ZEIT ONLINE: Herr Milde, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie die Bilder und Nachrichten aus Boston gesehen haben?

Mark Milde: Ich konnte es nicht fassen, ich bin sehr betroffen. Ich kannte ja viele Leute vor Ort. Vor allem die Spitzenläufer, die ja auch bei uns oft am Start sind, und auch die Organisatoren, wir sind ja alles Kollegen. Denen geht es glücklicherweise allen gut.

ZEIT ONLINE: Könnte so etwas auch beim Berlin-Marathon passieren?

Milde: So etwas kann beim Berlin-Marathon passieren, beim Karneval der Kulturen, Christopher Street Day oder auf dem Flohmarkt. Ich glaube, der Anschlag hat sich nicht gegen den Marathon oder das Laufen an sich gerichtet. Am Montag war Patriot's Day, ein patriotischer Feiertag. Wahrscheinlich wollte da jemand mit größtmöglicher Medienwirkung ein Zeichen setzen, vermute ich.

ZEIT ONLINE: Ein Marathon-Lauf ist die vielleicht traditionellste Sportveranstaltung. Es geht um große und kleine Träume. Ist so ein Anschlag auf Hobbysportler nicht besonders perfide?

Milde: Perfide trifft es ganz gut. Bei uns, und auch in Boston, kommen so viele Nationen zusammen, feiern ein friedliches Fest und dann passiert so etwas.

ZEIT ONLINE: Werden Sie und ihre Kollegen jetzt die Sicherheitskonzepte der weltweiten Marathon-Rennen neu überdenken?

Milde: Na klar. Wir müssen natürlich erst mal herausfinden, was genau passiert ist. Da jetzt voreilige Schlüsse zu ziehen, ist sicherlich nicht richtig. Aber wir werden der Sache auf den Grund gehen und dann entsprechende Maßnahmen treffen.

ZEIT ONLINE: Wie könnten die aussehen? Eine ganze Strecke von mehr als 42 Kilometern abzusichern, ist sicher schwer. Könnte man zumindest über Eintrittskarten oder Zugangsberechtigungen für den Zielbereich nachdenken, in dem Tribünen stehen und sich viele Menschen aufhalten?

Milde: Das wäre eine Möglichkeit. Sicherlich werden wir an der ein oder anderen Stelle stärker kontrollieren. Aber zu diesem Zeitpunkt können wir noch nicht sagen, welche Konsequenzen das haben wird. Wir wissen von den Kollegen aus London, die jetzt am Wochenende ihren Marathon austragen und die per se hohe Sicherheitsstandards haben, dass die jetzt nochmal schauen werden, ob eine neue Bedrohungslage entstanden ist.

ZEIT ONLINE: Gibt es auch in Berlin Notfall-Szenarien für so einen Anschlag?

Milde: Wir haben ein Sicherheitskonzept, das bei den Behörden liegt. Wir sind vorbereitet. Wir haben 600 Polizisten an der Strecke, 600 medizinische Mitarbeiter, die zu jedem Zeitpunkt auch eingreifen und tätig werden können.

ZEIT ONLINE: Gab es schon einmal Drohungen gegen den Berlin-Marathon?

Milde: Nein. Zumindest wissen wir von keinen.

ZEIT ONLINE: Ist denn so eine Veranstaltung wie der Berlin-Marathon überhaupt sicher zu organisieren?

Milde: Nein, komplette Sicherheit ist nicht darzustellen. Wie bei jeder Veranstaltung im öffentlichen Raum.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Angst, dass dieser Tag die Marathon-Landschaft verändern wird?

Milde: Das Thema Sicherheit wird wichtiger werden, keine Frage. Aber ich vermute, dass weiterhin an jedem Wochenende international 20 bis 30 große Marathon-Läufe stattfinden werden. Das wird sich durch so einen Anschlag nicht ändern. Die Leute werden weiterhin laufen.