt, seine Mannschaft war gerade Deutscher Meister geworden, beantwortete er diese Frage selbst. Er sagte diesen Satz. Er ist ziemlich lang, erklärt aber alles. "Ich denke, dass man das Innenleben des FC Bayern kennen muss, mit dem gesamten Präsidium, mit den ehemaligen großen Fußballern, die dir immer wieder Ratschläge geben und die du dann eben auch reflektieren und in deine Arbeit miteinbeziehen musst." Dann hielt er kurz inne und blickte in die Runde. "Sie können ruhig schmunzeln."

Und alle schmunzelten. Frankfurts Trainer Armin Veh nebendran schmunzelte. Die Journalisten schmunzelten. Bayerns Mediendirektor Markus Hörwick, der seit 1981 im Verein ist und viele Trainer kommen und gehen sah, schmunzelte ganz besonders. Nicht etwa, weil das alles so lustig war, sondern weil es so wahr war. Heynckes meinte: Wer nicht mit Uli Hoeneß kann, kann seine Sachen packen.

Jupp Heynckes kann mit Uli Hoeneß. Und womöglich ist das der Grund, warum das mit Heynckes und dem FC Bayern so gut klappt. Man kann damit diese Rekordsaison erklären, die am Ende mit Meisterschaft-, Pokal- und Champions-League-Sieg die rekordigste des Rekordmeisters werden könnte.

Will man die Beziehung zwischen Heynckes und Hoeneß verstehen, muss man sehr weit zurückschauen. Auf eine gewisse Art ist Heynckes ein Fußball-Nostalgiker. Er wurde am 9. Mai 1945 geboren, einen Tag nach der Kapitulation Hitler-Deutschlands. Er hatte neun Geschwister, sein Vater war Schmied. Heynckes sagte einmal, seine schönste Zeit im Fußball war die Aufstiegssaison mit Mönchengladbach 1965: "Ich hatte einen 160-Mark-Vertrag im Monat. Wir haben zum Spaß gespielt. Das war traumhaft." Wer ihn nach seiner schönsten Meisterschaft fragt, wird immer wieder die Geschichte seiner ersten hören, damals 1971, mit Netzer, Vogts, Weisweiler.

Doch danach fing es an, der Fußball wurde größer und wichtiger. Und spätestens als Trainer merkte man Heynckes an, dass ihn die Aufgeregtheiten der Branche befremden. Sie nannten ihn Osram, wie die Glühbirne, weil er seine Gesichtsfarbe in Phasen der Anspannung nicht unter Kontrolle hatte. Heynckes wirkte spröde, gereizt, dünnhäutig und auch ein wenig schüchtern. Er wollte doch nur trainieren.

Man braucht sich nur die mittlerweile legendäre Sportstudio-Folge vom Mai 1989 anschauen. Da saß dieser arrogante Jungspund namens Christoph Daum und tönte, die Wetterkarte sei interessanter als ein Gespräch mit Heynckes. Der saß Daum gegenüber, mit weißen Socken und weit aufgerissenen Augen und bekam kaum einen Ton heraus. Der Manager seines damaligen Vereins musste ihm furios zur Seite springen: Uli Hoeneß.

Zwischen Heynckes, dem Sensiblen, und Hoeneß, dem Macher, hatte sich eine besondere Beziehung entwickelt. Schon 1972 reckten sie als Spieler zusammen den EM-Pokal in die Lüfte, zwei Jahre später den WM-Pokal. Hoeneß entließ Heynckes zwar 1991 als Bayern-Trainer, bezeichnet das aber heute noch als größte Fehlentscheidung seines Lebens.

Es dauerte fast zwanzig Jahre, bis Hoeneß sich korrigieren konnte. 2009 holte er Heynckes zurück, 2011 gleich noch mal. Beide Male sollte Heynckes mit seiner ruhigen Art die Scherben zusammenkehren, die seine hyperaktiven Vorgänger Jürgen Klinsmann und Louis van Gaal hinterlassen hatten. Mit Klinsmann und van Gaal wollte der Klub die trägen Jahre hinter sich lassen, in denen er zwar regelmäßig Meister wurde, aber so inspirationslosen Ergebnisfußball spielen ließ, dass es für ganz große Taten nie reichen würde. Die beiden Reformer wollten das Ziel auf ihre Art erreichen. Am Ende verloren Hoeneß und die Bayern-Granden die Geduld. Sie hielten es nicht aus, Macht abzugeben, nicht mehr mitreden zu können. Dass irgendwann der Erfolg ausblieb, machte die Sache einfach.

Heynckes schien damals eine leichte, aber kleine Lösung: Solide, aber ein wenig aus der Zeit gefallen. Ein Rückschritt, so hieß es. Heute weiß man: Heynckes ist vielleicht nicht der beste Trainer der Welt, aber der weltbeste Trainer für die Bayern. Weil er eine Eigenschaft mitbringt, die man in diesem großen, bisweilen sehr eigenartigen Verein, vor allem braucht. Er kann moderieren. Nach oben und nach unten.

Ein Trainer des FC Bayern soll verändern, aber bitte nicht zu viel. Er soll wissen, was er will, aber bitte nicht zu genau. Er soll stark sein, aber bitte nicht so stark, dass sich die Münchner Großkopferten nicht mehr als Herren im eigenen Haus fühlen. Wer den FC Bayern umkrempeln will, der verheddert sich. Jupp Heynckes weiß das.