Berlin-Marathon-Chef Milde : "Die Leute werden weiterhin laufen"

Ein Anschlag auf Hobbysportler ist perfide, sagt Mark Milde, Renndirektor des größten deutschen Marathons in Berlin. Für die Zukunft kündigt er stärkere Kontrollen an.
Teilnehmer des Berlin-Marathons 2012 © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Milde, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie die Bilder und Nachrichten aus Boston gesehen haben?

Mark Milde: Ich konnte es nicht fassen, ich bin sehr betroffen. Ich kannte ja viele Leute vor Ort. Vor allem die Spitzenläufer, die ja auch bei uns oft am Start sind, und auch die Organisatoren, wir sind ja alles Kollegen. Denen geht es glücklicherweise allen gut.

ZEIT ONLINE: Könnte so etwas auch beim Berlin-Marathon passieren?

Milde: So etwas kann beim Berlin-Marathon passieren, beim Karneval der Kulturen, Christopher Street Day oder auf dem Flohmarkt. Ich glaube, der Anschlag hat sich nicht gegen den Marathon oder das Laufen an sich gerichtet. Am Montag war Patriot's Day, ein patriotischer Feiertag. Wahrscheinlich wollte da jemand mit größtmöglicher Medienwirkung ein Zeichen setzen, vermute ich.

Mark Milde

Mark Milde ist der Renn-Direktor des Berlin-Marathons. Mit jährlich etwa 40.000 Teilnehmern ist der Hauptstadt-Marathon der größte Deutschlands und einer der größten in der Welt.

ZEIT ONLINE: Ein Marathon-Lauf ist die vielleicht traditionellste Sportveranstaltung. Es geht um große und kleine Träume. Ist so ein Anschlag auf Hobbysportler nicht besonders perfide?

Milde: Perfide trifft es ganz gut. Bei uns, und auch in Boston, kommen so viele Nationen zusammen, feiern ein friedliches Fest und dann passiert so etwas.

ZEIT ONLINE: Werden Sie und ihre Kollegen jetzt die Sicherheitskonzepte der weltweiten Marathon-Rennen neu überdenken?

Milde: Na klar. Wir müssen natürlich erst mal herausfinden, was genau passiert ist. Da jetzt voreilige Schlüsse zu ziehen, ist sicherlich nicht richtig. Aber wir werden der Sache auf den Grund gehen und dann entsprechende Maßnahmen treffen.

ZEIT ONLINE: Wie könnten die aussehen? Eine ganze Strecke von mehr als 42 Kilometern abzusichern, ist sicher schwer. Könnte man zumindest über Eintrittskarten oder Zugangsberechtigungen für den Zielbereich nachdenken, in dem Tribünen stehen und sich viele Menschen aufhalten?

Milde: Das wäre eine Möglichkeit. Sicherlich werden wir an der ein oder anderen Stelle stärker kontrollieren. Aber zu diesem Zeitpunkt können wir noch nicht sagen, welche Konsequenzen das haben wird. Wir wissen von den Kollegen aus London, die jetzt am Wochenende ihren Marathon austragen und die per se hohe Sicherheitsstandards haben, dass die jetzt nochmal schauen werden, ob eine neue Bedrohungslage entstanden ist.

ZEIT ONLINE: Gibt es auch in Berlin Notfall-Szenarien für so einen Anschlag?

Milde: Wir haben ein Sicherheitskonzept, das bei den Behörden liegt. Wir sind vorbereitet. Wir haben 600 Polizisten an der Strecke, 600 medizinische Mitarbeiter, die zu jedem Zeitpunkt auch eingreifen und tätig werden können.

ZEIT ONLINE: Gab es schon einmal Drohungen gegen den Berlin-Marathon?

Milde: Nein. Zumindest wissen wir von keinen.

ZEIT ONLINE: Ist denn so eine Veranstaltung wie der Berlin-Marathon überhaupt sicher zu organisieren?

Milde: Nein, komplette Sicherheit ist nicht darzustellen. Wie bei jeder Veranstaltung im öffentlichen Raum.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Angst, dass dieser Tag die Marathon-Landschaft verändern wird?

Milde: Das Thema Sicherheit wird wichtiger werden, keine Frage. Aber ich vermute, dass weiterhin an jedem Wochenende international 20 bis 30 große Marathon-Läufe stattfinden werden. Das wird sich durch so einen Anschlag nicht ändern. Die Leute werden weiterhin laufen.
 

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Es kann überall passieren

.. das ist wohl die Botschaft, die die Täter überbringen wollen. Wenn etwas Terrorismus ist, dann das.

Es ist eine grauenhafte Vorstellung - es hätte genau so letzten (verkaufsoffenen) Sonntag hier bei uns passieren können. Dann wäre vielleicht mir, oder jemand anders aus meiner Stadt jetzt ein Arm abgerissen. Oder Eltern würden hier am Ort verzweifelt um ihr achtjähriges Kind trauern.

Die Leute, die das tun, wollen, dass wir in der gleichen Angst leben wie viele Menschen in Israel oder im Irak. Sie wollen, dass wir uns angewöhnen, um jeden Papierkorb an der Straße einen möglichst großen Bogen zu machen, dass wir uns zu Hause einigeln, nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße trauen. Sie wollen, dass wir unter einem unbarmherzigen Regime von "Security" leben müssen - wie so viele Menschen in Tel Aviv, Bagdad oder Kabul. Doch wozu soll das dienen?

Wenn diese Leute nur verstehen könnten, dass durch solche Taten ihre Ziele kein bisschen näherrücken. Welcher Achtjährige, überhaupt welcher einzelne dieser Menschen, die rein zufällig Opfer wurden, soll denn an ihrem Elend schuld sein?

@U.Nehls:...solche Taten ihre Ziele kein bisschen näher rücken!

Doch, du musst nur die Ziele richtig sehen!
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Eine friedliche, freie, tolerante, offene, demokratische, pluralistische, sich jederzeit verändern könnende ..... Gesellschaft ist für alle Ideologen, Machthaber, Eliten..... bedrohlich und nicht oder nur schwer aushaltbar. Wer trenn sich den gerne von Macht, Einfluus und Geschäften?
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Je nach "Kampf-, Machtwille und Verblendungshöhe" sind dann fast alle Mittel recht so eine o.a. Gescellschaft zu zerstören, um den EIGENEN Untertanen klar zu machen, das diese "Vorbilder" nichts für sie sind.
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Und dabei spielen sich weltweit die Machteliten aller Gruppen gegenseitig in die Hände. Freiheiten werden nur unter Zwang zugestanden!
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Vergl. dazu alle Staaten die in den letzen 1.000 Jahren auf Grund der "Gefahrenlage" innere oder äußerer Feind immer wieder die mühsam erkämpften Rechte ihre Untertanen beschnitten/ beschneiden wollten.
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Weiß
Sikasuu

Logik

Überall, wo so viele Menschen, dazu noch unterschiedlichster Herkunft und Einstellung, ein friedliches Fest feiern, blutet dem Fanatiker das Herz.
Dabei ist es übrigens völlig egal, ob der Dachschaden religiöser, rassistischer oder nationalistischer Art ist.
Bunte Fröhlichkeit die schlimmstenfalls sogar die eigene Familie anstecken könnte, da können Irrlichter schon einmal zu Bombenlegern werden.
Wir müssen dann Flagge zeigen, auf die Straße gehen, auch mal sinnfrei fröhliche Feste feiern und insbesondere den Innenministern einfach für ein paar Wochen die Mikrofone abstellen.
Sonst verlieren wir.